Augen zu oder Ohren auf – mehr EIGENE Meinung

Wir „Informierten“ machen es uns auch im Elfenbeinturm viel zu gemütlich. Damit meine ich in erster Linie mich und im gleichen Atemzug Dich. Ja, genau Dich! Wer würde nicht über sich sagen, dass er tolerant, kritikfähig, objektiv und meistens fair ist? Und wer würde im Gegenzug behaupten, dass seine Meinung einseitig, lückenhaft, unausgereift oder absolut subjektiv ist? Aber genau das ist und bleibt unsere Meinung, und zwar bis ins Knochenmark. Das ist der Grund, warum es „MEINung“ heißt (es ist „mein“, sonst hieße es „Allgemeinung“, was allerdings eher mit „Abstraktion“ zu übersetzen wäre … am Ende auch nur Worte, die man wieder verdrehen, umdeuten und missbrauchen kann).

Es gibt praktisch nichts nicht aus dem Zusammenhang Gerissenes, es sei denn, Du warst von Anfang an dabei und hast es aus erster Hand „erlebt“. Das trifft auf fast gar nichts zu, außer Deinem eigenen Leben (wo ich nun mal großzügig die Schlaf- und Ohnmachtsphasen rausgerechnet habe), über das Du selbst zwar die umfänglichste, aber auch die subjektivste aller Ansichten hast. Wenn Du und ich also eine Meinung äußern, dann beruht diese nicht auf objektiver Einschätzung oder Erfahrung (sofern es „objektiv“ überhaupt gibt). Und was mir dazu auffällt: Je mehr ich meine Meinung auf das Gesagte anderer Personen stütze, desto radikaler und festgefahrener scheint diese zu sein (weshalb ich facebook mittlerweile für eine der absoluten Volkskrankheiten halte, der Bild-Zeitung in Bezug auf die Meinungsbildung gleichzusetzen). Das zeigt sich z. B. anhand der Angst der Ostdeutschen vor den Flüchtlingen (siehe Bundestagswahl 2017), die selbst mit Zuwanderern jedoch die geringsten „persönlichen“ Erfahrungen haben. Oder die Angst aller Deutschen vor Terror, wobei VW hierzulande ein Vielfaches an Menschen auf dem Gewissen haben dürfte.

Konkret bedeutet das z. B. bei mir: Wenn ich höre, dass wir nicht alle Flüchtlinge aufnehmen dürfen oder Flüchtlinge hierzulande Frauen sexuell bedrängt haben, dann komme ich reflexartig mit Gegenargumenten (und verschließe mich weiteren Gegenargumenten im Keim, obgleich beide Aussagen nicht von der Hand zu weisen sind). Dinge, die ich nicht wahrhaben möchte, werden bei mir scheinbar ähnlich schnell ausgeblendet wie bei den Wutbürgern oder wie auch immer man diese schreienden, faktenresistenten und daher leicht zu stigmatisierenden Menschen nennt. Anders herum juble ich einem Rayk Anders zu und blende seine offensichtliche Linksausrichtung weitestgehend aus (denn die Videos gegen seinen Blog haben auch hörbare Argumente).

Was bedeutet das in der sogenannten Realität für mich? In erster Linie, dass die Argumente anderer, für mich richtig oder falsch, für mein Gegenüber die gleiche Gültigkeit haben wie meine eigenen Argumente für mich (nehme ich die Argumente des Gegenübers nicht ernst, sollte ich es mit meinen gleich tun). Dann werde ich selbst stärker versuchen, meine Meinung auf Grundlage von eigenen, persönlichen Erfahrungen zu machen und umgekehrt versuchen, das vorzuleben, was ich gern als Weltbild etablieren möchte (und damit als Meinung anderer über die Welt). Wie gern grenze ich Dinge/Argumente/Menschen aus, weil mir ein Teilaspekt nicht zusagt, lasse aber andere Dinge/Argumente/Menschen zu, obgleich auch dort Teilaspekte mir nicht zusagen?! Die AfD wegen des rechten Gedankengutes einiger Abgeordneter diskreditieren, aber die Linke trotz der terroristischen Vergangenheit einiger Abgeordneter akzeptieren? Wenn es in das eigene Weltbild passt, dann langt das für die meisten von uns als Argument. Leider.

In diesem Blog hat von meiner Seite aus der Mainstream zu viel Einzug gehalten (z. B. in Form von Verlinkung auf etablierte Medien und Blogs), und Meinung ist von meiner Seite zu kurz gekommen (dem Untertitel dieser Seite zuwider). Deshalb: Fundiert oder erdacht, akzeptiert oder verabscheut, schlüssig oder sich widersprechend … dieser Text ist geschrieben und veröffentlicht. Es ist meine derzeitige Meinung.

Zum Abschluss noch die für mich einzige persönliche Aussicht auf mehr als Reflexion und Reaktion: Achtsamkeit. An jeder Stelle, wo ich Fakten übergehe, Dinge „hasse“ oder nicht wahrhaben möchte, da sollte ich näher hinsehen. An jeder Stelle, an der ich „vollkommen überzeugt“ oder „absolut sicher“ bin, da sollte ich näher hinsehen. Und an dem Punkt, wo mir das Zuhören richtig schwerfällt, sollte ich aufhören, schon meine Gegenargumente zurechtzulegen, und genauer zuhören. Und wenn ich fertig zugehört habe, dann ist die Stunde der EIGENEN Meinung gekommen …

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