Jean-Christophe Rufin: Globalia

In Frankreich war der dystopische Roman „Globalia“ von Jean-Christophe Rufin aus dem Jahr 2004 ein ziemlicher Bestseller, hier in Deutschland ist dieses großartige Buch allerdings anscheinend recht wenig bekannt – zumindest wusste niemand, dem ich bisher davon erzählt habe, etwas damit anzufangen. Das sollte sich aber besser ein wenig ändern, denn obwohl „Globalia“ schon 13 Jahre auf dem Buckel hat, ist es doch von der Thematik her ausgesprochen aktuell.

Zum Inhalt: Globalia ist eine für seine Einwohner scheinbar perfekte Welt. Die Menschen leben unter großen Glaskuppeln, sodass immer schönes Wetter herrscht. Es gibt dort keine Kriege, das Altern wurde erfolgreich besiegt, genauso wie Krankheiten nicht mehr existieren, nur ab und zu erschüttert ein Anschlag von Terroristen aus den sogenannten Non-Zonen, also allen Gebieten, die außerhalb der Globalia-Kuppeln liegen, den sorglosen Alltag der Bürger. Es herrscht Demokratie, die jedoch kaum noch mit Interesse wahrgenommen wird, und dafür, dass die Freiheit in geregelten Bahnen verläuft, sorgt der Gesellschaftsschutz, eine Art Geheimpolizei.

Der junge Baikal hat dennoch von dieser sauberen und vorgeblich perfekten Welt die Nase voll, setzt sich zusammen mit seiner Freundin während einer Trekkingtour ab und flieht auf die andere Seite der Glaskuppel. Zwar werden die beiden recht schnell wieder eingeholt und zurückgebracht, aber eine graue Eminenz von Globalia erkennt in Baikal jemanden, den er für seine eigenen Interessen einsetzen und gebrauchen könnte. Mehr soll jetzt hier zur Story auch noch gar nicht verraten werden, nur so viel: Es wird danach sehr spannend, und die Geschichte nimmt einige recht unvorhersehbare Wendungen.

Was mich vor allem neben der eigentlichen Handlung an Globalia beeindruckt hat, ist, wie hier schon vor mehr als einem Jahrzehnt eine Entwicklung unserer Welt als Fiktion aufgezeigt wurde, die bereits heute in Teilen immer mehr der Realität entspricht. Wir sind mittlerweile dichter an Globalia dran, als es auf den ersten Blick erscheint (oder vielen lieb sein dürfte).

Als Beispiel seien die Multifone genannt: Telefone, die schon sehr an die heutigen Smartphones erinnern, was ja im Jahr 2004 noch nicht unbedingt so absehbar war. Die Globalier machen quasi alles Mögliche über ihre Multifone, und wenn dann jemandem aus Sanktionsgründen nur noch eingeschränkte Multifon-Funktionalität bereitgestellt wird, dann ist dieser Mensch ziemlich isoliert, kann sich nicht mehr informieren, kann keine Dinge mehr bezahlen, kann keinen Kontakt mit Freunden aufnehmen usw. Wenn man sich die Smartphone-Fixiertheit vieler Menschen heute anschaut, dann scheint diese Fiktion von Rufin nicht allzu weit hergeholt zu sein.

Und dann ist da auch die generelle Konstruktion von Globalias Öffentlichkeit, die wie permanente PR und Werbung wirkt. Fast jeden Tag gibt es einen „Tag des/der …“ (eine weitere Parallele zu unserer jetzigen Zeit, in der wir ja auch schon via sozialen Medien dauernd dran erinnert werden, dass gerade der Tag des Kindes, Tag des Hundes, Tag des Biers, Tag des Was-weiß-ich-noch-alles ist), die meisten Menschen sind reichlich entpolitisiert, sodass die nach wie vor häufig durchgeführten Wahlen nur mit geringster Beteiligung ablaufen, und alles Mögliche wird zum Event aufgeblasen, über das omnipräsente Medien in Dauerschleife berichten.

Dazu kommt natürlich auch die Struktur der Welt in Globalia: Reiche Menschen wohnen in relativ gutem Wohlstand abgeschottet vom Rest der Welt, eben den Non-Zonen, in denen weder die Segnungen der Wissenschaft noch der Wohlstand ankommen, die unter den Glaskuppeln alltäglich sind. Der Vergleich sowohl mit den Reichen-Gettos, die in zahlreichen Städten vor allem in Drittwelt- und Schwellenländern mittlerweile etabliert sind, als auch mit dem Wohlstandsgefälle von der nördlichen zur südlichen Halbkugel ist wohl vom Autor durchaus beabsichtigt.

Das ist auch des Spannende an dem Roman: Eine an sich schon fesselnde Story wird in einer dystopischen Welt präsentiert, der wir uns heute bereits in allzu großen Schritten nähern. Wenn wir selbst also keine Lust haben, irgendwann in einem System wie Globalia aufzuwachen, dann sollten wir uns jetzt schon mal überlegen, was wir machen können, damit es nicht so weit kommt.

Leider gibt es das Buch nicht mehr im „normalen“ Buchhandel, sondern nur noch gebraucht, aber bei eBay und anderen Secondhand-Anbietern finden sich einige Angebote für ein paar Euro.

Druckansicht

Karl

Jahrgang 1969, ist nach einem Lehramtsstudium und diversen beruflichen Tätigkeiten seit 2002 freiberuflicher Lektor (Auf den Punkt). Er lebt seit vielen Jahren in Hamburg-St. Pauli. Neben dem Interesse für politische Themen ist er ein absoluter Musikfreak, hört den ganzen Tag Tonträger und treibt sich viel auf Konzerten rum. Außerdem geht er seit vielen Jahren zu den Spielen des FC St. Pauli.

Schreibe einen Kommentar