Die Dreisatzrechnung vieler AfD-Wähler

Eigentlich war es ja schon lange klar, dass die Populisten der AfD durch ihre ständigen Provokationen nichts anderes möchten als das mediale Interesse (das sie auch zur Genüge von fast allen Seiten erhalten). Mit markigen und faschistischen Äußerungen werden so Stimmen vom rechten Rand gefischt, und es wird Stimmung gegen die etablierten Parteien gemacht. Und genau hier ist der Knackpunkt, mit dem viele Protestwähler den Rattenfängern ins Netz gehen: gegen das Establishment zu sein.

Die Rechnung ist auch dilettantisch einfach:

  1. Ich fühle mich in Deutschland als Verlierer und Opfer der politischen Umstände.
  2. Die etablierten Parteien sind gegen die AfD (worin das Wort „Alternative“ steckt).
  3. Die AfD ist also auf meiner Seite und möchte nicht, dass es weitergeht wie bisher.

Wenn ich mich also nicht inhaltlich über die parteilichen Ziele der neoliberal ausgerichteten AfD informiere und nur das inhaltsleere Geschwafel der etablierten Politiker in den 20-Uhr-Nachrichten schaue, dann ist der Ruf nach einer „Alternative“ mehr als verständlich, wenn nicht gar zwingend (denn ich schreie ebenfalls nach einer Alternative, aber einer Alternative, die auch alternativ agiert).

Meine Vermutung ist also, dass sehr viele Protestwähler (die vielleicht auch schon z. B. die Piratenpartei gewählt hatten) genau deshalb die AfD wählen. Dazu gehören sicherlich viele Leute, die dem „System“ an sich nicht mehr trauen (und das ja eigentlich zu Recht). Nur die Problemlösung ist sehr kurzsichtig, denn einfach „irgendetwas anderes“ wird keine zielgerichtete Besserung schaffen oder, wie in diesem Fall, alles noch schlimmer machen. Denn würden sich die Protestwähler mal über die Parteiziele der AfD informieren, wären die Parallelen zu gerade den etablierten Großparteien eindeutig, und der Zauber wäre vorbei. So läuft es aber nicht … und so ist es, wie der oben aufgestellte Dreisatz für weniger Politikinformierte oder -interessierte es darstellt: Wer gegen meine Feinde ist, ist mein Freund (dazu möchte ich dringend auf den hier bereits in den Wochenhinweisen verlinkten Bericht von Panorama verweisen!).

Ein Vorschlag an alle Journalisten, Facebook-Nutzer, Twitterer, Blogger, Autoren und sonstige Schreiberlinge: Gebt es auf, mit Beiträgen und Äußerungen zum Fehlverhalten der AfD-Politiker die Stimmung der AfD-Wähler kippen zu wollen. Keine einzige Meldung mehr über *Bernd* Höckes Nazigepoltere, kein Kommentar zu den Politikerjagd-Parolen von Alexander Gauland und auch nicht zum berechenbaren Empörungs- und Opfertanz von Alice Weidel. Jedes Wort gegen diesen markthörigen Karrierepolitiker-Populisten-Verein bringt den uninformierten Wähler dazu, mit der AfD zu sympathisieren. („Wenn ich die wähle, dann wische ich den Etablierten eins aus, ha!“) Schluss damit!

Und wer nun denkt: „So kurzsichtig und unreflektiert würden Leute doch nicht wählen gehen?“, dem halte ich beispielhaft den letzten Clip von Rayk Anders entgegen. Dort geht es um Menschen, die ihren Organspendeausweis wegwerfen, damit ja nicht ein Flüchtling oder sonstiger Ausländer ihre Organe nach ihrem Tod erhält (egal wie vielen vermeintlich Deutschen sie damit das Leben retten könnten). Wie schnell geht solche menschenverachtende Ideologie wohl flöten, wenn sie selbst ein Organ benötigen?

Das bedeutet nun nicht, dass man menschenverachtende oder diffamierende Äußerungen tolerieren sollte! Das bedeutet nur, dass jedes Wettern (gerade von etablierten Medien und Parteien) „gegen“ die AfD immer eine Bestätigung für den Protestwähler ist und man daher seine Argumente gründlich abwägen sollte oder vielleicht nicht jede Provokation von Möchtegernpolitikern kommentiert (obgleich das „Möchtegern“ hier fehl am Platze ist, denn die etablierten Parteien stellen ja anstatt von Politikern auch nur noch markttreue Dressuraffen auf). Wie lange zetern die Populisten wohl noch herum, wenn keine Presse mehr über ihre Provokationen berichtet? Inhalte sind da doch eh nicht vorhanden, sondern fast ausschließlich Sensations- und Tratschgeschichten. Überlassen wir das doch der BUNTEN oder GALA … ich bin dann mal weg und zum Abschluss noch ein letztes Mal: „AfD“.

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Dirk

Jahrgang 1974, in erster Linie Teil dieser Welt und bewusst nicht fragmentiert und kategorisiert in Hamburger, Deutscher, Mann oder gar Mensch. Als selbstständiger IT-Dienstleister (Rechen-Leistung) immer an dem Inhalt und der Struktur von Informationen interessiert und leidenschaftlich gerne Spiegel für sich selbst und andere (als Vater von drei Kindern kommt dies auch familiär häufig zum Einsatz). Seit vielen Jahren überzeugter Vegetarier und trotzdem der Meinung: „Alles hat zwei Seiten, auch die Wurst hat zwei!“

2 thoughts to “Die Dreisatzrechnung vieler AfD-Wähler”

  1. Passend zu diesem Thema: Jasmin Schreiber analysiert in einem Artikel des Blogs La Vie Vagabonde eine Rede Bernd Höckes, die er kürzlich in Eisleben gehalten hat.

    Es wird deutlich, wie sehr Höcke ideologisch mit dem Nationalsozialismus verbunden ist und wie gefährlich das Vorgehen der AfD ist, die Sprache zu kapern und so das Denken zu ändern. Dieser Prozess ist schon längt im Gange.

    Erschreckend auch das in dem Artikel platzierte Video mit einer Rede des Identitären Martin Sellner. Wenn man dort mal reinhört, dann wird klar, wie sehr strukturiert und geplant diese Leute dabei vorgehen, nicht nur politische Ziele umsetzen, sondern eben das ganze demokratisch-rechtsstaatliche System umstürzen zu wollen.

    Der Artikel ist recht lang, aber m. E. sehr wichtig. Daher bitte unbedingt komplett lesen!

  2. … und dann ist es ja auch nicht nur Bernd Höcke, der mit einer offen an den Nationalsozialismus angelehnten Rhetorik daherkommt, das können auch andere aus der AfD.

    So zum Beispiel Albrecht Glaser, der AfD-Kandidat für das Amt des Bundestagsvizepräsidenten, der auf dem Neujahrsempfang in Zwingenberg ordentlich vom Leder zog, wie ein Artikel auf Echo Online berichtet.

    So schwadroniert Glaser von einer „schicksalshafte[n] Aufgabe, „um die Zerstörung Deutschland zu verhindern“. Dazu wäre es notwendig, „noch einmal die Stiefel anzuschnallen und den Revolver auszugraben“. Darüber hinaus wurde noch das alte Klischee des Erbfeindes Frankreich bemüht und Naturvölkern „genetisch bedingt“ ein niedrigere IQ attestiert.

    Nazi-Sprech in Reinkultur! Und so was wird mittlerweile einfach wieder öffentlich geäußert …

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