{"id":14435,"date":"2019-03-28T10:02:51","date_gmt":"2019-03-28T09:02:51","guid":{"rendered":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=14435"},"modified":"2019-03-28T10:02:51","modified_gmt":"2019-03-28T09:02:51","slug":"frauen-in-der-gesellschaft-konsumiere-und-optimiere-dich-oder-was-ist-feminismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=14435","title":{"rendered":"Frauen in der Gesellschaft. Konsumiere und optimiere dich. Oder: Was ist Feminismus?"},"content":{"rendered":"<p><em>&#8222;Sei ganz du selbst&#8220; &#8211; &#8222;Ver\u00e4ndere noch heute dein Leben.&#8220; Diese Aussagen m\u00f6gen widerspr\u00fcchlich klingen, geh\u00f6ren aber zu einem perfiden Schema, welches f\u00fcr die heutige Zeit stilpr\u00e4gend ist. W\u00e4hrend das Thema der formellen Gleichberechtigung f\u00fcr viele als &#8222;abgehakt&#8220; gilt, Frauen sich f\u00fcr weitgehend &#8222;emanzipiert&#8220; halten, fr\u00f6nen wir dem neuen Trend der Selbstoptimierung &#8211; frei nach dem Motto: &#8222;Die Unterdr\u00fcckung ist tot, es lebe die Unterdr\u00fcckung.&#8220;<\/em><\/p>\n<p>Erst neulich habe ich mich mit dem Thema \u201eFrauen in der Politik\u201c besch\u00e4ftigt und meine Gedanken dazu <a href=\"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=14110\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">hier<\/a> formuliert. Nat\u00fcrlich sind Politikerinnen keine \u201eInsel\u201c, und die Frage, inwiefern gelebte Gleichberechtigung uns als Gesellschaft verbessert \u2013 oder eben nicht \u2013 , muss auch in einem gr\u00f6\u00dferen Kontext betrachtet werden.<\/p>\n<p>In einem Magazin stie\u00df ich j\u00fcngst auf diese Aussage: \u201eEine Feministin kann aufgespritzte Lippen und Fake-Br\u00fcste haben. Es geht nur um die innere Einstellung, nicht um die Optik.\u201c Begleitet von Floskeln wie \u201eSei du selbst\u201c. Die Verfasserinnen m\u00f6chten, nach eigenen Angaben, zu mehr \u201eSelbstliebe\u201c aufrufen und nat\u00fcrlich zu \u201eEmpowerment\u201c. Solche Dinge lese ich \u00f6fter, und je mehr ich dar\u00fcber nachdenke, umso befremdlicher finde ich diese Aussagen.<\/p>\n<h3>Selbstliebe als Allheilmittel und Dogma<\/h3>\n<p>Wer mit sich selbst zufrieden ist, ist im Ergebnis ja meistens ein eher freundlicher Zeitgenosse. Ich denke, das kann man so unterschreiben. Was macht uns zufrieden? Das mag individuell verschieden sein. Ein guter und ertragreicher Job, Familie und Freunde, gutes Aussehen, ein erf\u00fclltes Leben, Spa\u00df, Gesundheit &#8230; Kann man diese Faktoren wirklich steuern oder ergeben sie sich? Wer kann diese Fragen schon beantworten?<\/p>\n<p>Doch halt, findige Menschen wissen die Antworten schon l\u00e4ngst und werden nicht m\u00fcde, uns diese Antworten zu \u00fcbermitteln. Zahlreiche Magazine, Blogs und sonstige Medien zeugen davon. \u201eSelbstliebe\u201c ist angesagt, und dann folgt auch alles andere, n\u00e4mlich das gro\u00dfe Gl\u00fcck!<\/p>\n<p>Am Anfang muss man also selbst etwas tun. Im Regelfall ist damit gemeint, \u201ean sich zu arbeiten\u201c, etwas zu \u00e4ndern. Ich bin dieser Logik auch schon gefolgt, doch langsam kommen mir Zweifel an dieser \u201eGl\u00fccksformel\u201c, denn allzu sehr passt sie in ein Denkschema, welches am Ende des Tages mit Konsum einhergeht und weniger mit dem Erlangen einer gewissen menschlichen Reife und der damit verbundenen Zufriedenheit.<\/p>\n<h3>Wer immer optimiert, kommt nie an<\/h3>\n<p>Die Rolle der Frau in der Gesellschaft war und ist gepr\u00e4gt von Erwartungshaltungen. Nett, h\u00fcbsch und lieb zu sein ist ein Beispiel daf\u00fcr. Jetzt mag man denken, das sei \u201efr\u00fcher\u201c so gewesen. Aber heute? Nein, heute d\u00fcrfen wir laut und unbequem sein. Oder aber nett, h\u00fcbsch und lieb. Wir haben die Wahl.<br \/>\nWirklich?<\/p>\n<p>Wenn dem so w\u00e4re, dann h\u00e4tte wir ja lauter zufriedene Frauen. Weil: Jede darf so sein, wie sie will. Meiner Wahrnehmung nach haben wir diesen Zustand jedoch nicht. Hierzu w\u00e4re es n\u00e4mlich notwendig, dass wir uns selbst und andere schlichtweg akzeptieren. Akzeptanz bedeutet, etwas hinzunehmen, und nicht, daran herumzubohren.<\/p>\n<p>Letzteres ist aber ein Postulat geworden: die Optimierung. Das \u201eAn-sich-Arbeiten\u201c, das Ausmerzen von unerw\u00fcnschten Faktoren und Eigenschaften. Und ist die eine Sache beackert, kommt das n\u00e4chste Themenfeld dran. Dabei betonen wir nat\u00fcrlich immer, wie \u201egern\u201c wir dies tun, wie \u201efreiwillig\u201c und wie es uns \u201evoranbringt\u201c.<\/p>\n<p>Dumm ist nur: Wir werden nie fertig und befinden uns darum in einer permanenten Unruhe und Unzufriedenheit (aus der wir ja eigentlich via Optimierung herausm\u00f6chten).<\/p>\n<p>Und man sollte sich fragen: Warum mache ich das? Geht es wirklich um mich selbst oder im Endeffekt doch wieder um die Erwartungshaltungen anderer? Was hei\u00dft denn \u201ewollen\u201c in diesem Zusammenhang? Ist es mein Wille oder ein Fremdgesteuerter?<\/p>\n<h3>Wer immer optimiert, vergisst den Tellerrand<\/h3>\n<p>Erst neulich las ich einen interessanten Kommentar in der <em>taz<\/em>, der gut in diesen Kontext passt. Demzufolge hat der Selbstliebe-Optimierungstrend via Yoga, Meditation, &#8222;Achtsamkeits\u00fcbungen&#8220; und Sonstiges in diese Richtung noch weitere (m\u00f6gliche) Auswirkungen, wie z. B. die F\u00f6rderung des Unpolitischen. Gemeint ist damit, dass das Kreisen um einen selbst, die &#8222;Selbstfindung&#8220;, auch dazu f\u00fchren kann, dass man sich eben weniger f\u00fcr gesellschaftliche und politische Themen und Probleme interessiert, weil diese Dinge bewusst ausgeblendet werden (sollen).<\/p>\n<p>Dar\u00fcber kann man sicherlich streiten, doch ich finde, das ist ein bedenkenswerter Aspekt.<br \/>\nUmso bedenkenswerter, da ich ja hier \u00fcber Frauen schreibe und diese ganz klar die Zielgruppe sind f\u00fcr alles, was mit der Vermarktung des Optimierungstrends zusammenh\u00e4ngt.<\/p>\n<h3>Selbstliebe als Gesch\u00e4ft<\/h3>\n<p>Und damit ist man dann wohl auch beim Knackpunkt des Ganzen angelangt: &#8222;Selbstliebe&#8220; ist ein dickes Gesch\u00e4ft mit zahlreichen Facetten. Das geht von der mittlerweile v\u00f6llig hochstilisierten Bedeutung von &#8222;Fashion &amp; Beauty&#8220; und dem exzessiven Erfolg von Marken und Blogs f\u00fcr die &#8222;Trendigen&#8220; \u00fcber die aktuelle Sport- und Fitnesswelle der &#8222;Aktiven&#8220; bis hin zu Angeboten rund um &#8222;Wellness&#8220;, &#8222;Entspannung&#8220; und &#8222;Mindfulness&#8220; f\u00fcr die, die sich damit identifizieren, eben nicht &#8222;trendy&#8220; sein zu wollen. Praktisch: F\u00fcr jeden Typ Frau wird etwas geboten, um sich zu &#8222;verbessern&#8220;, &#8222;gl\u00fccklicher&#8220; zu werden.<\/p>\n<h3>Ver\u00e4ndere dich, damit du du selbst sein kannst?<\/h3>\n<p>So verschieden die Zielgruppen auch sein m\u00f6gen, zwei Dinge haben sie gemeinsam: Sie erliegen der Denkfalle, nicht &#8222;genug&#8220; zu sein, und sie kompensieren dies mit Konsum.<br \/>\nSchon merkw\u00fcrdig, oder? Um zu sich selbst zu finden, muss man sich erst mal ver\u00e4ndern. Aber wohin? Und: Wann hat das ein Ende? Antwort: nie. Wer gl\u00fccklich ist, kauft nicht oder zumindest weniger.<\/p>\n<h3>Feminismus als Label<\/h3>\n<p>Auch der gute alte Feminismus hat es auf diese Weise zum Trendsetter geschafft. Nicht wenige Marken thematisieren &#8222;Frauenpower&#8220; \u00fcber Werbung und markige Aufdrucke auf Klamotten und Taschen. &#8222;We should all be feminists&#8220; steht da auf T-Shirts, &#8222;Strong Woman&#8220; schreit es einem von einer Ledertasche entgegen, die f\u00fcr mehrere Hundert Euro \u00fcber die Ladentheke geht.<\/p>\n<h3>Alles wie immer &#8211; nur irgendwie schlimmer<\/h3>\n<p>Nat\u00fcrlich ist das alles im Prinzip nichts Neues. Schon immer wollten Mode, Schminke und gutes Aussehen an die Frau gebracht werden. Doch die kommunizierte Pseudoverbindung aus Konsum und Feminismus stellt schon eine weitere, noch absurdere Ebene dar. Und allzu gern lassen wir uns anscheinend suggerieren, dass unser Drang nach Verbesserung in allen Bereichen des Lebens freiwillig, eine bewusste Entscheidung ist. Denn: Wir bestimmen heute selbst! Frauenpower. Und so.<\/p>\n<p>Bl\u00e4ttere ich durch ein Frauenmagazin, sehe ich aber merkw\u00fcrdigerweise immer noch dasselbe wie immer: sehr sch\u00f6ne Menschen. Tipps in allen Bereichen. D\u00fcnn anger\u00fchrte Texte und Kolumnen. Immer noch 50er. Schlimm genug. Das Ersetzen von &#8222;Mach dich h\u00fcbsch f\u00fcr deinen Mann&#8220; durch &#8222;Wir machen uns h\u00fcbsch, weil wir es wollen&#8220; macht es f\u00fcr mich pers\u00f6nlich irgendwie noch einen Tick schlimmer.<\/p>\n<p>Schon erschreckend. W\u00e4hrend vorherige Generationen daf\u00fcr gek\u00e4mpft haben, dass Frauen und M\u00e4nner gleiche Rechte haben, dass Frauen nicht mehr um Erlaubnis fragen m\u00fcssen, um dieses oder jenes zu tun, unterwerfen wir uns heute allzu gern dem Druck des Perfektionismus, anstatt einfach zu &#8222;sein&#8220;.<\/p>\n<h3>Ja, und was ist denn nun Feminismus?<\/h3>\n<p>F\u00fcr Feminismus gibt es ja seit jeher verschiedene Definitionen. Vielen Varianten gemeinsam ist die Gleichstellung der Geschlechter. Ich finde aber: Feminismus ist mehr. Denn die blo\u00dfe Gleichstellung hie\u00dfe ja nicht anderes, als dass sich Frauen \u2013 gleichgestellt \u2013 genauso verhalten wie M\u00e4nner vor der Gleichstellung.<br \/>\nMeines Erachtens hat Feminismus auch immer damit zu tun, sich f\u00fcr andere einzusetzen. N\u00e4mlich f\u00fcr alle, die benachteiligt werden. \u00dcberall. Und selbstverst\u00e4ndlich ist das eine gemeinschaftliche Aufgabe aller Geschlechter und vor allem eine, die noch lange nicht beendet ist. Ganz im Gegenteil. Dazu ist es aber vonn\u00f6ten, dass wir kritisch sind, dass wir politisch sind. Das Kreisen um das innere Selbst wird nicht ausreichen, um wirkliche gesellschaftliche Probleme aktuell und in der Zukunft zu l\u00f6sen.<\/p>\n<h3>Fazit<\/h3>\n<p>Es gibt Druck von au\u00dfen und Druck von innen. Beides ist schlimm. Aber wenn wir von Emanzipation reden, von Gleichberechtigung der Geschlechter und Freiheit von Frauen, kann es doch nicht angehen, dass wir den \u00e4u\u00dferen Druck entfernt haben (\u00fcber formelle gesetzliche Gleichstellung), um ihn dann durch den selbst auferlegten inneren Druck zu ersetzen. Vom Anh\u00e4ngsel des Mannes zum B\u00fcttel des Konsums? Wo ist da bitte die Befreiung?<\/p>\n<p>Mal ganz abgesehen davon, kann eine G***i-Tasche schwenkende Frau meiner Meinung nach niemals eine Feministin sein, denn sie reduziert ihre Gleichstellung auf Konsum und Statussymbole und macht damit nichts anderes als die &#8222;alten wei\u00dfen M\u00e4nner&#8220;, um den dieser Tage zugegebenerma\u00dfen etwas \u00fcberstrapazierten Begriff hier noch mal anzubringen. Sie macht auch nichts anderes als die von mir bereits beschriebenen Frauen in der Politik, denn sie hofiert und bedient das immer gleiche System der Ungerechtigkeit. Eine wirkliche gesellschaftliche Weiterentwicklung ist damit nicht m\u00f6glich.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Sei ganz du selbst&#8220; &#8211; &#8222;Ver\u00e4ndere noch heute dein Leben.&#8220; Diese Aussagen m\u00f6gen widerspr\u00fcchlich klingen, geh\u00f6ren aber zu einem perfiden Schema, welches f\u00fcr die heutige Zeit stilpr\u00e4gend ist. W\u00e4hrend das Thema der formellen Gleichberechtigung f\u00fcr viele als &#8222;abgehakt&#8220; gilt, Frauen sich f\u00fcr weitgehend &#8222;emanzipiert&#8220; halten, fr\u00f6nen wir dem neuen Trend der Selbstoptimierung &#8211; frei nach dem Motto: &#8222;Die Unterdr\u00fcckung ist tot, es lebe die Unterdr\u00fcckung.&#8220;<\/p>\n","protected":false},"author":8,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[52],"tags":[639,477,225],"class_list":["post-14435","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-soziales","tag-frauen","tag-gleichberechtigung","tag-ungleichheit"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/14435","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/8"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=14435"}],"version-history":[{"count":6,"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/14435\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":14494,"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/14435\/revisions\/14494"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=14435"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=14435"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=14435"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}