Für eine Aufklärung 2.0

Nie würde ich mir anmaßen, Kant zu kritisieren oder seine Aussagen zur Vernunft und zu anderen wichtigen Sachverhalten auch nur in Zweifel zu ziehen. Im Gegenteil, ist er auch für mich eine Quelle der Weisheit.

Ein Gastbeitrag von Heinz Peglau

Was mich jedoch stört, ja geradezu ärgert, dass ist seine derzeitige Überhöhung durch seine Jünger(innen). Diese in ihrer Argumentation auf die kantsche Logik fixierten Denker(innen) tun nämlich so, als ob nach Kant nichts geschehen wäre, als ob alles mit Vernunft zu erklären wäre. Und dem widerspreche nicht nur ich, sondern dem widerspricht die tägliche Wirklichkeit. Nichts ist so gekommen, wie es die kantsche Logik uns eigentlich gebieten würde.

Das heißt zwar nicht, dass sie falsch ist, dass ich hier oder sonstwo auch nur die Spur einer Kritk an ihr hätte, aber für mich heißt das, dass es da mehr geben muss als diese Logik, als den durch Logik normierten Mensch, wenn es darum geht, Gesellschaft neu zu gestalten.

Im Gegenteil behaupte ich sogar, dass es gerade diese Normierung des Menschen als rein logisches, vernünftiges Wesen, die nur darauf ausgerichtete Kritik am immer noch unvollkommenen Menschen, immer weniger hilfreich ist im Handeln und Denken, sich eher derzeit als Hemmschuh für beides erweist.

Der so normierte Mensch, den es nicht einmal in seiner Reinform gibt, ignoriert nämlich die, die aus der Norm fallen, die an den Rändern der Norm aber durchaus einflussreich handeln können. Der diesen normierten Menschen im Denken und Handeln voraussetzende Mensch ignoriert damit die Wirklichkeit und kann nur an dieser Wirklichkeit am Ende vorbei handeln, ist quasi dazu verdammt.

Es wird Zeit für eine Aufklärung 2.0, die sich der Erkenntnisse der Wissenschaften bedient, die weder Kant noch Spinozza oder andere Aufklärer dieser Zeit zur Verfügung hatten, wir jedoch schon. Freud, Jung, Darwin, Lorenz, nur als Beispiele erwähnt, haben weder Kant noch Spinoza oder Descartes und Voltaire kennenlernen dürfen. Die ewigen Wahrheiten ziehe ich deshalb in Zweifel, die nicht Kant behauptet hat, die aber von deren Jüngern mir allzu oft suggeriert werden.

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