{"id":11030,"date":"2018-06-18T14:31:40","date_gmt":"2018-06-18T12:31:40","guid":{"rendered":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=11030"},"modified":"2018-06-18T15:22:50","modified_gmt":"2018-06-18T13:22:50","slug":"smartphones-die-digitalisierte-form-der-grossstadt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=11030","title":{"rendered":"Smartphones, die digitalisierte Form der Gro\u00dfstadt"},"content":{"rendered":"<p>Ein Smartphone ist ein n\u00fctzliches Werkzeug f\u00fcr viele Dinge: Es zeigt uns unsere Position und den Weg zu einem Ziel, hilft bei der Organisation von Terminen und anderen Informationen, und man kann sogar damit telefonieren! Was es aus meiner Sicht nicht sein kann: sozial. Auch wenn die Vernetzung die Welt kleiner macht (Informationen aus jedem Winkel der Welt k\u00f6nnen fast in Echtzeit abgerufen werden), so verlieren viele den Bezug zum direkten Umfeld. Die Werkzeuge hierf\u00fcr sind unterschiedlich:<\/p>\n<ul>\n<li>Abschottung durch permanente Musikzufuhr (Walkman)<\/li>\n<li>Dauerkonsum von Filmen, Videos oder Bildern (YouTube, Instagram &#8230;)<\/li>\n<li>Spiele, R\u00e4tsel und Denksport (Sudoku)<\/li>\n<li>Orientierung (Smartphone statt fragen)<\/li>\n<li>Informationsbeschaffung w\u00e4hrend eines pers\u00f6nlichen Gespr\u00e4ches<\/li>\n<\/ul>\n<p>Gerade der letzte Punkt ist eine der unsozialsten Gesten, die es fr\u00fcher so nicht gab. Klar, auch fr\u00fcher sa\u00dfen viele in der Bahn und lasen ihre Zeitung oder ein Buch. Dass ich aber mitten in einer Unterhaltung mein Smartphone herausziehe, um zu recherchieren, wie dieser Schauspieler oder Film hie\u00df, jenes die Hauptstadt von irgendeinem Land ist oder Angelina Jolie das x-te Kind adoptiert hat, das ist erst mit dem Smartphone und dem Internet aufgekommen. Gerade in meinem Umfeld merken die Leute es selbst nicht, wie h\u00e4ufig sie das Smartphone f\u00fcr solche Belanglosigkeiten z\u00fccken.<\/p>\n<p>Die sogenannten\u00a0\u201esozialen Medien\u201c fehlen in der Aufstellung oben komplett, da diese mit dem Leben in einer Gro\u00dfstadt korrespondieren und Kern dieses Beitrags sind. <strong>Der Mensch ist grunds\u00e4tzlich ein soziales Wesen<\/strong>, welches seit seiner fr\u00fchsten Geschichte in Gruppen lebt (nat\u00fcrlich gibt es sogenannte Einzelg\u00e4nger, die aber auch selten ohne die Zuarbeit anderer existieren). Ich habe also ein \u00fcberschaubares Umfeld, mit dem ich Ressourcen und kulturelle Handlungen teile. Die Pervertierung dieser Lebensweise begann vor vielen Jahrhunderten mit den Gro\u00dfst\u00e4dten: Ich kenne meine Nachbarn nicht mehr pers\u00f6nlich, und Menschen werden zu Objekten, die eine Funktion erf\u00fcllen (der Verk\u00e4ufer, die Polizistin oder die Obdachlosen).<\/p>\n<p>Diese Entwicklung hat in meinen Augen jetzt ein \u00c4quivalent durch das Smartphone erhalten: Man hat Kontakt zu Menschen, muss sich aber nicht mit diesen auseinandersetzen, und die Kontakte sind gr\u00f6\u00dftenteils unverbindlich und austauschbar (selektiertes Beantworten und Nichtbeantworten von Posts, Tweets und Nachrichten, Ignorieren und Sperren von Benutzern, \u201eFreunde\u201c durch ausgew\u00e4hlte Filter suchen etc.).<\/p>\n<p>Wir finden Mittel und Wege, mit dem uns\u00e4glichen Zustand umzugehen, aber manchmal werde ich das Gef\u00fchl nicht los, als w\u00fcrden wir vom Smartphone oder vom unkontrollierbaren Funktionieren der Gro\u00dfstadt gelenkt. Die Kontrolle ist abgegeben, und im besten Fall sch\u00fctzt uns das Smartphone vor all dem Geschehen, indem es uns selbst zu einem Teil dieses unkontrollierbaren Systems macht. Das abstrakte Bild unserer unpers\u00f6nlichen Umwelt bildet sich auf einem 5-Zoll-Display f\u00fcr uns ab und bringt die daraus resultierende Anonymit\u00e4t auf den Punkt.<\/p>\n<p>Deshalb kollidiert die derzeitige Realit\u00e4t mit meinem Sozialempfinden und dem Anspruch, Menschen als Menschen wahrzunehmen und zu behandeln, und bringt mich so schnell an meine pers\u00f6nlichen sozialen Grenzen. Ich kann dem unstillbaren Nachschub an Vernetzung und Information nicht mehr Herr werden, weder in der Gro\u00dfstadt noch mit den M\u00f6glichkeiten des Smartphones. Klar, kann ich mir die Rosinen rauspicken, und der Rest ist eben Objekt und wird funktional aus meinem Leben ausgeblendet. Aber genau das ist es ja, was mir daran so zu schaffen macht: Ab wie vielen Menschen h\u00f6re ich auf, sie als Mitmenschen wahrzunehmen (siehe\u00a0\u201e<a href=\"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=7145\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Aus Mensch wird Masse<\/a>\u201c)? Und welche Auswirkungen hat es auf meine eigene Entwicklung, wenn ich mir unter all diesen \u201eObjekten\u201c einfach einen anderen Partner oder Freund suchen kann, wenn es mal anstrengend oder kompliziert wird? Konfliktlos, kritiklos, seelenlos? Wie viel Aufmerksamkeit bekommt eine m\u00fcrrische Verk\u00e4uferin, wenn Sie nur ein Objekt ist anstatt eines Mitmenschen? Kurz: Wie viele Menschen sind gut f\u00fcr den Menschen?<\/p>\n<p>Sicherlich variieren die Qualit\u00e4t und Quantit\u00e4t bei jedem von uns, wie viele wirklich soziale Kontakte man hat und wie intensiv und stabil diese sind. Ich bef\u00fcrchte aber, dass der Trend zu immer gr\u00f6\u00dferen St\u00e4dten (Landflucht) und immer mehr Smartphones (auch in wirtschaftlich schwachen Regionen dieser Erde) anh\u00e4lt und so auch der Teil der Menschheit dem unsozialen Verhalten ausgesetzt wird, der bisher noch in intakten Sozialsystemen lebt. Ich m\u00f6chte die Zeit nicht um Jahrzehnte oder Jahrhunderte zur\u00fcckdrehen: Es sind nicht die Gro\u00dfstadt oder das Smartphone, die dies mit uns machen, sondern unser unreflektierter und konsumorientierter Umgang damit.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Smartphone ist ein n\u00fctzliches Werkzeug f\u00fcr viele Dinge: Es zeigt uns unsere Position und den Weg zu einem Ziel, hilft bei der Organisation von Terminen und anderen Informationen, und man kann sogar damit telefonieren! Was es aus meiner Sicht nicht sein kann: sozial. 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