{"id":11619,"date":"2019-02-21T22:15:03","date_gmt":"2019-02-21T21:15:03","guid":{"rendered":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=11619"},"modified":"2019-02-21T22:20:17","modified_gmt":"2019-02-21T21:20:17","slug":"was-ist-links-was-ist-rechts","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=11619","title":{"rendered":"Was ist links, was ist rechts?"},"content":{"rendered":"<p>Immer wieder lese oder h\u00f6re ich, dass &#8222;die Linken&#8220; ja genauso schlimm w\u00e4ren wie &#8222;die Rechten&#8220; (meistens nat\u00fcrlich von selbst Rechtslastigen), und auch die Aussage, dass Extremismus von links und rechts beides abzulehnen ist, vernimmt man ja immer wieder auch aus dem Mund von Politikern, die sich selbst zur Mitte z\u00e4hlen. Ich finde das sehr \u00e4rgerlich, denn auf diese Weise werden grunds\u00e4tzlich unterschiedliche Weltsichten in einen Topf geschmissen und verkommen so zu reinen Kampfbegriffen.<\/p>\n<p>Wenn man nur an der Oberfl\u00e4che bleibt mit dem Verst\u00e4ndnis, kann es nat\u00fcrlich schon mal vorkommen, dass man Parallelen zwischen vermeintlich Linken und Rechten zu erkennen meint. Wenn man sich allerdings mal vor Augen f\u00fchrt, was denn eigentlich die grundlegenden Unterschiede von linkem und rechtem Denken sind, dann bemerkt man die Unsinnigkeit derartige Gleichsetzungen. Und erkennt dar\u00fcber hinaus noch, warum eine politische Zusammenarbeit von Linken und Rechten (wie sie ja einigen AfD-J\u00fcngern, die beispielsweise Sahra Wagenknecht auch m\u00f6gen, immer mal wieder vorschwebt) schlichtweg unm\u00f6glich ist.<\/p>\n<p>Der Unterschied zwischen rechts und links besteht n\u00e4mlich darin, wie man generell Menschen ansieht und beurteilt. Rechte haben hier eine hierarchische Struktur, je weiter rechts, desto starrer. Praktischerweise stehen ganz oben in dieser Hierarchie immer diejenigen, die so sind wie die Rechten oder ihnen zumindest sehr \u00e4hneln und vertraut sind. In Deutschland ist das der deutsche, wei\u00dfe, christliche, heterosexuelle Mann. Je mehr nun Eigenschaften von anderen Menschen von diesen Merkmalen abweisen, desto niedriger ist deren Platz in der rechten Hierarchie. Und da diese Eigenschaften ausgesprochen schwer bis gar nicht zu ver\u00e4ndern sind, ist die rechte Hierarchie eben auch starr und unbeweglich, was sich ebenfalls durch Unbeweglichkeit im Denken von Rechten widerspiegelt: Alles muss seine Ordnung haben!<\/p>\n<p>Nun beurteilen Linke nat\u00fcrlich auch andere Menschen, aber eben nicht aufgrund einer feststehenden Hierarchie, sondern aufgrund ihres Handelns und ihrer Aussagen. Generell sind alle Menschen im egalit\u00e4ren linken Selbstverst\u00e4ndnis erst mal gleich, die Einstufung erfolgt dann individuell danach, wie sich der Einzelne verh\u00e4lt. Das ist nat\u00fcrlich ein bisschen m\u00fchseliger, als wenn man Menschen gleich aufgrund schnell erkennbarer \u00e4u\u00dferer Merkmale klassifiziert. Und es ist nicht so konsenstr\u00e4chtig, da man ja eben von Mensch zu Mensch und von Situation zu Situation anders entscheiden muss. Zudem kann sich so eine Einteilung eines Menschen auch mal \u00e4ndern: Wer in einigen Punkten ein netter Kerl ist, vertritt bei anderen Themen vielleicht auch mal nicht akzeptable Ansichten.<\/p>\n<p>Rechte haben es da einfacher: Alle ihresgleichen sind gut, von allen anderen muss man sich abgrenzen. Daraus resultiert dann nicht nur eine hohe Gleichf\u00f6rmigkeit im Denken, die sich auch darin widerspiegelt, dass einmal akzeptierten F\u00fchrerpersonen ohne viel Widerspruch gefolgt wird, sondern auch die Tendenz zur Ausgrenzung, die wiederum dadurch best\u00e4rkt wird, dass &#8222;die anderen&#8220; herabgew\u00fcrdigt werden, um die Ausgrenzung auch vor sich selbst rechtfertigen zu k\u00f6nnen. Und diese Denkweise birgt nat\u00fcrlich ein reichlich gro\u00dfes Gewaltpotenzial, da eben Ausgrenzung selten ein freiwilliger Vorgang vonseiten des Ausgegrenzten ist. Diese Gewalt spiegelt sich in der Sprache wieder, schl\u00e4gt aber oft genug auch in physische Gewalt um &#8211; was man auch daran sieht, dass durch Rechtsextreme wesentlich mehr Menschen in Deutschland umgebracht wurden als durch Linksextreme (s. dazu eine gute Zusammenfassung in einem <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=ak2ElwyjQ74\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Video von Moritz Neumeier<\/a>).<\/p>\n<p>Und das ist ein ganz entscheidender Unterschied zwischen Rechts und Links: Auch wenn es durchaus Linke gibt, die Gewalt als Mittel zur Durchsetzung von Interessen rechtfertigen, so herrscht generell beim Gro\u00dfteil der Linken schon eher der Konsens der Gewaltfreiheit. Bei Rechten kann so ein Konsens nie entstehen, da Gewalt ein strukturelles Element ihres Selbstverst\u00e4ndnisses ist.<\/p>\n<p>Daher haben Rechte auch einen Hang zur Polizeistaatlichkeit, finden \u00dcberwachungsma\u00dfnahmen super und Militarismus auch nicht verkehrt. Denn sie sind der Ansicht, dass sich dementsprechende Ma\u00dfnahmen ja nicht gegen sie selbst, sondern gegen &#8222;die anderen&#8220; richten w\u00fcrden, und die haben ja auch nichts anderes verdient. Es geht Rechten letztlich darum, die bestehenden Machtstrukturen aufrechtzuerhalten, da sie selbst ja insofern davon profitieren, dass sie sich an der Spitze ihrer eigenen Hierarchie sehen. Das dr\u00fcckt sich auch immer wieder in der Sprache von Rechten aus, die oft auf wertende Vokabeln zur\u00fcckgreifen und sich mitunter regelrecht sperren gegen die Verwendung neutraler, sachlicher Begriffe, da durch diese kein Machtgef\u00e4lle ausgedr\u00fcckt werden kann. Das richtet sich \u00fcbrigens nicht nur gegen Ausl\u00e4nder und Andersgl\u00e4ubige, sondern zeigt sich auch in der konsequenten Ablehnung des von Rechten so geschm\u00e4hten &#8222;Genderwahns&#8220;, der ja das Ziel hat, patriarchalische Machtstrukturen zu nivellieren.<\/p>\n<p>Vor einiger Zeit habe ich in einem <a href=\"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=4169\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Artikel hier auf <em>unterstr\u00f6mt<\/em><\/a> einige Merkmale von rechtem Denken schon mal aufgelistet und dann den Merkmalen von islamistischen Fanatikern gegen\u00fcbergestellt. Da waren etliche Parallelen zu erkennen, sodass klar wird, dass religi\u00f6ser Fanatismus eben auch in der Regel rechts ist &#8211; auch wenn Rechte sich explizit dagegen aussprechen, zumindest wenn es sich um eine andere als ihre eigene Religion handelt.<\/p>\n<p>Daran wird auch deutlich, dass Rechte nicht wirklich Internationalismus leben k\u00f6nnen, sondern eben immer den Nationalstaat ben\u00f6tigen, da dieser eine sehr wichtige Grenze f\u00fcr sie markiert. Es mag zwar rechte Verbindungen \u00fcber Landesgrenzen hinweg geben, aber wenn es hart auf hart kommt, sind dann die Kameraden aus dem Ausland eben auch nur Ausl\u00e4nder &#8211; und damit minderwertiger als man selbst. Offen tritt das zutage, wenn dann andere Rechte, wie beispielsweise der t\u00fcrkische Pr\u00e4sident Erdogan, auch noch eine andere Religion haben: Da werden dann Rechte zum Feindbild von Rechten. Deswegen lehnen Rechte auch so vehement eine Institution wie die EU ab, da diese eben \u00fcber die nationalen Grenzen hinausgeht und dazu n\u00f6tigt, auch \u00fcber diese Grenzen hinauszudenken und zu handeln.<\/p>\n<p>Und da kommt auch noch ein weiterer Aspekt ins Spiel: Rechtes Denken ist immer auch egoistisch. Es geht vom eigenen Selbstbild aus, dass dann noch auf Dinge wie &#8222;Rasse&#8220;, &#8222;Volk&#8220; oder &#8222;Nation&#8220; \u00fcbertragen wird, aber auch nur in dem Sinne, dass dort eine Homogenit\u00e4t der Dazugeh\u00f6rigen besteht. Alle im Prinzip genau so wie ich selbst &#8211; wer nicht so ist (oder nicht so denkt), geh\u00f6rt nicht dazu. Aus diesem Grund haben Rechte beispielsweise auch nicht so viel mit Umweltschutz am Hut (es sei denn, es betrifft sie selbst, wenn beispielsweise Glyphosat Krebs machen soll) und wenig Drang, Verantwortung f\u00fcr ihr Handeln, sobald dies andere betrifft, zu \u00fcbernehmen. Linkes Denken hingegen schlie\u00dft Dinge wie \u00f6kologisches und nachhaltiges Leben, Klima- und Umweltschutz mit ein, da auch Verantwortung f\u00fcr Menschen in anderen L\u00e4ndern oder zuk\u00fcnftige Generationen zum eigenen Selbstverst\u00e4ndnis hinzugeh\u00f6rt.<\/p>\n<p>Wenn man nun diesen \u00dcberlegungen folgt, dann kommt man zu durchaus interessanten Schl\u00fcssen, n\u00e4mlich beispielsweise, dass die DDR nicht links war &#8211; obwohl sie ja f\u00fcr viele Rechte immer das Sinnbild daf\u00fcr ist, warum linke Ideen in der Praxis nichts Gutes bewirken w\u00fcrden. Menschen zu \u00fcberwachen, in ihrer Bewegungsfreiheit einzuschr\u00e4nken und die Umwelt zu zerst\u00f6ren &#8211; das ist nun mal alles andere als links. Auch die Tatsache, dass zwar in der DDR vom Antifaschismus viel gesprochen wurde, dann aber in der Praxis Punks doch wesentlich mehr schikaniert wurden als die ordentlicher auftretenden, zun\u00e4chst von der Hooligan-Szene beeinflussten Rechtsextremen, ist mehr als bezeichnend. Auch wenn die DDR prinzipiell ausgehend von linker Ideologie gegr\u00fcndet wurde, so ist davon dann doch in der Praxis bis auf hohle Formelhaftigkeit wenig \u00fcbrig geblieben. Ein linker Staat, wie ich ihn mir vorstelle, h\u00e4tte zumindest sehr wenig Gemeinsamkeiten mit der repressiven und spie\u00dfigen DDR. Dennoch dient diese nach wie vor als Diskreditierungsexempel f\u00fcr linke Politik.<\/p>\n<p>Aber so ergibt es dann auch Sinn, dass viele Rechte Anh\u00e4nger der sogenannten Ostalgie sind. Da hatte eben alles noch seine Ordnung &#8230;<\/p>\n<p>Und so kommt man dann zu dem Schluss, dass linke Politik eigentlich kaum irgendwo praktiziert wird. Dabei ist und war diese eigentlich immer sehr erfolgreich, wenn sie (zumindest in Ans\u00e4tzen) umgesetzt wurde, sei es in Form des New Deals in den USA oder aktuell gerade in Portugal zur Beendigung der Austerit\u00e4t.<\/p>\n<p>Aber Linke haben eben nicht nur Rechte als Gegner, sondern auch die mittlerweile marktradikalisierte sogenannte Mitte. Der Neoliberalismus sieht sich n\u00e4mlich von links bedroht, w\u00e4hrend es mit Rechten doch etliche \u00dcberschneidungen gibt (wie man ja schon am neoliberalen &#8222;Versuchslabor&#8220; Pinochet-Chile gesehen hat). Sozialdarwinismus, Egoismus sowie hierarchisches und elit\u00e4res Denken sind beiden Gesinnungen eigen. Eine kleine Gruppe &#8211; bei den Neoliberalen der &#8222;Geldadel&#8220;, bei den Rechten die v\u00f6lkische Elite &#8211; sichert sich Privilegien, die der gro\u00dfen Masse an Menschen vorenthalten wird. Zudem zeigt ja ein Blick in die Geschichte und auch auf die aktuelle Politik (z. B. in \u00d6sterreich, den USA, Ungarn &#8230;), dass rechte Politiker immer auch Freunde der Verm\u00f6genden und Konzerne sind.<\/p>\n<p>Und das ist dann noch ein gravierender Unterschied zwischen Rechts und Links: Rechte sind mit dem Neoliberalismus komplett kompatibel, zumal dieser ja in den letzten Jahren zunehmend autorit\u00e4re und damit rechtslastige Z\u00fcge annimmt (Ausbau des \u00dcberwachungsstaats, Militarisierung der Polizei, Dichtmachen der EU-Au\u00dfengrenzen). Linke hingegen stellen den Neoliberalismus infrage und weisen darauf hin, dass dieses System abgewirtschaftet ist und nur noch Schaden anrichtet.<\/p>\n<p>Insofern kann wirkliche Systemkritik und Progressivit\u00e4t nur von links kommen, da k\u00f6nnen sich die Rechten noch so sehr selbst als &#8222;Alternative&#8220; bezeichnen &#8211; sie sind es eben einfach per se nicht.<\/p>\n<p>Diese Unterschiede sind also derma\u00dfen elementar, dass es vollkommen unstatthaft ist, Linke und Rechte in einen Topf zu werfen oder gleichzusetzen. Wer das macht, der ist vor allem daran interessiert, linkes Denken zu diskreditieren &#8211; und in der Regel selbst mit reichlich rechter Schlagseite versehen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Immer wieder lese oder h\u00f6re ich, dass &#8222;die Linken&#8220; ja genauso schlimm w\u00e4ren wie &#8222;die Rechten&#8220; (meistens nat\u00fcrlich von selbst Rechtslastigen), und auch die Aussage, dass Extremismus von links und rechts beides abzulehnen ist, vernimmt man ja immer wieder auch aus dem Mund von Politikern, die sich selbst zur Mitte z\u00e4hlen. 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