{"id":12120,"date":"2018-10-08T15:24:52","date_gmt":"2018-10-08T13:24:52","guid":{"rendered":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=12120"},"modified":"2018-10-08T18:10:17","modified_gmt":"2018-10-08T16:10:17","slug":"ueber-den-mythos-des-freien-marktes","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=12120","title":{"rendered":"\u00dcber den Mythos des freien Marktes"},"content":{"rendered":"<p>Es sind die Narrative, die Erz\u00e4hlungen, die wir glauben, die bestimmen, wer wir sind und wie wir handeln. Es sind die kleinen Erz\u00e4hlungen, die wir \u00fcber uns erz\u00e4hlen, die unsere Pers\u00f6nlichkeit ausmachen, wenn wir sie selbst glauben. Es sind die gro\u00dfen Erz\u00e4hlungen \u00fcber unsere Gesellschaft, \u00fcber die Politik, \u00fcber die Wirtschaft, \u00fcber die Vergangenheit, welche die Richtung bestimmen, in die sich die Gesellschaft entwickelt. Deshalb lohnt es, sich mit den Narrativen zu besch\u00e4ftigen, sie zu hinterfragen, zu relativieren oder sogar als falsch herauszuarbeiten, wenn sie denn falsch sind. Sie sind die Basis unseres Denkens und Handelns, das Fundament. Was geschieht, wenn das Fundament nicht stimmt, kann man am schiefen Turm zu Pisa gut beobachten, kann man aber auch in unserer geteilten, gespaltenen Gesellschaft sehen, wo lange schon Mythen, welche wir \u00fcber Erz\u00e4hlungen am Leben erhalten, das gesellschaftliche Handeln pr\u00e4gen, sodass das Fundament deshalb immer weniger tr\u00e4gt.<\/p>\n<p>Immer wieder h\u00f6ren und lesen wir, dass es der Markt richten soll, wir auf diesen vertrauen sollen, die dortige Freiheit die besten L\u00f6sungen f\u00fcr uns alle bereithalten w\u00fcrden. Annegret Kramp-Karrenbauer, ihres Zeichens Generalsekret\u00e4rin der CDU und potenzielle Nachfolgerin von Angela Merkel, will ausdr\u00fccklich noch mehr Markt, spricht sogar schon von &#8222;Sozialpopulismus&#8220;, wenn andere Eingriffe in dieses Marktgeschehen fordern beim Wohnungsbau, bei der Infrastruktur, im Bildungsbereich, bei den Renten und den Arbeitslosengeldern und vielen anderen politischen, sozialen Feldern, wo die Probleme immer gr\u00f6\u00dfer statt kleiner zu werden scheinen. Alles soll weiterhin der Freiheit der M\u00e4rkte \u00fcberlassen bleiben, ja, den M\u00e4rkten sollen sogar noch mehr Freiheiten und Kompetenzen einger\u00e4umt werden.<\/p>\n<p>Wie gut das l\u00e4uft, sieht man bei der Pflege, bei den Wohnungsmieten und vielen anderen Verwerfungen der M\u00e4rkte. Wie machtlos die Politik mittlerweile ist, weil sie sich den M\u00e4rkten ausgeliefert hatte, sieht man an den Beschl\u00fcssen beispielsweise zum Dieselskandal, bei der Kohle und auch in der Landwirtschaft &#8211; man denke an die weiteren zwei Jahre, in denen nun die Ferkel ohne Bet\u00e4ubung gequ\u00e4lt werden d\u00fcrfen. Alles, weil der Markt es so will, weil man diesem nicht allzu viel Beschr\u00e4nkungen aufzuerlegen h\u00e4tte, weil dies angeblich Wohlstand kosten w\u00fcrde, weil nur freie M\u00e4rkte den Wohlstand garantieren k\u00f6nnten. Weil es angeblich das Wesen der M\u00e4rkte sei, frei zu sein, und nur diese Freiheit auch unsere Freiheit garantieren w\u00fcrde. Dabei kann der &#8222;freie Markt&#8220; gar kein Wesen haben, weil der freie Markt selbst ein Mythos ist, ein in seiner Wirkung auf Mensch und Natur immer fatalerer Mythos.<\/p>\n<p>Man kann M\u00e4rkte freier machen, indem man Regeln aufstellt und diese kontrolliert als Staat, als Gesellschaft, aber man wird nie alle Marktteilnehmer in eine gleich starke Position bringen k\u00f6nnen, auf einen \u00e4hnlichen Informationsstand beispielsweise, schon gar nicht, wenn man dem Markt weder Regeln noch Grenzen setzt, sie derart befreit, wie wir dies getan haben und weiter tun wollen. Immer wird es Marktteilnehmer geben, die mehr Macht haben als andere, eben weil sie mehr wissen, es fr\u00fcher wissen als andere und sie damit die Freiheit des Marktes beschr\u00e4nken k\u00f6nnen und auch beschr\u00e4nken. W\u00e4re es anders, w\u00e4ren wir alle schon l\u00e4ngst Million\u00e4re, h\u00e4tten wir uns an den B\u00f6rsen alle schon reich spekulieren k\u00f6nnen. Nur fehlt uns das Wissen, welches andere haben, welches ihnen erm\u00f6glicht, fast immer Sieger auf diesen M\u00e4rkten zu sein und zu bleiben, w\u00e4hrend viele andere ihres Verm\u00f6gens verlustig gehen, meist die der kleinen, selten die der wirklich gro\u00dfen &#8211; die werden manchmal \u00e4rmer, aber nie wirklich arm. Deshalb braucht es Regeln und Grenzen, wieder mehr Regeln und Grenzen, als wir derzeit haben, m\u00fcssen wir die Freiheit der M\u00e4rkte einschr\u00e4nken, d\u00fcrfen wir diese nicht noch ausweiten, wollen wir unsere Freiheit erhalten, wollen wir nicht den M\u00e4chtigen der M\u00e4rkte uns, die Natur, die Welt allein \u00fcberlassen.<\/p>\n<p>Mehr noch, ohne Staat, der die M\u00e4rkte garantiert, gibt es gar keine M\u00e4rkte, w\u00fcrde Handel gar nicht in dem Ma\u00dfe stattfinden k\u00f6nnen, wie wir es gewohnt sind. Immer sind es die Staaten oder Herrscher gewesen, ganz gleich welcher Herrschaftsform, die den Markt erst m\u00f6glich machten, die Regeln daf\u00fcr aufstellten und darauf achteten, dass diese auch eingehalten werden. So etwas wie freie M\u00e4rkte gab es nie, gibt es auch heute nicht. Freie M\u00e4rkte sind ein Traum, eine Utopie, ein behaupteter \u00f6konomischer Trugschluss der liberalen \u00f6konomischen Denker; sie sind aber noch nie Realit\u00e4t gewesen und auch weit davon entfernt, Realit\u00e4t zu werden. Die Konzerne haben nicht wirklich Interesse daran, dass die M\u00e4rkte allzu frei sein werden, schaffen lange schon \u00fcber Patente und hohe Investitionsanforderungen Marktzugangsh\u00fcrden, sind sehr darauf bedacht, diese \u00fcber Freihandelsabkommen auch noch rechtsstaatlich festzuschreiben.<\/p>\n<p>Deshalb kann und darf der eigentlich unfreie Markt nicht \u00fcber Wohl und Wehe, wie derzeit, der Menschen allein entscheiden. Deshalb brauchen wir die Umverteilung \u00fcber den Staat und seine Institutionen, geregelte statt ungeregelte M\u00e4rkte und endlich eine Diskussion \u00fcber das Eigentum. Denn der technische Fortschritt n\u00fctzt monet\u00e4r nur dem bestehenden Eigentum, schafft wenig neues Eigentum, und damit versch\u00e4rft der technische Fortschritt nicht nur die Ungleichheit, sondern erh\u00f6ht vor allem die Macht derer \u00fcber uns, die im Besitze des Eigentums sind, denn sie haben auch die Macht auf den unfreien M\u00e4rkten und damit \u00fcber uns.<\/p>\n<p>Weil der freie Markt ein Mythos ist, kann er auch nicht versagen. Das, was wir Marktversagen nennen, ist eigentlich ein Versagen derer, die uns glauben machen wollen, dass es so etwas wie freie M\u00e4rkte \u00fcberhaupt geben k\u00f6nnte, ist das eigentliche Versagen der liberalen Theoretiker der \u00d6konomie unserer Tage und der ihr h\u00f6rigen politischen und medialen Eliten. Nicht die M\u00e4rkte versagen, sondern die, die es vers\u00e4umen, den M\u00e4rkten Regeln und Grenzen zu setzen, die immer noch von freien M\u00e4rkten reden, von noch freieren M\u00e4rkten tr\u00e4umen.<\/p>\n<p>Bewusst herbeigef\u00fchrtes Versagen?<\/p>\n<p>Teils, teils.<\/p>\n<p>Teils nein, weil das Wissen \u00fcber M\u00e4rkte selbst unter \u00d6konomen oft rudiment\u00e4r ist und daraus das Missverstehen herr\u00fchrt, und teils ja, weil nat\u00fcrlich bewusst eine \u00d6konomie derzeit betrieben wird, die nur auf die Geldwertstabilit\u00e4t abzielt und damit alle anderen Ziele dieser Geldwertstabilit\u00e4t unterordnet. Helmut Schmidt brachte das mal auf den Punkt, kurz bevor man ihn st\u00fcrzte, der Grund, warum man ihn st\u00fcrzte: &#8222;Mir sind 5 % Inflation lieber als 5 % Arbeitslosigkeit.&#8220; Heute gilt der Satz auch noch, aber umgekehrt. Alle Verwerfungen dieser Tage stehen Pate daf\u00fcr.<\/p>\n<p>Es wird deshalb Zeit, sich von einigen Mythen zu trennen, die unser Leben derzeit in die falschen Bahnen lenken, und der Mythos des freien Marktes ist nur einer von vielen anderen Mythen, welche wirklichen Verbesserungen im Wege stehen, sie sogar verhindern.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es sind die Narrative, die Erz\u00e4hlungen, die wir glauben, die bestimmen, wer wir sind und wie wir handeln. Es sind die kleinen Erz\u00e4hlungen, die wir \u00fcber uns erz\u00e4hlen, die unsere Pers\u00f6nlichkeit ausmachen, wenn wir sie selbst glauben. Es sind die gro\u00dfen Erz\u00e4hlungen \u00fcber unsere Gesellschaft, \u00fcber die Politik, \u00fcber die Wirtschaft, \u00fcber die Vergangenheit, welche die Richtung bestimmen, in die sich die Gesellschaft entwickelt. 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