{"id":13761,"date":"2019-01-22T23:28:16","date_gmt":"2019-01-22T22:28:16","guid":{"rendered":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=13761"},"modified":"2019-01-22T23:28:16","modified_gmt":"2019-01-22T22:28:16","slug":"ulrike-herrmann-kein-kapitalismus-ist-auch-keine-loesung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=13761","title":{"rendered":"Ulrike Herrmann: Kein Kapitalismus ist auch keine L\u00f6sung"},"content":{"rendered":"<p>Im Klappentext findet sich ein Kommentar aus der Frankfurter Rundschau zu diesem Buch: &#8222;Wer die Wirtschaft besser verstehen will, sollte Herrmann lesen.&#8220; Und das bringt es auch sehr gut auf den Punkt, denn nicht weniger gelingt Ulrike Herrmann auf nicht einmal 250 Seiten: Sie erkl\u00e4rt die Grundz\u00fcge der \u00d6konomie und die wichtigsten Wirtschaftstheorien. Das hat allerdings recht wenig mit dem zu tun, was heutzutage immer wieder von Mainstream-Wirtschaftswissenschaftlern propagiert wird &#8211; und das ist eben auch eines der zentralen Probleme unserer Zeit.<\/p>\n<p>Doch zun\u00e4chst mal zum Buch und seinem Aufbau: Ulrike Herrmann nimmt sich drei zentrale Figuren der Wirtschaftswissenschaft vor: Adam Smith, Karl Marx und John Maynard Keynes. Jeder der drei bekommt zwei eigene Kapitel, in denen sowohl ihr Leben und Werdegang als auch die Grundz\u00fcge ihrer Theorien beschrieben werden. Das liest sich angenehm locker, denn trotz aller fundierten Kenntnisse, die von der Autorin vermittelt werden, gelingt es ihr, ansprechend zu schreiben, um so auch \u00f6konomisch wenig Vorgebildeten einen guten Zugang zu diesem Thema zu verschaffen.<\/p>\n<p>Dabei verf\u00e4llt Herrmann nicht in Ehrfurcht vor den drei gro\u00dfen Namen oder in kritiklose Lobhudelei, sondern zeigt auf, wie diese Vordenker ihre Theorien entwickelt haben, allerdings eben auch Kinder ihrer Zeit waren. Leerstellen oder Irrt\u00fcmer werden dabei nicht ausgespart, und nebenbei erf\u00e4hrt man auch noch einiges \u00fcber andere \u00f6konomische Zeitgenossen von Smith, Marx und Keynes.<\/p>\n<p>So wird beispielsweise klar, dass Adam Smith durchaus andere Ansichten vertrat, als es eben aufgrund der verk\u00fcrzten Darstellung seiner Ideen durch die Neoliberalen und oft aus dem Zusammenhang gerissener Zitate oft den Anschein hat, indem er das Soziale immer mitgedacht hat. Auch die Wichtigkeit von Friedrich Engels f\u00fcr das Entstehen von Marx&#8216; elementarem Werk wird betont, sodass auf angenehme Art die Menschen hinter den gro\u00dfen (und oft trocken-theoretisch anmutenden) Namen sichtbar werden.<\/p>\n<p>F\u00fcr mich pers\u00f6nlich am interessantesten ist dann der Abschnitt zu Keynes, der wohl als zeitlich Letzter der drei das gr\u00f6\u00dfte Verst\u00e4ndnis \u00fcber die Mechanismen und Funktionsweisen des Kapitalismus entwickelt hat. Und letztlich war die Zeit, in der Wirtschaftspolitik nach seinen Ideen ausgerichtet wurde, die prosperierendste Epoche des Kapitalismus (vom Ende des Zweiten Weltkriegs bis in die 1970er-Jahre), die Wohlstand f\u00fcr eine gro\u00dfe Anzahl von Menschen und nicht nur f\u00fcr einige wenige geschaffen hat.<\/p>\n<p>Doch leider ist Keynes ja nicht das Ende der Geschichte, sondern die im Gewand des Neoliberalismus daherkommende Neoklassik hat ja seit den 70ern zunehmend eine Vormachtstellung in Wirtschaftslehre, Politik und auch Medien eingenommen. Und das ist fatal, denn diese Theorien basieren auf vollkommen unrealistischen Vorstellungen von der Realit\u00e4t, sodass Krisen nicht nur nicht vorausgesehen, sondern sogar wissentlich mit verursacht werden &#8211; 2008 war das allzu deutlich zu beobachten.<\/p>\n<p>Wer jedoch meint, dass sich Theorien, die sich in der Praxis als komplett untauglich erwiesen haben, doch im Grunde von selbst erledigen m\u00fcssten, sieht sich leider get\u00e4uscht. Da n\u00e4mlich vor allem die Verm\u00f6genden von einer an der Neoklassik orientierten Wirtschaftspolitik profitieren (was m. E. wohl auch intendiert ist, sodass quasi eine Art Refeudalisierung betrieben wird), nutzen diese all ihre publikativen und finanziellen Ressourcen, um der Wirtschaftswissenschaft nicht nur einen naturwissenschaftlichen (was schon kompletter Unfug ist &#8211; das wird von Herrmann auch gut begr\u00fcndet in dem Buch), sondern schon quasi religi\u00f6sen Stand einzur\u00e4umen. Aussagen wie &#8222;There is no alternative&#8220; von einer der Protagonistinnen der neoliberalen Wende, Margaret Thatcher, weisen schon seit L\u00e4ngerem deutlich darauf hin.<\/p>\n<p>So ergibt sich folgendes Dilemma, was von Ulrike Herrmann auch klipp und klar benannt wird:<\/p>\n<blockquote><p>Der Kapitalismus entwickelt sich v\u00f6llig ungesteuert, weil der Mainstream eine Theorie vertritt, in der dieser Kapitalismus nicht vorkommt. Es ist eine Theorie ohne Gro\u00dfkonzerne, ohne Produktion, ohne Kredite &#8211; ja ohne Geld. Zur Neoklassik z\u00e4hlen sich etwa 85 Prozent aller \u00d6konomen. Sie werden wieder scheitern und Kosten produzieren, die in die Billionen gehen.<\/p><\/blockquote>\n<p>Das klingt nun, wenn man die vorherigen Ausf\u00fchrungen Herrmanns nicht gelesen hat, schon mal sehr krass, ist aber keineswegs \u00fcbertrieben, denn die Realit\u00e4tsferne der Neoklassik ist m. E. wirklich nur noch als Idiotie zu bezeichnen. Doch bl\u00f6derweise wird Wirtschaftskompetenz heute nahezu immer damit gleichgesetzt, diese absurden Theorien auch zu vertreten &#8211; exemplarisch am Beispiel der FDP zu erkennen, die als neoliberale Hardliner immer noch den Nimbus der \u00d6konomieexperten genie\u00dfen. Was f\u00fcr ein Irrtum!<\/p>\n<p>&#8222;Kein Kapitalismus ist auch keine L\u00f6sung&#8220; ist ein ausgesprochen erhellendes und dabei kurzweiliges Buch, das Pflichtlekt\u00fcre an Schulen &#8211; und an wirtschaftswissenschaftlichen Hochschulen sowieso &#8211; sein sollte. Aber auch f\u00fcr den &#8222;Hausgebrauch&#8220; ist es absolut zu empfehlen, um sich auf kompakte Weise einen guten \u00dcberblick \u00fcber die \u00d6konomie verschaffen zu k\u00f6nnen. Und das ist wichtiger denn je, denn der n\u00e4chste Crash kommt bestimmt, zumal wenn weiterhin alle der untauglichen, realit\u00e4tsfernen und letztlich idiotischen heutigen Mainstream-\u00d6konomie hinterherdackeln.<\/p>\n<p>Ulrike Herrmann: Kein Kapitalismus ist auch keine L\u00f6sung<br \/>\nVerlag Piper<br \/>\n287 Seiten<br \/>\nISBN 978-3-492-31159-5<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Klappentext findet sich ein Kommentar aus der Frankfurter Rundschau zu diesem Buch: &#8222;Wer die Wirtschaft besser verstehen will, sollte Herrmann lesen.&#8220; Und das bringt es auch sehr gut auf den Punkt, denn nicht weniger gelingt Ulrike Herrmann auf nicht einmal 250 Seiten: Sie erkl\u00e4rt die Grundz\u00fcge der \u00d6konomie und die wichtigsten Wirtschaftstheorien. 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