{"id":11771,"date":"2018-09-07T14:45:48","date_gmt":"2018-09-07T12:45:48","guid":{"rendered":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=11771"},"modified":"2018-09-08T11:47:20","modified_gmt":"2018-09-08T09:47:20","slug":"von-menschenbildern-angst-und-mehr","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=11771","title":{"rendered":"Von Menschenbildern, Angst und mehr"},"content":{"rendered":"<p>Immer wieder treffe ich in Diskussionen auf Menschen, die, wenn die Diskussionen tiefer gehen, das Menschenbild, das eigene und das des anderen, Teil der Diskussion werden lassen. Meist enden diese Diskussionen dann im Streit, meist dann, wenn ich es verpasse, diese rechtzeitig zu beenden. Nicht immer gelingt mir das.<\/p>\n<p>Oft sogar l\u00e4sst es der\/die andere nicht zu, meist dann, wenn er\/sie von seinem\/ihrem Menschenbild innerlich zutiefst \u00fcberzeugt ist, es als ethisches Ideal vor sich hertr\u00e4gt, nicht wahrhaben will, dass es nur seinen moralischen Vorstellungen entspricht, dass Ethik mehr ist als nur Moral, welche letztendlich von seinen\/ihren religi\u00f6sen oder auch nicht religi\u00f6sen Vorstellungen ebenso mitgepr\u00e4gt ist wie von seinen\/ihren kulturellen Pr\u00e4gungen, seinen\/ihren Erfahrungen sogar, sich Ethik und Moral zwar \u00e4hneln, aber doch dann wieder unterscheiden und oft sogar grunds\u00e4tzlich. Immer wieder enden solche Diskussionen dann in der Wertung meines Menschenbildes, welches nat\u00fcrlich dann nur schlechter sein kann als seines oder ihres.<\/p>\n<p>Eigentlich ist das komisch, wenn es mir passiert, denn ich habe gar kein Menschenbild, weder ein eindeutiges und schon gar kein eineindeutiges Menschenbild. Ich habe Menschenbilder. und ich ordne deshalb Menschen nicht nach meinen eigenen moralischen Vorstellungen ein, bewerte sie nicht und packe sie anschlie\u00dfend auf gar keinen Fall in Schubk\u00e4sten nach dem Motto:\u00a0<em>Klappe zu, Affe tot<\/em>. Das Leben, mein Leben, ist darum sicher komplizierter, aber auch reicher. Ich m\u00f6chte es nicht anders leben. Ich liebe die Vielfalt.<\/p>\n<p>Auch deshalb verstehe ich vielleicht besser als manch anderer, was Angst bedeutet, wie real sie f\u00fcr den Einzelnen sein kann und gleichze<span class=\"text_exposed_show\">itig irreal f\u00fcr den anderen. Ich habe sie selbst erfahren und erleben m\u00fcssen, und Vernunft hat mir wenig geholfen, sie zu besiegen, im Gegenteil. Aber um meine \u00c4ngste, vergangen, \u00fcberwunden oder nicht, soll es hier nicht gehen.<br \/>\n<\/span><\/p>\n<p><span class=\"text_exposed_show\">Allerdings behaupte ich, auf Basis auch eigener Erfahrungen mit der Angst, hier erneut, dass wir \u00fcber die \u00c4ngste zu reden haben, welche hier bei uns und in Europa den sozialen Frieden zu zerst\u00f6ren drohen. Wir spielen ansonsten das Spiel derer, die Angst und Schrecken f\u00fcr sich instrumentalisieren k\u00f6nnen. Wir treiben ansonsten weiterhin den Rechtspopulisten, wie den Demagogen von Rechts, die Menschen in die Arme, die wir mit ihren \u00c4ngsten alleinlassen und damit auch ablehnen. Nur weil wir \u00c4ngste ignorieren, vom Tisch wischen, ja sie sogar durch die falschen politischen Entscheidungen, im Sinne einer immer kleiner werdenden (noch) wohlhabenden Schicht und einer recht geschlossenen Klasse von Reichen, noch wachsen lassen, schaffen wir eine f\u00fcr viele immer bedrohlicher werdendere gesellschaftliche Atmosph\u00e4re, die unsere Demokratien zuletzt sogar zerst\u00f6ren k\u00f6nnte, die Vielfalt in nationalen Gegens\u00e4tzlichkeiten wieder einschr\u00e4nken k\u00f6nnte, sogar im Krieg wieder enden k\u00f6nnte, sicher aber den Wohlstand vernichten w\u00fcrde, den wir uns geschaffen haben &#8211; ungerecht verteilt zwar, aber das ist ein anderes, wichtiges Thema, urs\u00e4chlich allerdings auch f\u00fcr die Angst -, wenn wir uns aus Angst auf uns selbst zur\u00fcckziehen w\u00fcrden. <\/span><\/p>\n<p><span class=\"text_exposed_show\"><em>Angst fressen Seele auf<\/em>, ich wei\u00df das schon lange, schon vor Fassbinders gro\u00dfartigen Film, war mir das klar. Moral hilft hier wenig, gar nicht eigentlich, denn moralische Appelle verhallen ungeh\u00f6rt im \u00e4ngstlichen \u00c4ther. Vernunft kann nur Mittel sein, wirkt aber kaum gegen \u00fcberm\u00e4chtige Emotionen. Und Angst ist eine sehr m\u00e4chtige, oft \u00fcberm\u00e4chtige Emotion. Wer sie beherrschen kann, beherrscht sich selbst, wer nicht, wird beherrscht. Viele von uns k\u00f6nnen sie nicht mehr beherrschen und werden deshalb beherrscht &#8211; leider nur nicht von den Guten derzeit -, werden dadurch nicht selten ohnm\u00e4chtig vor Wut.<br \/>\n<\/span><\/p>\n<p>Wir leben in einer Gesellschaft, die so schnelllebig ist, so brutal im Wettbewerb, so schichten\u00fcbergreifend existenzgef\u00e4hrdend durch gerade diesen Wettbewerb, durch die Konkurrenz, die wir fast schon zum Gott erhoben haben, als alternativlos partei\u00fcbergreifend ansehen, die schon an den Schulen, in den Kinderg\u00e4rten und, ich f\u00fcrchte, bald sogar in den Kitas beginnt. Dass das \u00c4ngste hervorbringen musste und weiter hervorbringen wird, war und ist ganz zwangsl\u00e4ufig, systemimmanent quasi. Alles muss sich \u00f6konomisch rechtfertigen, ist vom eigenen Geldbesitz abh\u00e4ngig, selbst die Aufstiegschancen des Nachwuchses.<\/p>\n<p>Auch das Soziale muss sich \u00f6konomisch, eigentlich nur rein betriebswirtschaftlich, rechnen und rechtfertigen, steht immer unter Finanzierungsvorbehalt, der sch\u00e4rfsten Waffe des neoliberalen geizigen Staates, kann immer \u00f6fter deshalb seiner Aufgabe, die \u00c4ngste durch soziale Sicherheit zu begrenzen, nicht mehr nachkommen.<\/p>\n<p>\u00dcberbordende B\u00fcrokratie, meist zur Abwehr des Anspruchsstellers &#8211; die Sozialgerichte k\u00f6nnen ein Lied davon singen, die sozialen Vereine und Organisationen sowieso -, Pflegenotstand nicht nur in den Heimen, auch bei denen, die noch zu Hause pflegen, Altersarmut, Kinderarmut, Wohnungsnot, Mietwucher in Ballungsr\u00e4umen durch Hedgefonds und b\u00f6rsennotierte Immobilengesellschaften, Angst vor Absturz in Hartz-Fear (selbst Banker m\u00fcssen sich mittlerweile wappnen, wenn man sich anschaut, was am Markt gerade geschieht, wer da die besseren Karten hat durch die Digitalisierung), ein immer l\u00f6cherigeres soziales Netz. Reale \u00c4ngste und berechtigte \u00c4ngste f\u00fcr viele von uns, und die Liste erhebt dabei keinen Anspruch auf Vollst\u00e4ndigkeit.<\/p>\n<p>Kommen dann die irrationalen \u00c4ngste hinzu &#8211; die punktuell durchaus auch real sein k\u00f6nnen, wie die Konkurrenz um Arbeit im Niedriglohnsektor oder um Wohnungen mit Fl\u00fcchtlingen und Asylsuchenden -, wie Angst vor \u00dcberfremdung, Angst vor dem Fremden allgemein, so wird es oft schwierig, oft sogar unm\u00f6glich, sich mit vern\u00fcnftigen Argumenten dagegen zu wehren. Statistiken helfen dann wenig, sich von dieser Angst zu befreien. Meist dienen sie nur denen zur Rechtfertigung, die weiterhin die \u00c4ngste sch\u00fcren, die Einzelschicksale dann behaupten und diese dann mehr oder weniger als Kollateralsch\u00e4den weiterhin zu behandeln gedenken. Und der erhobene Zeigefinger dient nur dem\/der, der\/die ihn erhebt, zum eigenen Wohlf\u00fchlen, zum eigenen Besserf\u00fchlen, zur Erhebung des Ichs \u00fcber die anderen. Wertedogmatismus und Wertedogmatiker sind deshalb in meinen Augen denkbar ungeeignet, um diese Herausforderung f\u00fcr uns zu stemmen, nein, ich behaupte sogar, sie schaden uns auf mittlere und lange Sicht, haben uns schon geschadet in den letzten Jahren, viel zu sehr sogar.<\/p>\n<p>\u00c4ngste, wenn sie nicht ernst genommen werden, ob berechtigte oder unberechtigte, ich schrieb es schon mehrfach, k\u00f6nnen fatale Wirkungen haben. Eine Angstgesellschaft kann deshalb keine gute Gesellschaft sein, noch mehr Angst wird sie noch schlechter machen. Und wir haben eine Angstgesellschaft, viele empfinden sie n\u00e4mlich als eine solche Angstgesellschaft, und das m\u00fcssen wir uns endlich klar machen, der Politik vor allem m\u00fcssen wir dies klar machen.<\/p>\n<p>F\u00fcr mich ist deshalb klar wie Klo\u00dfbr\u00fche: Schaffen wir es nicht, die \u00c4ngste zu minimieren, vielleicht wieder ganz aus unserer Gesellschaft zu vertreiben, so werden wir gegen den Rechtspopulismus, gegen die rechten Demagogen nicht den Hauch einer Chance haben. Mit Moral gewinnt man hier nicht, mit einem moralischen monokausalen Menschenbild schon gar nicht. Mit Verst\u00e4ndnis da, wo Verst\u00e4ndnis angebracht ist, mit Konfrontation da, wo sie n\u00f6tig ist, mit positiven Ver\u00e4nderungen dort, wo sie l\u00e4ngst h\u00e4tten stattfinden m\u00fcssen, im Sozialstaat n\u00e4mlich, mit einer anderen Sicht auf \u00d6konomie k\u00f6nnten wir es schaffen. Es ist Zeit, es endlich zu tun.<\/p>\n<p>#aufstehen!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Immer wieder treffe in Diskussionen auf Menschen, die, wenn die Diskussionen tiefer gehen, das Menschenbild, das eigene und das des anderen, Teil der Diskussion werden lassen. Meist enden diese Diskussionen dann im Streit, meist dann, wenn ich es verpasse, diese rechtzeitig zu beenden. 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