{"id":11580,"date":"2018-08-23T16:22:43","date_gmt":"2018-08-23T14:22:43","guid":{"rendered":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=11580"},"modified":"2019-02-14T12:25:09","modified_gmt":"2019-02-14T11:25:09","slug":"das-maerchen-vom-segen-der-privatisierung-ein-weiteres-bezeichnendes-fallbeispiel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=11580","title":{"rendered":"Das M\u00e4rchen vom Segen der Privatisierung \u2013 ein weiteres bezeichnendes Fallbeispiel"},"content":{"rendered":"<p>Vor einigen Wochen schrieb ich ja schon mal einen <a href=\"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=11219\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Artikel<\/a> \u00fcber ein bezeichnendes Beispiel daf\u00fcr, wie Privatisierung gesellschaftlich relevanter Infrastruktur grunds\u00e4tzlich als Ergebnis hat, dass die Allgemeinheit schlechtere und teurere Leistungen erh\u00e4lt (s. dazu auch <a href=\"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=2218\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">hier<\/a>). Nun durfte ich mich gestern schon wieder einmal mit einem Unternehmen rum\u00e4rgern, das seine marktm\u00e4chtige Position ausnutzt und sich dabei einen feuchten Kehricht um seine Kunden schert: der Zustelldienst Hermes. Was ich dort erlebte, ist nicht nur ein Tiefpunkt jedes Servicegedankens, sondern zeigt eben auch, was in so einem sensiblen Gewerbe schiefl\u00e4uft, wenn man es profitgierigen Betreibern \u00fcberl\u00e4sst.<\/p>\n<p>Doch von Anfang an:\u00a0Am Dienstag sollte eine Sendung an mich zugestellt werden: eine lange vergriffene LP, die ich f\u00fcr erfreulich wenig Geld bei eBay gefunden habe. Allerdings fand leider kein Zustellversuch statt. Laut Sendungs\u00fcbersicht hie\u00df es , dass ich um 19.19 Uhr nicht angetroffen wurde &#8211; zu diesem Zeitpunkt waren wir aber zu zweit in unserer Wohnung, zudem haben wir einen Hund, der Bescheid gibt, wenn es an der Haust\u00fcr klingelt. Da zudem auch keine Benachrichtigungskarte hinterlassen wurde, gehe ich davon aus, dass der Zusteller sich nicht mal die M\u00fche gemacht hat, \u00fcberhaupt aus seinem Fahrzeug auszusteigen und zu klingeln. Gut, das kennt man ja von diversen Zustelldiensten, dass die mies bezahlten Angestellten oder oft scheinselbstst\u00e4ndigen Subunternehmer einfach keine Zeit haben, um alle Sendungen auch tats\u00e4chlich zum Empf\u00e4nger zu bringen (ein \u201eSegen\u201c der Privatisierung).<\/p>\n<p>Am Mittwoch sollte dann ein weiterer Zustellversuch erfolgen. Wie es der Zufall will, war ich gegen halb sieben abends gerade au\u00dferhalb der Wohnung und sah ein Hermes-Fahrzeug in unserer Stra\u00dfe. Ich eilte darauf zu, doch der Fahrer machte keinerlei Anstalten, an unserem Haus \u00fcberhaupt auch nur anzuhalten, sondern fuhr schnurstracks weiter. In der Sendungs\u00fcbersicht las ich dann online sp\u00e4ter, dass um 18.36 Uhr, also genau zu besagtem Zeitpunkt, meine Anschrift angeblich nicht gefunden werden konnte. Klar, wenn man nicht aus dem Wagen steigt, dann ist das auch etwas schwer, die Klingelschilder an unseren Haus zu lesen \u2026<\/p>\n<p>Daraufhin rief ich dann gegen beim Hermes-Kundencenter an und traf dort auf eine ausgesprochen unangenehme Mitarbeiterin. Ich schilderte ihr meine &#8211; wie ich finde sehr berechtigte &#8211; Beschwerde und bat um Information, wie ich denn nun an meine Sendung kommen k\u00f6nnte. Daraufhin meinte sie, dass ich diese entweder selbst abholen m\u00fcsste oder aber am Freitag bis 20 Uhr eine Zustellung erfolgen w\u00fcrde. Als ich daraufhin erwiderte, dass ich es nicht so sch\u00f6n finde, selbst durch die Gegend laufen zu m\u00fcssen, um meine Sendung zu bekommen, zumal ja gar kein ernsthafter Zustellversuch stattgefunden hat, und dass ich am Freitagabend nicht mehr in Hamburg sein w\u00fcrde, bekam ich als Antwort, dass ich ja auch selbst schuld sei, dass man mir meine Sendungen nicht zustellen w\u00fcrde, wenn ich nie zu Hause w\u00e4re. Als ich daraufhin meinte, dass diese Einstellung vielleicht auf ein strukturelles Problem bei Hermes hindeuten k\u00f6nnte, legte die Frau dann einfach auf, ohne dass das Problem gel\u00f6st worden w\u00e4re.<\/p>\n<p>Also rief ich erneut dort an, wurde dann aber, nachdem ich die Sendungsnummer bei der Vorababfrage angegeben habe, gar nicht mehr durchgestellt und hing fast 25 Minuten in der Warteschleife fest, bevor ich schlie\u00dflich auflegte. Anscheinend gibt es da die M\u00f6glichkeit, als problematisch eingestufte Kundenbeschwerden zu sperren anhand der Sendungsnummer &#8211; ein, wie ich finde, skandal\u00f6ses Vorgehen, das von einer widerw\u00e4rtigen \u00dcberheblichkeit zeugt: Ist uns doch egal, wenn der dumme Kunde etwas will, was wir nicht bieten k\u00f6nnen &#8211; notfalls lassen wir ihn einfach nicht mehr an uns ran.<\/p>\n<p>Also rief ich noch einmal an (was dann wieder 20 Cent kostete, die werden dort n\u00e4mlich pro Anruf f\u00e4llig), diesmal aber mit einem anderen Apparat, also auch einer anderen Rufnummer. Zudem gab ich auch eine \u201emodifizierte\u201c\u00a0Sendungsnummer an, indem ich die letzten beiden Ziffern durch irgendwelche anderen ersetzte. Und siehe da: Ich kam durch und hatte nach kurzer Wartezeit eine weitere Mitarbeiterin von Hermes am Telefon.<\/p>\n<p>Auch diese wirkte sehr genervt und zum Teil etwas \u00fcberheblich, war aber zumindest nicht ann\u00e4hernd so unfreundlich und herablassend wie ihre Kollegin, mit der ich zuvor telefonierte. Eine L\u00f6sung konnte sie mir auch nicht anbieten, sodass ich nun in der n\u00e4chsten Woche zum Hermesshop laufen kann, um so die Dienstleistung, die schon bezahlt, aber nicht vollst\u00e4ndig erbracht wurde, selbst zu erbringen &#8211; und dann nach weit mehr als einer Woche nach Versand endlich meine Sendung zu erhalten.<\/p>\n<p>Zusammengefasst ergibt sich also folgendes Bild: Lustlose und\/oder \u00fcberarbeitete Zusteller machen ihren Job nicht, und wenn man sich als Kunde daraufhin beschwert und die bereits im Vorhinein bezahlte Dienstleistung auch erbracht haben m\u00f6chte, dann wird einem keine L\u00f6sung angeboten, sondern man darf sich mit lustlosen und\/oder \u00fcberarbeiteten Mitarbeiterinnen rum\u00e4rgern. Das kostet alle Beteiligten Zeit und Nerven &#8211; und irgendwelche parasit\u00e4ren und \u00fcberfl\u00fcssigen BWL-Kasper und Investoren verdienen sich bei Hermes eine goldene Nase daran. Das ist das Grundprinzip der Privatisierung in Reinkultur.<\/p>\n<p>Bezeichnend auch, dass Hermes nicht einmal eine offizielle <em>Facebook<\/em>-Pr\u00e4senz hat, \u00fcber die ich ja vor einigen Wochen bei Vodafone immerhin noch eine zus\u00e4tzlich Kontakt- und Beschwerdem\u00f6glichkeit hatte. Tja, warum ist das wohl bei Hermes so? Ich k\u00f6nnte mir vorstellen, dass man eben keine Lust hat, dass dort sich die Beschwerden h\u00e4ufen w\u00fcrden, denn ich hab zumindest den Eindruck, dass es bei Hermes niemanden interessiert, ob irgendwelche Zustellungen auch korrekt (oder vielmehr: \u00fcberhaupt) ausgef\u00fchrt werden oder nicht.<\/p>\n<p>An die Verursacher dieses ganzen Dilemmas auf der (Miss-)Managementebene kommt man nat\u00fcrlich wieder nicht heran, die verstecken sich hinter ihren vermutlich auch noch mies bezahlten Callcenter-Schergen und \u00fcbernehmen so null Verantwortung f\u00fcr ihr Treiben.<\/p>\n<p>Was daran nun effektiver oder besser sein soll, als wenn die Zustellbranche nach wie vor in \u00f6ffentlicher Hand w\u00e4re, leuchtet mir nicht ein &#8211; aber um das zu verstehen, muss man wohl ein neoliberaler Realit\u00e4tsverweigerer \u00e0 la FDP (wobei dieser Privatisierungswahnsinn ja in nahezu allen anderen Parteien auch gutgehei\u00dfen wird) sein.<\/p>\n<p>So trivial nun eine nicht zugestellte LP im Vergleich zu geschlossenen Notfallambulanzen von Gro\u00dfkrankenh\u00e4usern sein mag, so ist das Prinzip, das dahintersteckt, doch immer das Gleiche: Profit geht vor allem anderen. Und auch die Schlussfolgerung daraus ist die gleiche: Gesellschaftlich relevante Infrastruktur geh\u00f6rt in \u00f6ffentlich Hand &#8211; und nicht dem immer wieder vollst\u00e4ndig versagenden \u201efreien Markt\u201c und seinen psychopathisch-asozialen Akteuren zum Fra\u00df vorgeworfen!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor einigen Wochen schrieb ich ja schon mal einen Artikel \u00fcber ein bezeichnendes Beispiel daf\u00fcr, wie Privatisierung gesellschaftlich relevanter Infrastruktur grunds\u00e4tzlich als Ergebnis hat, dass die Allgemeinheit schlechtere und teurere Leistungen erh\u00e4lt. Nun durfte ich mich gestern schon wieder einmal mit einem Unternehmen rum\u00e4rgern, das seine marktm\u00e4chtige Position ausnutzt und sich dabei einen feuchten Kehricht um seine Kunden schert: der Zustelldienst Hermes. 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