{"id":10073,"date":"2018-03-29T12:13:42","date_gmt":"2018-03-29T10:13:42","guid":{"rendered":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=10073"},"modified":"2018-04-02T22:29:27","modified_gmt":"2018-04-02T20:29:27","slug":"ohnmacht-und-autonomieverlust","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=10073","title":{"rendered":"Ohnmacht und Autonomieverlust"},"content":{"rendered":"<p>Ohnmachtsgef\u00fchle bzw. deren \u00c4u\u00dferung begegnet einem heute ja immer \u00f6fter.\u00a0\u201eMan kann ja eh nichts machen als Einzelner\u201c oder\u00a0\u201eDie Politiker machen doch eh, was sie wollen\u201c sind typische Aussagen, aus denen eine geh\u00f6rige Portion Resignation spricht. Nat\u00fcrlich gibt es schon gute Gr\u00fcnde, so zu empfinden, aber ich habe dennoch das Gef\u00fchl, dass hier einige verst\u00e4rkende Impulse mit hinzukommen: In unserem allt\u00e4glichen Handeln erfahren wir n\u00e4mlich zum einen st\u00e4ndige Ohnmachtserlebnisse, zum anderen einen immer gr\u00f6\u00dfer werdenden Verlust von Autonomie, beides zu einem erheblichen Teil bedingt durch Digitalisierung und Technisierung.<\/p>\n<p>Wir erfahren tagt\u00e4glich unsere eigene Ohnmacht auf verschiedenen Ebenen, so zum Beispiel gegen\u00fcber Konzernen, gerade wenn diese Monopolisten sind. Nehmen wir nur mal die Post: Immer \u00f6fter h\u00f6rt man, dass Zustellungen nicht oder reichlich versp\u00e4tet ankommen &#8211; und als Empf\u00e4nger hat man \u00a0keine Chance, etwas dagegen zu machen. Klar, man kann bei der Hotline anrufen und sich beschweren, aber wer das schon mal gemacht hat, wei\u00df, dass man dort von den Callcenter-Mitarbeitern mit ein paar Floskeln abgespeist wird und sich letztlich nichts \u00e4ndert. Und die Post ist ja nun nicht das einzige Unternehmen, das mit ausgelagerten Callcentern arbeitet, die verhindern, dass wir tats\u00e4chlich mit denjenigen sprechen k\u00f6nnen, denen wir etwas sagen m\u00f6chten.<\/p>\n<p>Auch Nestl\u00e9 ist so ein Beispiel. Viele haben sehr zu Recht gar keinen Bock mehr auf diesen fiesen Konzern und w\u00fcrden es gern vermeiden, dessen Produkte zu kaufen. Das ist allerdings nicht ganz so einfach, denn es steht nicht \u00fcberall Nestl\u00e9 drauf, wo auch Nestl\u00e9 drin ist, denn die haben mittlerweile so viele Produkte und kleiner Firmen \u00fcbernommen und aufgekauft, dass es schon nicht ganz leicht ist, auf Nestl\u00e9 zu verzichten. Und wenn man dann irgendwann feststellt, dass ein Produkt, was man gern gekauft hat, nun auch zu Nestl\u00e9 geh\u00f6rt, dann f\u00fchlt man sich so einem Konzern gegen\u00fcber schon etwas ohnm\u00e4chtig.<\/p>\n<p>Auch der sogenannte Dieselskandal zeigt den Autok\u00e4ufern auf, wie wenig sie selbst Einfluss nehmen k\u00f6nnen. Sie wurden betrogen, aber der Betr\u00fcger muss nicht daf\u00fcr haften, sondern die Autofahrer selbst sehen sich mit der Androhung von Fahrverboten in Innenst\u00e4dten gegen\u00fcber.<\/p>\n<p>Dazu kommt generell, dass immer offensichtlicherer Lobbyismus und enorme PR-Mittel, die den Konzernen zur Verf\u00fcgung stehen, Ohnmachtsgef\u00fchle verst\u00e4rken. Wie soll man da als \u201eeinfacher B\u00fcrger\u201c bei der Politik auch Geh\u00f6r finden, wenn einem diese Ressourcen und Wege nicht zur Verf\u00fcgung stehen?<\/p>\n<p>Aber auch die Dinge, die wir im Alltag benutzen, bescheren uns den Eindruck, ihnen recht ohnm\u00e4chtig gegen\u00fcber zu stehen, denn wir verstehen viele Dinge in ihrer Funktionsweise einfach nicht mehr. Wenn die dann mal kaputtgehen oder nicht das machen, was sie sollen, dann k\u00f6nnen wir den Schaden oft nicht selbst beheben, ja, noch nicht mal absch\u00e4tzen, ob sich nun eine Reparatur lohnt oder nicht. Selbst als nicht gerade handwerklich geschickter Mensch konnte ich beispielsweise bei meinen ersten Autos noch selbst eine kaputte Scheinwerfergl\u00fchbirne wechseln &#8211; heute komme ich da \u00fcberhaupt nicht mehr ran bei meinem Auto und muss daf\u00fcr dann einen Fachmann aufsuchen.<\/p>\n<p>Auch der Gebrauch entzieht sich zunehmend unserem eigenen Einfluss: Wenn beispielsweise der Betreiber einer Website, die wir \u00f6fter nutzen, meint, deren Design und Funktionen \u00e4ndern zu m\u00fcssen, dann m\u00fcssen wir uns dem zwangsl\u00e4ufig anpassen. Wenn unser Computer, mit dem wir eigentlich noch gut zurechtkommen, aus Altersgr\u00fcnden keine Updates mehr f\u00fcr die genutzten Programm bekommt und neuere Programme darauf gar nicht mehr laufen, dann m\u00fcssen wir uns einen neuen kaufen. Auch der hemmungslos profitorientierte Umgang mit unseren Daten, die wir auf (gerade aktuell ja im Fokus) <em>Facebook<\/em>, aber auch auf anderen Seiten hinterlassen, der wenig bis nichts mit Anstand und Datenschutz zu tun hat, erzeugt zu Recht den Eindruck, keinen wirklich Einfluss darauf zu haben, was einem so in der virtuellen Welt geschieht.<\/p>\n<p>Und damit geht es auch schon flie\u00dfend \u00fcber zum zweiten Aspekt: des Verlusts und der Abgabe von Autonomie. Dies geschieht nicht nur so, wie gerade beschrieben mehr oder weniger unfreiwillig, sondern wir entledigen uns in immer gr\u00f6\u00dferem Ma\u00dfe ganz freiwillig unserer Autonomie und damit auch unserer F\u00e4higkeit zu autonomem Handeln. Ein paar Beispiele:<\/p>\n<p>F\u00fcr viele ist das Navigationssystem im Auto mittlerweile ein selbstverst\u00e4ndlich genutztes Hilfsmittel. In fremden St\u00e4dten mag das ja auch ganz hilfreich sein, allerdings habe ich den Eindruck, dass sich viele mittlerweile nahezu immer von ihrem Navi durch die Gegend lotsen lassen. Dabei kommt man dann unfreiwillig zuweilen ja auch mal irgendwo hin, wo man gar nicht hinwollte, und die Zeitungsmeldungen von Leuten, die ihrem Navi blind gefolgt und dann in einen Fluss gefahren sind oder denen \u00e4hnliche Malheurs passierten, kennt ja nun auch jeder. In jedem Fall gibt man so die Autonomie ab, selbst auf eine Karte zu schauen und sich den Weg rauszusuchen &#8211; und viele sind dadurch schon nicht (mehr) in der Lage, \u00fcberhaupt eine Karte lesen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Auch die Autokorrektur beim Smartphone f\u00fchrt dazu, dass Menschen ab und zu etwas schreiben, was sie gar nicht wollen, da eben Dinge falsch erkennt werden. Man macht sich so keine Gedanken mehr, wie man etwas schreiben sollte, das Ger\u00e4t \u00fcbernimmt das ja f\u00fcr einen. Auch hier verk\u00fcmmern letztlich eigene F\u00e4higkeiten, die nicht mehr trainiert werden.<\/p>\n<p>Generell ist das Leben auf dem Smartphone-Display, das f\u00fcr viele Menschen einen immer gr\u00f6\u00dferen Teil ihrer allt\u00e4glichen Lebenszeit einnimmt, mit Inhalten, die uns angezeigt werden (Algorithmen von <em>Facebook<\/em> und Co. bestimmen, was wir sehen, auch Werbung ist dort omnipr\u00e4sent), etwas, das zunehmend unsere Autonomie untergr\u00e4bt. Resultat davon: Wir kaufen in immer gr\u00f6\u00dferem Ma\u00dfe das, was wir kaufen sollen, nicht das, was wir tats\u00e4chlich brauchen &#8211; seinen deutlichsten Eindruck findet das in Produktempfehlungen auf Seiten von Onlineh\u00e4ndlern (\u201eKunden die dies gekauft haben, kauften auch jenes &#8230;\u201c). Dieses Ph\u00e4nomen war allerdings schon im Vor-Smartphone-Zeitalter zu beobachten bei Menschen, die den Fernseher zu Hause ganz\u00a0automatisch angemacht und dann geschaut haben, was ihnen dort gezeigt wird &#8211; und nicht etwa, weil sie gezielt eine bestimmte Sendung schauen wollten (das sogenannte Zappen ist ein Ausdruck davon). Nun haben viele ihre \u201eGlotze\u201c permanent bei sich &#8230;<\/p>\n<p>Dar\u00fcber hinaus bestimmen immer mehr gro\u00df beworbene Events, zu denen man halt hingeht, weil eben alle da hingehen, unsere Freizeit. Auch Dinge wie das Formatradio, das zunehmend weniger Auswahlm\u00f6glichkeiten bietet, sondern auf allen Sendern so ziemlich das Gleiche bietet, vermindert unsere Autonomie: Es ist egal, welchen Sender man anschaltet, wir bekommen auch hier das pr\u00e4sentiert, was wir toll finden sollen &#8211; und Musik, die uns vielleicht viel besser gefallen w\u00fcrde, die aber nicht von einer gro\u00dfen Plattenfirma ins Radio\u00a0\u201egedr\u00fcckt\u201c wird, bleibt uns als Radioh\u00f6rern unbekannt.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich ist der B\u00fcrger, der sich ohnm\u00e4chtig f\u00fchlt und dabei noch zunehmend weniger autonom, sondern gelenkt agiert, f\u00fcr Regierung und Konzerne ein angenehmer Geselle: Der nervt nicht rum, sondern h\u00e4lt die Klappe und konsumiert sch\u00f6n, was man ihm vorsetzt.<\/p>\n<p>Und dann kommt auch noch hinzu, dass Ohnmacht und Autonomieverlust letztlich Ignoranz erzeugen, und dies ist ja nun \u00fcberall und allt\u00e4glich zu beobachten (und wird auch von einigen Menschen zunehmend beklagt): Wer den Eindruck hat, nichts \u00e4ndern zu k\u00f6nnen, und es gewohnt ist, seine eigenen Handlungsalternativen gar nicht mehr wahrnehmen zu wollen, der interessiert sich eben auch nicht f\u00fcr das, was anderen geschieht &#8211; n\u00fctzt ja eh alles nichts. Dies verst\u00e4rkt noch die ohnehin schon im Neoliberalismus angelegte Entsolidarsierung und Ellenbogenmentalit\u00e4t, sodass sich auf diese Weise eben auch die teilweise erschreckend empathielosen \u00c4u\u00dferungen vieler Zeitgenossen erkl\u00e4ren lassen.<\/p>\n<p>Den sogenannten Eliten kommt das alles nur sehr recht, denn derartig dressierte und dem eigenst\u00e4ndigen Handeln (und damit auch Denken) entw\u00f6hnte Untertanen lassen sich eben jede Schweinerei gefallen, solange man ihnen das Gef\u00fchl gibt, dass es ihnen doch noch einigerma\u00dfen gut ginge, und sind zudem recht leicht manipulierbar.<\/p>\n<p>Wer darauf keinen Bock hat, sollte zusehen, dass er sich seine Autonomie so weit wie m\u00f6glich erh\u00e4lt (oder wieder zur\u00fcckerlangt) und sich trotz eventueller Ohnmachtsgef\u00fchle nicht davon abschrecken l\u00e4sst, Dinge im eigenen Einflussbereich zu \u00e4ndern, im Kleinen mit gutem Beispiel voranzugehen und nicht zu resignieren. Das ist nicht einfach, aber wert ist es das allemal!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ohnmachtsgef\u00fchle bzw. deren \u00c4u\u00dferung begegnet einem heute ja immer \u00f6fter.\u00a0\u201eMan kann ja eh nichts machen als Einzelner\u201c oder\u00a0\u201eDie Politiker machen doch eh, was sie wollen\u201c sind typische Aussagen, aus denen eine geh\u00f6rige Portion Resignation spricht. 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