Terrorismus scheint grundsätzlich nicht deutsch zu sein

Am 7. April ist in Münster ein anscheinend psychisch kranker Mann mit einem Kleintransporter in eine vor einem Café sitzende Menschengruppe gefahren und hat dabei drei Menschen getötet und zahlreichen weitere zum Teil schwer verletzt. Danach erschoss sich der Fahrer selbst mit einer mitgeführten Schusswaffe. Bevor irgendetwas Genaueres zum Täter bekannt war, kam vonseiten der AfD (Beatrix von Storch tat sich mal wieder besonders ekelhaft dabei hervor – treffend kommentiert von Barbara auf ihrer Facebook-Seite) schon die mittlerweile leider übliche Hetze, die davon ausging, dass es einen islamistischen Hintergrund gäbe. Dies stellte sich dann zwar kurz darauf als unzutreffend heraus, aber interessant war dann m. E. vor allem, dass viele Medien schrieben, dass es sich nicht um einen terroristischen Anschlag handele.

Und da finde ich nun schon interessant, wie Terrorismus anscheinend mittlerweile definiert wird in Deutschland, nämlich ausschließlich so, dass da dann ein braunhäutiger muslimischer Mann die ausführende Person sein muss.

Jens R., der Täter von Münster, hatte anscheinend psychische Probleme- und damit passt er doch zunächst mal ziemlich genau in das Personenschema von denjenigen, die in Deutschland in den letzten Jahrzehnten für die allermeisten Terroranschläge verantwortlich waren: deutsche Psychos wie Uwe Mundlos, Uwe Böhnahrdt, Beate Zschäpe, Gundolf Köhler usw. Und Anders Berivik ist nun zwar kein Deutscher, aber wohl definitiv auch jemand mit massiven psychischen Problemen. Aber anscheinend zählen diese Leute nach wie vor nicht so richtig als Terroristen (s. zur Verdrängung des Rechtsterrorismus aus der öffentlichen Wahrnehmung einen hochinteressanten Beitrag von Deutschlandfunk Kultur), genauso wie ja der rechtsextreme Deutsch-Iraner (übrigens auch mit starken psychischen Problemen), der im Sommer 2016 ein Blutbad im Münchner Olympiapark angerichtet hat, immer noch weitgehend als Amokläufer und nicht als Terrorist bezeichnet wird.

Es erschließt sich mir also nicht wirklich, wie man nun, nachdem bekannt ist, dass der Täter Deutscher ist, ausschließt, dass es sich um einen terroristischen Akt gehandelt haben könnte. Zurzeit ist ja nach wie vor (zumindest was ich zum Zeitpunkt, da ich diesen Artikel schreibe, mitbekommen habe) noch überhaupt nicht viel Näheres über Jens R. in Erfahrung gebracht worden. Hat er eventuell Verbindungen ins rechtsextreme Milieu? Welcher Art sind seine psychischen Probleme und könnten diese eventuell durch äußere Reize verstärkt worden sein, was ihn dann zu seiner abscheulichen Tat motiviert hat? Gerade die Willkürlichkeit der Opfer und die Lone-Wolf-Strategie des Täters sind ja nun deutliche Merkmale von Rechtsterrorismus (weshalb ein linksterroristischer Hintergrund mir persönlich eher unwahrscheinlich erscheint, allerdings auch offiziell ausgeschlossen werden sollte).

Bitte nicht falsch verstehen: Es geht mir hier nicht darum, dass unnötige Panik gemacht werden soll, indem ein ausschließlich aus persönlichen Gründen/Dispositionen ausgeführter Amoklauf zum terroristischen Akt hochstilisiert wird. Aber das bedeutet ja nun auch nicht, dass man von vornherein jedes terroristische Motiv erst mal ausschließt, nur weil der Täter nicht eindeutig muslimisch ist. Dass dies aber anscheinend doch in der überwiegenden medialen Öffentlichkeit gemacht wird, zeigt m. E. vor allem, wie weit wir schon gewissen Stereotypen, die vor allem von Rechtspopulisten genutzt und immer wieder auch verbreitete werden, verfallen sind. Und das finde ich dann schon ausgesprochen bedenklich – unabhängig davon, welche genauen Ermittlungsergebnisse zur Motivation von Jens R. nun irgendwann herauskommen werden.

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Karl

Jahrgang 1969, ist nach einem Lehramtsstudium und diversen beruflichen Tätigkeiten seit 2002 freiberuflicher Lektor (Auf den Punkt). Er lebt seit vielen Jahren in Hamburg-St. Pauli. Neben dem Interesse für politische Themen ist er ein absoluter Musikfreak, hört den ganzen Tag Tonträger und treibt sich viel auf Konzerten rum. Außerdem geht er seit vielen Jahren zu den Spielen des FC St. Pauli.

One thought to “Terrorismus scheint grundsätzlich nicht deutsch zu sein”

  1. Das Medienmagazin ZAPP (NDR) hat sich genau diesem Thema sechs Minuten gewidmet und kommt zur gleichen Ansicht: Bei ausländisch anmutendem Namen oder Aussehen wird reflexartig ein terroristischer (also politisch motivierter) Anschlag vermutet. So einfach funktionieren das menschliche Gehirn und seine Beeinflussbarkeit (Meinungsmache) …

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