{"id":1076,"date":"2013-11-19T13:54:06","date_gmt":"2013-11-19T11:54:06","guid":{"rendered":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=1076"},"modified":"2014-08-09T16:52:34","modified_gmt":"2014-08-09T14:52:34","slug":"geld-verdirbt-den-charakter","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=1076","title":{"rendered":"Geld verdirbt den Charakter"},"content":{"rendered":"<p>So sagt zumindest der Volksmund. Dass da einiges dran ist, zeigte mir dieses kurze\u00a0<a href=\"http:\/\/www.whydontyoutrythis.com\/2013\/07\/take-two-normal-people-add-money-to-just-one-of-them-and-watch-what-happens-next.html\" target=\"_blank\">Video<\/a>, auf das ich gestern via Facebook aufmerksam geworden bin. Leider ist es auf Englisch, daher eine kurze Zusammenfassung f\u00fcr diejenigen, die damit eventuell Verst\u00e4ndnisprobleme haben.<\/p>\n<p>Es geht dabei um eine Untersuchung, die in den USA durchgef\u00fchrt wurde und die das Sozialverhalten von wohlhabenden und weniger wohlhabenden Menschen untersucht. Dabei kam heraus, dass sich die besser Situierten generell asozialer, d. h. r\u00fccksichtsloser, egoistischer, gieriger, selbstgef\u00e4lliger usw., verhalten, was in einigen Versuchsreihen getestet wurde, z. B. als es darum ging, ob sich Testanden an Bonbons, die eigentlich f\u00fcr Kinder bestimmt sind, bedienen oder nicht. Und es geht noch weiter: Es wurden anhand eines Monopoly-Spiels Bedingungen geschaffen, die dem einen Spieler deutliche und auch offensichtliche Vorteile gegen\u00fcber dem anderen gew\u00e4hrten, indem er beispielsweise bessere Bedingungen beim W\u00fcrfeln (zweimal mit zwei W\u00fcrfeln statt einmal mit einem) zugesprochen bekam und auch mehr Geld einziehen durfte beim \u00dcber-Los-Gehen. Interessanterweise hat die Schaffung eines solchen <em>virtuellen Wohlstands<\/em> nun schon zu Verhaltensmustern gef\u00fchrt, die den zuvor geschilderten der wirklich Wohlhabenden entsprechen. Es reicht also schon aus, das Gef\u00fchl einer materiellen \u00dcberlegenheit in einer Spielsituation zu simulieren, um soziale Verhaltensweisen zu reduzieren.<\/p>\n<p>Ich wurde beim Schauen dieses Videos an eine Studie erinnert, von der ich vor gut zwei Jahren etwas las und die <a href=\"http:\/\/www.nzz.ch\/aktuell\/wirtschaft\/uebersicht\/destruktive-dynamik-im-handelsraum-1.12641170\" target=\"_blank\">hier<\/a>\u00a0vorgestellt wird. Darin kamen die Untersuchenden zu dem Ergebnis, dass sich in einer Spielsituation professionelle Trader (Banken, Rohstoffhandel, Hedgefonds) r\u00fccksichtsloser, weniger kooperativ agierend und somit insgesamt sozialunvertr\u00e4glicher verhielten als diagnostizierte Psychopathen aus Hochsicherheitskliniken. Und auch <em>Die Zeit<\/em> hat vor zwei Jahren eine Typologie der psychopathischen St\u00f6rungen in F\u00fchrungsebenen (<a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/karriere\/beruf\/2011-09\/managertypen-psychopathen-chef\" target=\"_blank\">Psychopathen in der Chefetage<\/a>) aufgestellt mit der Feststellung, dass es anscheinend f\u00fcr dissoziale Pers\u00f6nlichkeiten einfacher ist, auf der Karriereleiter nach oben zu kommen als f\u00fcr Menschen mit hoher Empathie und sozialeren Einstellungen.<\/p>\n<p>Nun m\u00f6chte ich noch diesen <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=10832\" target=\"_blank\">Text<\/a>\u00a0von G\u00f6tz Eisenberg hinzuziehen, in dem recht differenziert aufgezeigt wird, wie psychische St\u00f6rungen zur gesellschaftlichen Normalit\u00e4t werden aufgrund von wirtschaftlichen, technischen und politischen Entwicklungen. Narzisstische Verhaltensweisen werden beispielsweise schon so weit als normal akzeptiert, dass \u00fcberlegt wurde, diese psychische St\u00f6rung nicht mehr im Diagnosehandbuch DSM der Amarican Psychiatric Association aufzuf\u00fchren. Und damit nicht genug:<\/p>\n<blockquote><p>Schon zeichnen sich am psycho-historischen Horizont neue Verschiebungen ab. Die hinter uns liegenden, von der Praxis des Neoliberalismus gepr\u00e4gten eisigen Jahre haben die Menschen selbst eisig werden lassen und ihre Innenwelt in eine Gletscherlandschaft eingefrorener Gef\u00fchle verwandelt. Sie k\u00f6nnen gar nicht anders, als diese K\u00e4lte weiterzugeben und auf ihre Umgebung abzustrahlen. Es macht einen nicht zu untersch\u00e4tzenden Unterschied, ob man in einer Gesellschaft aufw\u00e4chst und lebt, in der schwachen und nicht oder weniger leistungsf\u00e4higen Mitmenschen solidarisch beigesprungen und unter die Arme gegriffen wird, oder in einer, in der sie der Verelendung preisgegeben und als sogenannte Loser zu Objekten von Hohn und Spott werden.<\/p><\/blockquote>\n<p>Daraufhin gibt Eisenberg dann auch die entsprechende Typisierung der psychologischen St\u00f6rung, die aus diesen gesellschaftlichen Entwicklungen resultiert und die immer mehr als Normalit\u00e4t akzeptiert wird:<\/p>\n<blockquote><p>Das Innenleben des allseits kompatiblen und fungiblen Menschen, den Markt, Wirtschaft und P\u00e4dagogik propagieren, weist eine gro\u00dfe \u00c4hnlichkeit mit dem eines Menschentypus auf, den wir heute noch als \u201ePsychopathen\u201c stigmatisieren und den Gef\u00e4ngnissen und forensischen Psychiatrien \u00fcberantworten. Wenn hier vom \u201ePsychopath\u201c die Rede ist, ist nicht die umgangssprachliche Bedeutung gemeint, die darunter einen \u201edurchgeknallten, unberechenbar-brutalen Typ\u201c versteht, sondern eine psychiatrische Diagnose, die in j\u00fcngerer Zeit von den amerikanisch-kanadischen Psychiatern Cleckley und Hare formuliert wurde. Die Diagnosemanuale beschreiben den \u201ePsychopath\u201c als zur Einf\u00fchlung in andere unf\u00e4hig, oberfl\u00e4chlich charmant, anpassungsf\u00e4hig, zynisch-kalt, bindungs- und skrupellos und ausschlie\u00dflich an privater Nutzenmaximierung interessiert. Das sind genau die Eigenschaften, die die Hasardeure und Gurus der New Economy und der Finanzwelt aufweisen, die uns an den Rand des Abgrunds man\u00f6vriert haben und weiter man\u00f6vrieren.<\/p><\/blockquote>\n<p>So ergibt sich ein recht erschreckendes Gesamtbild f\u00fcr unsere sogenannten Eliten: Aufgrund von hohem Wohlstand wird ihnen quasi asoziales Verhalten mit in die Wiege gelegt (gut zu sehen bei solchen Typen wie zu Guttenberg, dessen Unrechtsbewusstsein nun ja augenf\u00e4llig ausgesprochen rudiment\u00e4r entwickelt ist), um unter ihresgleichen erfolgreich zu sein, m\u00fcssen sie dissoziale Verhaltensweisen auspr\u00e4gen, die sie dann auch noch an den Rest der Gesellschaft weitergeben, beispielsweise \u00fcber Medienmacht (s. hierzu auch den Artikel <a href=\"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=885\" target=\"_blank\">Verrohung als Prinzip<\/a>\u00a0hier auf unsterstr\u00f6mt) und die Definition gesellschaftlicher Wertma\u00dfst\u00e4be. Und das sind nun also diejenigen, von denen die meisten Menschen immer noch erwarten, dass sie tats\u00e4chlich im Sinne eines Gemeinwesens agieren werden. Ich kann diese Erwartung leider nicht so recht teilen &#8230;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>So sagt zumindest der Volksmund. Dass da einiges dran ist, zeigte mir ein kurzes Video, auf das ich gestern via Facebook aufmerksam geworden bin. Dar\u00fcber hinaus gibt es mittlerweile deutliche Anzeichen daf\u00fcr, dass psychopathische St\u00f6rungen vermehrt bei Menschen in F\u00fchrungspositionen zu finden sind, was insgesamt eine desastr\u00f6se Melange ergibt.<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[52,51],"tags":[116,72,117,118],"class_list":["post-1076","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-soziales","category-wirtschaftliches","tag-eliten","tag-entsolidarisierung","tag-narzissmus","tag-psychopathen"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1076","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1076"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1076\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1088,"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1076\/revisions\/1088"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1076"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1076"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1076"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}