{"id":13434,"date":"2018-12-20T20:42:39","date_gmt":"2018-12-20T19:42:39","guid":{"rendered":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=13434"},"modified":"2019-04-02T07:31:23","modified_gmt":"2019-04-02T05:31:23","slug":"wir-sollten-die-lohnarbeit-fuer-einige-zeit-ganz-verbieten-in-deutschland","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=13434","title":{"rendered":"Wir sollten die Lohnarbeit f\u00fcr einige Zeit ganz verbieten in Deutschland"},"content":{"rendered":"<p>Warum?<\/p>\n<p>Vielleicht merken dann die, die sie schlecht bezahlen, wie wichtig die Lohnarbeit auch f\u00fcr sie ist, dass sie ohne diese nicht auskommen, dass Geld keine Schei\u00dfe wegr\u00e4umt, dass Geld kein Brot backt, keine Heizung repariert, keine Kinder betreut und ausbildet, dass Geld eigentlich von sich aus nichts tut, au\u00dfer Geld zu sein, au\u00dfer Macht zu sein, meist nur wei\u00df, Macht auszu\u00fcben, nur um sich zu vermehren, vor allem auf Kosten der Lohnarbeiter und der Natur, aber nicht, um die notwendigen T\u00e4tigkeiten in einer Gesellschaft zu tun, sondern nur von diesen T\u00e4tigkeiten profitiert, von der Natur profitiert, mehr als uns allen derzeit guttut.<\/p>\n<p>Vielleicht merken dann auch die mal etwas, die immer wieder gegen die Lohnarbeit hier angehen, sie ersetzt wissen wollen, meist nicht wissen, wodurch zwar, aber das ist ja egal, Hauptsache weg damit, Hauptsache, alles wird auf Gewinne umgestellt. Auch die, die behaupten, die Arbeit, die Lohnarbeit w\u00fcrde uns ausgehen, w\u00e4ren damit vielleicht eines Besseren zu belehren, wenn sie einmal merken, wie wenig hier noch klappen w\u00fcrde, wenn die Lohnarbeit wirklich nicht mehr stattfinden w\u00fcrde, wenn sie verboten werden w\u00fcrde, auch wenn es nur eine begrenzte Zeit so sein w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Vielleicht sollten wir einfach mal diejenigen die Schei\u00dfe dann wegr\u00e4umen lassen, die meinen, sich, aus welchen Gr\u00fcnden auch immer, gegen die Lohnarbeit so ins Zeug legen zu d\u00fcrfen, sie als menschenunw\u00fcrdig bezeichnen von der einen Seite her oder als viel zu teuer von der anderen Seite her.<\/p>\n<p>Es tut mir leid &#8211; nein, nicht wirklich -, aber mir ist heute mal danach, den Bl\u00f6dsinn auch als Bl\u00f6dsinn zu benennen, den ich immer wieder zu lesen bekomme, von gierigen Kapitalisten und von naiven Moralisten und Weltverbesserern. Ich kann deren Oberfl\u00e4chlichkeit einfach nicht mehr ertragen, ohne ihnen ihre Weltferne einmal hier verbal um die Ohren zu hauen.<\/p>\n<p>Ich war immer gern Lohnarbeiter, habe gern meine Aufgaben erf\u00fcllt, habe einen Lohn daf\u00fcr bekommen, mit dem ich planen konnte, ob es dem Unternehmen nun gut oder schlecht ging, war meist egal. Ich war froh dar\u00fcber, mir nicht nachts in meinen Tr\u00e4umen noch Sorgen machen zu m\u00fcssen, woher ich die Auftr\u00e4ge bekomme, die ich brauche, um \u00fcberhaupt Gewinn machen zu k\u00f6nnen, dass ein anderer diese Tr\u00e4ume, oder auch nicht, tr\u00e4umen musste. Gern war ich immer bereit, ihm oder ihr daf\u00fcr auch den Gewinn zuzugestehen, den sie auch aus meiner Arbeitsleistung ziehen konnten, weil erst sie mir erm\u00f6glichten, diese \u00fcberhaupt erbringen zu k\u00f6nnen. Was ich nie f\u00fchlte, war Neid oder dass ich weniger wert w\u00e4re als der, der Gewinne als sein Einkommen bezeichnen durfte. Im Gegenteil, wer ich bin und wer ich war, definierte ich nie \u00fcber diese Nebens\u00e4chlichkeit, definiere ich auch heute nicht dar\u00fcber. Und ich wei\u00df hier, wovon ich rede, denn ich habe beide Seiten erfolgreich in meinem Leben kennenlernen d\u00fcrfen, die Seite von Lohnarbeit und die Seite, vom Gewinn leben zu m\u00fcssen. Beide hatten ihre Vorteile, aber auch Nachteile. Weder der Lohn noch der Gewinn &#8211; ich wechselte mehrmals die Seite &#8211; war jemals das Problem f\u00fcr mich. Das Problem kam erst, als ich gar nicht mehr arbeiten konnte, als ich krank wurde und dann auf das System angewiesen war, welches die Parteien hier seit Schr\u00f6der und unter Merkel geschaffen hatten, welches nur dem Gewinn zu dienen hat seitdem, und da auch nur denen, die noch gen\u00fcgend davon machen k\u00f6nnen. Dies zu \u00e4ndern w\u00e4re Aufgabe guter Politik. Nur wo sind die, die dies \u00e4ndern wollen? Wo? Wo laufen sie denn?, um Loriot hier mal zu zitieren.<\/p>\n<p>Lohnarbeit ist eine Errungenschaft der Neuzeit, eine wichtige noch dazu, denn ohne Lohnarbeit und die Entwicklung der L\u00f6hne w\u00e4re die Neuzeit gar nicht zu erreichen gewesen. Sie hat aus Tagel\u00f6hnern und \u00e4rmsten Bauern B\u00fcrger gemacht, sie hat Planbarkeit auch f\u00fcr die geschaffen, die fr\u00fcher nur von Tag zu Tag leben konnten. Sie hat uns erst die Sozialversicherungen geschenkt, die Diskussion mit dazu, wie lange wir \u00fcberhaupt arbeiten sollen, wie lange am Tag, wie lange in der Woche, wie lange im Jahr, wie lange im Leben. Vorher war das n\u00e4mlich gar keine Frage, da entschied der Grundherr dar\u00fcber, der sich um die Menschen nur deshalb k\u00fcmmerte und so lange, wie er sie gebrauchen konnte, f\u00fcr die eigene Wirtschaft oder den Krieg. Marx hatte deshalb recht, als er die Befreiung durch die Bourgeoise feierte, die ohne Lohnarbeit auf der anderen Seite, gar nicht m\u00f6glich gewesen w\u00e4re, im feudalen Kapitalismus der Gro\u00dfgrundbesitzer n\u00e4mlich stecken geblieben w\u00e4re. Die Demokratie, wie wir sie kennen, w\u00e4re ohne Lohnarbeiter gar nicht m\u00f6glich gewesen. Der Liberalismus w\u00e4re ohne die vielen Lohnarbeiter gescheitert, gegen die er sich seit geraumer Zeit in seiner Mehrheit wendet, war eigentlich schon gescheitert, und erst mit der Entfesselung der Produktivkr\u00e4fte, die ohne Lohnarbeiter gar nicht m\u00f6glich gewesen w\u00e4re, w\u00e4re er l\u00e4ngst nur noch Teil der akademischen Welt. Wir haben vieles, fast alles, der Lohnarbeit, den Lohnarbeitern, ihren Interessengruppen, ihren K\u00e4mpfen und Opfern zu verdanken. Und wie danken wir es ihnen? Wir sch\u00e4tzen sie gering, lehnen sie ab, wenn wir uns in intellektuellen Sp\u00f6kenkiekereien ergehen, uns von diesen einlullen lassen, meist denen dann zuh\u00f6ren, die au\u00dfer in Ferienjobs kaum mal zu Lohnarbeit selbst angetreten sind.<\/p>\n<p>Man muss kein Anh\u00e4nger der protestantischen Ethik sein &#8211; ich bin es gewiss nicht -, aber ohne sie w\u00e4re die moderne Lohnarbeit, w\u00e4re der moderne Kapitalismus, nicht m\u00f6glich gewesen &#8211; auch der Sozialismus als Alternative zum Kapitalismus w\u00e4re nie \u00fcber Morus und Camponella hinausgedacht worden -, und damit w\u00e4re das, was wir heutzutage liberale Demokratie nennen, schon gar nicht m\u00f6glich gewesen. Gerade die liberale Demokratie basiert im Wesentlichen auf der Lohnarbeit, allerdings auf einer partnerschaftlichen Art und Weise des Ausgleichs von Kapitalrendite und Lohnarbeit, einer Partnerschaft, die der Neoliberalismus aufgek\u00fcndigt hat, die uns nun den Druck auf die L\u00f6hne beschert, auf die Lohnarbeit insgesamt.<\/p>\n<p>Der Neoliberalismus funktioniert am besten mit Tagel\u00f6hnern in der Masse, und genau dahin will er auch zur\u00fcck. Ob diese nun im Lohn bezahlt werden oder eine Projektverg\u00fctung bekommen, also letztendlich als Gewinn ausgewiesen werden, ist dem Neoliberalismus v\u00f6llig egal. Selbst einer Grundabsicherung steht er nicht im Wege, wenn diese die Arbeitskosten nur weiterhin gering h\u00e4lt, nicht allzu viele Lasten f\u00fcr die Kapitalrenditen bedeutet. Hauptsache ist, er muss wenig bezahlen, umso weniger, desto bester. Nicht die Lohnarbeit ist deshalb das Problem, sondern die fehlende Partnerschaft der Lohnarbeiter und derer, die von der Lohnarbeit indirekt profitieren k\u00f6nnen, die diese Partnerschaft l\u00e4ngst aufgek\u00fcndigt hatten und wohl auch kaum derzeit bereit sind, sie zu erneuern, auch hier nur so tun, als ob.<\/p>\n<p>Warum kann der Neoliberalismus das mit uns, mit der Lohnarbeit insbesondere, tun, was er t\u00e4glich tut, meist zu unseren Lasten? Warum ist er so m\u00e4chtig geworden? Weil wir die Lohnarbeit, die Lohnarbeiter nicht mehr ausreichend sch\u00e4tzen, sie nicht wertsch\u00e4tzen, sie sogar ersetzen wollen. Weil wir alles nur noch \u00fcber Gewinne denken, die restliche Wertsch\u00f6pfung, die meist viel gr\u00f6\u00dfere Wertsch\u00f6pfung, nur noch als Kosten betrachten, die die Gewinne mindert und deshalb auch nicht wertgesch\u00e4tzt werden darf. Steuern, Sozialabgaben, L\u00f6hne sind zu Kosten verkommen, werden auch von der Politik l\u00e4ngst nur noch als Kosten wahrgenommen, im Zweifel unter Druck genommen, damit die Gewinne weiterhin sprudeln k\u00f6nnen, immer gr\u00f6\u00dfer werden k\u00f6nnen. Aber auch weil wir die T\u00e4tigkeiten au\u00dferhalb der Lohnarbeit f\u00fcr wertvoller halten als die Lohnarbeit selbst. Weil wir die Lohnarbeit gar nicht mehr verstehen, die nicht mehr verstehen, die f\u00fcr L\u00f6hne, gute L\u00f6hne, gern arbeiten gehen wollen. Vor allem aber weil wir in Zeiten der intellektuellen Verblendung leben, welche uns auch den Neoliberalismus eingebrockt hatte, der diese eigentlich dann nur noch schlimmer hat werden lassen.<\/p>\n<p>Wie bl\u00f6d sind wir eigentlich? Oder besser gefragt: Wie bl\u00f6d sind die, die die Lohnarbeit, aus welchem Anspruch heraus auch immer, als etwas Falsches und Negatives behaupten, die die Lohnarbeit nicht mehr entsprechend bezahlen wollen, sie sogar abschaffen wollen, sie zuk\u00fcnftig als \u00fcberfl\u00fcssig bezeichnen, dem Neoliberalismus weiterhin allesamt auf den Leim gehen wollen? Ich will das n\u00e4mlich nicht, nehme mich deshalb auch aus dieser Schusslinie selbst heraus. Ich wei\u00df n\u00e4mlich, wie wertvoll die Lohnarbeit, die Lohnarbeiter beiderlei Geschlechts sind, wie unverzichtbar sie sind und wie unverzichtbar sie bleiben werden f\u00fcr die Gesellschaft. Wichtiger n\u00e4mlich als Geld, als Gewinne, die immer mehr aus Geldanlagen entstehen und immer weniger aus tats\u00e4chlicher geleisteter Arbeit, immer weniger durch wirklich sinnvolle Produktion.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Warum?<\/p>\n","protected":false},"author":6,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[52,51],"tags":[599,166],"class_list":["post-13434","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-soziales","category-wirtschaftliches","tag-arbeit","tag-neoliberalismus"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/13434","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/6"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=13434"}],"version-history":[{"count":34,"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/13434\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":13470,"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/13434\/revisions\/13470"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=13434"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=13434"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=13434"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}