{"id":14918,"date":"2019-04-19T16:36:09","date_gmt":"2019-04-19T14:36:09","guid":{"rendered":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=14918"},"modified":"2019-04-19T16:36:09","modified_gmt":"2019-04-19T14:36:09","slug":"notre-dame","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=14918","title":{"rendered":"Notre-Dame"},"content":{"rendered":"<p>Eins vorweg: Ich mag Paris. Ich war zweimal in der Stadt und habe das Flair dort sehr genossen, das eben gerade auch von der imposanten Architektur ausgeht. Und ich mag auch alte Kirchen, schaue mir die im Urlaub gern an, wenngleich ich mit Religion nicht viel am Hut habe und auch durchaus wei\u00df, dass diese Bauten oft aufgrund von viel Leid entstanden sind. Aber wenn die nun schon mal da sind, kann ich sie eben auch aus architektonischer Sicht genie\u00dfen, finde ich.<\/p>\n<p>Insofern hat es mich auch schon betroffen gemacht, dass Notre-Dame in Paris in Flammen stand und zu einem nicht unerheblichen Teil zerst\u00f6rt wurde.<\/p>\n<p><strong>Und nun zu einigen sehr gro\u00dfen Aber &#8230;<\/strong><\/p>\n<p>Wie dieses Ereignis nun allerdings die Berichterstattung dominiert und wie nun auch vonseiten der Politik da eine Art Notstandsaktionismus zelebriert wird (von Steinmeier bis Merz), finde ich dann schon reichlich befremdlich. Und bezeichnend daf\u00fcr, wie heutzutage Aufmerksamkeit gesteuert wird.<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich gibt es ja mehr als genug Katastrophen auf der Welt, die uns schlicht weg am Allerwertesten vorbeigehen. Dass man bei den Bildern der brennenden Kathedrale nun zun\u00e4chst mal ob deren Bildgewalt beeindruckt und vielleicht auch erschrocken und dann traurig ist, ist ja auch o. k., aber dann sollte doch irgendwann (und zwar m\u00f6glichst bald) die Reflexion einsetzen: Das ist nun zwar schade, aber letztendlich ist das eben auch nur ein Geb\u00e4ude (oder &#8222;ein altes Haus&#8220;, wie es Moritz Neumeier in einem sehenswerten dreimin\u00fctigen <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=C782isUGWs0\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Video auf seinem <em>YouTube<\/em>-Kanal<\/a> recht \u00fcberspitzt und flapsig, aber m. E. auch zutreffend formuliert) &#8211; und als solches kann man das wiederaufbauen.<\/p>\n<p>Diese &#8222;Katastrophe&#8220; ist also mit Geld wiedergutzumachen &#8211; was man von Menschen, die beispielsweise fast t\u00e4glich im Mittelmeer ertrinken, nicht sagen kann.<\/p>\n<p><strong>Die Spenden flie\u00dfen<\/strong><\/p>\n<p>Und das Geld str\u00f6mt auch gleich in gro\u00dfen Mengen, mittlerweile ist wohl mehr als eine Milliarde Euro zusammengekommen an Spenden. Das ist auf der einen Seite nat\u00fcrlich lobenswert, und nat\u00fcrlich kann auch jeder spenden, wof\u00fcr er m\u00f6chte, aber auch dies ist wieder bezeichnend f\u00fcr unsere Zeit, wenn man mal einen kleinen Schritt zur\u00fccktritt bei der Betrachtung, wie dies Carl Kinsella in einem (englischsprachigen) <a href=\"https:\/\/www.joe.ie\/life-style\/notre-dame-feature-665670?fbclid=IwAR3Og0VQsLLiMIkq_o4kNxv6cOoyH5gguS6f0oQNlJGIqXpodzHkfdOL_zA\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Artikel auf dem Portal <em>JOE<\/em><\/a> macht, indem er schreibt:<\/p>\n<blockquote><p>If two men in a world of more than 7 billion people can provide \u20ac300million to restore Notre Dame, within six hours, then there is enough money in the world to feed every mouth, shelter every family and educate every child. The failure to do so is a matter of will, and a matter of system.<\/p><\/blockquote>\n<p>Auf Deutsch zusammengefasst: Wenn innerhalb von sechs Stunden 300 Millionen Euro von zwei Menschen aufgebracht werden k\u00f6nnen f\u00fcr den Wiederaufbau von Notre-Dame, dann zeigt dass, das genug Geld vorhanden ist, damit niemand auf dieser Welt hungern oder obdachlos sein muss und jedes Kind zur Schule gehen kann.<\/p>\n<p>Und genau das ist ein m. E. sehr wichtiger Punkt bei der ganzen Sache: Es fehlt nicht am Geld, um theoretisch s\u00e4mtliche Probleme auf diesem Planeten zu l\u00f6sen, sondern rein am Willen.<\/p>\n<p><strong>Aufmerksamkeits\u00f6konomie in Zeiten der gro\u00dfen Ignoranz<\/strong><\/p>\n<p>Diese Fokussierung auf bestimmte Probleme bei gleichzeitigem Ignorieren vieler anderer mindestens ebenso wichtiger Dinge bringt ein Meme der <em>Facebook<\/em>-Seite <em>Mensch und Politik heute<\/em> gut auf den Punkt:<\/p>\n<p>https:\/\/www.facebook.com\/MenschundPolitikheute\/photos\/a.324187067956967\/824821034560232\/?type=3&#038;theater<\/p>\n<p>Darin findet sich auch ein weiterer wichtiger Aspekt: Die Milliard\u00e4re, die sich nun als nobel feiern lassen, weil sie viel Geld f\u00fcr Notre-Dame locker machen, legen ein m. E. fast schon feudales Gebaren an den Tag, denn diese Menschen zahlen eben oft nicht die eigentlich f\u00e4lligen Steuern und haben ihr Verm\u00f6gen zudem nicht selbst erarbeitet (was bei Summen im Bereich von Milliarden auch gar nicht geht). Man l\u00e4sst also andere f\u00fcr sich arbeiten, und wenn es einem dann gut in den Kram passt, l\u00e4sst man ein paar Almosen nach eigenem Gutd\u00fcnken springen, um gener\u00f6s dazustehen.<\/p>\n<p><strong>&#8222;Neid, Neid, Neid!&#8220;<\/strong><\/p>\n<p>Und wenn man darauf hinweist in einer Diskussion, dauert es nicht lange, und man wird mit dem Vorwurf konfrontiert, doch nur neidisch zu sein. Das ist ja mittlerweile zum Standard-&#8222;Argument&#8220; geworden, wenn man reiche Menschen oder \u00fcberbordenden Konsum kritisiert, und hieran zeigt sich ein weiteres bezeichnendes Symptom unserer Zeit: Die Verm\u00f6genden haben es geschafft durch jahrzehntelange Indoktrination, dass diejenigen sie verteidigen, denen sie ihr Verm\u00f6gen zu verdanken haben, und dabei die Perspektive von Milliard\u00e4ren einnehmen, zu denen sie selbst nie geh\u00f6ren werden. Schon grotesk, oder?<\/p>\n<p>Und das ist vor allem etwas, von dem ich dachte, dass es eigentlich in feudal-absolutistische Zeiten geh\u00f6ren w\u00fcrde. Aber der Untertan liebt offensichtlich seine Granden nach wie vor &#8211; Diederich He\u00dfling feiert fr\u00f6hlich Urst\u00e4nd.<\/p>\n<p><strong>Ich, ich, ich &#8230;<\/strong><\/p>\n<p>Und was vermutlich auch noch mit hineinspielt in diesen Popanz, der da um Notre-Dame aufgebauscht wurde: Aus rein egoistischen Motiven liegt vielen eben eine Kirche, die sie schon mal besucht haben oder vielleicht noch besuchen wollten, deutlich n\u00e4her als irgendwelche namenlosen Afrikaner oder Asiaten, die aufgrund unseres Lebensstils in die Flucht getrieben werden oder diesen \u00fcberhaupt erst erm\u00f6glichen. Damit will man sich lieber nicht besch\u00e4ftigen. Mir fiel dabei das Zitat von Marc-Uwe Klings K\u00e4nguru ein:<\/p>\n<blockquote><p>\u201eOb Links- oder Rechtsterrorismus \u2013 da sehe ich keinen Unterschied\u201c<\/p>\n<p>\u201eDoch, doch\u201c, ruft das K\u00e4nguru, \u201edie einen z\u00fcnden Ausl\u00e4nder an, die anderen Autos. Und Autos sind schlimmer, denn es h\u00e4tte meines sein k\u00f6nnen. Ausl\u00e4nder besitze ich keine.\u201c<\/p>\n<p>(<a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=b35l2ZJD4Rk\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Quelle<\/a>)<\/p><\/blockquote>\n<p>Etwas abgewandelt k\u00f6nnte man n\u00e4mlich sagen:<\/p>\n<p>Wenn Notre-Dame abbrennt, macht mich das sehr betroffen, weil ich die Kirche nun nicht mehr anschauen kann. Gefl\u00fcchtete, die im Mittelmeer ertrinken, wollte ich mir ohnehin nicht anschauen &#8230;<\/p>\n<p>Genauso wie eben Kulturg\u00fcter, gern auch <a href=\"https:\/\/www.n-tv.de\/panorama\/Immerather-Dom-wird-abgerissen-article20221858.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Kirchen, die ganz bewusst aufgrund von Braunkohletagebau abgerissen werden<\/a>, eben nicht diese Aufmerksamkeit bekommen. In die Provinz f\u00e4hrt man halt nicht unbedingt so gern und oft wie nach Paris &#8230;<\/p>\n<p>Und nat\u00fcrlich passt es ja auch nicht zur herrschenden neoliberalen Ideologie, dass sich allzu viele Menschen \u00fcber solche unwiederbringlich zerst\u00f6rten Kirchen aufregen, weil das ja den Ressourcenabbau in Verruf bringen und st\u00f6ren k\u00f6nnte.<\/p>\n<p><strong>Whataboutism?<\/strong><\/p>\n<p>Was auch Moritz Neumeier in seinem oben verlinkten Video anspricht, habe ich so auch in den letzten Tagen mehrfach geh\u00f6rt: Es sei <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Whataboutism\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Whataboutism<\/a>, auf solche Zusammenh\u00e4nge hinzuweisen.<\/p>\n<p>Nun ist Whataboutism tats\u00e4chlich ein zurzeit h\u00e4ufig zu beobachtendes Ph\u00e4nomen, aber man sollte diesen Begriff dennoch nicht inflation\u00e4r verwenden. Wenn es \u00a0darum geht, von einer Sache abzulenken, indem man auf etwas anderes verweist, dann ist es ja statthaft darauf hinzuweisen, dass man so mit einem Thema nicht weiterkommt. Wenn es allerdings darum geht, ein Ereignis in einen etwas gr\u00f6\u00dferen Zusammenhang einzuordnen, dann ist das mit Sicherheit kein Whataboutism.<\/p>\n<p><strong>Typisch f\u00fcr den Zeitgeist<\/strong><\/p>\n<p>Der Brand von Notre-Dame ist somit f\u00fcr mich sehr typisch f\u00fcr unseren heutigen Zeitgeist, denn man sieht daran, wie Aufmerksamkeit generiert wird, wie weit die Ignoranz fortgeschritten ist (und verteidigt wird), wie Relevanz medial erzeugt wird und wie viele Menschen kaum bereit sind, mal ein bisschen zu reflektieren, sondern wie dressierte H\u00fcndchen genau das machen, was die Berichterstattung intendiert. Und zudem wird auch noch deutlich, wie weit die Refeudalisierung unsere Gesellschaft schon fortgeschritten ist, da der Geldadel sich immer aristokratischer auff\u00fchrt.<\/p>\n<p>So traurig die Zerst\u00f6rung dieses sch\u00f6nen Kulturguts auf der einen Seite ist, so wichtig sind die Erkenntnisse, die man aus diesem Ereignis und den Reaktionen darauf gewinnen kann.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eins vorweg: Ich mag Paris. Ich war zweimal in der Stadt und habe das Flair dort sehr genossen, das eben gerade auch von der imposanten Architektur ausgeht. Und ich mag auch alte Kirchen, schaue mir die im Urlaub gern an, wenngleich ich mit Religion nicht viel am Hut habe und auch durchaus wei\u00df, dass diese Bauten oft aufgrund von viel Leid entstanden sind. 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