{"id":10890,"date":"2018-06-01T10:23:37","date_gmt":"2018-06-01T08:23:37","guid":{"rendered":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=10890"},"modified":"2018-06-03T16:25:45","modified_gmt":"2018-06-03T14:25:45","slug":"politik-als-mittel-zur-selbstdarstellung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=10890","title":{"rendered":"Politik als Mittel zur Selbstdarstellung"},"content":{"rendered":"<p>Manche Dinge lassen sich in ihrem zeitlichen Verlauf schwer beurteilen, da man selbst ja eine Entwicklung durchmacht (vom Kind zum Teenager zum Erwachsenen, wenn es gut l\u00e4uft). Daher ist es g\u00e4ngig, dass\u00a0\u201efr\u00fcher alles besser war\u201c, obgleich vieles heute besser ist (aber eben sicher nicht alles und f\u00fcr jeden). Gerade in Sachen Politik habe ich mich in jungen Jahren weniger f\u00fcr die Personen als f\u00fcr die vertretene Meinung interessiert. Trotzdem spielten Sympathien und Aversionen sicher auch da schon eine Rolle.<\/p>\n<p>Diese Woche lief ein <a href=\"https:\/\/www.zdf.de\/politik\/frontal-21\/russlanddeutsche-neue-heimat-afd-100.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">achtmin\u00fctiger Beitrag<\/a> bei <em>Frontal21<\/em> (<em>ZDF<\/em>) zum Thema \u201eRusslanddeutsche &#8211; neue Heimat AfD\u201c. Es geht um das\u00a0\u201eEinfangen von W\u00e4hlerstimmen\u201c und wenig um die Vermittlung der eigenen, politischen Ziele. Wie sonst w\u00e4re es zu erkl\u00e4ren, dass\u00a0Zuwanderer Stimmung gegen Zuwanderung machen und dabei (wie scheinbar so viele andere) s\u00e4mtliche negativen Auswirkungen dieser Politik ausblenden? Ist es der hier mal geschilderte\u00a0<a href=\"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=9944\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">komplette Realit\u00e4tsverlust<\/a>? Oder geht es in dem oben verlinkten Beitrag vielleicht bei den W\u00e4hlern nicht weniger um Selbstdarstellung, als bei den politischen Akteuren (fast aller Couleur)?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Die w\u00e4hlenden Darsteller<\/strong><\/p>\n<p>Eigentlich sollte es hier nur um die politischen Akteure gehen, aber immer mehr f\u00e4llt mir auf, wie wenig das Wahlverhalten mit der politischen Einstellung zu tun hat. Wer eine SPD w\u00e4hlt, weil er sich eine sozialdemokratische Politik w\u00fcnscht, der hat sich genauso wenig mit dem gelebten Parteiprogramm besch\u00e4ftigt (Agenda 2010? Privatrente?) wie der ver\u00e4ngstigte Mittelst\u00e4nder und AfD-W\u00e4hler mit deren gelebtem Parteiprogramm (Rente? Krankenversicherung? Meinungsfreiheit? Steuergerechtigkeit?). Auch f\u00fcr sogenannte Linke gibt es ja kaum etwas Schlimmeres, als nicht im Herdentrieb jeder noch so utopischen Idee hinterherzujagen, wenn der revolution\u00e4re Mainstream und das pers\u00f6nliche Umfeld es verlangen (Unbegrenzte Zuwanderung?). So auch ich gelegentlich. ;)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Die zu w\u00e4hlenden Darsteller<\/strong><\/p>\n<p>Ein gerade hier auf <em>unterstr\u00f6mt<\/em> erschienener Beitrag beschreibt es mit der SPD: <a href=\"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=10881\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Die Erneuerung ist abgeschlossen<\/a>, denn sie hat nie wirklich begonnen. Die Transformation der Politik zu einer Castingshow ist fast abgeschlossen: Die politischen Akteure wechseln ihre Meinung je nach Umfragewerte und Beliebtheit von Themen, sie besch\u00e4ftigen die Jungen ihrer Partei mit der permanenten Befeuerung der (un)sozialen Medien, und der einzige politische Kampf ist der um einen Posten in einem der Ministerien. Es wird an allen Ufern nach (undifferenziertem) Zuspruch gefischt, und kaum jemand ist sich zu schade f\u00fcr eine wie auch immer geartete Koalition, solange ein pers\u00f6nlicher Vorteil daraus resultiert. Zu gern w\u00fcrde ich wissen, aus welchen egomanen Gr\u00fcnden Christian Lindner (FDP) die Koalitionsverhandlungen hingeschmissen hat &#8211; es war wohl kein Ministerposten in Aussicht gestellt worden.<\/p>\n<p>Die politische Linie wird schon seit Langem von Konzernen und deren Lobbyisten vorgegeben, gerade in den verkrusteten Strukturen der Ministerien, wo die Politiker kaum mehr sind als Verk\u00fcnder oder Pressesprecher. Auch sie leiden wahrscheinlich unter dem Dauerstress unserer modernen (Un-)Informationsgesellschaft und halten sich an jedem Halm fest, der ihnen gereicht wird. Und darauf zielt eben auch deshalb ihr Verhalten ab: ein m\u00f6glichst effizienter und auff\u00e4lliger Vorturner zu sein, um von einem Ministeramt ins n\u00e4chste, von einer Talkshow zur n\u00e4chsten, von einem Vorstandsposten in der freien Wirtschaft zum anderen zu gelangen. Getreu dem neoliberalen Kurs:\u00a0\u201eWas z\u00e4hlt, bin ich!\u201c Dabei ist eine eigene Meinung nicht mehr als ein st\u00f6render Faktor.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Die Qual der Darstellung<\/strong><\/p>\n<p>Aus meiner Sicht laufen hier einige Entwicklungen zusammen, die diesen Umstand beg\u00fcnstigen: Zum einen ist das politische System in seiner derzeitigen Form darauf ausgelegt, dass auf ihrem Sachgebiet unerfahrene Minister durch die Ministerien gereicht werden. So k\u00f6nnen die bestehenden Strukturen in den Ministerien einen Gro\u00dfteil ihrer Arbeit unver\u00e4ndert weiterf\u00fchren, wie es \u00fcber die Jahre durch die massive Zuarbeit der Lobbyisten und Verb\u00e4nde etabliert wurde (es ist ja auch sch\u00f6n bequem Gutachten, Gesetze und Umfragewerte von anderen erheben und entwickeln zu lassen, w\u00e4hrend mach sich zu einem geselligen Essen mit verbalem Interessenaustausch im Vier Jahreszeiten trifft &#8230; schade, dass dies eher von Konzernen als vom B\u00fcrgertum arrangiert wird).<\/p>\n<p>Dann haben wir da den anerzogenen Drang zur Selbstdarstellung, der beim politischen Establishment scheinbar nicht weniger ausgepr\u00e4gt ist als bei Schauspielern, denen die Selbstdarstellung in vielen F\u00e4llen auch mehr am Herzen liegt als eine eigene Meinung mit Hang zur Selbstkritik und -reflexion. Es scheint also mittlerweile wichtiger, etwas Prominentes oder Provokatives zu\u00a0\u201eposten\u201c, als eine Meinung \u00fcber einen l\u00e4ngeren Zeitraum zu erarbeiten und dann auch zu vertreten. Selbstoptimierung nicht im Sinne einer Entwicklung der Pers\u00f6nlichkeit, sondern im Sinne der Entwicklung eines Selbstbildes f\u00fcr die \u00d6ffentlichkeit. Tritt man einen Schritt zur\u00fcck, wird die Kurzlebigkeit dieser Selbstdarstellung in Zeiten des Informations\u00fcberflusses klar, aber diese Zeit scheint sich kaum einer nehmen zu wollen oder zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das wirft mich zur\u00fcck auf mich selbst, denn ich schreibe mit an einem Blog und nehme damit auch bewusst Einfluss auf das Bild, was \u201edie \u00d6ffentlichkeit\u201c von mir hat. Wenn ich nun einmal ausblende, dass ich keinen der (un)sozialen Medien folge (Facebook, Instagram, Twitter &#8230;) und auch keinerlei finanziellen Vorteil f\u00fcr mich zu erwarten habe (denn wir schalten ja nicht einmal Werbung hier auf <em>unterstr\u00f6mt<\/em>), dann bleibt noch, das soziale Umfeld zu beeindrucken &#8230; allerdings liest praktisch keiner meiner Bekannten, Verwandten und Freunde diesen Blog. Es w\u00e4re also aus meiner Sicht ein quasi revolution\u00e4rer (R\u00fcck-)Schritt, wenn politische Meinung auf der eigenen, selbst erarbeiteten und erdachten Meinung fu\u00dft anstatt auf der Aufmerksamkeit durch Dritte. Da war vielleicht fr\u00fcher einmal wirklich etwas besser &#8230;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Manche Dinge lassen sich in ihrem zeitlichen Verlauf schwer beurteilen, da man selbst ja eine Entwicklung durchmacht (vom Kind zum Teenager zum Erwachsenen, wenn es gut l\u00e4uft). 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