{"id":14406,"date":"2019-03-30T09:06:38","date_gmt":"2019-03-30T08:06:38","guid":{"rendered":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=14406"},"modified":"2021-05-11T17:10:26","modified_gmt":"2021-05-11T15:10:26","slug":"fridays-for-future-wir-sind-ja-keine-profis-aber","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=14406","title":{"rendered":"Fridays For Future &#8211; &#8222;Wir sind ja keine Profis, aber &#8230;&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><em>\u00dcber vermeintliche Profis, Scheindebatten, Glaubw\u00fcrdigkeit, das Recht auf Streik, die Freude an politischem Engagement und den Ver\u00e4nderungswillen einer Generation schreibt hier unser Gastkommentator Leon Witte (19) aus Hamburg.<br \/>\n<\/em><\/p>\n<p>Aachen. Achtern. Altenbrug. Amberg. Anklam. Ansbach. Aschaffenburg. Augsburg. Aurich. Bad-Hersfeld. Bad Kreuznach. Bad Mergentheim. Bad Oldesloe. Bad Reichenhall. Bad S\u00e4ckingen. Bad Segeberg. Bad T\u00f6lz. Balingen. Bamberg. Bargteheide. Bayreuth. 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Wenn an all diesen Orten junge Menschen am 15. 3. 2019 auf die Stra\u00dfe gehen, um auf eines der wichtigsten politischen Themen unserer Zeit aufmerksam zu machen, den Klimawandel, dann f\u00e4llt es mir schwer, von unpolitischer Jugend zu sprechen.<\/p>\n<p>1.500.000 Menschen weltweit, in Deutschland 300.000.<\/p>\n<blockquote><p>Ich bin stolz darauf, Teil einer Generation zu sein, die anf\u00e4ngt, sich wieder f\u00fcr Politik zu interessieren.<\/p><\/blockquote>\n<p>Und nicht nur das, sondern sie ist auch noch bereit, etwas zu ver\u00e4ndern. Ich finde es toll, wenn junge Menschen begreifen, dass sie etwas mitgestalten k\u00f6nnen. Dass sie eine Stimme und eine Meinung haben und dass man auf diese vielleicht sogar mal h\u00f6ren sollte. Das ist doch eine gute Entwicklung und auch eigentlich das, was man sich in einer Demokratie w\u00fcnscht. Das sehe ich so. Und Christian Lindner war auch mal der Meinung, dass Jugendliche erfahren m\u00fcssten, dass sie etwas k\u00f6nnen und gebraucht w\u00fcrden. Komisch. Jetzt h\u00f6rt sich der gute Mann irgendwie ganz anders an &#8230; Er begr\u00fc\u00dft zwar politisches Engagement. Aber halt irgendwie doch nicht so ganz. Zumindest nicht so richtig von Jugendlichen und Kindern. Die k\u00f6nnen das alles ja noch gar nicht verstehen. Die sind doch gar nicht in der Lage, einen Weitblick \u00fcber \u201edie globalen Zusammenh\u00e4nge, das technisch Sinnvolle und das \u00f6konomisch Machbare\u201c zu haben. Das ist doch schlie\u00dflich eine \u201eSache f\u00fcr Profis\u201c. Aha. Also, ich wei\u00df ja nicht, Christian.<\/p>\n<blockquote><p>Wenn es junge Menschen hinbekommen, 300.000 andere junge Menschen f\u00fcr eine wichtige politische Frage, \u00fcbrigens eine Frage, die haupts\u00e4chlich deren Zukunft beeinflusst, zu interessieren, eine Demonstration zu organisieren und dabei nicht nur stumpf auf Parolen zu setzen, sondern auch konkrete Forderungen mitzubringen, dann finde ich das eigentlich schon ziemlich professionell.<\/p><\/blockquote>\n<p>Vor allen Dingen dann, wenn die von Lindner herbeizitierten Profis den \u201eFridays for Future\u201c nicht nur recht geben, sondern sie als \u201eScientists for Future\u201c auch noch unterst\u00fctzen. Die Wissenschaftler stellen dar, was getan werden m\u00fcsste, um tats\u00e4chlich die Pariser Klimaschutzziele zu erreichen.<\/p>\n<p>Und sie gehen sogar noch weiter. Denn Volker Quaschning, Professor f\u00fcr Regenerative Energiesysteme an der HTW Berlin, sagt, der Kohleausstieg, die Reduzierung von Treibhausgas und der Ausstieg aus Erd\u00f6l und Erdgas seien \u201ekein Problem\u201c. Zumindest wissenschaftlich nicht. Und damit wird der Ball wieder den Politikern zugeschoben.<\/p>\n<p>Also sozusagen den anderen Profis. Und die machen was genau? Ach, richtig. Gar nicht so viel. Die Dinge, die dann entschieden werden, ein Kohleausstieg in 19 Jahren, werden uns dann als Erfolg verkauft. Ich wei\u00df nicht, Herr Lindner. So richtig professionell finde ich das eigentlich nicht.<\/p>\n<p>Anton Hofreiter sieht das Ganze recht \u00e4hnlich wie ich. Denn auch er findet: \u201eDie Faktenlage ist klar: Klimaschutz ist technisch m\u00f6glich und wirtschaftlich sinnvoll, wird jedoch politisch blockiert.\u201c Ich finde es jetzt nicht ganz so schlecht, wenn darauf hingewiesen wird. Und wenn es sonst keiner macht, dann m\u00fcssen es eben wir machen. \u00dcbrigens sagt auch das Global Environment Outlook der Vereinten Nationen, dass Klimaschutz enorm wichtig ist. Denn tun wir nichts, \u201ewerden in St\u00e4dten und Regionen in Asien, dem Nahen Osten und in Afrika bis Mitte des Jahrhunderts vorzeitig [Menschen] sterben\u201c. Die nicht ganz so profihaften Jugendlichen liegen also auch irgendwie nicht ganz so falsch.<\/p>\n<p>Alles eine schwierige Debatte, keine Frage.<\/p>\n<blockquote><p>Wenn die L\u00f6sung f\u00fcr den Klimawandel einfach w\u00e4re, dann w\u00e4re der Klimawandel l\u00e4ngst kein Problem mehr. Aber die L\u00f6sungen sind eben nicht einfach. Sie werden wehtun. Denn um das Klima zu sch\u00fctzen, m\u00fcssen wir unseren Wohlstand reduzieren.<\/p><\/blockquote>\n<p>Und um auch das klarzumachen: Man kann nat\u00fcrlich sagen, jeder Einzelne der \u201eFridays for Future\u201c-Bewegung ist ein Heuchler. Denn die haben ja auch alle Smartphones. Und die essen auch alle Lebensmittel, die in Plastik eingepackt sind. Und die steigen auch alle zu Mami und Papi ins Auto. Alles Heuchler. Ja, das kann man nat\u00fcrlich so sehen. Oder aber man sieht das Ganze einfach mal positiv. Und man freut sich, dass Leute bereit sind, auf Sachen zu verzichten, dass nicht mehr doppelt in Plastik eingepacktes Essen gekauft wird. Dass nicht f\u00fcr jeden Weg zum B\u00e4cker das Auto genommen wird. Dass man nicht 20 Minuten lang duscht, nur weil es grade sch\u00f6n ist. Ist doch ein guter Anfang, und ich finde auch, dass man das nicht schlechtreden muss.<\/p>\n<p>Jetzt kann man das Gesagte so zusammenfassen: Der Klimawandel ist ein Problem. Eine Gruppe von jungen Menschen hat das erkannt. Diese Gruppe m\u00f6chte darauf aufmerksam machen. So.<\/p>\n<blockquote><p>Und jetzt geht die eigentliche Scheindebatte los. Denn Aufmerksamkeit bekommt die Gruppe. Doch anstatt das Problem anzugehen, den Klimawandel zu bek\u00e4mpfen und als Profi tats\u00e4chlich etwas zu ver\u00e4ndern, wird eine Debatte \u00fcber die Schulpflicht gef\u00fchrt.<\/p><\/blockquote>\n<p>Und ich muss sagen, bei der Debatte k\u00f6nnte ich kotzen.<\/p>\n<p>Erst mal vorweg: Wer fragt, ob er streiken darf, hat das Konzept des Streikens nicht verstanden. Denn ein Streik tut weh. Das merken wir, wenn Piloten, Bahnmitarbeiter oder andere Personen des \u00f6ffentlichen Lebens streiken. Ist nie sch\u00f6n. Aber das soll es auch nicht sein, es soll auf Probleme hinweisen. Jetzt wird aber den Sch\u00fclern vorgeworfen, in der Schulzeit zu streiken, und es wird ihnen nahegelegt, das ganze doch an einem Samstag zu machen. Noch mal: Das ist nicht der Sinn des Streikens, und das w\u00fcrde der Bewegung nicht halb so viel Aufmerksamkeit geben.<\/p>\n<p>Herr Laschet ist der Meinung, die Sch\u00fclerInnen w\u00fcrden ein pers\u00f6nliches Opfer bringen, wenn sie am Wochenende demonstrieren w\u00fcrden, und dadurch w\u00e4ren sie glaubw\u00fcrdiger. Ich sage, das ist totaler Quatsch.<\/p>\n<blockquote><p>Die Sch\u00fclerInnen bringen genau jetzt ein pers\u00f6nliches Opfer. Sie opfern ihre Bildung. Sie nehmen Konsequenzen in Kauf. Sie f\u00fchren Diskussionen mit Eltern und Lehrern.<\/p><\/blockquote>\n<p>Die Kinder von Frau Kramp-Karrenbauer zum Beispiel w\u00fcrden keinen \u201ebezahlten Nachhilfeunterricht\u201c bekommen. Das ist \u201eein Opfer bringen\u201c, Herr Laschet. Am Gymnasium Stein in der N\u00e4he von N\u00fcrnberg zum Beispiel m\u00fcssen streikende Sch\u00fclerInnen Aufs\u00e4tze schreiben, bekommen Elternbriefe, und Schulleiter Gerhard Nickl findet Konsequenzen auch total richtig. Denn \u201ewenn jemandem der Klimaschutz so viel bedeutet, dass er daf\u00fcr Regeln bricht, dann muss er Konsequenzen in Kauf nehmen\u201c. Und ich finde, da wird noch mal mehr deutlich, wie wichtig es ist, dass junge Menschen f\u00fcr ihre Zukunft auf die Stra\u00dfe gehen. Denn die Laschets und Nickls unseres Landes werden die Zukunft eben nicht zum Positiven ver\u00e4ndern.<\/p>\n<p>Auch die AfD springt nat\u00fcrlich auf den Zug auf. Im Bayrischen Landtag wird Schule schw\u00e4nzen mit \u201egelebte[r] Verwahrlosung, soziale[m] Abstieg und letztlich Verbl\u00f6dung\u201c gleichgesetzt. Zwei Dinge: Erstens kann ich Schule schw\u00e4nzen, wann ich will. Und dann treffen diese Aussagen vielleicht auch zu. Wenn ich allerdings Schule schw\u00e4nze, um mich politisch zu engagieren, hat das nichts mit Verbl\u00f6dung zu tun. Zweitens, wenn die Konsequenz aus Schule schw\u00e4nzen f\u00fcr politisches Engagement \u201ezwangsweise Zuf\u00fchrung\u201c (also die Zuf\u00fchrung zur Schule durch die Polizei) sein kann, auf der anderen Seite aber pro Woche eine Millionen Schulstunden ausfallen, sollten man vielleicht mal schauen, wo die Verbl\u00f6dung wirklich liegt.<\/p>\n<p>Jetzt gibt es auch Politiker, die sich mit den Jugendlichen solidarisieren. Robert Habeck w\u00fcrde sich einen Eintrag ins Klassenbuch ausgedruckt an die Wand h\u00e4ngen. Er ist begeistert von der Bewegung und sagt: \u201eDas ist einer der gro\u00dfartigsten Momente, die ich mir vorstellen kann. Dass lauter Sch\u00fclerInnen der Politik sagen: &#8218;Ey, Leute, ihr glaubt es geht um euch \u2013 es geht um uns!&#8216; Was f\u00fcr eine gro\u00dfartige Bewegung!\u201c Auch Bundeskanzlerin Merkel unterst\u00fctzt die Bewegung und solidarisiert sich mit \u201eFridays for Future\u201c. Sch\u00f6n und gut. Den Gr\u00fcnen und damit auch Robert Habeck nehme ich das Ganze vielleicht noch ein bisschen ab. Schlie\u00dflich ist Umweltschutz seit Jahren Thema Nummer eins bei den Gr\u00fcnen.<\/p>\n<blockquote><p>Aber letzendlich finde ich es sehr scheinheilig, sich als Politiker hinzustellen, die Sch\u00fclerInnen f\u00fcr ihr Engagement zu loben, und dann im Bundestag nichts voranzubringen.<\/p><\/blockquote>\n<p>Denn die von Lindner herbeizitierten Profis sind schlie\u00dflich die, die am Ende handeln m\u00fcssen. Deshalb ist die Aussage von unserem Bundeswirtschaftsminster Peter Altmaier einfach l\u00e4cherlich. Er sagt: \u201eLetztendlich streiken die Sch\u00fcler gegen sich selbst. Wenn sie sp\u00e4ter als Erwachsene die Welt ver\u00e4ndern wollen, und das hoffen wir ja alle, dann ist eine gute Ausbidung wichtig.\u201c Wow. Anscheinend hatte Altmaier keine so gute Ausbildung, denn er ist mitverantwortlich, dass die Welt sich zum Schlechten ver\u00e4ndert. Und so kontert auch Luisa Neubauer von \u201eFridays for Future\u201c: \u201eWir gehen nicht auf die Stra\u00dfe, weil wir sp\u00e4ter als Erwachsene etwas ver\u00e4ndern wollen, sondern weil Entscheidungstr\u00e4ger wie Sie jetzt handeln m\u00fcssen.\u201c<\/p>\n<p>In diesem Sinne: Wir Jugendlichen m\u00fcssen so lange weitermachen, bis die alten S\u00e4cke endlich aufh\u00f6ren, Phrasen zu dreschen, und anfangen zu handeln! Denn die Zukunft geh\u00f6rt uns.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00dcber vermeintliche Profis, Scheindebatten, Glaubw\u00fcrdigkeit, das Recht auf Streik, die Freude an politischem Engagement und den Ver\u00e4nderungswillen einer Generation schreibt hier unser Gastkommentator Leon Witte (19) aus Hamburg.<\/p>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[50,52],"tags":[635,646],"class_list":["post-14406","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-politisches","category-soziales","tag-fridays-for-future","tag-klimaschutz"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/14406","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/4"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=14406"}],"version-history":[{"count":13,"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/14406\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":22938,"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/14406\/revisions\/22938"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=14406"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=14406"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=14406"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}