{"id":14110,"date":"2019-03-04T21:06:13","date_gmt":"2019-03-04T20:06:13","guid":{"rendered":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=14110"},"modified":"2019-04-02T07:34:31","modified_gmt":"2019-04-02T05:34:31","slug":"frauen-in-der-politik-hardliner-plueschkaninchen-hauptsache-systemkonform","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=14110","title":{"rendered":"Frauen in der Politik. Hardliner, Pl\u00fcschkaninchen, hauptsache systemkonform."},"content":{"rendered":"<p><em>Wir leben im Zeitalter der Gleichberechtigung. Rund die H\u00e4lfte der Ministerposten im Bundeskabinett ist mit Frauen besetzt. Plus einer weiblichen Bundeskanzlerin. Die gro\u00dfen Volksparteien haben weibliche Vorsitzende. Aus emanzipatorischer Sicht sind wir also in der Gleichberechtigung angekommen. Ich m\u00f6chte jubeln, wenn ich es denn nur k\u00f6nnte. Meine Hoffnungen auf eine andere, eine ausgewogenere Politik haben sich n\u00e4mlich nicht erf\u00fcllt.<\/em><\/p>\n<p>In meinem Leben habe ich es schon oft geh\u00f6rt, beruflich und auch privat: Tina, wie sch\u00f6n, dass du da bist. Wir sind ein Haufen Kerle und w\u00fcnschen uns mehr Frauen im Team, das tut dem Team und der Sache gut. Ich habe das fr\u00fcher befremdlich gefunden, denn ich wollte ja nicht \u201eanders\u201c gesehen werden. \u201eWeibliche Note\u201c? Klingt &#8230; hm &#8230; ja wonach eigentlich?<\/p>\n<p>Mittlerweile wei\u00df ich, dass ich da selbst einen Denkfehler eingebaut hatte. Die Angst, dass das \u201eWeibliche\u201c als \u201enicht vollwertig\u201c gesehen wird, als \u201eirgendwie soft\u201c, die steckt auch in mir. Ein Dilemma, das, wie ich vermute, noch viele Frauen besch\u00e4ftigt.<br \/>\nDoch eigentlich ist alles ganz einfach: M\u00e4nner und Frauen denken und handeln oft unterschiedlich, k\u00f6nnen sich aber, wenn gewollt, gegenseitig erg\u00e4nzen und inspirieren.<\/p>\n<p>In der Politik spielt dies m. E. nach eine besonders wichtige Rolle, bedenkt man, dass Politik bzw. deren Vertreter doch Entscheidungen f\u00fcr alle trifft. Und so ergibt es umso mehr Sinn, dass ein Kabinett je zur H\u00e4lfte aus M\u00e4nnern und Frauen besteht, und damit &#8211; bez\u00fcglich Geschlecht &#8211; ein durchaus reales Spiegelbild der Gesellschaft darstellt.<\/p>\n<h3>Es geht um die Sache, nicht um das Geschlecht! \u2013 Richtig?<\/h3>\n<p>Jetzt haben wir mit Barley, von der Leyen, Kl\u00f6ckner, Giffey, Schulze und Karliczek gleich sechs Frauen mit Ministeramt. Andrea Nahles und Annegret Kramp-Karrenbauer haben den Parteivorsitz f\u00fcr SPD und CDU. Ein toller Erfolg, wenn wir davon reden, dass mehr Frauen hohe Positionen in der Politik erlangen k\u00f6nnen. Und eigentlich betont keiner mehr, dass es Frauen sind. Klar, es geht ja um die Sache und sonst nichts. Und ja, auch ich habe mir immer gew\u00fcnscht, dass solch Quote eine Selbstverst\u00e4ndlichkeit ist. Kritik, wenn, \u00e4u\u00dfert sich \u00fcber eine konkrete Sache und nicht \u00fcber das Geschlecht.<\/p>\n<p>Ja, und was hast du nun wieder zu meckern, k\u00f6nnte man fragen. Dazu meine konkrete Gegenfrage: Was hat sich denn ver\u00e4ndert an Politik, seitdem mehr Frauen mitmischen? Vergessen wir auch nicht Angela Merkel, die als Kanzlerin \u00fcber viele Jahre ma\u00dfgeblich f\u00fcr die politische Ausrichtung in Deutschland war. Also, haben wir im Ergebnis nun eine andere Politik, eine ausgewogenere, eine, die Dinge aus anderen Perspektiven betrachtet und behandelt? Mein Res\u00fcmee: Nein, haben wir nicht.<\/p>\n<p>Woran liegt es? Die Erkl\u00e4rung scheint so einfach wie logisch: Wenn es um Machtpositionen und Fleischt\u00f6pfe geht, setzen sich immer dieselben Charaktere durch, und dabei spielt es einfach keine Rolle, welches Geschlecht man innehat. Entscheidend ist es, das Spiel mitzuspielen. Hier, und nur hier, hat letztlich eine Angleichung der Geschlechter stattgefunden, auch wenn die Taktiken und Finessen im Spiel um Macht sich unterscheiden m\u00f6gen.<\/p>\n<h3>Hardliner oder Pl\u00fcschkaninchen \u2013 Hauptsache systemkonform<\/h3>\n<p>Es gab immer \u201eGr\u00fcnde\u201c, um Frauen in Machtpositionen zu diskreditieren. Die einen waren den Leuten \u201ezu m\u00e4nnlich\u201c, die anderen \u201ezu typisch weiblich\u201c. Das haben wir doch hinter uns gelassen, oder? Aber wenn man sich umschaut, werden genau diese Stereotypen wieder bedient, als g\u00e4be es keine andere M\u00f6glichkeit f\u00fcr Frauen, ein eigenes Profil zu haben.<\/p>\n<p>Vor allem aber: Frau plappert dem System weiter nach dem Mund. Eine sich abzeichnende Abkehr von aktuell neoliberal gepr\u00e4gter Politik? Vom Teile-und-herrsche-Spielchen? Von Lobby- und Konzernpolitik? Nicht zu sehen.<\/p>\n<p>Da gibt es die Hardliner wie Ursula von der Leyen oder Annegret Kramp-Karrenbauer. Immer knallhart, das gef\u00e4llt dem konservativen W\u00e4hler und fischt den rechten W\u00e4hlerrand ab. Julia Kl\u00f6ckner dagegen, ganz anders, punktet mit Charmeoffensive, nach au\u00dfen das l\u00e4chelnde Pl\u00fcschkaninchen, w\u00e4hrend sie eiskalten Wirtschaftslobbyismus pflegt. \u201eTierwohl\u201c verkommt bei ihr zur Farce. Franziska Giffey, mit m\u00fctterlich-mildem Auftreten, passt zum Ressort Familie, Senioren, Frauen, Jugend und ist dennoch f\u00fcr mein Daf\u00fcrhalten wenig \u201esozial\u201c. Der Kompromiss um \u00a7 219a wurde knallhart verteidigt, und in diesem Zusammenhang auch die GroKo. Von einer m\u00f6glichen Abschaffung des \u00a7 218 wollen wir am besten gar nicht erst anfangen. Ein j\u00fcngstes Beispiel f\u00fcr \u201eWeiter-so-Politik\u201c bietet auch Katharina Barley zum Thema \u201eSchutz von Whistleblowern\u201c. Wen \u201esch\u00fctzt\u201c Frau Barley, in dem sie den vom EU-Parlament geforderten Schutz von Whistleblowern ablehnt? Richtig, die Konzerne.<\/p>\n<p>Was wollen uns diese Beispiele sagen? Sie sind m. E. nichts als Rollenspiele und bedienen Klischees und Vorstellungen der m\u00f6glichen Rollen von Frauen. Aber sie tun eins nicht: Sie stehen nicht f\u00fcr eine andere Politik als die, die seit Jahrzehnten von M\u00e4nnern betrieben wird. Nein, sie sind nichts mehr als Nuancen und bedienen dabei ein altbew\u00e4hrtes System, g\u00e4nzlich ohne Innovationskraft. Und das ist f\u00fcr mich pers\u00f6nlich einfach nur entt\u00e4uschend.<\/p>\n<h3>Fazit<\/h3>\n<p>Die Frage ist ketzerisch, aber dennoch stelle ich sie: Was soll die Gleichberechtigung, wenn sie in der Sache nichts \u00e4ndert? Wor\u00fcber soll ich mich freuen, wenn Frauen in Machtpositionen nichts anders machen als M\u00e4nner? Oder wenn die vermehrte Zusammenarbeit von M\u00e4nnern und Frauen nichts \u00e4ndert an einer Politik, die auf Wirtschaft und Macht basiert, auf dem reinen Erhalt des Status quo?<\/p>\n<p>Ja, ich erwarte mehr von Frauen. Wir Frauen wissen doch, wie es ist, aufgrund des Geschlechts diskriminiert zu werden. Wir wissen, wie es ist, f\u00fcr zu doof gehalten zu werden, zu weich, zu emotional. Gerade deshalb erwarte ich von Politikerinnen, zu k\u00e4mpfen, immer noch und immer wieder. Frauenrechte sind f\u00fcr euch kein Thema mehr? O. k., dann schaut weiter \u00fcber den Tellerrand. Es gibt unz\u00e4hlige Baustellen in unserer Gesellschaft. Ein Wirtschaftssystem, das zunehmend auf Billigl\u00f6hnen basiert? Altersarmut, von der zu einem sehr gro\u00dfen Teil Frauen betroffen sind? Ein marodes Pflegesystem? Packt es an. Seid weich oder hart, emotional oder nicht, aber seid das, was ihr wollt, und nicht ein Abziehbildchen der ewig gleichen Politik aus Lobbyismus und Wirtschaftsf\u00f6rderung &#8211; und h\u00f6rt damit auf, ein System der Ungleichheit immer weiter zu hofieren, anstatt es zu \u00e4ndern.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wir leben im Zeitalter der Gleichberechtigung. Rund die H\u00e4lfte der Ministerposten im Bundeskabinett ist mit Frauen besetzt. Plus einer weiblichen Bundeskanzlerin. Die gro\u00dfen Volksparteien haben weibliche Vorsitzende. Aus emanzipatorischer Sicht sind wir also in der Gleichberechtigung angekommen. Ich m\u00f6chte jubeln, wenn ich es denn nur k\u00f6nnte. 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