{"id":10470,"date":"2018-04-11T23:36:53","date_gmt":"2018-04-11T21:36:53","guid":{"rendered":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=10470"},"modified":"2018-04-11T23:36:53","modified_gmt":"2018-04-11T21:36:53","slug":"die-gute-alte-zeit-kommt-nicht-wieder","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=10470","title":{"rendered":"Die gute, alte Zeit kommt nicht wieder"},"content":{"rendered":"<p>Telefonshop an Telefonshop gereiht, Optikerketten, Apotheken und Drogerieketten sowie andere Franchising-L\u00e4den bestimmen meist das Innenstadtbild. Immer weniger Fachgesch\u00e4fte, immer weniger alteingesessener Handel sind zu sehen, bedienen ein immer kleiner werdendes Publikum. M\u00e4c Geiz oder Kik oder oft sogar beides, zentral gelegen, sind in jedem Stadtbild zu finden, machen die Innenst\u00e4dte immer austauschbarer, oft immer trister. \u00dcberall ein \u00e4hnliches Bild, fast \u00fcberall wird der Niedergang des Handels in den Innenst\u00e4dten beklagt, und auch fast \u00fcberall werden die gleichen Forderungen in sch\u00f6ner Regelm\u00e4\u00dfigkeit erhoben: Kauft vor Ort und nicht online, hei\u00dft es dann.<\/p>\n<p><em>Ein Gastartikel von Heinz Peglau<\/em><\/p>\n<p>Dabei sind die Probleme doch nicht neu, auch die der Innenst\u00e4dte nicht. War es nach dem Krieg bis hinein in die 90er-Jahre der Versandhandel, der Kataloghandel, der Konkurrenz machte, waren es seit den sp\u00e4ten 60ern die Discounter, seit den 70ern dann die ersten Einkaufszentren in der Peripherie, ist es seit 15 Jahren etwa der zunehmende Onlinehandel, der dem kleineren Einzelhandel in den Innenst\u00e4dten Probleme bereitet.<\/p>\n<p>\u201eKauft vor Ort und nicht online\u201c l\u00f6st kein einziges Problem. Wer das fordert, hat die Probleme nicht erfasst, die eigentlich dazu gef\u00fchrt haben, dass sich die Innenst\u00e4dte ver\u00e4ndert haben, und das nicht erst seit gestern. Wer dies fordert, schiebt die Schuld den Falschen zu, dem Konsumenten, dem Individuum. Die wahren Ursachen benennt er oder sie damit aber nicht, rei\u00dft diese nicht einmal an. Kommt dann noch die Verteufelung von Amazon hinzu, mag das f\u00fcr das Gewissen gut sein, der Sachlage, der Problemlage auf die Spur zu kommen, hilft es jedoch nicht. St\u00e4ndiges moralisieren, und das dann auch noch auf Basis von Monokausalit\u00e4ten, bringt gar nichts, auch hier nichts, au\u00dfer Ablenkung vom wirklich Wesentlichen.<\/p>\n<p>Die Ursachen gehen tiefer, sind vielf\u00e4ltiger und nicht durch den Konsumenten zu l\u00f6sen. Der passt sich n\u00e4mlich nur an, muss sich anpassen, will er dem Konzept des Homo oeconomicus auch nur ansatzweise gerecht werden. Die Ursachen liegen im Kapitalismus unserer Zeit, im oft nicht vorhandenen Marktverst\u00e4ndnis der meisten Handelnden und der meisten, welche diese Handelnden dann zum Handeln ausgew\u00e4hlt haben, welche dann daf\u00fcr sorgen, dass dieses Handeln immer weitergehen kann, und in der mangelnden Anpassungsf\u00e4higkeit, den mangelnden Anpassungsm\u00f6glichkeiten ebendieses kleinen Einzelhandels.<\/p>\n<p>M\u00e4rkte suchen den optimalen Preis und die optimale Menge, also den optimalen Umsatz. Sie sorgen nicht f\u00fcr eine Befriedigung der Nachfrage dar\u00fcber hinaus. Das ist auch gar nicht deren Aufgabe. Und deshalb hat das Ergebnis von M\u00e4rkten auch immer andere, abweichende Ergebnisse von dem, was man sich gerade w\u00fcnscht, vor\u00a0allem dann, wenn man es aufgrund von Monokausalit\u00e4ten tut und dann noch vergisst, das M\u00e4rkte miteinander korrespondieren.<\/p>\n<p>Die wahren Ursachen liegen in der Verdr\u00e4ngung, welche mehr oder minder stark auf M\u00e4rkten und zwischen M\u00e4rkten immer stattfindet, weil M\u00e4rkte immer dazu tendieren, Marktmacht zu schaffen. Immer wird es dort Gewinner und Verlierer geben, und die Gewinner werden ihren Gewinn zur St\u00e4rkung ihrer Position benutzen k\u00f6nnen. Das ist hinl\u00e4nglich bekannt, und dem will man ja auch immer entgegenwirken, wenn man von politischer Seite her den Wettbewerb beschw\u00f6rt. Nur was n\u00fctzt alles Beschw\u00f6ren von dieser Seite her, wenn man gleichzeitig auch die Rahmenbedingungen des Wettbewerbs zugunsten derer setzt, die diesen aber f\u00fcr sich zu nutzen wussten und wissen, wenn diese Unternehmen dann die, meist f\u00fcr sie bewusst geschaffenen, Vorteile weiterhin nutzen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Diese Vorteile sind die eigentlichen Ursachen, die man allerdings nicht mit Appellen, auch nicht mit moralischen, beseitigen kann.<\/p>\n<p>Wer eine Gesellschaft des Geizes f\u00fcr richtig h\u00e4lt, st\u00e4ndig den Konsumenten anh\u00e4lt zu sparen auf der einen Seite, kann nicht erwarten, dass der Konsument auf der anderen Seite dann von diesem Sparen abl\u00e4sst. Und was und wo sollen wir nicht \u00fcberall sparen. Bei der Energie, bei den Ausgaben f\u00fcr die Telekommunikation, bei der Assekuranz, beim Autofahren, also beim Sprit, bei den Steuern, den Abgaben, bei allem und jedem sollen wir sparen, gilt: \u201eGeiz ist geil.\u201c Und diese \u201eGeiz ist geil\u201c- Mentalit\u00e4t ist doch tief verwurzelt worden im Konsumenten, aber auch dann, wenn der Konsument gleichzeitig Staatsb\u00fcrger ist, denn geil ist doch auch, wer wei\u00df, wie man am besten sich der Steuerlast entzieht, oder auch wenn er die Rolle des Arbeitnehmers oder des Arbeitgebers einnehmen soll. Immer ist Geiz geil, wird der Kostendruck \u00fcberm\u00e4chtig, wird an allen Ecken und Enden gespart, wird dieses Verhalten \u00fcber den Wettbewerb gefordert. Das ist die Moral unserer Zeit, vom Neoliberalismus erzwungen.<\/p>\n<p>Auch Hartz I bis IV sind nichts anderes als Ausdruck dieser Moral. \u201eGeiz ist geil\u201c und \u201eWettbewerb \u00fcber alles\u201c haben einen Niedriglohnsektor geschaffen, der \u00a0einerseits dadurch gekennzeichnet ist, dass Hungerl\u00f6hne, Werkvertr\u00e4ge und damit prek\u00e4re Besch\u00e4ftigung das \u201eJobwunder\u201c Deutschland \u201eauszeichnen\u201c, und andererseits die Menschen zum Sparen zwingt, ihr Konsumverhalten damit urs\u00e4chlich bestimmt. Hartz I bis IV, insbesondere IV, haben einen Druck auf die L\u00f6hne und Geh\u00e4lter ausge\u00fcbt und \u00fcben diesen auch weiterhin aus, welcher auch die Konsumm\u00f6glichkeiten beschr\u00e4nkt bei denen, die noch besch\u00e4ftigt sind, auch dann, wenn sie noch nicht prek\u00e4r besch\u00e4ftigt sind, zwingen l\u00e4ngst den Mittelstand zu diesem Verhalten, noch dazu, wenn dieser Mittelstand noch Kinder zu erziehen hat. Kinder sind ein Armutsrisiko in\u00a0Deutschland, und dem zu entgehen und teuer einzukaufen, teurer, als man m\u00fcsste, geht oft nicht zusammen, allzumal man ja den Kindern auch etwas zu bieten haben muss, will man dazugeh\u00f6ren &#8211; wird man doch allzu oft \u00fcber die Kinder auch als Eltern definiert -, oft f\u00fcr deren Bildung gro\u00dfe Aufwendungen zu t\u00e4tigen hat, wenn man es noch kann. Heute arbeiten Vater und Mutter f\u00fcr die Familie, weil Vater und Mutter arbeiten m\u00fcssen, nicht weil sie sich selbst etwas schaffen wollen, aufgrund der niedriegeren Geh\u00e4lter. Sie sind meist dazu gezwungen. Die Gesellschaft hat sich ge\u00e4ndert, und vieles daran ist gut, aber es hatte auch Nebenwirkungen und da nicht nur gute.<\/p>\n<p>Oder nehmen wir die Steuern. Wer einen steuerlichen Rahmen zul\u00e4sst, der Konzerne und auch kleinere Kapitalgesellschaften besser stellt als Personen und Personengesellschaften &#8211; dies gilt \u00fcbrigens auch im Haftungsrecht, wie der Diesel- Skandal offenkundig gemacht hat -, der darf sich doch nicht wundern, wenn diese Konzerne dann die Kostenvorteile nutzen und einpreisen. Sie tun es und w\u00e4ren auch dumm, dies nicht zu tun. Aber sie tun es nat\u00fcrlich auf Kosten des kleinen Gewerbes.<\/p>\n<p>Gleiches gilt doch bei den Tarifvertr\u00e4gen. Auch hier kann der kleine Gewerbetreibende nicht differenzieren zwischen Lager und Verkauf, muss oft die h\u00f6heren Tarife bezahlen, kann in den seltensten F\u00e4llen auf Werkvertr\u00e4ge zur\u00fcckgreifen. Auch hier hat der Gro\u00dfe Vorteile gegen\u00fcber dem Kleinen, denn zwischen dem Einzelhandelstarif und dem Logistiktarif sind schon eklatante Unterschiede. Mehr noch, gerade durch die Werkvertr\u00e4ge in Superm\u00e4rkten der Peripherie wird der sogenannte Wettbewerb doch immer mehr verzerrt. Und wer dies zul\u00e4sst, der sollte kleine Br\u00f6tchen backen, wenn er gleichzeitig das Wort f\u00fcr den kleinen Handel der Innenstadt ergreifen will, der sollte auch deshalb besser schweigen.<\/p>\n<p>Nimmt man dann die St\u00fcckkostenvorteile hinzu, muss man sich doch nicht wundern, wenn der Kunde diese Preisvorteile nutzt, die ihm dort geboten werden, oder?<\/p>\n<p>Und selbst im Service sind doch gro\u00dfe Onlineh\u00e4ndler l\u00e4ngst im Vorteil. Gro\u00dfe Auswahl, bequem von zu Hause aus einkaufen, auch auf dem Dorf in den doch meist v\u00f6llig politisch und wirtschaftlich vernachl\u00e4ssigten Regionen, wobei auch das Umtauschen meist v\u00f6llig problemlos zu machen ist im Onlinehandel, gerade bei Amazon ist dies leicht zu tun, aber nicht nur dort. Wie oft muss man im Einzelhandel vor Ort diskutieren, wenn man sich beim Einkauf geirrt hat, sich mit Gutscheinen begn\u00fcgen? Online ist dies l\u00e4ngst Geschichte, w\u00fcrde viel zu viel Arbeit machen und nur unn\u00f6tige Kosten und &#8211; das ist der eigentliche Grund &#8211; unzufriedene Kunden verursachen. Das spart man sich dort lieber. Wie oft muss man im Fachhandel bestellen, weil das Angebot \u201egerade\u201c nicht vorhanden ist? Ja, der Buchhandel kann bei Libri bestellen, und ja, das Buch ist am n\u00e4chsten Tag in der Buchhandlung, bei Amazon ist es jedoch\u00a0schon im Briefkasten, erfordert weder den ersten Gang noch den zweiten Gang. Ja, der Fachhandel kann mir meine Staubsaugerbeutel bestellen, denn nein, die gibt es seit einiger Zeit hier nicht mehr vor Ort, das Lager lohnt nicht f\u00fcr einen Kunden. \u201eNein, in Ihrer Gr\u00f6\u00dfe habe ich das jetzt nicht mehr und leider auch kein anderes Teil mehr. Es lohnt sich einfach nicht, in allen Gr\u00f6\u00dfen alles vorzuhalten, so gro\u00dfe Lagerr\u00e4ume haben wir nicht, und nein, besorgen k\u00f6nnen wir es auch nicht.\u201c Wie oft habe ich diesen Satz schon geh\u00f6rt und bin ohne Jacke, Hose oder Pullover in meiner Einkaufstasche nach Hause gegangen. Sicher, in der Gro\u00dfstadt gehe ich in den n\u00e4chsten Laden, aber auf dem Land, in der Kleinstadt, ist das oft schwerlich m\u00f6glich.<\/p>\n<p>Machen wir uns deshalb nichts vor. Wir k\u00f6nnen die Uhren zwar zur\u00fcckstellen, aber in Wirklichkeit bringt dies nichts, denn die Zeit ist nicht aufzuhalten. Wir werden nie wieder Innenst\u00e4dte erleben, die vom kleinen Einzelhandel gepr\u00e4gt sein werden, weder in den Gro\u00dfst\u00e4dten und schon gar nicht in den Kleinst\u00e4dten.<\/p>\n<p>Wenn wir etwas f\u00fcr die Innenst\u00e4dte tun wollen, so m\u00fcssen wir anders herangehen als nur \u00fcber die kommerzielle Argumentation, welche meist \u00fcber moralische Appelle gerechtfertigt wird, weil den Kl\u00e4gern und den Verantwortlichen mehr nicht einzufallen scheint. Die Lebensqualit\u00e4t ist hier entscheidend, gerade f\u00fcr Klein- und Mittelst\u00e4dte. Innenst\u00e4dte m\u00fcssen zur Begegnungsst\u00e4tte werden, Menschen auch dann anziehen, sie zu besuchen, wenn sie ihre Eink\u00e4ufe vielleicht schon get\u00e4tigt haben, im Supermarkt, im Einkaufszentrum oder auch online. Wir brauchen ein modernes Konzept von Stadt und nicht ein Zur\u00fcck in die \u201egute, alte Zeit\u201c des Einzelhandels, die es so auch nie gegeben hat im \u00dcbrigen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Gastartikel von Heinz Peglau<\/p>\n<p>Telefonshop an Telefonshop gereiht, Optikerketten, Apotheken und Drogerieketten sowie andere Franchising-L\u00e4den bestimmen meist das Innenstadtbild. Immer weniger Fachgesch\u00e4fte, immer weniger alteingesessener Handel sind zu sehen, bedienen ein immer kleiner werdendes Publikum. M\u00e4c Geiz oder Kik oder oft sogar beides, zentral gelegen, sind in jedem Stadtbild zu finden, machen die Innenst\u00e4dte immer austauschbarer, oft immer trister. \u00dcberall ein \u00e4hnliches Bild, fast \u00fcberall wird der Niedergang des Handels in den Innenst\u00e4dten beklagt, und auch fast \u00fcberall werden die gleichen Forderungen in sch\u00f6ner Regelm\u00e4\u00dfigkeit erhoben: Kauft vor Ort und nicht online, hei\u00dft es dann.<\/p>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[50,52,51],"tags":[488,418,155],"class_list":["post-10470","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-politisches","category-soziales","category-wirtschaftliches","tag-einzelhandel","tag-kapitalismus","tag-konsumverhalten"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/10470","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/4"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=10470"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/10470\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":10482,"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/10470\/revisions\/10482"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=10470"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=10470"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=10470"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}