Handelsblatt Orange: neoliberale Indoktrinierung des Nachwuchses

Das Handelsblatt hat seit einiger Zeit, wie so viele andere Zeitschriften und Zeitungen, ein eigenes Jugendmagazin, um auch jüngere Menschen ansprechen zu können: Orange by Handelsblatt. Das Ganze ist deutlich peppiger als die Mutterzeitschrift bzw. deren Webpräsenz aufgemacht, kommt mit großen Bildern und eher im Blog-Style daher. Das ist so weit ja auch alles gut und schön, allerdings fand sich dort vor einigen Wochen ein Artikel, der mir doch reichlich sauer aufgestoßen ist.

In ihrem Beitrag „Warum ich den Bio-Boom schwachsinnig finde“ erklärt uns Lena Bujak, warum sie auf Menschen herabschaut, die Biolebensmittel kaufen. Schließlich hat Bujak den genauen Plan, warum es Unsinn ist, Biolebensmittel zu kaufen, ihre Argumentation ist dabei allerdings reichlich hanebüchen.

Zunächst mal findet sie es unsinnig, wenn Menschen einerseits Bioprodukte kaufen, aber andererseits von weither importierte Trendprodukte wie Quinoa und Chia-Samen. Daraus konstruiert sie dann den Gegensatz, dass es ja viel sinnvoller sei, regionale Produkte zu kaufen als Biosachen.

Auf die Idee, dass es auch Menschen gibt, die regionale Biolebensmittel kaufen, kommt Bujak anscheinend nicht.

Dann kommt sie zum zentralen Punkt ihrer Argumentation:

Wer dennoch Angst vor Pflanzenschutzmitteln auf seinem Obst hat, sollte einfach Mamas guten Rat befolgen: „Wasch‘ den Apfel vorher gut ab, bevor du reinbeißt!“ Mehr Vitamine als ein herkömmlicher Apfel hat ein Bio-Apfel jedenfalls nicht.

Aha, darum geht es also bei Biolandwirtschaft. Ob das besser für die Umwelt ist – egal. Ob dadurch Tierleid verhindert wird – pfft, voll wurscht. Hauptsache ist doch, was das Ganze einem selbst bringt. Und da steht nun mal fest: Ein Bioapfel ist für mich gar nicht gesünder als einer aus konventioneller Landwirtschaft.

Und dann folgt am Ende noch der unschlagbare Beweis dafür:

Unsere Großeltern haben auch mit deftiger Hausmannskost das beträchtliche Alter geknackt bevor 2001 das Bio-Siegel in Deutschland eingeführt wurde.

Auf die Idee, dass frühere Generationen sehr wohl überwiegend Biolebensmittel gegessen haben, die nur nicht als solche gekennzeichnet waren, da es noch keine oder deutlich weniger industrialisierte Landwirtschaft gab, kommt Bujak anscheinend nicht. Nur wo ein Bio-Aufkleber drauf ist, kann in Bujaks kleiner Welt auch Bio sein. Und wenn es das Bio-Siegel erst seit 2001 gibt, dann kann es vorher ja auch keine ökologische Landwirtschaft gegeben haben. Au weia …

Mal von dieser wirklich absurden Logik abgesehen, fällt an dem Artikel vor allem eins auf: Es geht bei der Beurteilung von Vor- und Nachteilen biologischer Landwirtschaft ausschließlich um einen selbst, um die eigenen egoistischen Motive. Ich, ich und noch mal ich. Das ist natürlich neoliberale Denke in Reinkultur, die hier einem jungen Publikum vermittelt, um nicht zu sagen indoktriniert wird.

Passend dazu stieß ich etwas zur gleichen Zeit auf einen Beitrag auf Deutschlandfunk Kultur, der sich mit einem gerade aktuellen Phänomen im Deutsch-Pop beschäftigt und dies anhand von den drei Sängerinnen Julia Engelmann, Lotte und Alina verdeutlicht und der passend mit „Glückskeks-Weisheiten aus dem Paralleluniversum“ betitelt ist.

Die drei jungen Damen liefern nämlich genau die passende Musik für Menschen, die auf Artikel wie die von Lena Bujak stehen: kein kritischer Inhalt, es geht nur um die eigene Befindlichkeit, und die größte Katastrophe im Leben ist es, wenn eine Beziehung mal in die Brüche geht. Klar, das gab’s schon immer, aber dafür war vor einiger Zeit dann doch vor allem das Schlagergenre zuständig, dass vorwiegend von älteren Semestern gehört wurde. Rock- und Popmusik hatten zumindest meistens eine etwas rebellische Attitüde, die sich auch in gesellschaftlichen oder politischen Texten ausdrückte. Davon sind Engelmann, Lotte und Alina allerdings reichlich weit entfernt.

Als wenn es nun nicht schon schlimm genug wäre, dass sich junge Menschen, die ständig solchem (auf sie zugeschnittenen) medialen Input ausgesetzt sind, auch nur schwerlich zu kritischen und mündigen Bürgern entwickeln dürften, sondern eher zu neoliberalen um sich selbst kreisenden Konsumrobotern mit generellem Hang zum Desinteresse, so ist diese Ego-Fixiertheit vor allem auch die Grundlage für rechtes Denken: ich, meine Nation, mein Volk gegen alles andere. Verantwortung fürs eigene Handeln soll dabei nicht übernommen werden (auch ein Merkmal von rechten Parteien und deren Anhänger, zum Beispiel erkennbar am dort verbreiteten Leugnen der menschlichen Ursachen für den Klimawandel), man richtet sich ein im eigenen Biedermeier, wo es einem (noch) gut geht.

Ganz aktuell wird diese Vermutung von einer Studie von Harvard-Professor Yascha Mounk und dem Politikwissenschaftler der Universität Melbourne Roberto Stefan Foa (über die ein Artikel in der Zeit berichtet) gestützt. Darin konnte nachgewiesen werden, dass bei jüngeren Menschen (den sogenannten Millenials) antidemokratische Einstellungen weiter verbreitet sind als bei Älteren: Sie finde in größere Anzahl Wahlen unwichtig, und auch Bürgerrechte werden als nicht notwendig erachtet. Zwar würde vor allem ältere Menschen autokratisch agierende Politiker wie US-Präsident Donald Trump wählen, aber deren Erfolg basiert eben auch darauf, dass viele junge Wähler der Wahl fernbleiben, da sie sich nicht für politische Zusammenhänge interessieren.

So wird deutlich, wie Neoliberalismus und Rechtsextremismus Hand in Hand gehen – und die Jugendlichen werden dank Handelsblatt Orange schon gut darauf vorbereitet, sich solchem chauvinistischen, egozentrischen und verantwortungslosen Denken zu öffnen.

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Karl

Jahrgang 1969, ist nach einem Lehramtsstudium und diversen beruflichen Tätigkeiten seit 2002 freiberuflicher Lektor (Auf den Punkt). Er lebt seit vielen Jahren in Hamburg-St. Pauli. Neben dem Interesse für politische Themen ist er ein absoluter Musikfreak, hört den ganzen Tag Tonträger und treibt sich viel auf Konzerten rum. Außerdem geht er seit vielen Jahren zu den Spielen des FC St. Pauli.

2 thoughts to “Handelsblatt Orange: neoliberale Indoktrinierung des Nachwuchses”

  1. Da könnt ich auch gleich mitkotzen, erinnert an die POST AG mit ihrer „-ich“ Kampagne. Eine andere Perspektive über die Werte, die unser Konsum widerspiegelt, findet sich in Form eines fast siebenminütigen Berichts aktuell bei der Kulturzeit. Ich kann es gar nicht oft genug sagen: Jede Konsumentscheidung ist die Wählerstimme an die Konzerne und unsere Umwelt. Und jeder Nichtkonsum ist immer die ökologisch korrekteste Form. ;)

  2. Zwar schon vom Mai 2017, aber ich hab das gerade erst entdeckt – ein Interview mit einem Lobbyisten-Jungspund in Orange by Handelsblatt, bei dem einem schon ein bisschen übel werden kann.

    Da plaudert der Daniel (Name geändert, weil Burschi nicht erkannt werden möchte) darüber, dass Lobbyisten ja gar nichts Schlimmes sind, sondern nur Experten, die Politiker, die sich ja ohnehin nicht ernsthaft beeinflussen lassen, lediglich beraten. Ja, nee, ist klar …

    Und das bekommen dann die Kids von heute vorgesetzt. Irgendwie kein Wunder, dass die dann nicht gerade besonders kritisch werden, oder?

    Neoliberale Indoktrination der dreistesten Art, wie ich finde!

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