Soziale Medien – ein Hort der rechten Radikalisierung?

Heute habe ich einen Artikel von Tim Ehlers im Magazin Katapult gelesen, in dem es um eine US-amerikanische Studie geht, in der zwei Psychologinnen den Zusammenhang zwischen Facebook-Nutzung und Zustimmung zu rassistischen Positionen untersucht haben. Die Quintessenz: Vielnutzer des sozialen Netzwerks tendieren dazu, auch rassistischen Standpunkten zuzustimmen, da zum einen die Nutzung von Facebook die Fähigkeit zur Konzentration und das Erinnerungsvermögen negativ beeinflussen würde und zum anderen viele Nutzer vor allem wegen Zugehörigkeit zu anderen dort Zeit verbringen würden, sodass sie weniger kritisch und mehr zustimmend auch an fremdenfeindliche und rechtslastige Beiträge herangingen und diesen sogar zustimmten.

Und dann ist da ja auch immer noch die Sache mit den in letzter Zeit viel besprochenen sogenannten Filterblasen. Hierzu stieß ich dann (sogar auf Facebook) ebenfalls heute auf folgenden Artikel von FAS research:

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Ist es also tatsächlich so, dass die Internetnutzung, insbesondere in sozialen Medien, die Menschen zunehmen radikalisiert, und das auch noch in die eher rechte Richtung? Wenn man sich so den Rechtsruck in unserer Gesellschaft anschaut und sich dann noch vor Augen führt, wie oft rechte Hetzer lautstark auf Facebook nach Zustimmung heischen (und diese auch bekommen), dann ist man zunächst mal geneigt, dem so zuzustimmen.

Allerdings finde ich auch, dass diese Sichtweise dann doch ein bisschen zu einfach ist. Sicher tragen diese Algorithmen zur Blasenbildung bei, doch gibt es ja auch ausgesprochen heterogene Gruppen und Seiten auf Facebook, in denen unterschiedliche Meinungen vorkommen. Zudem finden sich auch alle mögliche progressiven Seiten und Inhalte dort, zum Beispiel die auch hier oft verlinkten NachDenkSeiten, aber auch unterströmt selbst. Ich kann mir kaum vorstellen, dass jemand aufgrund unseres Blogs auf einmal anfängt, rechte Positionen zu vertreten – zumindest hoffe ich, dass eher das Gegenteil der Fall ist.

Und wenn ich mir dann anschaue, was mir persönlich vorgeschlagen wird von Facebook an Seiten, dann hat das wenig mit meiner persönlichen „Blase“ zu tun, denn da finden sich beispielsweise oft genug Seiten aus dem AfD-Umfeld …

Zudem bleibt die Frage, ob diejenigen, die sich in sozialen Medien mit ihresgleichen „Ja, genau!“ brüllend einigeln nun ausgerechnet diejenigen sind, die in der nicht virtuellen Welt offen auf andere Menschen zugehen – oder ob die nicht vielleicht auch dort nur mit Leuten zusammenhocken, die einer ähnlichen Denkweise und Weltsicht anhängen. Meinungsblasen gibt es nämlich nicht nur im virtuellen Raum.

Tja, und dann sind da die US-Amerikaner, die sich so viel übers Netz informieren und nun Trump geil finden (was ja auch das Bild in dem Artikel verdeutlichen soll). Das scheint ja nun die These des Autors zu bestätigen. Doch wie kommt es dann, dass sich der nun überhaupt nicht mit Ressentiments um sich schmeißende Bernie Sandes ausgerechnet bei jungen Menschen, die sich vornehmlich über das Internet informieren, so großer Beliebtheit erfreut und nur mit recht unlauteren Mitteln (und viel Unterstützung der professionellen journalistischen Medien) um die Kandidatur fürs Präsidentenamt gebracht werden konnte? Hier haben sich die Internetinformierer also anscheinend als weitaus weltoffener und progressiverem Denken gegenüber offener gezeigt als diejenigen, die mehr auf die üblichen Medien zugreifen.

Ist also anscheinend alles nicht ganz so einfach …

Insofern sollte man sich also vielleicht eher die Frage stellen, was schwerer wiegt: die Möglichkeit, sein eigenes Weltbild immer wieder zu bestätigen im Internet, oder aber die Möglichkeit, mithilfe des Internets medial präsentierte Meinungen zu hinterfragen. Denn auch früher in Zeiten ohne Internet gab es ja schon solche Blasen im großen Stil: Die Amis waren lieb, der Iwan bös – das hat beispielsweise bis in die 80er-Jahre fast jeder in Deutschland einfach so für bare Münze genommen. Und da lassen sich bestimmt auch noch andere Beispiele finden.

Nun kann man noch weitergehend anführen, dass die sozialen Medien ein Stück weit enpolitisierend wirken, da man nicht mehr wie in einer Tageszeitung oder im Radio/Fernsehen mit Meinungen konfrontiert wurde, die von der eigenen abweichen. Online besteht halt eher die Möglichkeit, sich häppchenweise nur Inhalte rauszusuchen, die auch das eigene Weltbild bestätigen.

Eine Entpolitisierung hat allerdings auch auch in anderen Medien in den letzten Jahrzehnten stattgefunden hat, darüber hat Albrecht Müller mal einiges in seinem Buch „Meinungsmache“ geschrieben: Politische Magazine im Fernsehen beispielsweise wurden gekürzt, auf spätere Sendetermine gelegt oder ganz eingestellt, stattdessen gibt es vermehrt Krawall-Talkshows, in denen wenig Inhalte, aber viel Streitereien vermittelt werden, und Formate wie Dschungelcamp und Castingshows, welche die Menschen vor den Fernseher ziehen. Auch die immer größere mediale Präsenz (und damit einhergehend auch eingeräumte Wichtigkeit) von Sport-Events geht zulasten von politischer Information, da für diese dann einfach weder beim Sender noch beim Zuschauer Kapazitäten vorhanden sind. Es handelt sich hierbei also keineswegs um ein Phänomen, das nur durch die Internetnutzung hervorgerufen wird.

Ähnlich verhält es sich mit der verkürzten, selektiven Wahrnehmung: Diese wird natürlich durch Onlinemagazine und entsprechende Ausgabemedien befördert: Gerade kleine Smartphone-Displays verführen dazu, nur die  Überschrift und den Anrisstext zu lesen – und das war’s dann. Dieses Verhalten kann man ja auch auf Facebook oft beobachten, und es gibt ja auch schon entlarvende Artikel, die extra so gestaltet werden, dass in der Überschrift etwas ganz anderes steht als im Text – nur damit man anhand der Reaktionen anderer User dann sehen kann, wer mal wieder nur die Überschrift gelesen hat und sich daraufhin dann (in dem Fall natürlich intendiert unqualifiziert) äußert.

Doch auch dies ist ein schon länger bekanntes Vorgehen im Printjournalismus. Da wird eine Überschrift rausgehauen, und im Text wird das darin Gesagte dann komplett relativiert, was aber nicht so viel ausmacht, wenn die Überschrift die Message transportieren soll – denn die kommt vor allem bei vielen an. Journalisten wissen um die Tendenz des Menschen, oftmals nur die Überschrift zu lesen, und wenden diese Technik dann entsprechend an.

Natürlich verstärkt das Internet diese geschilderten Tendenzen, aber das geht eben m. E. in beide Richtungen: Man kann sich einfacher schön nur auf verkürzte Parolen zurückziehen und die auch en masse geliefert bekommen, man kann sich allerdings auch selbst umfassender informieren als früher, als man nur von Zeitungen und Nachrichtensendungen Vorselektiertes erhalten hat.

Was dann letztlich aus den Möglichkeiten des Internets gemacht wird, ist die Sache jedes Einzelnen – wobei die Medienkompetenz natürlich dafür sehr wichtig ist, und diese dürfte leider kaum gewachsen sein in den letzten Jahren. Zumindest in Schulen ist dafür schon lange kein Platz mehr, da dort ja vor allem gut funktionieren Humanressourcen herangezogen werden sollen, und dabei wäre m. E. ein eigenes Schulfach Medienkompetenz ausgesprochen wichtig. So liegt es also an uns selbst, Menschen in unserem Umfeld und natürlich auch Kindern entsprechendes Wissen für den Umgang mit unterschiedlichen Medien zu vermitteln. Dann sollte es auch mit Facebook und Co. klappen, ohne dort gleich in Richtung rechter Radikalisierung abzudriften.

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Karl

Jahrgang 1969, ist nach einem Lehramtsstudium und diversen beruflichen Tätigkeiten seit 2002 freiberuflicher Lektor (Auf den Punkt). Er lebt seit vielen Jahren in Hamburg-St. Pauli. Neben dem Interesse für politische Themen ist er ein absoluter Musikfreak, hört den ganzen Tag Tonträger und treibt sich viel auf Konzerten rum. Außerdem geht er seit vielen Jahren zu den Spielen des FC St. Pauli.

2 thoughts to “Soziale Medien – ein Hort der rechten Radikalisierung?”

  1. Gerade fiel mir ein Artikel ein, den ich vor etwa zwei Jahren hier auf unterströmt geschrieben ein und in dem es um die zunehmende Verrohung der Menschen in unserem Land geht. Es lohnt sich, das noch mal zu lesen, denn daran sieht man, dass das hier nun anhand der sozialen Medien beschriebene Verhalten auch ganz gut ohne deren Vorhandensein erklärt und durchaus auf andere Phänomen zurückgeführt werden kann.

    Es stellt sich also die Frage, ob das auf Facebook und Co. beobachtete Verhalten nicht eventuell nur Ausdruck eines verrohten Zeitgeistes ist, der so zwar ein Stück weit befeuert wird, aber eben andere Ursachen aufweist. Oder: Wird hier eventuell ein Symptom zur Ursache hochstilisiert, da es eben einfacher zu greifen und anschaulicher darzustellen ist als die komplexeren gesellschaftlichen Entwicklungen, die eigentlich hinter dem rüden Umgangston in sozialen Medien und der sichtbaren politischen Radikalisierung gerade auch nach rechts stehen?

  2. Wer noch ein bisschen tiefer in diese Materie einsteigen möchte, dem empfehle ich einen Artikel von Sascha Lobo in den Blättern für deutsche und internationale Politik. Lobo beschreibt, wie soziale Medien als Verstärker für vorhandenes rechtes Gedankengut dienen, und liefert so eine ausführliche Analyse des derzeitigen Status quo. Am Schluss appelliert er auch daran, den Rechten nicht die Hoheit im Netz zu überlassen, sondern sich genau dort auch dagegen zu positionieren und andere Wege und politische Lösungen aufzuzeigen.

    Das ist zwar „leider“ ein Bezahlartikel, aber die 3 Euro kann man wahrlich schlechter investieren … ;o)

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