{"id":1406,"date":"2014-04-06T12:54:36","date_gmt":"2014-04-06T10:54:36","guid":{"rendered":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=1406"},"modified":"2015-05-21T14:52:22","modified_gmt":"2015-05-21T12:52:22","slug":"neid","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=1406","title":{"rendered":"Neid"},"content":{"rendered":"<p>In der letzten Woche hatte ich auf Facebook eine kleine Diskussion, in der dann irgendwann wieder das unvermeidliche Argument kam, ich <em>w\u00e4re doch nur neidisch<\/em>\u00a0(es ging dabei um teure Autos). Da ich (und bestimmt auch viele andere, die gern mal ein bisschen kritisch abseits des Mainstreams denken) schon \u00f6fter mit diesem reflexartigen Scheinargument konfrontiert wurde, hier nun mal ein paar generelle Gedanken dazu.<\/p>\n<p>Neid hat ja im Deutschen durchaus zwei verschiedene Konnotationen, n\u00e4mlich eine eher positive und eine eher negative. Im positiven Sinne wird Neid gebraucht im Sinne von jemanden zu beneiden, wenn diesem gerade etwas Sch\u00f6nes widerf\u00e4hrt, beispielsweise eine tolle Urlaubsreise. Man dr\u00fcckt damit also aus, dass man sich f\u00fcr denjenigen freut, was ich \u00fcbrigens auch lieber so formuliere, da eben in dem Wort Neid immer auch die negative Seite mitschwingt: ein Neidhammel, neidisch im Sinn von missg\u00fcnstig oder neiderf\u00fcllt zu sein. Dies ist auch grunds\u00e4tzlich die Art, wie Neid verstanden wird, wenn es als Totschlagargument verwendet wird, um jemandem inhaltliche Absichten abzusprechen und niedere Beweggr\u00fcnde zu unterstellen, wenn derjenige es wagt, gegen irgendwelche materiellen Ausw\u00fcchse zu argumentieren.<\/p>\n<p>Das Argument\u00a0<em>Du bist ja nur neidisch<\/em> geht auf ein sehr reduziertes Weltbild zur\u00fcck, dass leider immer mehr Menschen heutzutage eingepflanzt wurde und dass monet\u00e4re Quantit\u00e4t als h\u00f6chsten Ma\u00dfstab ansetzt. Richard-David Precht hat in seinem Buch\u00a0<em>Die Kunst, kein Egoist zu sein<\/em> darauf hingewiesen, dass Geld deswegen so leicht andere Werte verdr\u00e4ngt, da es so extrem simpel ist: Geld hat nur eine Quantit\u00e4t und keine Qualit\u00e4t. Ein zerknitterter und befleckter 100-Euro-Schein ist immer mehr wert als ein nagelneuer und glatter 20-Euro-Schein oder eine h\u00fcbsche gl\u00e4nzende 2-Euro-M\u00fcnze. Wenn man diesen Wertma\u00dfstab auf andere Dinge \u00fcbertr\u00e4gt, wird deutlich, wie undifferenziert er ist: Das dicke Buch w\u00e4re automatisch besser als das d\u00fcnnen Buch, die gro\u00dfe Portion Essen w\u00e4re automatisch leckerer als die kleine (vielleicht viel raffinierter gekochte) Portion usw. In vielen Bereichen findet diese alleinige Orientierung an der Gr\u00f6\u00dfe von Werten ja schon statt, wenn beispielsweise technische Dinge mit hohen Zahlenwerten beworben werden, die den meisten Nutzern nicht wirklich etwas sagen oder auch von diesen gar nicht in wirklich genutzt werden k\u00f6nnen (Kameras, Autos, Computer &#8230;).<\/p>\n<p>Wenn man erst mal in diesem Weltbild gefangen ist, dann kann auch eine Kritik an unverh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfigen oder sogar sch\u00e4dlichen Quantit\u00e4tsausw\u00fcchsen von Dingen auch immer nur einen Grund haben: Da wird wohl jemand neidisch sein, dass er nicht so viel von einer Sache hat. Das ist nat\u00fcrlich ein Trugschluss, der lediglich auf einer Unterscheidung basiert: Wenn ich jemanden auf ein Zuviel aufmerksam mache, was ihm selbst schadet, dann ist das kein Neid, wenn ich jemandem auf ein Zuviel aufmerksam mache, was anderen schadet, dann ist das Neid. Beispiel: Ein Bekannter nimmt immer mehr zu, sodass man sich Sorgen um dessen Gesundheit macht und diesen darauf anspricht. Ist man nun neidisch darauf und w\u00e4re gern selbst auch \u00fcbergewichtig? Kaum einer k\u00e4me zu dem Schluss. Oder man sitzt abends gem\u00fctlich zusammen, und jemand trinkt augenf\u00e4llig mehr, als ihm gut tut, und findet dabei kein Ende. Wenn ich diesen nun nach Hause bringe und somit vom weiteren Trinken abhalte &#8211; bin ich dann neidisch, weil ich selbst nicht so besoffen bin wie er? Wohl kaum. Anders sieht es aus, wenn sich jemand beispielsweise einen dicken PS-starken SUV kauft und ich ihn darauf aufmerksam mache, dass diese Dinger extrem viel Ressourcen fressen und der (besonders in Deutschland ausgepr\u00e4gte) Kult ums sportliche Auto und schnelle Fahren, der durch den Kauf solcher Autos unterst\u00fctzt wird, nicht nur f\u00fcr die Umwelt schlecht ist, sondern auch f\u00fcr die Gesundheit anderer Verkehrsteilnehmer schlimme Folgen haben kann. Sofort t\u00f6nt einem entgegen:\u00a0<em>Du bist ja nur neidisch!<\/em> Genau das bekommt man auch oft zu h\u00f6ren, wenn es um das Thema der zunehmenden Ungleichverteilung von Einkommen und Verm\u00f6gen in Deutschland geht. Der Versuch, volkswirtschaftlich zu argumentieren, warum \u00fcbertrieben gro\u00dfe Geh\u00e4lter und Privatverm\u00f6gen Einzelner sch\u00e4dlich sind f\u00fcr ein Wirtschaftssystem, werden gern abgeb\u00fcgelt mit:\u00a0<em>Ach, du bist ja nur neidisch, du w\u00e4rest doch genauso drauf, wenn du so viel Geld h\u00e4ttest.<\/em><\/p>\n<p>Nicht nur aus inhaltlicher Sicht ist eine solche Argumentation unredlich, sondern auch im Hinblick auf den Diskussionsstil: Ein Gespr\u00e4ch \u00fcber eine Sache wird somit n\u00e4mlich auf eine pers\u00f6nliche Ebene heruntergebrochen, indem dem Mitdiskutanten nicht argumentativ begegnet wird, sondern dieser pers\u00f6nlich zu diffamieren versucht wird. Und das mit einem allgemein (zu Recht, wenn man mal bei der eigentlichen Bedeutung bleibt und nicht ihre inflation\u00e4re argumentative Pervertierung ber\u00fccksichtigt) negativ besetzten Begriff: Neid! Auf diese Weise wird versucht, durch die Konstruktion einer charakterlichen Schw\u00e4che des Gegen\u00fcbers dessen Argumente zu entkr\u00e4ften, weil man sie eben nicht inhaltlich widerlegen kann. Nicht gerade die feine Art, oder?<\/p>\n<p>Vor allem muss man sich immer vor Augen halten, wer denn \u00fcberhaupt diese Begrifflichkeit von Neid als allgegenw\u00e4rtiges Prinzip zur Abwehr kritischen Denkens in die gesellschaftliche Diskussionskultur implementiert hat, und da landen wir (mal wieder) bei denjenigen, die die Medienmacht haben, da diese Begriffe wie &#8222;Sozialneid&#8220; verbreitet haben. Zudem wird hier der rein betriebswirtschaftliche Gedanke der simplen Orientierung auf hohe Zahlen, die dem eigenen Profit entsprechen, als Nonplusultra jeglicher gesellschaftlicher Leistung massiv Vorschub geleistet, indem st\u00e4ndig darauf abgestellt und dieses positiv besetzt wird (die Forbes-Liste ist da nur der Gipfel, auch ansonsten geht es allzu oft um <em>gr\u00f6\u00dfer und teurer gleich besser<\/em>). Hier \u00fcbernehmen nun also Menschen, die gar nicht mal selbst zu den finanziellen Gewinnern geh\u00f6ren, die Argumentation derjenigen, die sich genau damit abschotten wollten gegen jede Form von Kritik.<\/p>\n<p>Das Schlimme daran ist, dass, wenn man erst mal mit dem Neidvorwurf in einer Diskussion konfrontiert wurde, es schwer ist, wieder auf eine inhaltliche Fortf\u00fchrung zur\u00fcckzukommen, selbst wenn man diesen Vorwurf eindeutig von sich weist. Dieses Muster ist mittlerweile bei vielen so tief im Denken implementiert, dass Widerspruch gar nicht erst wahrgenommen oder als relevant betrachtet wird. Das ist eben einfach so, als w\u00e4re es ein ehernes Naturgesetz, dass alle Menschen immer nur voller Missgunst auf diejenigen schauen, die mehr monet\u00e4ren Wohlstand haben als sie selbst. Dass dieser nicht unbedingt etwas mit Dingen wie Gl\u00fcck, Zufriedenheit und Freude zu tun haben muss und oft sogar Ausdruck einer inneren Leere und Armut ist, wird dabei komplett ausgeblendet. <em>Haste was, biste was<\/em>, das ist das Einzige was noch zu z\u00e4hlen scheint. Dabei m\u00fcssten sich die Neidvorwerfer doch nur mal fragen, ob denn Dagobert Duck in den Mickey-Maus-Heften, die sie als Kinde gelesen haben, wirklich so eine gl\u00fcckliche und beneidenswerte Figur gewesen ist &#8230;<\/p>\n<p>Umso wichtiger ist es, f\u00fcr sich selbst Neid als Prinzip und Gef\u00fchl m\u00f6glichst komplett auszuschlie\u00dfen und sich bewusst gegen die Scheinargumentation\u00a0<em>Du bist ja nur neidisch<\/em> zu stellen, wenn diese einem immer mal wieder \u00fcber den Weg l\u00e4uft.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In der letzten Woche hatte ich auf Facebook eine kleine Diskussion, in der dann irgendwann wieder das unvermeidliche Argument kam, ich &#8222;w\u00e4re doch nur neidisch&#8220; (es ging dabei um teure Autos). 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