{"id":14956,"date":"2019-06-28T15:39:21","date_gmt":"2019-06-28T13:39:21","guid":{"rendered":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=14956"},"modified":"2019-07-02T17:03:53","modified_gmt":"2019-07-02T15:03:53","slug":"so-wird-das-nichts","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=14956","title":{"rendered":"So wird das nichts"},"content":{"rendered":"<p>Es wird immer offensichtlicher, dass sich sehr viel \u00e4ndern muss, wenn wir nicht auf eine totale Klimakatastrophe zusteuern wollen, die dann wohl auch das Ende der Menschheit bedeuten w\u00fcrde. Die Zeit wird immer knapper, die eh schon d\u00fcsteren Prognosen der Wissenschaftler werden mitunter von der Realit\u00e4t \u00fcberholt (s. beispielsweise\u00a0<a href=\"https:\/\/www.sueddeutsche.de\/wissen\/kanada-permafrost-klimawandel-co2-1.4489525\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">hier<\/a>), aber so richtig was passiert dann letztlich doch nicht, denn &#8222;Weiter so!&#8220; scheint die politische Devise zu sein. Und das liegt nun nicht nur an den Politikern, sondern auch an vielen ganz normalen Menschen, die mir t\u00e4glich so im realen und virtuellen Leben begegnen. Klar, da gibt es rechte Spinner, die ohnehin nicht daran glauben, dass der Klimawandel menschgemacht ist, aber eben auch viele, die eigentlich politisch ganz anders und eher links drauf sind &#8211; und sich dennoch als ziemliche Bremsen erweisen, was den Klimaschutz angeht.<\/p>\n<p>Ich hab diese Leute mal in ein paar Kategorien einsortiert:<\/p>\n<p><strong>Die Auf-die-anderen-Zeiger<\/strong><\/p>\n<p>Generell ist diesen Menschen schon klar, dass sich einiges \u00e4ndern muss. Aber bevor sie selbst was \u00e4ndern, sollen doch bitte erst mal die anderen damit anfangen, und da lassen sich ja praktischerweise immer welche finden: Der SUV-Fahrer meint, dass man Kreuzfahrten verbieten sollte, der Kreuzfahrer hingegen findet die Vielfliegerei viel schlimmer, der Vielflieger sieht das Problem in erster Linie beim hohen Fleischkonsum und der Schnitzelliebhaber wirft ein, dass ja die fetten SUVs das gr\u00f6\u00dfte Problem seien.<\/p>\n<p>Und im Zweifelsfall, wenn man viel Fleisch isst und gerade mit dem SUV auf dem Weg zum Flughafen ist, damit man zum Startpunkt einer Kreuzfahrt geflogen wird, dann sollen eben erst mal die Chinesen oder die US-Amerikaner anfangen, die sind n\u00e4mlich viel schlimmer als wir Deutschen.<\/p>\n<p>Was auch immer gern erw\u00e4hnt wird: Die Politik muss erst mal machen. Klar, bestimmte Sachen k\u00f6nnen nur politisch angegangen werden, aber dennoch hat jeder Einzelne auch <a href=\"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=5718\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Verantwortung<\/a> f\u00fcr sein Tun, mal von der Vorbildfunktion und der eigenen Glaubw\u00fcrdigkeit abgesehen. Und: Politiker werden letztlich ja auch von Einzelnen gew\u00e4hlt &#8230;<\/p>\n<p>Mit dem Finger auf andere zu zeigen ist ja nun auch deutlich bequemer, als sich selbst zu \u00e4ndern oder vielleicht sogar in seinem Konsum einzuschr\u00e4nken. Dass man hingegen am besten mit dem Kehren erst mal vor der eigenen T\u00fcr anfangen sollte, da man das n\u00e4mlich auch am meisten beeinflussen kann, h\u00f6ren solche Leute dann eher nicht so gern.<\/p>\n<p><strong>Die Sozialbed\u00e4chtigen<\/strong><\/p>\n<p>Klimaschutz ist ja gut und sch\u00f6n, aber das muss dann eben auch so hinhauen, dass es niemandem schlechter geht. Und das ist ja auch durchaus ein sinnvolles Ansinnen, denn nur so kann man die Akzeptanz von Klimaschutz auch bei den Menschen erh\u00f6hen.<\/p>\n<p>Nun aber zum gro\u00dfen Aber: Auf diese Weise wird nicht nur verkannt, dass echt deutliche und massive Eingriffe in unsere bisherige Lebensweise stattfinden m\u00fcssen, wenn wir irgendwie noch verhindern wollen, dass in ein paar Jahrzehnten menschliches Leben auf diesem Planeten noch m\u00f6glich ist. Zum anderen wird dabei auch \u00fcbersehen, dass diejenigen, die den Klimaschutz ausbremsen, meistens die Gleichen sind, die auch f\u00fcr soziale Verwerfungen verantwortlich sind. Und von beidem profitieren.<\/p>\n<p>Insofern wird auf diese Weise eine Art Nebenkriegsschauplatz er\u00f6ffnet, der vom eigentliche Kernthema ablenkt. Wenn man n\u00e4mlich wirklich an die Hauptverursacher des Klimawandels ranwill, dann ergibt sich die soziale Komponenten quasi fast von selbst, da es ja dann darum gehen muss, diejenigen in die Verantwortung zu nehmen, die Natur und Mensch gleichsam hemmungslos f\u00fcr den eigenen Profit ausbeuten.<\/p>\n<p>Wer also einwirft, dass Klimaschutz auch sozialvertr\u00e4glich sein muss, der sollte sich besser klarmachen, dass richtiger Klimaschutz automatisch sozialvertr\u00e4glich w\u00e4re, dass es hier um ein &#8222;und&#8220; und nicht um eine &#8222;oder&#8220; geht.<\/p>\n<p><strong>Die Alibisucher und Ablassk\u00e4ufer<\/strong><\/p>\n<p>Es ist viel angenehmer, sich der Dinge zu vergewissern, die man richtig macht, als sich vor Augen zu halten, was man alles noch besser machen k\u00f6nnte. Das ist das Grundprinzip dieses Typs Mensch, der meistens auch sehr von sich \u00fcberzeugt ist und deshalb gern zum Missionieren neigt.<\/p>\n<p>Bei Veganern kennt das wohl jeder. Ich finde ja vegane Ern\u00e4hrung auch sehr sympathisch und esse selbst sehr wenig Fleisch, zudem versuche ich, tierische Produkte so oft wie m\u00f6glich durch pflanzliche zu ersetzen. Was ich allerdings weniger sympathisch finde, sind Veganer, die aggressiv ihren Lebensstil vor sich hertragen und alle anderen abwerten. So was gibt es nat\u00fcrlich auch bei anderen Lebensstilen, allerdings f\u00e4llt es mir bei Veganern zunehmend h\u00e4ufig auf (die echt lieben Veganer und Vegetarier, die ich kenne, m\u00f6gen mir da hier jetzt mal verzeihen \u2013 Ihr seid damit nicht gemeint). So wirkt das Ganze dann f\u00fcr mich so ein bisschen, als wollte man sich auf diese Weise vergewissern, auch bestimmt das Richtige zu tun &#8211; und sich somit dann auch ein paar andere &#8222;S\u00fcnden&#8220; erlauben zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Denn eine Art Ablasshandel ist das m. E. in der Tat: Man f\u00fchlt sich gut und als Klimasch\u00fctzer, wenn man kein Fleisch ist, sodass man dann auch ausblenden kann, dass die Avocado, die es jeden Morgen zum Fr\u00fchst\u00fcck gibt, um den halben Globus gekarrt werden muss. Genauso wie der Wein aus S\u00fcdafrika. Und die eine oder andere Fernreise mit dem Flieger macht man ja auch ganz gern. Das Absurdeste, was ich diesbez\u00fcglich mal erlebt habe, war mal ein ausgesprochen aggressiv missionierender Vegetarier, der dann stolz postete auf <em>Facebook<\/em>, wie lecker doch der neue Veggie-Burger bei McDonald&#8217;s w\u00e4re &#8230;<\/p>\n<p>Nicht falsch verstehen: Niemand ist perfekt, und das erwarte ich auch zumindest von niemandem. Nur ist es eben auch wichtig, den Klimawandel als eine multikausale Angelegenheit zu verstehen, und das machen meiner Erfahrung nach viele dieser Alibisucher nicht. Da wird sich dann versichert, dass es schon super sei, ein E-Auto zu fahren, keine Kreuzfahrten zu machen oder Secondhandklamotten zu kaufen, aber dann wird eben auch dabei stehen geblieben. Und um sich selbst zu vergewissern, ein guter Typ zu sein, wird eben das eigene Verhalten allen, die das nicht machen, aggressiv vor den Latz geknallt. Und das ist dann letztlich sogar kontraproduktiv, weil man damit dann andere Menschen von eigentlich sinnvollen Verhaltensweisen abschreckt.<\/p>\n<p><strong>Die Dogmatiker<\/strong><\/p>\n<p>Zum Thema Dogmatismus habe ich ja vor ein paar Jahren schon mal einen <a href=\"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=6380\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Artikel<\/a> geschrieben und dort ausgef\u00fchrt, dass diese Einstellung zur Inaktivit\u00e4t f\u00fchrt. Wer immer nur dann was machen will, wenn auch wirklich alles rundherum genau richtig ist und richtig gemacht wird, der macht letztlich gar nichts, weil diese Voraussetzung eben nie gegeben sein wird.<\/p>\n<p>Dieser Typ Mensch ist so ziemlich das Gegenteil vom eben geschilderten Ablassk\u00e4ufer, denn er f\u00e4ngt gar nicht erst an, in seinem eigenen Leben etwas zu ver\u00e4ndern, weil ja andere Dinge eh nicht so laufen, dass das Sinn ergeben w\u00fcrde. &#8222;Was soll ich denn weniger fliegen, wenn andere Kreuzfahrten machen?&#8220; &#8222;Was soll ich denn weniger Fleisch essen, wenn andere mit immer gr\u00f6\u00dferen Autos fahren?&#8220; Und auch anderen wird das entsprechend vorgehalten: &#8222;Du fliegst nicht mehr in den Urlaub, weil das kacke f\u00fcrs Klima ist? Aha &#8230; aber Du hast doch ein Auto!&#8220;<\/p>\n<p>Also macht man dann einfach so weiter wie bisher &#8211; es n\u00fctzt ja eh nichts, etwas zu ver\u00e4ndern. Das ist nat\u00fcrlich aus vielerlei Hinsicht fatal, zumal ich auch den Eindruck habe, dass die meisten dieser Dogmatiker einfach nur viel zu bequem sind, um mal bei sich selbst anzufangen, und so dann zur Selbstlegitimation auf die Sinnlosigkeit des eigenen ver\u00e4nderten Tuns verweisen.<\/p>\n<p><strong>Die &#8222;Oberchecker&#8220;<\/strong><\/p>\n<p>Ein Obercheker wei\u00df derbe Bescheid, und der w\u00fcrde nie etwas glauben, nur weil alle der Ansicht sind, dass es richtig ist.<\/p>\n<p>Nun ist eine gewisse kritische Distanz zu Mainstram-Meinungen ja durchaus eine sinnvolle Eigenschaft, wenn das allerdings dazu f\u00fchrt, dass aus Prinzip auch wissenschaftliche Erkenntnisse, wie die zum Klimawandel, abgelehnt werden, weil sie eben von nahezu allen Wissenschaftlern geteilt werden, dann wird&#8217;s weniger sinnvoll. Dann steht man sich n\u00e4mlich mit seinen eigenen Zweifeln selbst im Wege, weil man grunds\u00e4tzlich nur das Abwegige f\u00fcr wahrscheinlich h\u00e4lt.<\/p>\n<p>Das f\u00fchrt dann zu solchen schr\u00e4gen Ansichten, dass der Klimawandel ja nur eine Inszenierung sei, da die Erneuerbare-Energien-Industrie so richtig viel Geld damit verdienen will. Der Oberchecker ist sich dessen ganz sicher &#8211; und die ganzen anderen Schafre kapieren es nur einfach nicht.<\/p>\n<p>Dass die Konzerne, deren Gesch\u00e4ftsmodell auf dem Verbrennen fossiler Energietr\u00e4ger basiert, wesentlich mehr Geld machen und gemacht haben, kommt ihm dabei allerdings nicht in den Sinn &#8211; genauso wenig wie die Tatsache, dass er mit seiner Argumentation letztlich nur die PR dieser Konzerne weiterzuverbreiten hilft (s. dazu <a href=\"https:\/\/www.blaetter.de\/archiv\/jahrgaenge\/2019\/februar\/der-schrumpfende-planet-teil-2\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">hier<\/a> &#8211; leider nur als Bezahlartikel zu lesen, was sich aber sehr lohnt).<\/p>\n<p><strong>Die Systemkritiker<\/strong><\/p>\n<p>Systemkritik ist wichtig und wird ja auch von mir selbst oft genug ge\u00fcbt. Und mehr noch: Ich denke, dass wirklicher Klimaschutz in unserem derzeitigen marktradikalen System gar nicht m\u00f6glich ist (dazu demn\u00e4chst mehr in einem separaten Artikel).<\/p>\n<p>Allerdings habe ich auch schon oft genug erlebt, dass Systemkritik vorgeschoben wird, um die eigene Unt\u00e4tigkeit rechtfertigen zu k\u00f6nnen. So nach dem Motto: &#8222;Erst muss sich das System \u00e4ndern, denn vorher bringt es ja nichts, wenn ich mich \u00e4ndere.&#8220;<\/p>\n<p>Dass so eine System\u00e4nderung nicht einfach so vom Himmel f\u00e4llt, ist dabei nat\u00fcrlich durchaus intendiert, denn so kommt man dann ja auch nicht in Verlegenheit, selbst etwas an seinem eigenen klimasch\u00e4dlichen Verhalten modifizieren zu m\u00fcssen. Und wenn man darauf angesprochen wird, hei\u00dft es eben: &#8222;Das System, das System &#8230;!&#8220;<\/p>\n<p>So was f\u00fchrt dann zu einer derartigen Verweigerung jeder Eigeninitiative, dass es solchen Menschen oft schon zu viel ist, \u00fcberhaupt mal zur Wahl zu gehen. Denn damit w\u00fcrde man ja &#8222;das System&#8220; unterst\u00fctzen. Dass man mit Nichtw\u00e4hlen allerdings gerade die Teile des Systems unterst\u00fctzt, die einem am wenigsten zusagen, leuchtet diesen Systemkritikern nicht so recht ein. Aber vermutlich ist es ihnen auch bequemer, am Wahlsonntag sch\u00f6n auf dem Sofa zu sitzen und sich in sozialen Medien \u00fcber das Schweinesystem auszulassen, als selbst mal den Hintern hochzubekommen und zumindest einen Anflug von Aktivit\u00e4t an den Tag zu legen.<\/p>\n<p><strong>So wird das nichts &#8230;<\/strong><\/p>\n<p>Fast allen diesen Menschen ist gemeinsam, dass sie eigentlich einen richtigen Grundansatz verfolgen und auch nicht komplett unreflektiert durch die Welt gehen. Allerdings fehlt eben auch bei allen die Einsicht, dass sich wirklich viel \u00e4ndern muss und dass jeder schon mal bei sich selbst anfangen sollte, damit \u00fcberhaupt etwas vorangeht.<\/p>\n<p>Ich habe den Eindruck, dass es da vor allem darum geht, irgendwie sein eigenes Verhalten, von dem man im Grunde schon wei\u00df, dass es in vielerlei Aspekten falsch (im Sinne von: die Klimakatastrophe noch ein bisschen schneller herbeif\u00fchrend) ist, vor sich selbst und anderen zu legitimieren.<\/p>\n<p>Wie schon geschrieben: Niemand kann alles richtig machen, aber dann sollte man sich dessen zumindest mal bewusst werden. Das ist n\u00e4mlich der erste Schritt dazu, sein Verhalten zu ver\u00e4ndern. Mithilfe von oben geschilderten Verdr\u00e4ngungsmechanismen werden sonst n\u00e4mlich auch Menschen, die schon eingesehen haben, dass unser klimasch\u00e4dliches Gebaren so nicht weitergehen kann, zu Bremsen bei einem so dringen notwendigen Wandel.<\/p>\n<p>Da dieser Wandel allerdings, wie ich <a href=\"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=5625\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">hier<\/a> vor einiger Zeit schon mal beschrieb, mit einigem Verzicht einhergehen w\u00fcrde, ist es f\u00fcr viele dann halt doch bequemer, sich diesen Erkenntnissen zu verschlie\u00dfen und darauf zu hoffen, dass sp\u00e4tere Generationen (wenn es diese denn noch geben wird) nicht ganz so hart mit ihnen ins Gericht gehen werden, da sie ja doch ein paar Punkte auf der Ich-hab-was-f\u00fcrs-Klima-getan-Skala aufzuweisen haben.<\/p>\n<p>Das d\u00fcrfte allerdings nicht reichen &#8230;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es wird immer offensichtlicher, dass sich sehr viel \u00e4ndern muss, wenn wir nicht auf eine totale Klimakatastrophe zusteuern wollen, die dann wohl auch das Ende der Menschheit bedeuten w\u00fcrde. 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