{"id":1300,"date":"2014-02-18T12:53:27","date_gmt":"2014-02-18T10:53:27","guid":{"rendered":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=1300"},"modified":"2014-02-18T12:55:12","modified_gmt":"2014-02-18T10:55:12","slug":"die-pathologie-des-extremen-reichtums","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=1300","title":{"rendered":"Die Pathologie des extremen Reichtums"},"content":{"rendered":"<p>Anl\u00e4sslich des vor einigen Wochen stattfindenden <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Weltwirtschaftsforum\" target=\"_blank\">Weltwirtschaftsforums in Davos<\/a>\u00a0kursierten ja einige Berichte, so wie <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/wirtschaft\/soziales\/oxfam-studie-kluft-zwischen-armen-und-reichen-waechst-a-944474.html\" target=\"_blank\">hier auf Spiegel Online<\/a>, in denen thematisiert wurde, wie es um die Verteilung des weltweiten Reichtums bestellt ist. Die genannten Zahlen wirken grotesk und erschreckend zugleich: Die 85 reichsten Personen besitzen in etwa so viel wie die \u00e4rmste H\u00e4lfte der Weltbev\u00f6lkerung, und das reichste Prozent der Menschen besitzt etwa die H\u00e4lfte des Weltverm\u00f6gens. Wer diese Menschen sind und wie viel sie im Einzelnen besitzen, kann man der <a href=\"http:\/\/www.forbes.com\/billionaires\/list\/\" target=\"_blank\">Forbes-Liste der Milliard\u00e4re<\/a> entnehmen.<\/p>\n<p>Nun sind wir ja mittlerweile an solche extremen Geldbetr\u00e4ge gew\u00f6hnt, sp\u00e4testens seit der Bankenrettung nach der Finanzkrise sind Milliarden an Euro etwas nahezu jedem Gel\u00e4ufiges. Dabei verlieren wir allerdings auch aus den Augen, wie viel Geld das denn auch tats\u00e4chlich ist, also nicht nur als Zahl, sondern auch tats\u00e4chlich als Zahlungsmittel. Es ist mir dabei klar, dass die nachfolgenden Beispiele etwas vereinfacht sind und nat\u00fcrlich Sachen wie Steuern oder Inflation au\u00dfen vor lassen, aber es geht auch dabei ja auch eher um eine generelle Vorstellung, was diese hohen Zahlen in etwa in der Realit\u00e4t bedeuten.<\/p>\n<p>Um sich dies vor Augen zu f\u00fchren, kann man ja erst mal mit deutlich kleineren Betr\u00e4gen anfangen: 1 Million Euro. Das klingt erst mal \u00fcberschaubar, und immerhin gibt es ja zahlreiche Menschen in der Wirtschaft, aber auch im Sport oder Showbusiness, die mehrere davon pro Jahr f\u00fcr ihre T\u00e4tigkeit bekommen. Wenn man nun eine Million Euro nimmt, diese nirgends anlegt, sondern einfach St\u00fcck f\u00fcr St\u00fcck ausgibt \u00fcber einen Zeitraum von 40 Jahren, so hat man immerhin schon mal 25.000 Euro im Jahr zur Verf\u00fcgung \u2013 das ist mehr, als viele Menschen, die einer Vollzeitt\u00e4tigkeit in Deutschland nachgehen, verdienen (jemand mit 10 Euro\/Stunde brutto, der also schon mal \u00fcber dem zurzeit f\u00fcr 2017 angedachten Mindestlohn liegt, kommt auf gut 20.000 Euro Jahr). Und 40 Jahre sind ja nun eine durchaus lange Zeitspanne, die bei vielen bis ans Lebensende reichen w\u00fcrde. Aber selbst bei 80 Jahren k\u00e4me man mit 12.500 Euro pro Jahr noch auf eine deutlich h\u00f6here Summe, als sie beispielsweise Hartz-IV-Empf\u00e4ngern zur Verf\u00fcgung steht.<\/p>\n<p>Das klingt nat\u00fcrlich alles noch nicht nach Luxus und Champagner bis zum Abwinken, allerdings ist das ja auch erst der Anfang. Wenn wir nun einfach mal eine 0 an die 1 Million Euro anh\u00e4ngen (und auch dabei sind wir immer noch im Bereich dessen, was etliche Menschen als Jahressal\u00e4r einstreichen), dann sieht es schon etwas \u00fcppiger aus: Mit 10 Millionen Euro k\u00f6nnte man 40 Jahre lang jedes Jahr 250.000 Euro ausgeben \u2013 oder als junger Mensch 80 Jahren lang 125.000 Euro. Damit befinden wir uns nun schon mal in einem Bereich, den Menschen mit einer durchschnittlichen Berufst\u00e4tigkeit niemals werden erreichen k\u00f6nnen. Und immer dran denken: Das Geld muss daf\u00fcr noch nicht mal angelegt werden, es kann einfach so verbraucht werden.<\/p>\n<p>Das Anh\u00e4ngen weiterer Nullen f\u00fchrt nun in immer absurdere Sph\u00e4ren: Bei 100 Mio. Euro ist es schon m\u00f6glich, 40 Jahre lang jedes Jahr 2,5 Millionen Euro auszugeben (oder 80 Jahre lang 1,25 Millionen Euro), bei einer Milliarde landet man bei 25 Millionen bzw. 12,5 Millionen pro Jahr, die irgendwie unters Volk gebracht werden wollen \u2013 wobei man sich sp\u00e4testens hier die Frage stellen muss, wie das denn \u00fcberhaupt noch geschehen soll, wenn man sich nicht st\u00e4ndig H\u00e4user, Jachten o. \u00c4. in einem Ma\u00dfe kauft, dass man diese gar nicht mehr nutzen kann. Und nun haben die ganzen Leute in der Forbes-Liste nicht nur eine Milliarde, sondern ein paar mehr davon.<\/p>\n<p>Diese Anh\u00e4ufung von Verm\u00f6gen in den H\u00e4nden weniger ist nun nicht nur volkswirtschaftlich ausgesprochen sch\u00e4dlich, da dieses Geld eben nicht wieder in den Wirtschaftskreislauf flie\u00dft, wie das bei den Geh\u00e4ltern von Durchschnittsverdienern der Fall ist, sondern diesem durch Horten entzogen wird. Es hat dar\u00fcber hinaus auch eine m. E. ausgesprochene pathologische Komponente: Geld wird zum Selbstzweck, zum G\u00f6tzen, es findet eine Umdeutung statt weg von dem Hilfsmittel zum Warenaustausch, als das es urspr\u00fcnglich einmal konzipiert wurde, mit der Folge, dass es Menschen gibt, die mehr davon haben, als sie und auch ihre Erben jemals werden ausgeben k\u00f6nnen \u2013 und deren oberstes Lebensziel es ist, nur immer noch mehr davon zu bekommen. Suchtverhalten beschreibt diesen Zustand wohl recht treffend \u2013 Forbes-Listen-Junkies sozusagen. Bl\u00f6derweise ist es nun so, dass dieses Suchtverhalten nicht den S\u00fcchtigen selbst sch\u00e4digt (zumindest nicht in einem physisch-materiellen Sinn), sondern viele andere Menschen. Ein weiterer Aspekt dieser enormen Geldmengenanh\u00e4ufung ist ja, dass die Einzelnen, die diese Verm\u00f6gen besitzen, gar nicht in der Lage waren, diese auch zu erarbeiten, dies mussten eben schon andere f\u00fcr sie machen (das ist ja das Prinzip der kapitalistischen Wirtschaftsordnung, dass der Mehrwert der erbrachten Arbeit abgesch\u00f6pft wird). Und je gr\u00f6\u00dfer (und absurder) diese Verm\u00f6gen sind, desto mehr mussten tats\u00e4chlich andere daf\u00fcr Arbeitsleistungen aufbringen. Wenn man nun noch ber\u00fccksichtigt, dass diese Verm\u00f6gen ja in der Regel nicht in einem Beutel unterm Kopfkissen gehortet werden, sondern angelegt werden, wird deren parasit\u00e4res Ausma\u00df noch deutlicher: Auch wenn es immer hei\u00dft\u00a0<em>Geld arbeitet<\/em>, so trifft dies doch nicht zu, denn nat\u00fcrlich kann Geld nicht arbeiten, sondern nur so angelegt werden, dass andere Menschen f\u00fcr dessen Verzinsung produktive Arbeitsleistung erbringen m\u00fcssen. In einem gewissen Rahmen funktioniert das auch noch, aber mittlerweile sind die Dimensionen derart ins Groteske abgedriftet, dass so immer mehr dem tats\u00e4chlichen Leistungsbringer vorenthaltene Entlohnung daf\u00fcr aufgewendet werden muss, um die leistungslosen Zinseink\u00fcnfte derjenigen zu bedienen, die eben keine produktive Leistung erbringen. Dass nun die in ma\u00dflosester Weise Gelds\u00fcchtigen \u00fcber ihre Politvasallen und Medien immer wieder verbreiten lassen, dass sich Leistung ja lohnen m\u00fcsse und wir in einer Leistungsgesellschaft leben w\u00fcrden, ist eine besonders zynische Fu\u00dfnote des Ganzen.<\/p>\n<p>Der Markt, dem ja die Politik schon in kriecherischer Weise hinterherhechelt seit ein paar Jahrzehnten und der als unfehlbarer Instanz das Ideal der neoliberalen Ideologie bildet, dient also in erster Linie dazu, die vollkommen irrationalen, krankhaften und parasit\u00e4ren Symptome eines Suchtverhaltens von einigen wenigen, welche das Hilfsmittel Geld zum absoluten Selbstzweck erhoben haben, zu bedienen \u2013 und das auf Kosten von der gro\u00dfen Mehrheit der Weltbev\u00f6lkerung. Und dies wird uns allen als alternativlose, unumst\u00f6\u00dfliche Tatsache verkauft. Das ist wahrlich ausgesprochen krank &#8230;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Anl\u00e4sslich des vor einigen Wochen stattfindenden Weltwirtschaftsforums in Davos kursierten ja einige Berichte, in denen thematisiert wurde, wie es um die Verteilung des weltweiten Reichtums bestellt ist. 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