{"id":10546,"date":"2018-04-19T11:31:54","date_gmt":"2018-04-19T09:31:54","guid":{"rendered":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=10546"},"modified":"2018-04-19T11:31:54","modified_gmt":"2018-04-19T09:31:54","slug":"echo-die-zweite","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=10546","title":{"rendered":"Echo, die Zweite"},"content":{"rendered":"<p>Nachdem Dirk ja gestern bereits ein <a href=\"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=10543\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Statement zur Echo-Verleihung<\/a> hier auf <em>unterst\u00f6mt<\/em> gepostet hat, wollte ich nun dennoch heute noch mal nachlegen, da mich diese PR-Veranstaltung der deutschen Musikindustrie schon l\u00e4nger ein bisschen \u00e4rgert. Zudem finde ich die ganze Aufregung um die beiden Hip-Hop-Hohlk\u00f6pfe mit ihrem antisemitischen und misogynen M\u00fcll nun auch etwas heuchlerisch, denn dass es irgendwann zu genau diesem Szenario bei einer Echo-Verleihung kommen musste, liegt ja schon in den Grundz\u00fcgen dieser Veranstaltung begr\u00fcndet.<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich gab es ja schon 2013 ordentlich Aufregung, als die stumpfen Blut-und-Boden-Rechtsrocker von Frei.Wild f\u00fcr den Echo nominiert waren und etliche andere K\u00fcnstler daraufhin die Veranstaltung boykottieren wollten, sodass die Tiroler um den ehemaligen Neonazi Philipp \u201eFips\u201c Burger (kleine Anmerkung am Rande: Es gibt Sachen, die kann man sich nicht ausdenken &#8211; ich bin ja versucht, mal irgendwo einen Fips-Burger zu ordern, aber bitte nur mit echtem deutschem Fleisch &#8230; ;o) ) dann doch wieder ausgeladen wurden. Und als die Rumpeltruppe dann 2016 doch noch mit einem Echo bedacht wurde, gab es w\u00e4hrend der Gala auch einige Unmutsbekundungen, wie ein <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/kultur\/musik\/echo-frei-wild-als-beste-rock-alternative-band-ausgezeichnet-a-1086053.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><em>Spiegel<\/em>-Artikel<\/a> dokumentiert.<\/p>\n<p>Daran erkennt man aber schon das Dilemma dieses Preises: Es wird pr\u00e4miert, was sich gut verkauft hat, damit sich der Kram eben noch mal ein bisschen besser verkauft. K\u00fcnstlerischer Anspruch? Inhaltliches? Innovatives? Ach was, die Kohle z\u00e4hlt, und das ist alles. Dass man dann eben auch solche \u00fcblen Gestalten wie Frei.Wild oder nun die beiden Hip-Hop-Kapser Kollegah und Farid Bang nominieren und auszeichnen muss, liegt in der Natur der Sache.<\/p>\n<p>Letztlich passen die n\u00e4mlich auch schon irgendwie zu dem, was da sonst so immer Echos abr\u00e4umt, denn das ist vor allem Schlager. Bezeichnenderweise ist Helene Fischer mit bisher 17 Echos die erfolgreichste Preistr\u00e4gerin \u00fcberhaupt, und wenngleich sie von der Klang\u00e4sthetik recht wenig mit Frei.Wild oder Kollegah gemeinsam hat, so ist doch die Intention bei allen dreien dieselbe: Man macht stereotype Musik als Produkt, um damit m\u00f6glichst viele (eher unterreflektierte) H\u00f6rer zu erreichen, und bedient sich dabei der textlichen Klischees, die von dieser H\u00f6rerschaft erwartet werden.<\/p>\n<p>Und das gilt im Prinzip f\u00fcr fast alles, was sich da auf dieser Echo-Sause rumtreibt. Oder wie es in einem sehr lesenswerten <a href=\"http:\/\/www.sueddeutsche.de\/kultur\/echo-kommentar-1.3939697\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Artikel in der <em>S\u00fcddeutschen Zeitung<\/em><\/a>, der in der Woche vor dem Event erschienen ist und der genau diese reine auf plattes Kommerzgedudel ausgerichtete Attit\u00fcde des Preises kritisiert, hei\u00dft:<\/p>\n<blockquote><p>Der Echo ist also im strengen Sinne gar keine Veranstaltung der Musikk\u00fcnstler, sondern eine Veranstaltung der Musikvermarkter, die behauptet, die beste Musik sei die, die sich am besten\u00a0verkaufe.<\/p>\n<p>Aus Sicht der Vermarkter ist das nat\u00fcrlich v\u00f6llig plausibel, denn bei der Musik, die sich schon einmal gut verkauft hat, ist die Wahrscheinlichkeit am gr\u00f6\u00dften, dass sie sich, wenn man sie flei\u00dfig weiter auf die gro\u00dfe B\u00fchne stellt, auch noch weiter gut verkaufen\u00a0l\u00e4sst.<\/p>\n<p>Mit diesem Geheimnis lebte der Preis, der dieses Jahr zum 27. Mal verliehen wird, in unserem Pop-Entwicklungsland \u00fcber zwei Jahrzehnte ganz\u00a0gut.<\/p>\n<p>Dann sp\u00fcrte man im Bundesverband offenbar endlich ein Legitimationsproblem. Oder konnte die Kritik an der Vergabepraxis nicht mehr h\u00f6ren. Oder es selbst nicht mehr ertragen, kommerziell h\u00f6chst erfolgreiche Schlagerstars auszeichnen und auftreten zu lassen zu m\u00fcssen, die un\u00fcberh\u00f6rbar Musik f\u00fcr Menschen machen, die bestimmt und zu Recht irgendetwas m\u00f6gen &#8211; nur eben auf keinen Fall\u00a0Musik.<\/p><\/blockquote>\n<p>Und genau das sind die Gr\u00fcnde, warum mich als ausgesprochen passionierter Musikh\u00f6rer dieser Preis noch nie die Bohne interessiert hat, da es eben um Musik f\u00fcr Leute geht, die eigentlich keine Musikh\u00f6rer sind, sondern nur eben irgendwie Dudelkonsumenten und Dabei-sein-Woller. Das kann man nat\u00fcrlich gern so machen, aber dann sollte man sich auch nicht beschweren, wenn der Geschmack dieser Zielgruppe dann irgendwann auch entsprechend so durchschl\u00e4gt, wie es jetzt bei den Dumpf-Rappern der Fall war. Wenn der Kommerz regiert, bleiben guter Geschmack, Anstand, Ethik und k\u00fcnstlerisch Haltung eben auf der Strecke.<\/p>\n<p>Und deswegen finde ich auch diejenigen, die nun ihre Echos, die sie in vorherigen Jahren verliehen bekommen haben, zur\u00fcckgeben, schon ein bisschen scheinheilig. Als wirklich ernsthafter K\u00fcnstler h\u00e4tte man m. E. eine solche Auszeichnung besser gar nicht erst annehmen sollen, denn es ist ja schon l\u00e4nger klar, dass man sich da dann nicht eben in musikalisch bester Gesellschaft befindet. Nun noch auf den PR-Zug der Echo-Massenr\u00fcckgabe aufzuspringen hinterl\u00e4sst bei mir zumindest einen eher schalen Nachgeschmack, das ganze noch als Eigenwerbung ausschlachten zu wollen. Wobei: Wer so einen Echo bekommen hat, ist ja in den allermeisten F\u00e4llen eh nicht an musikalischer Integrit\u00e4t interessiert, sondern vor allem an Verkaufszahlen.<\/p>\n<p>Insofern finde ich die ganze Aufregung nun eigentlich ganz gut, denn vielleicht f\u00fchrt sie ja dazu, dass dieser uns\u00e4gliche Echo in der Mottenkiste verschwindet. So eine Veranstaltung, zumal auch immer mit gro\u00dfem medialen Tamtam inszeniert, bewirkt m. E. n\u00e4mlich, dass die wirklich guten, innovativen und interessanten Musiker und Bands, die es in Deutschland zweifelsohne gibt, noch weiter unter dem \u00f6ffentliche Radar fliegen, als das in Zeiten von Formatradio und Bl\u00f6d-TV eh schon der Fall ist. F\u00fcr die richtigen Musiker kann es also nur positiv sein, wenn die Kommerzgeier der Branche sich selbst gegenseitig demontieren.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nachdem Dirk ja gestern bereits ein Statement zur Echo-Verleihung hier auf unterst\u00f6mt gepostet hat, wollte ich nun dennoch heute noch mal nachlegen, da mich diese PR-Veranstaltung der deutschen Musikindustrie schon l\u00e4nger ein bisschen \u00e4rgert. 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