Im Zweifel für den Eigentümer

Der Kapitalismus der Moderne hat aus dem Menschen, der arbeitet, um zu leben, den Menschen gemacht, der lebt, um arbeiten zu müssen. Bedient hat er sich dazu einerseits des technischen Fortschritts und andererseits, wie Max Weber eindrücklich dargestellt hat, der protestantischen Ethik. Und beides wurde in den Dienst nur eines kleinen, aber hier übermächtigen Artikels der Menschenrechte gestellt: des Eigentums.

Ein Gastartikel von Heinz Peglau

Die neu entstandene Klasse ist deshalb – einen längeren Zeithorizont angewendet – nicht die der Kapitalisten, wie Marx behauptete – die war nur eine des Übergangs, verliert zunehmend an Bedeutung -, sondern die der Eigentümer. Und das hat Folgen, hat vor allem eine Folge: im Zweifel immer für die Eigentümer, dem Wert ihres Eigentums entsprechend.

Die neue Spaltung geht heute entlang des Eigentums, auch innerhalb des Eigentums.

Eigentum ist zwar nicht per se schlecht, erst die Macht, die es ausüben kann, macht es zu dem, was es heute geworden ist: das einzige übermächtige Menschenrecht, dem sich alle anderen Menschenrechte unterzuordnen haben, deren Erwähnung in der Charta der Menschenrechte wohlfeil wird, weil sie in Abwägung immer dem Eigentum weichen müssen.

Dieser neue, moderne Kapitalismus nimmt dadurch immer feudalere Züge an, hat einen neuen Adel geschaffen: den Geldadel. Und nicht genug, dass dieser Geldadel in Saus und Braus leben kann, während andere dafür darben müssen, er hat auch längst die politische Macht an sich gerissen, lädt zum Tee, zu Festen, auf Jachten oder nur zu einem kleinen informellen Treffen am Rande eines Geburtstages. Alles das ist geschehen, nur zu schnell vergessen. Alles das geschieht täglich, nur wir wollen es nicht sehen. Warum? Weil auch unser bisschen Eigentum in Gefahr geraten könnte, so meinen wir, würden wir es wirklich angehen und ändern. Weil wir es längst akzeptiert haben, auch aus der Erkenntnis unserer eigenen Hilflosigkeit heraus, der ständigen Indoktrination der angeblich übermächtigen Märkte geschuldet, der eigenen Selbstoptimierung zur eigenen Wettbewerbsfähigkeit geschuldet, denn Wettbewerb ist das Mantra einer solchen Gesellschaft.

So und nur so ist für mich zu erklären, warum ein wenig mehr als die Hälfte der Bevölkerung zulässt, das die anderen weiter gegängelt werden, sogar beleidigt werden, weil man ihnen ständig mangelnde Bildung vorwirft – zu Unrecht, wie ich meine – und sie ihrer Freiheiten beraubt. Nur so ist es für mich erklärbar, dass es ständig Vorschläge gibt, „den Armen“ helfen zu wollen, aber diese Vorschläge am Ende immer nur dem Erhalt dieser Art des modernen Kapitalismus dienen, auch dann, wenn Gegenteiliges behauptet wird. Nur so erklärt sich für mich, das Willkommenskultur zur Unwillkommenskultur werden konnte, dass wir immer noch auf Kosten der Zweiten und Dritten Welt leben, es beklagen, aber nicht ändern.

An das Eigentum traut sich niemand heran, dessen Wirkung wird weiter verdrängt oder sogar als ökonomische Notwendigkeit, einem Naturgesetz gleich, angesehen und vom Geldadel unterstützt, den Menschen mit auf den Weg gegeben, längst in den Schulen, bald wohl auch im Kindergarten, vielleicht auch bald in den Krippen, denn davon, Chancengleichheit dort herstellen zu müssen, spricht man ja schon lange.

Mich erinnert deshalb dies alles nicht so sehr an die Moderne, sondern an die Renaissance, die Zeit, die uns diese protestantische Ethik des Arbeitenmüssens im Sinne der Gottgefälligkeit, aber auch die Gier nach Reichtum und Macht erneut beschert hatte und in vielem Blaupause für den Manchester-Kapitalismus in meinen Augen war und heute wieder geworden ist.

Mich wundert die merkantilistische Politik unserer Tage überhaupt nicht mehr, die Sucht nach immer mehr, das Verharren der Politik in der Neoklassik der Ökonomie, die allein noch darauf beruhenden Vorschläge zur gesellschaftlichen Gestaltung.

Mich wundert der Weg der Menschheit auf den Abgrund hin, die Ignoranz der tatsächlichen Notwendigkeiten angesichts von Kriegen, Flucht, Vertreibung, Klimawandel nicht mehr. Im Gegenteil ist dieser Weg konsequent in meinen Augen. Denn alles muss dem Eigentum heutzutage dienen, dem großen wie dem kleinen. Es ist Selbstzweck geworden. Es hat einen neuen Menschentypus geschaffen: den Eigentümer.

Wir sollten diesem neuen Menschentyp mehr Aufmerksamkeit widmen, ihn ins Zentrum unserer Aufmerksamkeit rücken.

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