{"id":15310,"date":"2019-06-18T11:18:55","date_gmt":"2019-06-18T09:18:55","guid":{"rendered":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=15310"},"modified":"2019-06-18T11:18:55","modified_gmt":"2019-06-18T09:18:55","slug":"verbote-versus-anreiz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=15310","title":{"rendered":"Verbote versus Anreiz"},"content":{"rendered":"<p>Ein Pl\u00e4doyer f\u00fcr mehr Konstruktivit\u00e4t und Mehrgleisigkeit in der Politik.<\/p>\n<p>Mely Kiyak hat in ihrer aktuellen Kolumne in der <em>ZEIT <\/em><a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/kultur\/2019-06\/konsumverhalten-verbote-gesetze-veraenderungen-gewohnheit-freiheit\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">(hier zu lesen)<\/a> deutliche Worte gefunden: Aufkl\u00e4rung \u00fcber Missst\u00e4nde, zum Beispiel der Produktion von technischen Ger\u00e4ten durch Kinderarbeit, bringe im Grunde nicht viel, es f\u00fchre im Allgemeinen nicht dazu, dass Kunden ihr Kaufverhalten \u00e4nderten. Was sie in der Folge fordert, finde ich sehr richtig: das aktive Regulieren von Konzernen, die unter solchen Bedingungen produzieren lassen. Hier braucht es entsprechende Gesetze, sprich Verbote.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;Man muss in Deutschland essen, trinken, einkaufen, bestellen und zur\u00fcckschicken k\u00f6nnen und sich darauf verlassen d\u00fcrfen, dass man nichts und niemanden damit schadet, allerh\u00f6chstens sich selbst.&#8220; (Mely Kiyak)<\/p><\/blockquote>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das sehe ich ganz genau so, denn es ist weder zumutbar noch ansatzweise realistisch, dass der Konsument jeden Artikel, den er kauft, von vorn bis hinten \u201edurchleuchtet\u201c, um die Vertr\u00e4glichkeit zu \u00fcberpr\u00fcfen. Zumal das in weiten Strecken auch nicht ansatzweise m\u00f6glich ist, zu komplex ist der Zusammenhang aus Produktionsbedingungen, Transportwegen, Lieferketten, H\u00e4ndlern &#8230;<\/p>\n<p>Es ist hier Aufgabe der Politik, zum einen f\u00fcr Transparenz zu sorgen, zum anderen Unternehmen zu sanktionieren, die sich an einen zu definierenden Kodex nicht halten.<\/p>\n<p>Das ist aus meiner Sicht jedoch nur eine Seite der Medaille, wenn man \u00fcber die Aufgaben von Politik nachdenkt. Wer nur \u00fcber Verbote diskutiert, st\u00f6\u00dft schnell auf Gegenwehr, was als menschliche Reaktion durchaus verst\u00e4ndlich ist. Mir fehlt in solchen Diskussionen, wie auch in vielen anderen, die Ausgewogenheit oder noch besser: eine etwas umfassendere Betrachtung und vor allem auch konstruktive L\u00f6sungsfindung.<\/p>\n<h3>Es kann nie immer nur \u201edie eine\u201c Ma\u00dfnahme geben<\/h3>\n<p>Unsere Welt ist viel zu komplex, als dass es immer nur \u201edie eine\u201c L\u00f6sung f\u00fcr ein Problem geben kann. Reden wir von umwelt- und sozialvertr\u00e4glichen Produkten, wird es schier unm\u00f6glich, alle Aspekte zu erfassen. Diese Komplexit\u00e4t f\u00fchrt meiner Meinung nach auch dazu, dass dann gar nichts passiert. Die Aufgabe scheint zu gro\u00df, also lassen wir es gleich ganz sein.<\/p>\n<h3>Perspektivwechsel, Alternativen finden und anbieten<\/h3>\n<p>Wenn ich bei meiner Arbeit vor einer gr\u00f6\u00dferen (un\u00fcberwindbaren?) Aufgabe stehe, hab ich zwei M\u00f6glichkeiten: Ich gehe mit der Brechstange ran oder ich entwickele Plan B. Ich mag es, in L\u00f6sungen zu denken. Wie oft werde ich gefagt, ob ich nicht dies oder jenes machen k\u00f6nne. Ich bin dann immer sehr direkt und sage, was geht und was nicht geht. Vor allem: Wenn etwas nicht geht, dann biete ich parallel immer Alternativen an. Es macht nicht nur mir Spa\u00df, eine L\u00f6sung zu finden, auch meine Kunden freuen sich immer \u00fcber Konstruktivit\u00e4t. Und so werden meine alternativen Vorschl\u00e4ge auch so gut wie nie abgelehnt, im Gegenteil.<\/p>\n<p>Und genau das ist es auch, was ich in der Politik vermisse und ganz klar einfordere. Es ist dringend Aufgabe von Politik, L\u00f6sungen f\u00fcr Probleme zu finden. Verbote k\u00f6nnen eine L\u00f6sung sein, sind aber dann zu einseitig, wenn man nur auf dieser Schiene f\u00e4hrt. Ich erwarte vielmehr eine Strategie, die aus mehreren Bestandteilen besteht. Ich erwarte von Politikern und Parteien keine Froschperspektive, sondern die Vogelperspektive.<\/p>\n<h3>Wo bleiben eigentlich die Anreize f\u00fcr \u201egutes\u201c Handeln?<\/h3>\n<p>Bleiben wir beim Thema Technik, hier das Smartphone, und gehen mal von zwei Tatsachen aus, die auch Mely Kiyak in ihrer Kolumne beschreibt:<\/p>\n<p>1) Das Smartphone erfreut sich steigender Beliebtheit.<\/p>\n<p>2) F\u00fcr die Herstellung von Smartphones leiden Kinder, Stichwort Kinderarbeit.<\/p>\n<p>Realistischerweise kann man weder das eine noch das andere verbieten. Ersteres muss im Grunde nicht verboten werden, warum auch? Letzteres ist nat\u00fcrlich absolut zu verbieten, doch die Komplexit\u00e4t eines solchen Vorhabens ist offensichtlich. Ich m\u00f6chte das hier gar nicht weiter vertiefen, denn selbstverst\u00e4ndlich muss hier alles getan werden, was m\u00f6glich ist, und das umgehend und auf allen n\u00f6tigen Ebenen. Selbstverst\u00e4ndlich per Gesetz und Verboten.<\/p>\n<p>Ich m\u00f6chte aber auf etwas anderes hinaus: Dem Konsumenten mag hier einiges vorzuwerfen sein an Ignoranz und Kaufgeilheit, aber das greift mir a) zu kurz und b) bringt es nichts au\u00dfer Vorw\u00fcrfen, Gegenwehr und Whataboutism. Das Ergebnis: Es passiert nichts, um das eigentliche Problem (hier: Ausbeutung und Kinderarbeit) zu l\u00f6sen. Stillstand.<\/p>\n<p>Deshalb braucht es ein mehrgleisiges Denken, weitere, zus\u00e4tzliche Ans\u00e4tze.<\/p>\n<h3>Aktives Gestalten, positive Anreize<\/h3>\n<p>Warum, so frage ich, gibt es das noch nicht:<\/p>\n<ul>\n<li>Das weltweit erste zu 100 % fair und umweltvertr\u00e4glich hergestellte Smartphone.<\/li>\n<li>Entwickelt in Deutschland und hergestellt mit Partnern, die sowohl f\u00fcr gute Arbeitsbedingungen und gute L\u00f6hne sorgen als auch eine nachhaltige Rohstoffpolitik betreiben.<\/li>\n<li>Ein Smartphone, das technisch, haptisch und optisch so genial ist, dass alle es haben wollen.<\/li>\n<li>Ein subventioniertes Preismodell, das es Menschen auch mit wenig Geld m\u00f6glich macht, es zu kaufen.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Das Good\u2019n\u2019Sexy-Phone, hei\u00dfer Schei\u00df, made in Germany?<\/p>\n<p>Warum setzt man nicht F\u00f6rdergelder und Subventionen genau daf\u00fcr ein? Warum verharren wir immer wieder in Vorw\u00fcrfen und Stillstand, anstatt aktiv zu handeln? Warum bohren wir lieber an scheinbar unl\u00f6slichen Problemen, anstatt uns eine l\u00f6slichere Aufgabe vorzunehmen und somit den Handlungsspielraum zu erweitern?<\/p>\n<p>(Der Vollst\u00e4ndigkeit halber sei hier noch erw\u00e4hnt, dass mir nat\u00fcrlich Unternehmen wie &#8222;Shift Phone&#8220; [aus Deutschland] und &#8222;Fairphone&#8220; bekannt sind. Ich finde es gro\u00dfartig, dass es mittlerweile solche Akteure gibt, aber es sind Nischenprodukte, die f\u00fcr sich allein wohl kaum ausreichen, um die Dominanz der gro\u00dfen Anbieter zu brechen und eine Trendwende im Konsum einzul\u00e4uten. So gibt die SHIFT GmbH beispielsweise auf ihrer Website an, dass das Budget f\u00fcr Werbung und Marketing weniger als 0,1 Prozent der Firmenausgaben ausmacht. Man kann sich also leicht vorstellen, dass eine gr\u00f6\u00dfere Zielgruppe so kaum erreicht wird.)<\/p>\n<h3>Eine Chance f\u00fcr mehr Gerechtigkeit, und zwar f\u00fcr alle<\/h3>\n<p>Ich m\u00f6chte jetzt endlich mal Ergebnisse sehen, zumindest aber konkrete Vorschl\u00e4ge und Ideen aus der Politik! Viele Menschen, so glaube ich, sind mittlerweile sensibler geworden f\u00fcr Umweltthemen, und das ist doch eine gro\u00dfe Chance, Ver\u00e4nderungen zu bewirken!<\/p>\n<p>Aber es geht nur, wenn man Menschen mitnimmt, ihnen attraktive Alternativen anbietet. Und mit \u201emitnehmen\u201c meine ich, dass Umweltschutz nichts Elit\u00e4res sein darf, es muss f\u00fcr alle machbar sein, auch preislich. Ich bin sehr davon \u00fcberzeugt, dass das geht. Dazu d\u00fcrfen solche Themen nur nicht \u201edem Markt\u201c \u00fcberlassen werden, hier muss der Staat mitwirken. Nur so kann sozial- und umweltvertr\u00e4gliches Konsumieren auch etwas sein, was die Masse der Bev\u00f6lkerung erreicht und begeistert.<\/p>\n<p>Wem das Gewissen als Argument nicht ausreicht, um etwas zu ver\u00e4ndern, der k\u00f6nnte sich zumindest mal damit auseinandersetzen, was die Entwicklung solcher Technik wirtschaftlich f\u00fcr uns bedeuten k\u00f6nnte. Wenigstens das darf man doch von der Politik erwarten, oder?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Pl\u00e4doyer f\u00fcr mehr Konstruktivit\u00e4t und Mehrgleisigkeit in der Politik.<br \/>\nMely Kiyak hat in ihrer aktuellen Kolumne in der ZEIT deutliche Worte gefunden: Aufkl\u00e4rung \u00fcber Missst\u00e4nde, zum Beispiel der Produktion von technischen Ger\u00e4ten durch Kinderarbeit, bringe im Grunde nicht viel, es f\u00fchre im Allgemeinen nicht dazu, dass Kunden ihr Kaufverhalten \u00e4nderten. 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