{"id":14964,"date":"2019-05-08T22:49:56","date_gmt":"2019-05-08T20:49:56","guid":{"rendered":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=14964"},"modified":"2019-05-08T22:49:56","modified_gmt":"2019-05-08T20:49:56","slug":"von-der-begegnenden-zur-konsumptiven-freizeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=14964","title":{"rendered":"Von der begegnenden zur konsumptiven Freizeit"},"content":{"rendered":"<p>Am Wochenende bin ich bei einem Gespr\u00e4ch \u00fcber Kaffee (und das, obwohl ich \u00fcberhaupt kein Kaffeetrinker bin) darauf gekommen, was unser heutiges Freizeitverhalten massiv von dem aus dem letzten Jahrtausend unterscheidet &#8211; und das ist etwas ausgesprochen Bezeichnendes f\u00fcr unseren Lebensstil und die damit einhergehende Selbstverst\u00e4ndlichkeit, mit der wir zurzeit unseren Planeten ruinieren. War fr\u00fcher die Begegnung mit anderen der zentrale Aspekt vieler Freizeitaktivit\u00e4ten, beispielsweise auch eines Caf\u00e9besuchs, so geht es heute vor allem darum, was konsumiert wird.<\/p>\n<p>Ich erinnerte mich n\u00e4mlich daran, dass man fr\u00fcher in einem Caf\u00e9 meistens Filterkaffee, den man auch genauso gut zu Hause zubereiten kann, serviert bekam, w\u00e4hrend heute der Konsum von hunderttausend verschiedenen Kaffeespezialit\u00e4ten zur Selbstverst\u00e4ndlichkeit geworden ist &#8211; und oft den Ausschlag f\u00fcr die Wahl der Location gibt. Passend dazu: Selbst gebackener Kuchen galt fr\u00fcher auch noch meistens als leckerer als der gekaufte.<\/p>\n<p>Sich also in ein Caf\u00e9 zu begeben war in erster Linie ein Akt der Geselligkeit, weil man sich dort mit jemandem treffen oder einfach nur unter Menschen sein wollte.<\/p>\n<p>Heute gibt es daf\u00fcr alle M\u00f6glichen Spezialit\u00e4ten in Caf\u00e9s, mit denen die Kunden angelockt werden, diese sitzen dann allerdings, zumal in Zeiten des Smartphones, zunehmend vereinzelt und um sich selbst kreisend dort &#8211; besch\u00e4ftigt mit ihrem Konsumgut, das sie verzehren.<\/p>\n<p>Und das passt nat\u00fcrlich auch total zum neoliberalen Zeitgeist und dessen Dogmen wie &#8222;Jeder ist sich selbst der N\u00e4chste&#8220; oder &#8222;Wenn jeder an sich denkt, ist an alle gedacht&#8220;, gepaart mit einem dem Wachstumswahn geschuldeten best\u00e4ndigen Befeuern des Konsums durch omnipr\u00e4sente Werbung, Marketing und PR. Es war dann nicht nett im Caf\u00e9, weil man sich mit jemandem gut ausgetauscht hat, sondern weil der Kaffee so vortrefflich geschmeckt hat. Klar, zwischenmenschlicher Austausch kostet ja auch nichts und tr\u00e4gt nichts zum BIP bei &#8211; ist somit also nicht sonderlich erw\u00fcnscht.<\/p>\n<p>Dazu passt auch das von mir vor einiger Zeit schon mal geschilderte <a href=\"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=6603\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Zeitgeistph\u00e4nomen der Eventisierung<\/a>, als ich diesen Aspekt ja ebenfalls schon andeutete:<\/p>\n<blockquote><p>Wer zu Hause mit ein paar Freunden zusammensitzt und sich unterh\u00e4lt, Musik h\u00f6rt oder auch ein Glas Wein trinkt, der konsumiert nicht ansatzweise so viel wie derjenige, der ein oftmals kostenpflichtiges Event besucht und dort Getr\u00e4nke, Speisen, Souvenirs usw. konsumiert.<\/p><\/blockquote>\n<p>Auf Social-Media-Kan\u00e4len kann dann beobachtet werden, wozu das f\u00fchrt: Menschen fotografieren ihr Essen, um anderen zu zeigen, wie toll sie gerade konsumiert haben. Wer da noch dabei war, ist dann oftmals gar nicht Thema.<\/p>\n<p>Vor diesem Hintergrund l\u00e4sst sich dann auch der Boom von Craft-Bieren in den letzten Jahren erkl\u00e4ren. Die bekommt man n\u00e4mlich nicht \u00fcberall, sodass es dann dabei auch weniger um eine nette Atmosph\u00e4re geht, in der man mit Freunden ein Bierchen trinkt, sondern um den Genuss genau dieses speziellen Biers. Das Konsumgut r\u00fcckt in den Mittelpunkt, die Begleitung tritt in den Hintergrund.<\/p>\n<p>Das ist vor allem deswegen ein ziemlich negativ zu bewertender Trend, da ja mittlerweile jedem denkenden Menschen klar sein sollte, dass ein &#8222;Weiter so&#8220; mit immer mehr Konsum genau das Gegenteil von dem ist, was wir brauchen, wenn wir unsere Biosph\u00e4re noch irgendwie erhalten wollen. Aber klar: Wenn man auf so was aufmerksam macht, dann wird man vonseiten der neoliberal Dressierten vermutlich schnell darauf hingewiesen, eine Spa\u00dfbremse zu sein. Spa\u00df ist n\u00e4mlich mittlerweile f\u00fcr viele vor allem Konsum von Dingen.<\/p>\n<p>Das hei\u00dft ja nun auch nicht, dass es jetzt unbedingt zu darben gilt, allerdings finde ich es sinnvoll, den Fokus doch mal wieder versch\u00e4rft auf die Begegnung und den Austausch mit Freunden, Bekannten, Familienmitgliedern, Arbeitskollegen und wem auch immer zu legen. Und erst in zweiter Linie auf das Essen und die Getr\u00e4nke, die dabei gereicht werden.<\/p>\n<p>Das w\u00e4re dann ja glatt eine M\u00f6glichkeit, ein bisschen subversiv zu sein und dabei auch noch richtig viel Spa\u00df ohne Oberfl\u00e4chlichkeit zu haben &#8230;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am Wochenende bin ich bei einem Gespr\u00e4ch \u00fcber Kaffee (und das, obwohl ich \u00fcberhaupt kein Kaffeetrinker bin) darauf gekommen, was unser heutiges Freizeitverhalten massiv von dem aus dem letzten Jahrtausend unterscheidet &#8211; und das ist etwas ausgesprochen Bezeichnendes f\u00fcr unseren Lebensstil und die damit einhergehende Selbstverst\u00e4ndlichkeit, mit der wir zurzeit unseren Planeten ruinieren. 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