{"id":13791,"date":"2019-01-31T22:17:26","date_gmt":"2019-01-31T21:17:26","guid":{"rendered":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=13791"},"modified":"2019-02-02T11:29:28","modified_gmt":"2019-02-02T10:29:28","slug":"bestrafung-rehabilitation-oder-rache","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=13791","title":{"rendered":"Bestrafung: Rehabilitation oder Rache?"},"content":{"rendered":"<p>Wozu haben wir Gerichte und Gef\u00e4ngnisse? Die Frage nach den Gerichten w\u00fcrde ich pauschal so beantworten: Justitia (Gerechtigkeit). Wir wollen Verhaltensregeln nicht auf dem Prinzip des Rechts des St\u00e4rkeren gr\u00fcnden, sondern \u201egleiches Recht f\u00fcr alle\u201c. Allerdings ist der Umgang mit verurteilten Straft\u00e4tern eine ziemlich kontroverse Sache, sodass ein einfacher Katalog wie der Bu\u00dfgeldkatalog im Stra\u00dfenverkehr schnell an seine Grenzen kommt. Es spielen viele Faktoren eine Rolle, wie kriminelle Vorgeschichte, Tatumst\u00e4nde (zeitliche, r\u00e4umliche wie auch soziale) und Einsicht in die eigene Schuld.<\/p>\n<p>In welchem\u00a0Punkt ich mir ziemlich sicher bin: Strafvollzug im amerikanischen Sinne bringt keine Resozialisierung. Im Gegenteil: Unschuldige und Gelegenheitst\u00e4ter werden mit Schwerkriminellen in ein Geb\u00e4ude gesteckt, in Bezug auf Resozialisierung weitestgehend sich selbst \u00fcberlassen und als billige Arbeitskr\u00e4fte auf einem Sklavenmarkt 2.0 ausgebeutet. Dieses System scheint rentabel, wenn man sich die Anzahl der inhaftierten Amerikaner in den letzten 100 Jahren anschaut (siehe der Einfachheit halber <em><a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Gef\u00e4ngnissystem_der_Vereinigten_Staaten\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Wikipedia<\/a><\/em>). Kein Wunder, dass die R\u00fcckfallquote dort bei ca. 70 bis 80 % liegt.<\/p>\n<p>Das komplette Gegenteil scheint der Strafvollzug in Norwegen: Die Insel\u00a0Bast\u00f8y beherbergt \u00fcber 100 inhaftierte Schwerverbrecher (z. B. f\u00fcr Mord) ohne Z\u00e4une oder Mauern mit gerade einmal vier W\u00e4rtern. Der Gedanke der Resozialisierung steht an erster Stelle, sodass sich Insassen eines herk\u00f6mmlichen Gef\u00e4ngnisses diese Freiz\u00fcgigkeit durch Wiedereingliederung verdienen k\u00f6nnen. Dies sorgt unter anderem daf\u00fcr, dass immer mehr Haftanstalten in Norwegen geschlossen werden und die R\u00fcckfallquote von Insassen dieser Insel bei deutlich unter 20 % liegt.<\/p>\n<p>Vor Kurzem wurde ein ehemaliger SS-Offizier in einem Dorf nahe Hildesheim enttarnt (<a href=\"https:\/\/daserste.ndr.de\/panorama\/archiv\/2019\/Der-Nachbar-ein-NS-Verbrecher-was-nun-,ssmann134.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><em>panorama<\/em> berichtete<\/a>). In der Gemeinde ist er ein angesehenes Mitglied, dass auch durch seine ehrenamtliche T\u00e4tigkeit zum sozialen Miteinander beitr\u00e4gt. Seitdem die Menschen davon geh\u00f6rt haben, nehmen trotzdem viele den alten Mann in Schutz und wollen ihn \u201eauf seine alten Tage\u201c nicht im Gef\u00e4ngnis wissen. Er ist nachweislich an der Ermordung von 86 unschuldigen Zivilisten beteiligt und bereut die Taten w\u00e4hrend des Krieges nicht. Im Gegenteil: Er spielt diese Verbrechen herunter und zweifelt auch an der Ermordung von ca. sechs Millionen Juden (denn \u201eso viele gab es doch gar nicht in Deutschland\u201c, meint Karl M.). Solange man nicht selbst Mitglied dieser Gemeinde ist, scheint mir ein Urteil ungleich einfacher (der T\u00e4ter sollte aus meiner Sicht trotz seines hohen Alters nicht ohne entsprechende Resozialisierungsma\u00dfnahmen \u201edavonkommen\u201c).<\/p>\n<p>Das Ziel der Rechtsprechung sollte im Idealfall sein, dass die \u00d6ffentlichkeit vor weiteren Straftaten einer Person gesch\u00fctzt ist und ein Prozess der Rehabilitation (Wiedereingliederung in die Gesellschaft) durchlaufen wird. Was jedoch von den Opfern und Angeh\u00f6rigen ebenfalls oft eingefordert wird, ist die ungeschminkte Rache (im Sinne einer Wiedergutmachung von Unrecht). Der oben geschilderte Fall mit dem SS-Offizier ist insofern kontrovers, da die Tat in Kriegszeiten stattfand (was aus Unrecht kein Recht macht!) und der T\u00e4ter in einer friedlichen Zeit nach dem Krieg als angesehenes und engagiertes Mitglied der Gesellschaft agierte. W\u00e4re der zu rehabilitierende Aspekt, das Handeln des T\u00e4ters in Kriegszeiten (was entsprechend \u201ederzeit\u201c nicht zutage tritt), in messbarer Form von S\u00fchne oder Reue m\u00f6glich?<\/p>\n<p>Dies wirft f\u00fcr mich pers\u00f6nlich aber auch die Frage auf: Zu welchen Taten sind Menschen in Kriegszeiten im Stande, die in friedlichen Zeiten\u00a0\u201ekeiner Fliege etwas zuleide tun\u201c? Oder anders gesagt: Welche Umst\u00e4nde ver\u00e4ndern die Bewertung einer Straftat und ab wann wird jeder von uns hypothetisch zum Straft\u00e4ter? Und welche Verantwortung trage ich als Teil dieser Gesellschaft, einem straff\u00e4lligen Mitglied eine Wiedereingliederung zu erm\u00f6glichen?<\/p>\n<p>Auf jeden Fall ein Thema, was mich in den kommenden Tagen oder gar Wochen noch besch\u00e4ftigen wird. An dieser Stelle noch einmal meine Empfehlung f\u00fcr die Michael Moore Dokumentation\u00a0\u201e<a href=\"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=12768\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Where to invade next<\/a>\u201c, welche auch den Strafvollzug in Norwegen und den der Vereinigten Staaten in Bezug zueinander setzt und deutliche Kritik am amerikanischen System \u00fcbt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wozu haben wir Gerichte und Gef\u00e4ngnisse? Die Frage nach den Gerichten w\u00fcrde ich pauschal so beantworten: Justitia (Gerechtigkeit). Wir wollen Verhaltensregeln nicht auf dem Prinzip des Rechts des St\u00e4rkeren gr\u00fcnden, sondern \u201egleiches Recht f\u00fcr alle\u201c. Allerdings ist der Umgang mit verurteilten Straft\u00e4tern eine ziemlich kontroverse Sache, sodass ein einfacher Katalog wie der Bu\u00dfgeldkatalog im Stra\u00dfenverkehr schnell an seine Grenzen kommt. 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