{"id":15078,"date":"2019-05-16T08:23:27","date_gmt":"2019-05-16T06:23:27","guid":{"rendered":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=15078"},"modified":"2019-05-16T08:23:27","modified_gmt":"2019-05-16T06:23:27","slug":"die-sache-mit-dem-populismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=15078","title":{"rendered":"Die Sache mit dem Populismus"},"content":{"rendered":"<p>In meinem <a href=\"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=15065\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">gestrigen Artikel<\/a> besch\u00e4ftigte ich mich mit der viel praktizierten Irref\u00fchrung, dass im Zuge der EU-Wahl marktradikale Parteien stets und gern als &#8222;gem\u00e4\u00dfigt&#8220; bezeichnet werden, um sie von den nationalistischen Rechtsau\u00dfen abzugrenzen und diesen als Alternative gegen\u00fcberzustellen. Nun gibt es noch einen weiteren Begriff, der in der Debatte um die aktuelle EU-Wahl (und nat\u00fcrlich auch schon zuvor) sehr irref\u00fchrend missbraucht wird: Populismus.<\/p>\n<p>Populistische Parteien oder Politiker &#8211; das ist eine ziemlich Abwertung und wird mittlerweile eigentlich immer so verstanden, dass es sich dabei dann um polternde Rechtsau\u00dfen handeln m\u00fcsste. Diese agieren zwar auch meistens auf populistische Art und Weise, dennoch sollte man schon differenzieren und dann eben das Wort &#8222;Rechtspopulismus&#8220; gebrauchen, denn es gibt durchaus unterschiedliche Arten des Populismus.<\/p>\n<p><strong>Zwei Arten des Populismus<\/strong><\/p>\n<p>Populismus bedeutet ja zun\u00e4chst mal nur, dass etwas so formuliert wird, dass es bei vielen Menschen gut ankommt. Das kann allerdings auch durchaus etwas Gutes sein, wenn n\u00e4mlich beispielsweise komplexe und schwer verst\u00e4ndliche Sachverhalte so dargestellt werden, dass sie auch von Nichtfachleuten verstanden und nachvollzogen werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Im Grunde k\u00f6nnte man sogar sagen, dass dies die eigentliche Aufgaben von Politikern und politischen Medien sein sollte, denn auch W\u00e4hler, die sich nicht den ganzen Tag mit Politik besch\u00e4ftigen, sollten ja bef\u00e4higt werden, ihr Kreuz auf dem Stimmzettel aufgrund von inhaltlichen \u00dcberlegungen zu machen &#8211; wof\u00fcr ein politisches Verst\u00e4ndnis unabdingbar ist.<\/p>\n<p>Ein solcher positiv zu wertender Populismus ist allerdings auch zwingend der Wahrheit verpflichtet. Klar, Wahrheit ist ein gro\u00dfer Begriff, der allzu gern auch von denen f\u00fcr sich proklamiert wird, die es damit gerade nicht allzu genau nehmen, aber da sind wir auch schon bei der Abgrenzung zum negativen Populismus: Dieser verdreht n\u00e4mlich bewusst Tatsachen, l\u00e4sst Fakten weg oder verschleiert diese oder erfindet einfach Realit\u00e4ten, die gut ins Weltbild passen, was vermittelt werden soll. Und genau auf diese Weise agieren Rechtspopulisten.<\/p>\n<p><strong>Das Machtgef\u00e4lle verringern oder vergr\u00f6\u00dfern<\/strong><\/p>\n<p>Populismus basiert immer auf einem Machtgef\u00e4lle, n\u00e4mlich einem Wissensvorsprung desjenigen, der komplexe Sachverhalte durchdringt und diese dann vereinfacht darstellt, gegen\u00fcber dem Empf\u00e4nger seiner Botschaft.<\/p>\n<p>Der positive Populismus ist nun bestrebt, dieses Machtgef\u00e4lle zu verringern, indem er Wissen vermittelt und so den Horizont des Zuh\u00f6rers erweitert. Der Populist und der von ihm Angesprochene r\u00fccken also n\u00e4her zusammen.<\/p>\n<p>Negativer Populismus ist nun im Gegensatz dazu bestrebt, das Machtgef\u00e4lle nicht nur aufrechtzuerhalten, sondern m\u00f6glichst zu vergr\u00f6\u00dfern, indem der Populist seinen Informationsvorsprung nicht dazu nutzt, seinen Zuh\u00f6rern Wissen zu vermitteln, sondern diesen selektiv nur das zukommen zu lassen, was im eigenen Interesse des Populisten ist. Daf\u00fcr wird dann gern auch mal gelogen, denn dieser Populist wei\u00df, dass ihm seine Zuh\u00f6rer nur allzu oft unhinterfragt alles glauben, was er ihnen auftischt, solange es nur eine insgesamt stimmige Erz\u00e4hlung ergibt. Der Horizont des Zuh\u00f6rers wird dabei nat\u00fcrlich nicht erweitert, sondern zunehmend eingeengt.<\/p>\n<p>Aus diesen beiden Arten des Populismus ergibt sich fast zwangsl\u00e4ufig eine Zuordnung zu politischen Richtungen (s. zur grundlegenden Unterscheidung von Rechts und Links diesen <a href=\"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=11619\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Artikel hier auf <em>unterstr\u00f6mt<\/em><\/a>): Da linkes Denken auf der Egalit\u00e4t der Menschen aufbaut, ist linker Populismus auch bestrebt, diese weitestm\u00f6glich herzustellen und so das Machtgef\u00e4lle zwischen Wissenden und Nichtwissenden zu verringern. Rechtes Denken hingegen basiert auf hierarchischen Strukturen, in denen diejenigen, die oben stehen, stets bem\u00fcht sind, die unter ihnen Stehenden auch dort zu halten &#8211; also Machtgef\u00e4lle zu zementieren.<\/p>\n<p><strong>Linken Populismus gibt es eigentlich nur noch im Kabarett<\/strong><\/p>\n<p>Der negativ konnotierte Populismus ist also in aller Regel Rechtspopulismus &#8211; wird nur eben allzu oft nicht als solcher bezeichnet. Auf diese Weise ist die Anschuldigung, etwas sei &#8222;populistisch&#8220;, mittlerweile zu einer recht allgemeinen Diffamierung von unliebsamen Aussagen geworden &#8211; mit der Folge, dass, so zumindest mein Eindruck, von linker Seite kaum noch im positiven Sinne Populismus betrieben wird, um sich nicht diesem Vorwurf ausgesetzt zu sehen.<\/p>\n<p>Daher wird diese Art des positiven Populismus zurzeit vor allem noch von Kabarettisten und Satirikern (z. B. von <em>Die Anstalt<\/em>, <em>Mann, Sieber!<\/em> oder der <em>heute show<\/em>) praktiziert. Dass <em>Die Anstalt<\/em> zu jeder Sendung einen eigenen Faktencheck anbietet, ist dabei bezeichnend: zum einen f\u00fcr das Bem\u00fchen um Transparenz und Nachvollziehbarkeit der eigenen Aussagen (im Sinne der Verringerung des Machtgef\u00e4lles), zum anderen daf\u00fcr, dass so etwas mittlerweile bei Unterhaltungssendungen notwendig ist, da politische Magazine hier nur ungen\u00fcgend ihrer eigentlichen Aufgabe nachkommen.<\/p>\n<p>Dass solche Sendungen sich gro\u00dfer Beliebtheit erfreuen und zunehmend in den politischen Diskurs integriert werden, zeigt, dass es also durchaus m\u00f6glich ist, positiv populistisch zu agieren. Und dass dies zwingend notwendig ist, um viele Politikresignierte wieder f\u00fcr politische Themen zu interessieren.<\/p>\n<p><strong>Neoliberaler Marktradikalismus ist selbst im negativen Sinne populistisch<\/strong><\/p>\n<p>Was nun beim Populismus noch hinzukommt: Die Neoliberalen, die nur allzu gern mit dem Populismusvorwurf um sich schmei\u00dfen, sind selbst im negativen Sinne populistisch. Das wird nicht nur deutlich, wenn beispielsweise CDU-Parteichefin die abgedroschene Parole &#8222;Freiheit statt Sozialismus&#8220; wieder hervorkramt oder Juso-Chef Kevin K\u00fchnert aufgrund seiner Kapitalismuskritik Vorw\u00fcrfe entgegengebracht werden, er w\u00fcrde ja so was wie die DDR wiederhaben wollen &#8211; alles unlauter verk\u00fcrzende und Aussagen entstellende Statements, wie sie f\u00fcr negativen Populismus eben typisch sind und die den Zuh\u00f6rer vom weiteren Nachdenken und einer tieferen Auseinandersetzung mit dem Thema abhalten sollen.<\/p>\n<p>Das gesamte neoliberale Denken basiert auf Mythen und Unwahrheiten, wie Ulrike Herrmann in einem<a href=\"https:\/\/www.blaetter.de\/archiv\/jahrgaenge\/2017\/januar\/aus-der-krise-nichts-gelernt\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\"> Artikel in den <em>Bl\u00e4ttern f\u00fcr deutsche und internationale Politik<\/em><\/a> sehr treffend darlegt. Diese Erkenntnisse haben sich nicht etwa bis zu den Lindners und Merzens nur noch nicht rumgesprochen, nein, die wissen das ganz genau &#8211; und halten dennoch an ihren Aussagen und Geisteshaltungen fest.<\/p>\n<p>Ein konkretes Beispiel gef\u00e4llig? &#8222;Privat ist besser als \u00f6ffentlich&#8220; &#8211; eines der Dogmen der neoliberalen, dass sich bisher stets als falsch erwiesen hat (s. dazu <a href=\"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=2218\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">hier<\/a>) und dennoch immer und immer wieder propagiert wird. Auch Aussagen wie &#8222;Die Nachfrage bestimmt das Angebot&#8220; und &#8222;Jeder ist seines Gl\u00fcckes Schmied&#8220; sind purer Populismus und haben nicht nur mit der Realit\u00e4t nachgewiesenerma\u00dfen nichts zu tun, sondern dienen auch der Aufrechterhaltung des Machtgef\u00e4lles: Der Populist wei\u00df, dass er Quatsch erz\u00e4hlt, l\u00e4sst aber seine Zuh\u00f6rer in dem Glauben, dass das alles so richtig sei, da es dem Populisten und seiner Klientel n\u00fctzt.<\/p>\n<p>So erleben wir also groteskerweise immer wieder, dass uns Negativpopulisten vor negativem Populismus warnen &#8211; was im Grunde auch schon wieder Negativpopulismus ist.<\/p>\n<p>Eine differenzierte Betrachtung des Begriffs ist also mehr als sinnvoll und angebracht, wenn man sich nicht selbst auf populistische Art und Weise an der Nase herumf\u00fchren lassen m\u00f6chte.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In meinem gestrigen Artikel besch\u00e4ftigte ich mich mit der viel praktizierten Irref\u00fchrung, dass im Zuge der EU-Wahl marktradikale Parteien stets und gern als &#8222;gem\u00e4\u00dfigt&#8220; bezeichnet werden, um sie von den nationalistischen Rechtsau\u00dfen abzugrenzen und diesen als Alternative gegen\u00fcberzustellen. Nun gibt es noch einen weiteren Begriff, der in der Debatte um die aktuelle EU-Wahl (und nat\u00fcrlich auch schon zuvor) sehr irref\u00fchrend missbraucht wird: Populismus.<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[67,50],"tags":[166,527,664],"class_list":["post-15078","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-medial-manipulatives","category-politisches","tag-neoliberalismus","tag-populismus","tag-rechtspopulismus"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/15078","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=15078"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/15078\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":15083,"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/15078\/revisions\/15083"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=15078"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=15078"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=15078"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}