Meckern statt zustimmen

Vorletzte Woche habe ich anhand eines Bildes auf der Facebook-Seite Mensch und Politik heute eine interessante Entdeckung gemacht bezüglich der User-Resonanz, sodass ich mir die Frage stellte, ob dieses Phänomen eventuell exemplarisch und auch ursächlich für die allerorten beklagte Verrohung des öffentlichen Diskurses gesehen werden kann. Ein paar Gedanken dazu …

Zunächst mal der Beitrag, um den es geht:

Für alle, die mit Facebook nicht so vertraut sind: Man hat nun zwei Möglichkeiten, auf so ein Posting zu reagieren, nämlich indem man ein Like (oder ein Herz oder einen von vier Smileys – Staunen, Weinen, Wut, Lachen) anklickt oder aber sich in Form einer Antwort äußert. Und da sind nun die Reaktionen bei diesem Bild reichlich auseinandergegangen: Auf der einen Seite gab es über 550 Likes, gut 40 Wut-Smileys (wobei diese nicht immer Ablehnung signalisieren müssen, sondern eben auch Empörung über einen Sachverhalt ausdrücken können) und fast genauso viele Herzen, aber bei den Antworten findet sich fast nur Negatives.

Und diese negativen Äußerungen waren dann auch noch in der Mehrzahl sehr unsachlich. Man kann von Todenhöfer halten, was man will, und ich bin nun auch nicht unbedingt sein größter Fan, aber wenn man nun die Kriege der letzten 200 Jahre berücksichtigen will, weil es eben um die heutige weltpolitische Situation geht, dann ist es wenig konstruktiv, wenn nun viele Kommentatoren von den Türken vor Wien geschrieben haben, um Todenhöfer zu widerlegen (das ist ja nun schon länger als 200 Jahre her). Auch Hinweise auf den Iran-Irak-Krieg oder aktuell den saudischen Angriff auf Jemen bringen eine Diskussion von Todenhöfers Aussage nicht wirklich voran, da es sich dabei nicht um westliche Länder handelt.

Entscheidend bei der ganzen Sache ist nun, dass, wenn man unbeteiligt auf den Thread gestoßen ist, der Eindruck entstehen könnte, dass kaum jemand Todenhöfer zustimmt – was ja nicht der Fall ist, wenn man die ganzen Likes berücksichtigt (die allerdings nicht sofort so ins Auge springen wie ausformulierte Antworten).

Und damit kommen wir auch zu einem Problem der sozialmedialen Like-Kultur: Zustimmung kann man mit einem Klick ausdrücken, Ablehnung hingegen muss man formulieren. Wer also schon mal Like geklickt hat, dem erscheint es nicht mehr notwendig, auch noch mal schriftlich seine Zustimmung zu äußern.

Das Resultat: Es dominieren die negativen Äußerungen, was natürlich auch zu einer aggressiveren und negativeren Stimmung führt.

Was noch dazukommt: Menschen scheinen die Tendenz zu haben, sich vor allem negativ zu äußern. Das kann ich immer wieder beobachten bei positiven Nachrichten, die oftmals weitaus weniger Resonanz erfahren, als dies bei negativen Meldungen der Fall ist. Klar, wenn alles so weit o. k. ist – warum soll ich mich dann äußern? Wenn mich hingegen etwas nervt, dann drängt es doch schon mehr, dies auch kundzutun.

Ist darin nun eine der Ursachen für die Verrohung der Diskussionskultur in den sozialen Medien und somit auch in der Öffentlichkeit zu suchen? Ich glaube schon, denn insgesamt verursacht Zustimmung weniger Stress und Konfliktpotenzial als Ablehnung, zumal wenn Letztere eben oft nur mit einem Schlagwort (oft in recht obszöner Art und Weise) oder eher destruktiven Darstellungen wie einem kotzenden Smiley zum Ausdruck gebracht wird. Und wenn die Stimmung in einem Diskussions-Thread erst mal durch viel Negatives entsprechend aufgeladen ist, dann steigert sich das schnell zu Pöbel- und Beleidigungsorgien.

Soweit das Negative. Doch man kann auch einen positiven Schluss daraus ziehen: Da es wohl kaum zu erwarten ist, dass Facebook und andere soziale Medien einen Dislike-Button einführen, mit dem Ablehnung dann auch nicht verbalisiert zum Ausdruck gebracht werden könnte, müssen wir halt selbst ran. Und das geht sogar relativ einfach, indem man sich eben verstärkt positiv äußert. Nach dem Like-Klick kann man also gern noch mal etwas wie „Sehe ich genauso“, „Vollkommen richtig“ oder „Gut formuliert und auf den Punkt gebracht“ usw. antworten, sodass eben die ablehnenden Äußerungen nicht in derartiger Überzahl vorhanden sind.

Denn Meckerer (damit meine ich nun nicht die, die sachliche Kritik äußern, sondern eben diejenigen, die vor allem verkürzte und unsachliche Ablehnung posten) fühlen sich vor allem dann auch ermuntert, wenn sie das Gefühl haben, dass sie in der Überzahl sind und den allgemeinen Konsens auf ihrer Seite haben.

Also: ran an die Tasten und aktiv gegen die überbordende Negativität im virtuellen Diskurs vorgehen!

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Karl

Jahrgang 1969, ist nach einem Lehramtsstudium und diversen beruflichen Tätigkeiten seit 2002 freiberuflicher Lektor (Auf den Punkt). Er lebt seit vielen Jahren in Hamburg-St. Pauli. Neben dem Interesse für politische Themen ist er ein absoluter Musikfreak, hört den ganzen Tag Tonträger und treibt sich viel auf Konzerten rum. Außerdem geht er seit vielen Jahren zu den Spielen des FC St. Pauli.

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