{"id":1060,"date":"2013-11-16T18:09:15","date_gmt":"2013-11-16T16:09:15","guid":{"rendered":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=1060"},"modified":"2016-04-10T22:59:45","modified_gmt":"2016-04-10T20:59:45","slug":"rettung-des-rentensystems-es-wird-immer-absurder","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=1060","title":{"rendered":"Rettung des Rentensystems \u2013 es wird immer absurder"},"content":{"rendered":"<p>Der Focus schreibt heute:\u00a0<em><a href=\"http:\/\/www.focus.de\/finanzen\/altersvorsorge\/tid-30014\/weniger-rente-fuer-kinderlose-so-wollen-experten-das-rentensystem-retten_aid_937363.html\" target=\"_blank\">So wollen Experten das Rentensystem retten<\/a>.<\/em> Na ja, bei der Ausrichtung des Focus kann man sich ja schon in etwa vorstellen, was da dann so kommt, aber dieser Artikel ist wirklich eine H\u00f6chstleistung im Niveau-Limbo, da nahezu alle falschen Klischees bem\u00fcht werden, die uns seit Jahren zum Thema Rente immer und immer wieder aufgetischt werden.<\/p>\n<p>Doch schauen wir uns mal im Einzelnen an, was dort so verbreitet wird:<\/p>\n<blockquote><p>Weniger Geld im Alter und h\u00f6here Beitr\u00e4ge f\u00fcr die Rentenversicherung \u2013 darauf muss sich Deutschland einstellen, wenn sich nichts Grundlegendes \u00e4ndert. Selbst eine weitere Anhebung des Renteneintrittsalters, h\u00f6here L\u00f6hne und eine gute Entwicklung der Konjunktur \u00e4ndern daran wenig, so eine Studie der Ruhr-Universit\u00e4t Bochum im Auftrag der Bertelsmann Stiftung, die am Montag ver\u00f6ffentlicht wurde.<\/p><\/blockquote>\n<p>Tja, das Szenario kennen wir ja schon hinl\u00e4nglich, und Altersarmut ist mittlerweile ein durchaus pr\u00e4sentes Thema \u2013 nur vermutlich (noch) nicht f\u00fcr die Leserschaft des Focus. Interessant wird es nat\u00fcrlich, wenn man sieht, wer denn da zu irgendwelchen Forschungsergebnissen gekommen ist, und siehe da: eine Studie im Auftrag von Bertelsmann. <i>Wes Geld ich nehm, des Lied ich sing<\/i>, sagt der Volksmund und trifft damit ziemlich ins Schwarze. Wer ein bisschen mehr \u00fcber Bertelsmann erfahren m\u00f6chte, dem sei empfohlen, <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?s=bertelsmann&amp;Submit.x=0&amp;Submit.y=0\" target=\"_blank\">hier<\/a>\u00a0auf den Nachdenkseiten ein bisschen zu st\u00f6bern, da findet sich etliches Interessantes dazu, was vor allem zeigt, dass das nicht nur irgendwelche putzig-harmlosen Fernsehmacher sind, sondern dass Bertelsmann schon immer vorn mit dabei ist, wenn es darum geht, neoliberales Gedankengut zu transportieren und auch umzusetzen (so wie beispielsweise auch die Privatisierung der Rente).<\/p>\n<blockquote><p>Das Kernproblem der deutschen Rentenversicherung ist der demografische Wandel: Immer mehr Rentner m\u00fcssen von immer weniger Arbeitnehmern alimentiert werden. Heute betr\u00e4gt der Anteil der \u00fcber 65-J\u00e4hrigen an der deutschen Bev\u00f6lkerung 30 Prozent. Bis zum Jahr 2060 wird er sich nach Berechnungen der Experten auf 63 Prozent verdoppeln. Au\u00dferdem steigt die Lebenserwartung. Schon heute versorgen drei Arbeitnehmer einen Rentner. Im Jahr 2030 werden es nur noch zwei Beitragszahler sein.<\/p><\/blockquote>\n<p>Da ist sie wieder, die L\u00fcge von der Demografie. Immer wieder gern und oft verbreitet, aber dadurch wird sie trotzdem nicht wahrer. Wie viel Geld f\u00fcr die Rentner in einer Gesellschaft aufgebracht werden kann, h\u00e4ngt weniger mit deren Altersstruktur zusammen als mit der wirtschaftlichen Produktivit\u00e4t. Einfach gesagt: Wenn irgendwo zehn Leute sind, einer davon alt und nicht mehr arbeitsf\u00e4hig ist, die anderen neun aber nicht wirklich was Produktives auf die Reihe bekommen, dann wird es schwer, den einen Alten mit zu versorgen. In einer anderen Gruppe von zehn Leuten, in der nur f\u00fcnf arbeiten und f\u00fcnf altersbedingt versorgt werden m\u00fcssen, stellt sich das nicht als Problem heraus, wenn die f\u00fcnf Arbeitenden in der Lage sind, ordentlich produktiv zu sein. Nicht so kompliziert, oder?<\/p>\n<p>Man kann sich hierf\u00fcr auch einfach mal die Situation vor Augen f\u00fchren, wie sie in Deutschland um 1900 vorzufinden war im Vergleich zu 1980: Die Menschen wurden nicht so alt, es gab also wesentlich weniger Rentner, die zudem noch weniger Jahre Rente bekommen haben (s. hierzu die <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=18938\" target=\"_blank\">Anmerkung von Gerd Bosbach zu Punkt 8. c<\/a>). Schon damals h\u00e4tte man in Bezug auf 1980 genauso ein Szenario malen k\u00f6nnen, wie das heute im Hinblick auf 2050 oder 2060 gemacht wird: Oh je, alle werden \u00e4lter, und es werden weniger Menschen geboren &#8211; wie sollen wir denn dann blo\u00df sp\u00e4ter mal die Renten bezahlen? Tja, nun hat das aber doch ganz gut geklappt, und die Renten waren dann 70, 80 Jahre sp\u00e4ter sogar deutlich h\u00f6her als noch 1900. Wieso? Ganz einfach: Die Produktivit\u00e4tsgewinne der Wirtschaft sind zu einem guten Teil in den Taschen derjenigen gelandet, die diese Gewinne auch erarbeitet haben. Das ist seit den 1990er-Jahren nicht mehr der Fall (s. dazu <a href=\"http:\/\/www.bpb.de\/nachschlagen\/zahlen-und-fakten\/soziale-situation-in-deutschland\/61766\/lohnentwicklung\" target=\"_blank\">hier<\/a>), was nun nicht bedeutet, dass es keine Produktivit\u00e4tsgewinne mehr gibt, nur werden diese eben seitdem recht einseitig verteilt, sodass die Lohnquote immer niedriger ausf\u00e4llt und gro\u00dfe private Verm\u00f6gen sowie Kapitalmarktertr\u00e4ge enorme Zuw\u00e4chse zu verzeichnen haben. Und diese zahlen nun mal nicht so richtig in die Sozialkassen ein &#8230;<\/p>\n<p>Ein weiterer Aspekt sind die demografischen Prognosen. Wolfgang Lieb bezeichnet diese <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=15860#more-15860\" target=\"_blank\">hier<\/a>\u00a0sehr treffend als Kaffeesatzleserei, aber leider werden uns diese Voraussagen ja st\u00e4ndig, wie auch hier im Focus-Artikel, als quasi unumst\u00f6\u00dfliche Wahrheiten pr\u00e4sentiert. Man stelle sich dabei nur mal vor, wie wohl im Jahre 1913 solche Prognosen f\u00fcr das Jahr 1970 ausgesehen h\u00e4tten \u2013 vermutlich komplett anders, als die tats\u00e4chliche Bev\u00f6lkerungsstruktur sich dann durch zwei Weltkriege, Babyboom und Pillenknick tats\u00e4chlich entwickelte. Und wenn man nun auch noch ber\u00fccksichtigt, dass die Entwicklung der Steigerung des Lebensalters bei reichen Menschen deutlich anders aussieht als bei armen (s. dazu <a href=\"http:\/\/www.heise.de\/tp\/artikel\/40\/40064\/1.html\" target=\"_blank\">hier<\/a>) und wir mit zunehmend armen alten Menschen zu rechnen haben, dann werden solche Vorausberechnungen komplett irrwitzig.<\/p>\n<p>Was soll man also von einer wissenschaftlichen Studie halten, die nicht nur von volkswirtschaftlich falschen Zusammenh\u00e4ngen ausgeht, sondern sich auch noch auf zwangsl\u00e4ufig extrem unpr\u00e4zises Datenmaterial st\u00fctzt? Richtig: gar nichts!<\/p>\n<blockquote><p>Damit das System finanzierbar und leistungsf\u00e4hig bleibt, fordern die Wissenschaftler einen grundlegenden Umbau der Alterssicherung. Als eine Option schlagen sie vor, dass k\u00fcnftig auch Selbstst\u00e4ndige und Beamte Beitr\u00e4ge in die gesetzliche Rentenversicherung einzahlen.<\/p><\/blockquote>\n<p>Jetzt wird es abenteuerlich, denn nun kommen die L\u00f6sungsvorschl\u00e4ge. Da wird uns die ganze Zeit gepredigt, dass das Umlageverfahren ja nun aufgrund der Demografie nicht mehr tragf\u00e4hig sei, und dann sollen auf einmal diejenigen, die bisher nicht daran teilhaben, genau auch in die gesetzliche Rente miteinbezogen werden. Was denn nun? Entweder man st\u00e4rkt das Umlageverfahren oder aber man demontiert es (wie ja durch etliche Ma\u00dfnahmen der letzten Jahre \u2013 Senkung des Rentensatzes, Nullrunden f\u00fcr Rentner, Erh\u00f6hung des Renteneintrittsalters usw. \u2013 geschehen). Ein Konzept kann ich bei solchen Vorschl\u00e4gen nicht im Ansatz erkennen. Aber darum geht es vermutlich auch gar nicht.<\/p>\n<blockquote><p>Als weiteren Vorschlag f\u00fcr ein bezahlbares Rentensystem bringen die Forscher eine \u201eBasisrente mit Fertilit\u00e4tsfaktor\u201c ins Gespr\u00e4ch, bei der die Zahl der Kinder ber\u00fccksichtigt wird. Es sei eine \u201eFehlkonstruktion\u201c, so die Forscher, dass die Renten im derzeitigen Umlagesystem immer vom Einkommen der k\u00fcnftigen Generation abhingen, die Kosten f\u00fcr diese Generation aber nur die Familien tr\u00fcgen \u2013 und nicht die kinderlosen Erwachsene. [&#8230;]<\/p>\n<p>Deshalb wollen die Forscher diesen Nachteil mit einer \u201eKinderrente\u201c ausgleichen. Die funktioniert so: Im ersten Schritt wird der Beitragssatz f\u00fcr die Rentenversicherung eingefroren. Jeder erh\u00e4lt nur noch eine Basisrente. Der zweite Schritt ist die Einf\u00fchrung der \u201eKinderrente\u201c. Sie gew\u00e4hrt allen Eltern im Rentenalter Leistungen, die sich an der Zahl ihrer Kinder bemessen. Wer drei Kinder und mehr hat, kommt zusammen mit der Basisrente auf ein Rentenniveau, das mit 48 Prozent des Jahresdurchschnittseinkommens etwa dem heutigen entspricht. Wer weniger als drei oder gar keine Kinder hat, erh\u00e4lt nur geringere oder sogar gar keine Zuschl\u00e4ge auf die Basisrente und muss privat f\u00fcrs Alter vorsorgen. \u201eVon Kinderlosen und Kinderarmen w\u00fcrde zus\u00e4tzlich ein deutlich h\u00f6heres Ma\u00df an privater Altersvorsorge verlangt\u201c, hei\u00dft es in der Studie. Das werde sich wom\u00f6glich \u201elangfristig positiv auf die Fertilit\u00e4t\u201c auswirken, mutma\u00dfen die Forscher.<\/p><\/blockquote>\n<p>Mal davon abgesehen, dass auch durch die Steuern von Kinderlosen \u00f6ffentliche Infrastruktur, die in erster Linie Kindern zugutekommt (z. B. Schulen), bezahlt werden, birgt dieser Vorschlag nun allerhand sozialen Sprengstoff.<\/p>\n<p>Was ist denn beispielsweise mit Menschen, die aus gesundheitlichen Gr\u00fcnden keine Kinder bekommen k\u00f6nnen? Die d\u00fcrfen also ihr Leben lang ackern, nur um dann im Alter von nicht mehr als der Grundsicherung leben zu k\u00f6nnen. Homosexuelle trifft dies genauso, sodass hier eine massive Diskriminierung von Staatsseite gefordert wird.<\/p>\n<p>Zudem finde ich es bedenklich, die Familienplanung mit monet\u00e4ren Anreizen beeinflussen zu wollen. Klar, Eltern brauchen zus\u00e4tzliche Leistungen vom Staat, weil Kinder eben einiges kosten, aber ist es wirklich sinnvoll, Kinderkriegen zum Zwang zu machen, damit man sp\u00e4ter im Alter nicht in Armut leben muss? Und was f\u00fcr Menschen werden dann gerade dazu gebracht, m\u00f6glichst viele Kinder in die Welt zu setzen? Wohl eher nicht diejenigen, die dies aus guter \u00dcberlegung und ehrlichem Kinderwunsch heraus machen, sondern diejenigen, die sich Geldvorteile davon versprechen. Tolle Voraussetzungen f\u00fcr liebende Eltern &#8230; Und warum dann nicht auch gleich wieder das <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Mutterkreuz\" target=\"_blank\">Mutterkreuz<\/a> aus der Mottenkiste der deutschen Geschichte hervorkramen, wenn man schon mal dabei ist, Kinderreichtum zur Staatsr\u00e4son zu erkl\u00e4ren?<\/p>\n<p>Aber die L\u00f6sung f\u00fcr alle anderen wird ja auch gleich mitgeliefert: die private Rentenversicherung. Dass zahlreiche Anbieter dieser Finanzprodukte mittlerweile aufgrund der Finanzkrise nicht mehr in der Lage sind, die ehedem gemachten Renditeversprechen einzuhalten, und dass uns sp\u00e4testens der Kollaps des Finanzwesens 2008 gezeigt hat, dass auch gro\u00dfe Banken und Versicherungen einfach so pleitegehen k\u00f6nnen \u2013 geschenkt! Das passt schlie\u00dflich nicht ins neoliberale Weltbild, das hier durch diesen Artikel vermittelt werden soll. Und vor allem w\u00fcrde so was auch die Anzeigenkunden, die direkt unter dem Artikel ihre Werbung f\u00fcr Riester- und R\u00fcrup-Produkte platziert haben, nicht erfreuen &#8230;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Focus schreibt heute: So wollen Experten das Rentensystem retten. 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