{"id":1207,"date":"2014-01-04T19:21:48","date_gmt":"2014-01-04T17:21:48","guid":{"rendered":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=1207"},"modified":"2023-02-01T19:44:43","modified_gmt":"2023-02-01T18:44:43","slug":"unglueckliche-kleine-egozentriker","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=1207","title":{"rendered":"Ungl\u00fcckliche kleine Egozentriker"},"content":{"rendered":"<p>Vor ein paar Wochen machte ein <a href=\"http:\/\/www.tagesanzeiger.ch\/leben\/gesellschaft\/Es-kommt-zur-Machtumkehr\/story\/18911109\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Interview mit dem Kinder- und Jugendpsychiater Michael Winterhoff<\/a>\u00a0im Netz die Runde, welches dieser aufgrund des Erscheinens seines neuen Buchs\u00a0<em>SOS Kinderseele\u00a0<\/em>dem Schweizer Tages-Anzeiger\u00a0gab. Hierin beschreibt Winterhoff eine aus seiner Sicht fatale Umkehr in der famili\u00e4ren Hierarchie, sodass Eltern nur noch als Bed\u00fcrfniserf\u00fcller ihrer Kinder fungieren, was dazu f\u00fchrt, dass die Kinder erhebliche Entwicklungsdefizite aufweisen.<\/p>\n<p>Die von Winterhoff beschriebenen Dinge konnte und kann ich selbst auch immer wieder beobachten, wenn man mit Eltern und ihren Kindern zu tun hat. Das Kind wird geboren, und es wird sogleich auf einen\u00a0<em>goldenen Thron<\/em> gesetzt, von dem aus es nun das gesamte Leben der Eltern regiert (ich selbst kenne etliche Eltern, insbesondere M\u00fctter, die grunds\u00e4tzlich \u00fcber nichts anderes mehr reden als \u00fcber ihre Kinder). Dass die Eltern dabei selbst eine zumindest latente Unzufriedenheit entwickeln, da ihre eigenen Bed\u00fcrfnisse nun \u00fcberhaupt keine Relevanz mehr haben (d\u00fcrfen), f\u00fchrt m. E. zu einer ungesunden Beziehung zwischen Eltern und Kindern, in der Vater und Mutter ihre Unzufriedenheit dadurch zu kompensieren versuchen, dass sie dem Nachwuchs noch mehr W\u00fcnsche erf\u00fcllen. Das Resultat dieser Erziehung manifestiert sich dann in Dingen, wie sie <a href=\"http:\/\/www.mopo.de\/nachrichten\/grundschule-in-harburg-wutbrief-einer-lehrerin---ich-schaeme-mich-fuer-die-kinder--,5067140,25673384.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">in der Hamburger Morgenpost von einer Lehrerin in einem Brief <\/a>geschildert werden: Jegliche Form von Sozialverhalten ist nur unzureichend entwickelt, kleine Egoisten ohne Empathie und R\u00fccksicht gegen\u00fcber anderen leben ihre Aggressivit\u00e4t recht ungez\u00fcgelt aus. Auch diese Verhaltensweisen sind mir pers\u00f6nlich nicht fremd, wenn ich Kindern und Jugendlichen begegne, was ja auch schon im Artikel\u00a0<em><a href=\"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=885\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Verrohung als Prinzip<\/a><\/em>\u00a0hier auf unterstr\u00f6mt zum Ausdruck kam. Problematisch wird es nun aber vor allem (was man gut an den Reaktionen der Eltern auf den Brief der Lehrerin sehen kann), weil niemand nach einer L\u00f6sung sucht, sondern nur gegenseitige Schuldzuweisungen gemacht werden: Die Lehrerin f\u00fchlt sich von den Eltern im Stich gelassen, und diese sind wiederum der Ansicht, dass in der Schule (oder auch schon im Kindergarten) nicht genug auf die Bed\u00fcrfnisse ihrer Kinder eingegangen wird, sodass diese Institutionen schuld an der Misere seien.<\/p>\n<p>Als wenn das nun noch nicht komplex genug w\u00e4re, muss man nun auch noch technologische Entwicklungen mitber\u00fccksichtigen (Fernsehen rund um die Uhr sowie omnipr\u00e4sente Bildschirme von Computern, Tablet-PCs und Smartphones), deren sch\u00e4dliche Einfl\u00fcsse schon vor neun Jahren von dem Hirnforscher Manfred Spitzer aufgezeigt wurden (wie in einem <a href=\"http:\/\/www.deutschlandradiokultur.de\/bildschirme-raus-aus-kinderzimmern.945.de.html?dram:article_id=131970\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Interview mit dem Deutschlandfunk<\/a> nachzuvollziehen ist) &#8211; zu einer Zeit also, als Smartphones noch nicht verbreitet waren, sodass zu bef\u00fcrchten ist, dass die von Spitzer beschriebenen Auswirkungen der Bildschirme auf die kindliche Psyche und Entwicklung (auch die physische) heute eher noch massiver sind. Oder um es mit Albert Einstein zu sagen: <em><a href=\"http:\/\/rantanplan102.wordpress.com\/2012\/12\/08\/albert-einstein-hatte-recht\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Ich f\u00fcrchte den Tag, an dem die Technologie die wichtigsten Elemente menschlicher Verhaltensweisen strukturiert. Die Welt wird nur noch aus einer Generation von Idioten bestehen.<\/a>\u00a0<\/em>Die mittlerweile verbreitete (nicht nur bei Kindern und Jugendlichen) exzessive Nutzung der Smartphones scheint ihm da leider recht zu geben &#8230; Auch Wolfgang Lieb von den Nachdenkseiten schildert in einem <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=19807#more-19807\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Beitrag \u00fcber das kommerzielle private Fernsehen<\/a> dessen Auswirkungen auf Heranwachsende:<\/p>\n<blockquote><p>Schaut man sich allerdings die Nachmittags-Sendungen von RTL an, dann tragen diese geradezu zu Unbildung, ja zu Verrohung der Jugendlichen bei. Von den dort gebotenen negativen Verhaltensvorbildern sind nach wissenschaftlichen Untersuchungen vor allem Kinder aus sog. bildungsfernen Schichten betroffen, die statistisch auch mehr fernsehen. Selbst in Nachmittagsprogrammen mit hohen Einschaltquoten von Jugendlichen werden Filme mit brutalen Gewaltdarstellungen angeboten. Und nicht zuletzt werden die Gewinne dadurch gemacht, dass mit psychologischer ausgekl\u00fcgelter Werbung, die gerade auf Jugendliche und Kinder abzielt, gewissenlos deren Identit\u00e4tssuche ausgenutzt wird.<\/p><\/blockquote>\n<p>Und dann kommen noch weitere Zeitgeistph\u00e4nomene hinzu, wie sie in diesem <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=13919\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Artikel vom Sozialwissenschaftler G\u00f6tz Eisenberg auf den Nachdenkseiten<\/a> geschildert werden. Sp\u00e4testens nun sollte klar sein, dass hier unterschiedlichste Einfl\u00fcsse auf die Kinder und Jugendlichen der heutigen Zeit einwirken und ihre Entwicklung hin zu den von Winterhoff problematisierten Pers\u00f6nlichkeiten bewirken, sodass einseitige Schuldzuweisungen alles andere als zielf\u00fchrend sind.<\/p>\n<p>Nun kann man einwenden, dass jede Generation die nachfolgende Generation mit Skepsis betrachtet hat. Nur handelt es sich bei den hier beschriebenen Ph\u00e4nomenen m. E. nicht mehr um einen gesunden (und zudem gesellschaftlich wichtigen) Generationskonflikt, der normalerweise davon gepr\u00e4gt ist, dass junge Menschen andere, neue Wege gehen und progressiveren Ideen anh\u00e4ngen als ihre Elterngeneration. Der heutige Zeitgeist f\u00fchrt m. E. dazu, dass elementare menschliche Eigenschaften, die die Voraussetzungen f\u00fcr das Zusammenleben mit anderen bilden, verk\u00fcmmern und nur rudiment\u00e4r ausgebildet werden. Da geht es dann nicht um Einstellungen, Politik oder Kultur, an deren Verschiedenartigkeit sich unterschiedliche Generationen schon immer gerieben haben, sondern um wesentlich grundlegendere Dinge, n\u00e4mlich die Basis daf\u00fcr, dass es \u00fcberhaupt erst zu einem Austausch von Vorstellungen mit anderen kommen kann. Und was f\u00fcr mich dabei der entscheidendste Aspekt ist: Der Gro\u00dfteil der Kinder, die ich heute aufwachsen sehe, wirkt auf mich einfach nicht gl\u00fccklich: st\u00e4ndig am Weinen, Quengeln, Etwas-haben-Wollen, Streiten, Schreien, Zetern, selten nur mal in sich ruhend, intensiv mit einer Sache besch\u00e4ftigt oder im lebhaften, fr\u00f6hlichen Austausch mit anderen. Dies sind f\u00fcr mich zumindest keine Attribute, die darauf hindeuten, dass es jemandem gerade gut geht. Auch die Eltern berichten zunehmend von den Problemen und Schwierigkeiten, die ihr Nachwuchs so hat: Leistungsdruck in Sportverein und Schule (Letzteres noch mal versch\u00e4rft durch G8), Lernprobleme, Mobbing von Mitsch\u00fclern, Zwist mit Spielkameraden und Geschwistern &#8230;<em><br \/>\n<\/em><\/p>\n<p>Nun wurde ich neulich im Zuge der Diskussion dieses Ph\u00e4nomens auf einen <a href=\"http:\/\/denkbonus.wordpress.com\/2013\/04\/06\/wer-glucklich-ist-kauft-nicht\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Vortrag des Neurobiologen Prof. Gerald H\u00fcther<\/a>\u00a0(es lohnt sich, das etwa 20 Minuten lange Video komplett anzuschauen) aufmerksam gemacht, dessen Quintessenz ist: Wer gl\u00fccklich ist, kauft nicht! In einer zunehmend in allen Bereichen \u00f6konomisierten Gesellschaft, deren Wertorientierung sich zunehmend auf Dinge wie Wettbewerbsf\u00e4higkeit und Konkurrenzdenken beschr\u00e4nkt, ist es nat\u00fcrlich wichtig, dass Heranwachsende zu braven Konsumenten werden. Also besteht m. E. durchaus ein Interesse vonseiten der Wirtschaft (und damit auch der ihr h\u00f6rigen Politik) daran, Kinder und Jugendliche m\u00f6glichst ungl\u00fccklich aufwachsen zu lassen, damit diese fr\u00fchzeitig das Kaufen von Dingen (die sie oftmals gar nicht wirklich brauchen oder haben wollen) als (m\u00f6glichst einzigen) Weg zum Gl\u00fccklichsein verinnerlichen. Viele politische Entscheidungen und Entwicklungen, die zu dem oben beschriebenen Zeitgeist gef\u00fchrt haben, erscheinen in diesem Licht betrachtet dann als ausgesprochen sinnvoll. Und das Engagement f\u00fcr m\u00f6glichst gl\u00fccklich aufwachsende Kinder wird zu einem Kampf gegen Windm\u00fchlen &#8230;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor ein paar Wochen machte ein Interview mit dem Kinder- und Jugendpsychiater Michael Winterhoff im Netz die Runde, welches dieser aufgrund des Erscheinens seines neuen Buchs SOS Kinderseele dem Schweizer Tages-Anzeiger gab. Hierin beschreibt Winterhoff eine aus seiner Sicht fatale Umkehr in der famili\u00e4ren Hierarchie, sodass Eltern nur noch als Bed\u00fcrfniserf\u00fcller ihrer Kinder fungieren, was dazu f\u00fchrt, dass die Kinder erhebliche Entwicklungsdefizite aufweisen.<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[52],"tags":[138,137,155,90],"class_list":["post-1207","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-soziales","tag-eltern","tag-erziehung","tag-konsumverhalten","tag-schule"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1207","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1207"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1207\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":26613,"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1207\/revisions\/26613"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1207"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1207"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1207"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}