{"id":1509,"date":"2014-06-08T00:49:25","date_gmt":"2014-06-07T22:49:25","guid":{"rendered":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=1509"},"modified":"2014-07-15T19:40:13","modified_gmt":"2014-07-15T17:40:13","slug":"diskussionsmittel-zur-verteidigung-der-komfortzone","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=1509","title":{"rendered":"Diskussionsmittel zur Verteidigung der Komfortzone"},"content":{"rendered":"<p>Vor ein paar Wochen warf mal ein Freund die Frage auf, warum man einerseits mit Menschen trefflich stundenlang \u00fcber Fu\u00dfballergebnisse diskutieren kann, aber andererseits die gleichen Personen nicht f\u00fcr tats\u00e4chlich (auch f\u00fcr sie und ihre Familien) relevante Themen zu interessieren vermag. Meine Vermutung ist recht simpel: Ein Fu\u00dfballspiel hat recht wenig mit der tats\u00e4chlichen Lebensrealit\u00e4t der meisten Menschen zu tun. Klar, man fiebert mit, geht ins Stadion oder schaut sich ein Spiel im Fernsehen an, hat danach gute oder schlechte Laune, je nachdem, wie das Spiel ausgegangen ist &#8211; aber dann war&#8217;s das auch schon. Die Duelle von Profisportlern ver\u00e4ndern das allt\u00e4gliche Verhalten der Menschen kaum: Diese gehen oder fahren am folgenden Tag genauso wieder zur Arbeit, kaufen im gleichen Gesch\u00e4ft ein, lesen die gleiche Zeitung, schicken die Kinder wie immer zur Schule usw. &#8211; und das alles ist vollkommen unabh\u00e4ngig vom Resultat des Fu\u00dfballspiels vom Vortag. Deswegen erfreut sich Fu\u00dfball auch so einer gro\u00dfen Beliebtheit, denn es ist zum einen sehr emotional und erlaubt dem Zuschauer, mitzufiebern und sich zu freuen oder auch zu trauern &#8211; aber all dies ist nach dem Spiel vorbei und tangiert unsere Komfortzone danach nicht im Geringsten, das Leben der Zuschauer wird nach dem Schlusspfiff nur noch wenig bis gar nicht vom Resultat beeinflusst oder gar beeintr\u00e4chtigt. Und dar\u00fcber l\u00e4sst sich dann nat\u00fcrlich trefflich und auch hitzig debattieren, denn mein Leben, wie ich es mir eingerichtet habe, l\u00e4uft genauso weiter, egal ob nun Ronaldo oder Messi aus der Diskussion als der bessere Fu\u00dfballer hervorgegangen ist.<\/p>\n<p>Ein bisschen anders sieht es da mit Themen aus, die tats\u00e4chlich auf die\u00a0<em>normalen<\/em> Lebensumst\u00e4nde der Menschen abzielen. Hier habe ich schon oft Reaktionen und ein Diskussionsverhalten erlebt, die gekennzeichnet sind von einer reinen Abwehrreaktion des vom anderen Diskutanten Vorgebrachten. Es geht nicht mehr darum, in irgendeiner Form Argumente auszutauschen oder einen Inhalt voranzubringen, sondern nur noch darum, seine eigene Komfortzone nicht ersch\u00fcttert zu sehen und guten Gewissens einfach so weitermachen zu k\u00f6nnen wie bisher, ohne sich selbst moralischen Bedenken aussetzen zu m\u00fcssen. Ein paar Diskussionsmittel sind mir dabei schon h\u00e4ufig aufgefallen:<\/p>\n<p><strong>1. Ablenken vom Thema durch Versuch der Diskreditierung der Glaubw\u00fcrdigkeit von Diskutanten<\/strong><\/p>\n<p>Als vor etwa zehn Jahren Trash-Talkshows im nachmitt\u00e4glichen Fernsehprogramm noch Hochkonjunktur hatten und dort die Leute aufeinander losgegangen sind, konnte man dies immer wieder beobachten: Nach einer kritischen \u00c4u\u00dferung kommt als Antwort: &#8222;Guck du dich doch an!&#8220; In seiner Einfachheit bringt diese so nat\u00fcrlich schon recht l\u00e4cherlich wirkende Replik das Wesen des Diskreditierungsversuches gut auf den Punkt. Nat\u00fcrlich ist die Glaubw\u00fcrdigkeit einer Person immer wichtig, und wer andere erz\u00e4hlt, wie \u00e4tzend es ist, bei Amazon einzukaufen, aber selbst dort Gro\u00dfkunde ist, der sollte sich dann auch nicht wundern, wenn mal eine Nachfrage in die Richtung kommt, wie das denn zusammenpassen w\u00fcrde. Wer sich allerdings auf die Aufforderung, aus diversen Gr\u00fcnden nicht mehr bei Amazon einzukaufen, mit der als Vorwurf ge\u00e4u\u00dferten Aussage, er selbst w\u00fcrde ja schlie\u00dflich Fleisch essen, konfrontiert sieht, der kann davon ausgehen, dass es nur darum geht, ihn zu diskreditieren. Klar, Fleischkonsum kann man genauso diskutieren wie Einkaufen bei Amazon, aber eben bitte nicht, indem man das in einen Topf wirft, da die Beweggr\u00fcnde f\u00fcr beide Verhaltensweisen einfach komplett unterschiedlich sind &#8211; genauso wie auch die Auswirkungen auf die jeweils eigene Komfortzone. Dass Resultat dieser Vorgehensweise ist, dass jemand, der ethische Bedenken \u00e4u\u00dfert, im Grunde eine komplett wei\u00dfe Weste haben muss, da sonst die Diskussion vom Thema weg auf die Person des Kritikers verlagert wird. Und so wird dann letztlich jedes kritische Denken im Keim erstickt und zunichte gemacht, denn einen solchen 100-prozentigen Saubermann d\u00fcrfte es kaum geben.<\/p>\n<p><strong>2. Infragestellen von Quellen<\/strong><\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich ist es sinnvoll, nicht allem und jedem blind zu glauben, eine kritische Quellenkritik ist vielmehr ein Grundpfeiler der Medienkompetenz. Interessant ist es allerdings, wenn ein Infragestellen von Quellen immer nur dann stattfindet, wenn auch gerade die eigene Komfortzone ein wenig in Mitleidenschaft geraten k\u00f6nnte durch eine Information, wenn also bequemes oder gewohnheitsm\u00e4\u00dfiges Handeln mit einem Mal amoralische Aspekte bekommt. Tagesschau, Spiegel, Springer-Presse &#8211; alles tolle Quellen (wir haben uns hier schon oft genug zu den Verfehlungen dieser Medien ge\u00e4u\u00dfert, die ja letztlich auch ein elementarer Impuls waren, unterstr\u00f6mt \u00fcberhaupt ins Leben zu rufen), aber wenn da was von einem unabh\u00e4ngigen Journalisten berichtet wird, was gerade nicht so richtig in mein Weltbild oder Gut-b\u00f6se-Schema passt, dann ist der Typ doch garantiert nur irgend so ein Querulant oder Wichtigtuer. Klingt vielleicht etwas absurd, aber ist mir schon so was von h\u00e4ufig untergekommen: Menschen glauben lieber denen, die im Hochglanz und auf den gewohnten Kan\u00e4len daherkommen, als denen, die auf eigenen Wegen Informationen zutage f\u00f6rdern, die vielleicht sogar bewusst in anderen Medien zur\u00fcckgehalten werden (Stichwort March Against Monsanto, nur mal als Beispiel) &#8211; und hinter denen vor allem nicht unbedingt massive finanzielle Interessen an der Verbreitung falscher Informationen stehen. So wurde mir zum Beispiel mal in einer Diskussion \u00fcber die angebliche Ungef\u00e4hrlichkeit genver\u00e4nderter Nahrungsmittel eine Untersuchung auf einer Webseite pr\u00e4sentiert. Der Blick ins dortige Impressum offenbarte dann auch ganz frank und frei, dass diese Webseite von Monsanto, BASF, Baiersdorf und \u00e4hnlichen Kalibern gesponsert wurde. Hier w\u00e4ren nun Zweifel an der Quelle durchaus angebracht, da der PR-Faktor schon ziemlich offensichtlich hervorsticht, aber wenn so eine Quelle dann im Artikel auf einer Leitmedien-Webseite verlinkt wird und sie zudem komfortzonenad\u00e4quate Inhalte bereitstellt, dann ist sie gleich deutlich glaubw\u00fcrdiger als kritische Gedanken oder aufr\u00fcttelnde Neuigkeiten, die in ein paar Blogs pr\u00e4sentiert werden &#8230;<\/p>\n<p><strong>3. Verf\u00e4lschung von Diskussionsbeitr\u00e4gen durch deren Verallgemeinerung\/\u00dcbersteigerung<\/strong><\/p>\n<p>Jemand \u00e4u\u00dfert sich \u00fcber das unethische Verhalten von einer kleinen Gruppe von Leuten oder Einzelpersonen und wird dann als Konter damit konfrontiert, dass er ja alles und jeden in Bausch und Bogen verteufeln wird. Das ist ein h\u00e4ufig angewandtes Mittel, um dem eigenen Standpunkt mehr Gewicht zu geben, wenngleich es nat\u00fcrlich unlauter ist, Aussagen derart zu verf\u00e4lschen. Aber dadurch wird eben der Diskutant moralisch abgewertet, und das ist bei der Komfortzonenverteidigung ein probates Mittel, um sich nicht mit kritischen Gedanken auseinandersetzen zu m\u00fcssen. Zudem wird auch hier der Inhalt aufgeweicht, denn wo es um spezifische Aspekte geht,die differenziert kritisiert werden, ist die Dampfwalze der Verallgemeinerung selten zielf\u00fchrend, um eine Problematik ad\u00e4quat zu analysieren.<\/p>\n<p><strong>4. Einfordern von Toleranz<\/strong><\/p>\n<p>Toleranz ist eine wichtige Sachen, und niemand mag gern intolerant genannt werden. Insofern wird auch diese leider allzu h\u00e4ufig als Totschlagargument gebraucht, wenn es darum geht, ein Eindringen moralischer Bedenken in die Komfortzone zu verhindern. Ein Verhalten wird angeprangert &#8211; zack &#8211; schon ist der anprangernde intolerant, denn er hat schlie\u00dflich das kritisierte Verhalten zu tolerieren (auch wenn dieses selbst intolerant ist). Ein paar schlaue Leute haben dazu schon Treffendes gesagt, dass man in solchen F\u00e4llen den selbst ernannten Komfortzonensicherungstoleranzaposteln entgegenhalten kann:<\/p>\n<blockquote><p>Toleranz wird zum Verbrechen, wenn sie dem B\u00f6sen gilt. (<i><strong>Thomas Mann<\/strong>, Der Zauberberg)<\/i><\/p>\n<p>Im Namen der Toleranz sollten wir uns das Recht\u00a0vorbehalten, die Intoleranz nicht zu tolerieren. (<strong><em>Karl Popper<\/em><\/strong><i>, Die offene Gesellschaft und ihre Feinde)<\/i><\/p>\n<p>Um tolerant zu sein, mu\u00df man die Grenzen dessen, was nicht tolerierbar ist, festlegen. (<i><strong>Umberto Eco<\/strong>, DIE ZEIT, 5. November 1993)<\/i><\/p><\/blockquote>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wer also um die ernsthafte Auseinandersetzung mit einem Thema bem\u00fcht ist, sollte darauf achten, diese eben geschilderten unlauteren Diskussionsmittel nicht zu verwenden &#8211; und genauso auf deren unlauteren Charakter hinzuweisen, wenn er damit konfrontiert wird. Letzteres erweist sich nur als sehr schwierig, denn die Komfortzonenverteidiger erweisen sich in der Regel als Mitl\u00e4ufertypen: <em>Es muss doch richtig sein, wenn das alle machen. Es kann nicht sein, was nicht sein darf!<\/em> Und wie will man jemanden \u00fcberzeugen, der im Grunde gar keine \u00dcberzeugung hat?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bei Diskussion von Themen, die auf die normalen, allt\u00e4glichen Lebensumst\u00e4nde von Menschen abzielen, habe ich schon oft Reaktionen und ein Diskussionsverhalten erlebt, die gekennzeichnet sind von einer reinen Abwehrreaktion des vom anderen Diskutanten Vorgebrachten. Es geht nicht mehr darum, in irgendeiner Form Argumente auszutauschen oder einen Inhalt voranzubringen, sondern nur noch darum, seine eigene Komfortzone nicht ersch\u00fcttert zu sehen und guten Gewissens einfach so weitermachen zu k\u00f6nnen wie bisher, ohne sich selbst moralischen Bedenken aussetzen zu m\u00fcssen. 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