{"id":14326,"date":"2019-03-31T09:08:15","date_gmt":"2019-03-31T07:08:15","guid":{"rendered":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=14326"},"modified":"2019-03-31T09:08:15","modified_gmt":"2019-03-31T07:08:15","slug":"rutscht-mir-den-buckel-runter-ihr-individualisten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=14326","title":{"rendered":"Rutscht mir den Buckel runter, ihr Individualisten!"},"content":{"rendered":"<p>Sie gehen mir auf den Keks, diese Individualisten, dieses Kollektiv von Individualisten, ihrem Individualismus fr\u00f6nend alles zerst\u00f6rend, was Generationen gebraucht hatten aufzubauen, wozu die Natur Tausende, Hunderttausende, oftmals Millionen von Jahren brauchte. Mir sind sie ein Gr\u00e4uel, in der Masse als Tourist, wie in ihrer Art und Weise als B\u00fcrger allen anderen ihre Sicht der Welt aufzuoktroyieren und dies leider auch zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<h4>Heinz, bleib sachlich und gib auch den Individualisten eine Chance, ihren Irrt\u00fcmern auf die Spur zu kommen!<\/h4>\n<p>Kaum ein Wort ist so positiv konnotiert derzeit wie das Wort &#8222;Individuum&#8220;. Was durchaus auch Sinn ergibt, sind wir doch allesamt selbst Individuen. Alle Individuen haben Bed\u00fcrfnisse &#8211; auch ein fast nur ausschlie\u00dflich positiv konnotierter Begriff -, die wir nat\u00fcrlich m\u00f6glichst umfangreich in unserem Leben befriedigen wollen. Wir alle meinen auch, ein Recht dazu zu haben. Haben wir auch, zumindest auf die Grundbedarfe, die jedes Individuum zum Leben braucht, die es braucht, um seine Menschenw\u00fcrde zu behalten. Viele von uns meinen jedoch, dieses Recht auch dann zu haben, wenn es zulasten der Gemeinschaft und der Umwelt geht, sogar dann, wenn es zulasten der Bedarfe anderer geht. Sie sehen dies als legitim an und bekommen dieses Recht auch fast immer zugestanden. Manche meinen es sogar dann zu haben, wenn es eigentlich illegal ist, wenn das Recht Grenzen setzt. Sie setzen sich damit zwar ins Unrecht, aber gerade sie berufen sich auf die Ideologie, welche hinter diesen Auffassungen steht: den Individualismus.<\/p>\n<p>In <a href=\"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=14248\">Schuld und Schuldner &#8211; Deutschland, eine verkehrte Welt<\/a> versuchte ich, den kleinen Mann und seine Frau ein wenig von der Schuld zu befreien, die ihnen stetig zugeschrieben wird, als W\u00e4hler, als Verbraucher. Ich versuchte, die wahren Schuldigen herauszuarbeiten, die n\u00e4mlich, welche best\u00e4ndig das Vertrauen der Menschen missbrauchten und weiterhin missbrauchen wollen.<\/p>\n<p>Hier nun soll es um eine der Ursachen gehen, welche ich f\u00fcr diesen permanenten Vertrauensbruch direkt und indirekt verantwortlich mache: die \u00dcberbetonung des Individuums und seiner Bed\u00fcrfnisse durch den Individualismus, der vorherrschenden Auffassung in unserer Gesellschaft.<\/p>\n<h4>&#8222;Individualismus ist eine Anschauung, die dem Individuum, seinen Bed\u00fcrfnissen den Vorrang vor der Gemeinschaft einr\u00e4umt.&#8220; Duden zur philosophischen Bedeutung<\/h4>\n<p>Das Individuum, du oder ich, er oder sie, hat Bed\u00fcrfnisse, und folgt das Individuum dem Individualismus, so haben deine, meine, seine, ihre Bed\u00fcrfnisse Vorrang vor denen der anderen, auch denen des Wir, des Kollektivs, der Gemeinschaft. Der Einzelne geht also vor die Gemeinschaft. Oft fatal f\u00fcr das Kollektiv, aber so ist es nun mal, und so leben wir es auch derzeit.<\/p>\n<h4>In einer individualistischen Gesellschaft hat die Gemeinschaft wenig Platz<\/h4>\n<p>In unserer Gesellschaft hat die Gemeinschaft wenig Platz &#8211; oder besser gesagt: muss die Gemeinschaft den Platz r\u00e4umen, wenn der Einzelne Anspruch darauf erhebt und es durchsetzen kann. Denn seine Bed\u00fcrfnisse haben ja Vorrang vor denen der anderen, vor denen der Gemeinschaft.<\/p>\n<h4>Wehe dem, man will dem Individuum Grenzen setzen oder gar F\u00fchrung geben. Teufelswerk!<\/h4>\n<p>&#8222;Ich wei\u00df am besten, was f\u00fcr mich richtig ist!&#8220;, schmettert es einem sofort reflexartig entgegen, im analogen wie im digitalen Raum. &#8222;Ich brauche niemanden, der mir sagt, was richtig oder falsch ist. Ich wei\u00df das selbst besser als jeder andere!&#8220; Freundschaften k\u00f6nnen schnell scheitern, meist im digitalen Raum. Dass F\u00fchrung immer stattfindet, auch unverzichtbar ist, dass diese Menschen sich irren, hatte ich vor einiger Zeit schon ausgef\u00fchrt (<a href=\"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=14163\">hier<\/a>), werde es sicher sp\u00e4ter des \u00d6fteren noch detaillierter ausf\u00fchren, aber nicht hier und nicht jetzt.<\/p>\n<p>Aber selbst, wenn man F\u00fchrung f\u00fcr verzichtbar h\u00e4lt, so bleiben die Grenzen, die man den Einzelnen zu setzen hat. Grenzen, die man aber meint, nicht setzen zu m\u00fcssen, jedenfalls denen nicht, die \u00fcber die notwendigen intellektuellen und finanziellen Mittel verf\u00fcgen, grenzenlos zu handeln, denn die Freiheit des Individuums steht doch \u00fcber allem, auch \u00fcber der Gemeinschaft.<\/p>\n<h4>Grenzen sind das B\u00f6se schlechthin<\/h4>\n<p>Wir bekommen es t\u00e4glich zu h\u00f6ren und zu lesen. Verwerflich der, der fordert, sie zu setzen. Unm\u00f6glich, sie dem Individuum setzen zu wollen.<\/p>\n<h4>Freiwilligkeit hei\u00dft dann das Zauberwort<\/h4>\n<p>Die einzige Grenze, die allgemein akzeptiert wird, ist die selbst gesetzte Grenze. Denn nat\u00fcrlich wei\u00df jeder, was das Beste f\u00fcr ihn ist, f\u00fcr sie ist und nat\u00fcrlich auch f\u00fcr uns alle. So denkt der Individualist, und so handelt er auch. Die Diskussion um die Impflicht macht es nur allzu deutlich. Meine Position dazu ist bekannt, <a href=\"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=14503\">hier zu lesen<\/a>.<\/p>\n<h4>Die Freiheit, Gewinn machen zu d\u00fcrfen<\/h4>\n<p>Sie steht \u00fcber allem, wird als unverzichtbar angesehen, ja als Voraussetzung sogar f\u00fcr das Gemeinwohl, glaubt man den \u00d6konomen des Neoliberalismus. Sogar dann, wenn daf\u00fcr andere, die Gemeinschaft, Lasten zu tragen haben, steht diese Freiheit \u00fcber allem und jedem.<\/p>\n<p>Diese Art zu denken, die \u00fcbertrieben liberale, weil nur auf das Individuum zurechtgeschnittene Denkweise, ist tief verwurzelt in dieser Gesellschaft, bestimmt die \u00d6konomie und die Politik. Sie ist dem Individualismus geschuldet, der von so vielen hier Besitz ergriffen hat.<\/p>\n<h4>&#8222;Der Private kann es besser&#8220;<\/h4>\n<p>Herr Lindner lindnert dies fast t\u00e4glich. Die Freien Demokraten haben seit Jahrzehnten kaum mehr Worte als diese, f\u00fcr alle Probleme, denen wir uns zu stellen haben. Nat\u00fcrlich haben sie recht, kann der Private es besser, kann n\u00e4mlich auch dann Gewinne maximieren, wenn die Gemeinschaft auch Verluste schreiben muss. Die Gemeinschaft sind alle, und sie muss f\u00fcr alle da sein, auch f\u00fcr die, die sich das Private nicht mehr leisten k\u00f6nnen. Verluste sind da oft unausweichlich, verlieren aber im Individualismus ihre Rechtfertigung. Gewinne k\u00f6nnen so auf Kosten der Gemeinschaft m\u00f6glich gemacht werden, wurden lange schon so m\u00f6glich gemacht. Zulasten der Renten, der Pflege, des \u00f6ffentlichen Nahverkehrs und vieler anderer nun den Profiten \u00fcbereigneten Teilen der Daseinsf\u00fcrsorge. Mehr Individualismus scheint fast nicht mehr m\u00f6glich zu sein. Mehr Herabw\u00fcrdigung der Gemeinschaft geht nicht, es sei denn, wir schaffen sie bald g\u00e4nzlich ab.<\/p>\n<h4>Auch der Gewinn ist wichtig, wird gebraucht<\/h4>\n<p>Nichts will ich damit gegen die sagen, die Gewinne machen, denn auch der Gewinn hat seine Berechtigung im Wirtschaftskreislauf. Er ist notwendig. Auch die Freiheit dazu ist unverzichtbar. Problematisch wird es erst, wenn der Gewinn, die Freiheit des Individuums, Gewinne machen zu d\u00fcrfen, zulasten der Gemeinschaft geht.<\/p>\n<h4>Wohnungsnot und Gewinnmaximierung<\/h4>\n<p>Wenn beispielsweise Aktienunternehmen Wohnungen verwalten f\u00fcr individuelle Shareholder und institutionelle Shareholder und aus ihren Mietern den letzten Cent herausholen, um ihren Shareholdern an der B\u00f6rse eine Freude zu machen. Daf\u00fcr Mieten immer am oberen Ende des noch legal m\u00f6glichen ansetzen. Daf\u00fcr dann Mietern, die dann nicht mehr mithalten k\u00f6nnen, die Wohnung k\u00fcndigen. Diese oft langj\u00e4hrigen Mieter dann auf die Stra\u00dfe setzen; sie der Gemeinschaft \u00fcberantworten, welche dann oft genug dieser Verantwortung nicht mehr nachkommt. Dann wird der Gewinn zum Problem, der Individualismus zum Problem, die Rechte des Einzelnen vor die der Gemeinschaft zu setzen zu einem gewaltigen Problem.<\/p>\n<h4>Wasserrechte und der zunehmende Missbrauch damit<\/h4>\n<p>Wenn sich Nestl\u00e9 oder andere die Wasserrechte sichern; Menschen dann von der Wasserversorgung abschneiden, um den gleichen Menschen dann das Wasser mit horrenden Gewinnen wieder zu verkaufen, wird es problematisch. Wenn sie es ihnen dann auch noch vorenthalten d\u00fcrfen, wenn sie die notwendigen Mittel dazu nicht aufbringen k\u00f6nnen, dann wird dieses Denken und Handeln zu einem gewaltigen Problem, eines der Gemeinschaft, genauer gesagt.<\/p>\n<h4>Dumm allerdings ist, wer hier zu sp\u00e4t kommt, hier nicht mitmacht<\/h4>\n<p>So denken dann die Individualisten. Dumm ist der, der keine Profite machen will oder kann, in ihrem liberalen Unverst\u00e4ndnis von Gesellschaft. Ihm oder ihr fehlt halt die Bildung, schreien sie heraus, weisen den Betroffenen die Schuld damit zu an ihrem eigenen Elend.<\/p>\n<h4>\u201eFreie Fahrt f\u00fcr freie B\u00fcrger\u201c<\/h4>\n<p>Kein Problem im Individualismus, im Gegenteil. Das Bed\u00fcrfnis des Individuums, schnell zu fahren, muss konsequent vor dem der Gesellschaft gehen, die Unf\u00e4lle zu minimieren, den menschlichen und sozialen Schaden zu minimieren, die Umwelt zu sch\u00fctzen. Beschr\u00e4nkungen des Bed\u00fcrfnisses auch nur eines Individuums hier zugunsten der Allgemeinheit lehnt der Individualismus ab, muss in einer individualistischen Gesellschaft wie der unsrigen konsequent sogar auf Ablehnung sto\u00dfen.<\/p>\n<h4>Man spricht von Freiheit und meint den Individualismus<\/h4>\n<p>Freiheit meint nur die eigene Freiheit. Die Freiheit des Kollektivs muss hintanstehen, dem Vorrang des Einzelnen Platz machen. Freiheit muss man sich im Individualismus deshalb auch leisten k\u00f6nnen.<\/p>\n<h4>Selbst vor dem Feminismus hat der Individualismus nicht haltgemacht<\/h4>\n<p>Im Gegenteil, hat der Individualismus gerade hier gew\u00fctet. <a href=\"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=14435\">\u201eVom Anh\u00e4ngsel des Mannes zum B\u00fcttel des Konsums\u201c<\/a>\u00a0schrieb Tina zu Recht in ihrem sehr beachtenswerten Artikel hier auf <em>unterstr\u00f6mt<\/em>. Der Individualismus hat den Feminismus vereinnahmt und \u00fcber die Selbstoptimierung zum \u00f6konomisch verwertbaren Produkt gemacht.<\/p>\n<h4>Der Individualismus schafft eine Welt der Verantwortung des Einzelnen, als Selbstschutz quasi<\/h4>\n<p>So wie es Lambsdorff der J\u00fcngere uns eindr\u00fccklich vorf\u00fchrte. Auf die schlechten Renten und die Mietsituation von Frauen angesprochen, antwortete er mit dem Rat, sie k\u00f6nne sich doch eine Wohnung kaufen. Individualismus pur. Liberaler Unsinn, aber viel zu viele nickten sofort mit dem Kopf; die Solidarit\u00e4t war ausgehebelt; die Verantwortung liegt wieder da, wo sie f\u00fcr die Individualisten hingeh\u00f6rt: bei den Betroffenen, hier bei den Frauen in prek\u00e4ren Situationen. Was er einem Mann gesagt h\u00e4tte, wage ich mir gar nicht erst vorzustellen.<\/p>\n<h4>Dummheit von diesen Lambsdorffs?<\/h4>\n<p>Nein, gewiss nicht. Strategie, eine sehr verwerfliche Strategie in meinen Augen. Indem man n\u00e4mlich immer auf den Einzelnen, den Betroffenen, verweist, seine Eigenverantwortung, schafft sich der Individualismus einen Selbstschutz, schafft er sich selbst aus der Schusslinie, wird der Einzelne zum Schuldner der Gesellschaft gemacht. Die Gesellschaft ist fein raus. Die liberalen Prediger haben ihre Klientel wieder gut bedient.<\/p>\n<h4>Der Individualismus sch\u00fctzt sich, indem er Verantwortung delegiert<\/h4>\n<p>Und zwar auf jeden Einzelnen von uns und nur auf uns. Er schafft uns ein schlechtes Gewissen, spricht von Neid, spricht von Versagen, spricht uns ab, uns zu solidarisieren und als Gemeinschaft, als Kollektiv f\u00fcr unsere Rechte einzutreten. Teile und herrsche in h\u00f6chster Form. Wir schrieben des \u00d6fteren dar\u00fcber (<a href=\"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=8437\">hier<\/a>, <a href=\"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=11557\">hier<\/a> beispielsweise), denn es ist immer wieder das gleiche fade, aber wirksame Spiel.<\/p>\n<h4>Eine individualisierte Gesellschaft ist leichter zu beherrschen als eine solidarische Gesellschaft<\/h4>\n<p>Daraus erkl\u00e4rt sich dann auch, warum die B\u00fcndnisgr\u00fcnen st\u00e4ndig uns ermahnen, doch endlich unser eigenes Verhalten zuallererst zu \u00e4ndern, w\u00e4hrend sie sich selbst kaum mehr mit den Konzernen anzulegen trauen &#8211; und wenn doch, dann doch immer nur mit halben Herzen, am Ende mit faulen, manchmal sogar oberfaulen Kompromissen.<\/p>\n<p>Sie k\u00f6nnen dies auch ungestraft tun, denn der Individualist schaut nicht auf die Widerspr\u00fcche, sondern auf die Botschaft, die Botschaft allein, die er h\u00f6ren oder lesen will, je nach Gusto des Individualisten.<\/p>\n<h4>Auch der Umbau unserer Sozialgesetzgebung ist so zu erkl\u00e4ren<\/h4>\n<p>Die &#8222;Verantwortungsumw\u00e4lzung&#8220; durch den Individualismus &#8211; ein Bekannter von mir pr\u00e4gte letztens diesen treffenden Begriff &#8211; machte es m\u00f6glich. Nicht mehr die Gemeinschaft ist seit den rotgr\u00fcnen \u201eReformen\u201c verantwortlich f\u00fcr die Gesellschaft. Nein, der Einzelne ist verantwortlich f\u00fcr die Gesellschaft. JFK h\u00e4tte seine Freude daran, auf wie fruchtbaren Boden seine einstige Forderung bei uns gefallen ist, Jahrzehnte nach seinem Tod zwar und so von ihm wohl auch nicht gemeint.<\/p>\n<p>Der Mensch in Not, in Arbeitslosigkeit wurde zum Kunden gemacht, bekam einen Preis und wird seitdem zum Markt getragen, ja, muss sich selbst dahin tragen &#8211; und wehe, wenn nicht. Der Betroffene steht allein, ganz wie der Individualismus es fordert, auch wenn dadurch die Gemeinschaft den Bach herunterzugehen droht, egal.<\/p>\n<h4>Alle haben daran mitgetan<\/h4>\n<p>Sozialdemokraten, Gr\u00fcne, Schwarze und Gelbe, denn alle sind dem Individualismus mehr oder weniger auf den Leim gegangen. Alle gemeinsam haben sie das Kollektiv f\u00fcr die Bed\u00fcrfnisse derer geopfert, die mit dieser harten Welt noch zurechtkommen k\u00f6nnen, Vorteile sogar daraus schlagen k\u00f6nnen.<\/p>\n<h4>Gemeinschaft bietet Schutz<\/h4>\n<p>Diese Wahrheit scheint immer mehr in Vergessenheit geraten zu sein. Sie scheint im Individualismus untergegangen zu sein, im Glauben an sich selbst, an die eigene Unverwundbarkeit. Jeder kann alles erreichen, so behauptet man best\u00e4ndig, denn jeder ist seines Gl\u00fcckes Schmied. Wie oft muss ich das lesen und h\u00f6ren, gerade dieser Tage wieder. Meist von Menschen, die es tats\u00e4chlich geschafft hatten, von Menschen wie mir.<\/p>\n<p>Auch ich habe studiert, mein Abitur zuerst auf dem zweiten Bildungsweg gemacht, vorher einen Beruf gelernt, habe Karriere gemacht, mit Menschen gearbeitet, denen mein Vater oder meine Mutter noch mit Respekt zu begegnen gehabt h\u00e4tten. Nie allerdings habe ich vergessen, wem ich das zu verdanken hatte, der Gemeinschaft n\u00e4mlich.<\/p>\n<h4>Ich bin immer noch dankbar<\/h4>\n<p>Den vielen Menschen genauer gesagt, die f\u00fcr bessere Bedingungen gek\u00e4mpft hatten, die streikten, um mir und vielen anderen ein besseres Leben zu erm\u00f6glichen, uns \u00fcberhaupt erst einmal die Chancen zu verschaffen, welche auch ich dann nutzen konnte. Deren Anteil ist viel gr\u00f6\u00dfer an meinem Erfolg als mein eigener, dessen bin ich mir immer bewusst geblieben.<\/p>\n<p>Meine eigene St\u00e4rke h\u00e4tte mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht ausgereicht, h\u00e4tte es nicht die Sozialdemokratie und die Gewerkschaften gegeben, w\u00e4ren sie nicht in meinen Kindertagen solidarisch gewesen, w\u00e4ren sie ebenfalls so dem Individualismus verfallen gewesen, wie sie es heute sind.<\/p>\n<h4>Der Individualismus ist das Recht des St\u00e4rkeren, des St\u00e4rksten<\/h4>\n<p>Heute sieht das n\u00e4mlich ganz anders aus. Heute sind die Verh\u00e4ltnisse weit hinter die zur\u00fcckgefallen, von denen ich in den 70ern und 80ern des letzten Jahrhunderts noch profitieren konnte. Heute z\u00e4hlt das Recht des St\u00e4rkeren, der Wettbewerb, in den sich jeder zu begeben hat, den aber nicht jeder mit gleichem R\u00fcstzeug bestreiten kann, der damit immer \u00f6fter zu einem scheinbaren geworden ist, dessen Gewinner oft schon vor dem Spiel n\u00e4mlich feststehen.<\/p>\n<h4>Chancengleichheit ist zur Worth\u00fclse verkommen<\/h4>\n<p>Echte Chancengleichheit hat es nie gegeben, auch zu meiner Zeit nicht, aber die Chancenunterschiede waren nicht so gro\u00df wie heute. Dass sich das ge\u00e4ndert hat, daf\u00fcr hat der Individualismus gesorgt. Der Geldbeutel der Eltern spielt heute wieder eine gro\u00dfe Rolle. Der Status der Eltern die andere gro\u00dfe Rolle. Die kleinste Rolle spielt die eigene St\u00e4rke. Nicht das eigene Schmieden ist entscheidend, sondern wie stark man \u00fcberhaupt noch schmieden kann, noch mehr, wer f\u00fcr einen mitschmiedet. Der St\u00e4rkste gewinnt, aber meist ist es nicht mehr der Beste, auch wenn der Individualismus uns das glauben machen will. Meist sind es die Kinder der Reichen, deren Erben, sind es die Kinder der Privilegierten, die sich durchsetzen. Hier von der Leistungsgesellschaft, von den Leistungstr\u00e4gern zu reden ist blanker Unsinn, weil totale Verweigerung der Realit\u00e4t. Eher von Leistungsunterdr\u00fcckung sollte man hier reden, von Leistungsverhinderung.<\/p>\n<h4>Viele, die dem Individualismus anh\u00e4ngen, hatten von der Solidarit\u00e4t einst profitiert, es nur vergessen, dass sie einst profitierten<\/h4>\n<p>Wie konnte es so weit kommen? Wie konnten wir nur diesem Glauben an die Allmacht des eigenen Ich verfallen?<\/p>\n<p>Viele von uns, die wir profitierten von der sozialen Gesellschaft, von der Gemeinschaft, scheinen dieses vergessen oder verdr\u00e4ngt zu haben. Wir sind dem aberwitzigen Gedanken aufgesessen, das wir es aus eigener Kraft, es ganz allein geschafft h\u00e4tten. Wir behaupten sogar, dass jeder dies schaffen k\u00f6nnte, w\u00fcrde er oder sie sich nur ausreichend bem\u00fchen. Wir haben einfach nur vergessen &#8211; vielleicht wollten es einige von uns auch nur vergessen -, wie anders die Zeiten waren, als wir uns damals anschickten, unsere Welt zu erobern. Wir ignorieren, wie schwer es geworden ist f\u00fcr sehr, sehr viele Menschen, mehr zu erreichen als den ihnen mittlerweile zugeteilten Platz in der Gesellschaft. Wie schwer es schon wieder geworden ist, diesen \u00fcberhaupt noch zu behaupten.<\/p>\n<h4>Wir hatten vom Gemeinwohl profitiert und treten es nun mit F\u00fc\u00dfen<\/h4>\n<p>Wir tun dies, oder besser gesagt, unsere individualistische Generation tut dies, nur weil eigene Bed\u00fcrfnisse vor die Belange der Gesellschaft gestellt werden d\u00fcrfen. Ganz im Sinne des Individualismus, der \u00dcberbetonung des eigenen Ich. Das Kollektiv wird meist nur noch als Last empfunden, wenn es mehr von uns will, als nur gemeinsam zu feiern, gemeinsam Spa\u00df zu haben. Wir sehen Gesellschaft als Kostenfaktor, ziehen Kr\u00e4merseelen gleich Bilanz, immer auf den eigenen Vorteil bedacht. Denn das ist der Kern des Individualismus, der ihm innewohnende Egoismus. Der Porsche f\u00fcr den einen und die Tafeln f\u00fcr die anderen.<\/p>\n<h4>Ich lehne es ab, individualistisch zu denken<\/h4>\n<p>Ich finde es abartig, so Wirtschaft zu denken, so Gesellschaft zu denken und Gesellschaften damit mit F\u00fc\u00dfen zu treten. Ich bin kein Individualist. Ich war es nie und werde es auch nie werden. Ich werde immer ein sozial denkender und verankerter Mensch sein und bleiben. Dankbar f\u00fcr das, was die Gesellschaft einst f\u00fcr mich tat, und traurig dar\u00fcber, was wir der Gesellschaft daf\u00fcr zur\u00fcckgegeben hatten in meiner Generation.<\/p>\n<h4>Deshalb noch mal: Rutscht mir den Buckel runter, ihr Individualisten!<\/h4>\n<p>Wie, das m\u00f6ge jeder und jede individuell selbst entscheiden. Ihr habt ja \u00dcbung darin, und hierbei m\u00f6chte ich eurem Individualismus auf keinen Fall im Wege stehen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sie gehen mir auf den Keks, diese Individualisten, dieses Kollektiv von Individualisten, ihrem Individualismus fr\u00f6nend alles zerst\u00f6rend, was Generationen gebraucht hatten aufzubauen, wozu die Natur Tausende, Hunderttausende, oftmals Millionen von Jahren brauchte. 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