{"id":15518,"date":"2019-07-11T09:51:52","date_gmt":"2019-07-11T07:51:52","guid":{"rendered":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=15518"},"modified":"2019-07-12T10:29:48","modified_gmt":"2019-07-12T08:29:48","slug":"ein-hoch-auf-die-jugend","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=15518","title":{"rendered":"Ein Hoch auf die Jugend"},"content":{"rendered":"<p><em>Wohin uns Bequemlichkeit und &#8222;Augen zu&#8220; hinf\u00fchren, zeigt uns die Jugend gerade auf. Und das ist gut so. Sicher, manch Vorwurf an uns Alte tut weh und f\u00fchrt zu reflexartiger Abwehrhaltung, aber solche Befindlichkeiten bringen uns nicht weiter. Wie w\u00e4re es stattdessem mit Zuh\u00f6ren und Solidarit\u00e4t?<\/em><\/p>\n<p>Mitte 40 ist das klassische Alter f\u00fcr die gute alte Midlife-Crisis. Gemeinhin wird das mit nicht mehr ganz taufrischen M\u00e4nnern assoziiert, die \u201ees noch mal wissen wollen\u201c, pl\u00f6tzlich mit zu enger Lederjacke und geleastem Porsche auftauchen. Irgendwie albern. Ich habe mich nat\u00fcrlich auch gefragt, ob es bei mir (47) denn nun auch Zeit f\u00fcr eine Krise sei. So ganz taufrisch bin ich auch nicht mehr, und die Frage, was ich denn so erreicht habe und was ich denn \u00fcberhaupt noch erreichen k\u00f6nne, steht an gr\u00fcblerischen Tagen schon auch mal im Raum.<\/p>\n<p>Aber es kommt sogar noch dicker. Neben der eigenen, pers\u00f6nlichen Lebens- und Leistungslage muss sich meine Generation dieser Tage noch viel mehr fragen: Was haben wir alle verbockt und wie konnte es \u00fcberhaupt dazu kommen? Wenn junge Menschen sich, in dieser Menge erstmals seit vielen, vielen Jahren, protestierend auf die Stra\u00dfe stellen, sind wir gefragt, uns zu hinterfragen.<\/p>\n<h3>Gute Zeiten mit guten Errungenschaften<\/h3>\n<p>Aufgewachsen und weitgehend sozialisiert in den 1970er- und 1980er-Jahren, geh\u00f6rt diese (meine) Generation zu den ersten, die von hart erk\u00e4mpften Errungenschaften profitieren konnten. Drei Beispiele dazu.<\/p>\n<ul>\n<li><span style=\"text-decoration: underline;\">Antirassismus<\/span><br \/>\nDer Nationalsozialismus wurde nicht mehr totgeschwiegen, sondern in der Schule ausf\u00fchrlich behandelt. Deswegen mag Rassismus in der Gesellschaft nicht verschwunden sein, aber es hat eine weitgehende Sensibilisierung daf\u00fcr stattgefunden, und in der Folge waren rassistische \u00c4u\u00dferungen zumindest in der \u00d6ffentlichkeit nicht akzeptabel.<\/li>\n<li><span style=\"text-decoration: underline;\">Gleichstellung der Geschlechter<\/span><br \/>\nMehr oder weniger selbstverst\u00e4ndlich war es, dass M\u00e4dchen und Jungen den gleichen Unterrrichtsstoff vermittelt bekamen, zur Uni gehen konnten, sich beruflich verwirklichen durften. Und das eben nicht nur formell, sondern auch gesellschaftlich akzeptiert (das eine bedingt ja bekannterma\u00dfen nicht unbedingt das andere).<\/li>\n<li><span style=\"text-decoration: underline;\">Umweltbewusstsein<\/span><br \/>\nUmweltschutz wurde ein wichtiges Thema und fand eine breite Unterst\u00fctzung. Was sich auch daran zeigte, dass eine \u201eTurnschuhpartei\u201c wie die Gr\u00fcnen in den Bundestag einzog.<\/li>\n<\/ul>\n<h3>Was ist davon geblieben?<\/h3>\n<p>Pickt man sich diese drei Themen heraus, kann man von einer positiven gesellschaftlichen Entwicklung sprechen, oder? Doch nur 30 Jahre sp\u00e4ter hat sich vieles gedreht, und das ist nichts, was ich mir damals f\u00fcr die Zukunft erhofft hatte. Rassismus ist salonf\u00e4hig geworden, die Gleichstellung der Geschlechter ist noch lange nicht da, wo sie sein k\u00f6nnte, und die Umwelt? Diese verheizen wir gerade ungehemmt f\u00fcr den \u201eMarkt\u201c.<\/p>\n<h3>Bequemlichkeit und ihre Folgen<\/h3>\n<p>Die Gr\u00fcnde daf\u00fcr sind vielschichtig, das ist mir klar. Ich erw\u00e4hne hier auch nur einen Aspekt und den auch nur, weil er mich ganz pers\u00f6nlich betrifft bzw. die eigene Nase, an die ich mich fassen muss.<\/p>\n<p>Ich bin bequem geworden und in der Folge blind.<\/p>\n<p>Einigerma\u00dfen positiv oder beschwichtigend ausgedr\u00fcckt, k\u00f6nnte man noch von Naivit\u00e4t sprechen. Etwas radikaler beschrieben, kann man auch von Bl\u00f6dheit reden. Oder Ignoranz. Oder Selbstgerechtigkeit.<\/p>\n<p>Der gr\u00f6\u00dfte Fehler besteht darin, zu glauben, Erreichtes habe auf ewig Bestand. Positive Errungenschaften als etwas Selbstverst\u00e4ndliches anzusehen. Sich auf Lorbeeren auszuruhen und das kritische Auge zu vernachl\u00e4ssigen. Und das hat meine Generation getan.<\/p>\n<p>Ich habe in diesem Zusammenhang \u00fcbrigens wenig Lust, mich mit Ausweichman\u00f6vern \u00e0 la \u201eJa, aber ich hab doch immer meinen M\u00fcll getrennt\u201c zu besch\u00e4ftigen. Es ist selbstverst\u00e4ndlich, dass es nicht nur Schwarz und Wei\u00df gibt, sondern auch immer engagierte Menschen. Aber man muss das Gro\u00dfe und Ganze betrachten, das Ergebnis. Und das spricht nicht gerade f\u00fcr uns als Generation insgesamt.<\/p>\n<h3>Hoffnung am Horizont<\/h3>\n<p>Haben wir also alles falsch gemacht? Gl\u00fccklicherweise kann ich das mit NEIN beantworten.<\/p>\n<p>Denn das, was ich lange bef\u00fcrchtet habe, unsere Bequemlichkeit, unsere fehlende Kritik, die auf die Jugend abf\u00e4rbt, scheint sich gerade nicht zu bewahrheiten. Wenn die Jugend aufbegehrt bzw. sich kritisch mit gesellschaftlichen und politischen Themen besch\u00e4ftigt, dann kann ich nur folgern, dass sehr viele Eltern auch sehr viel richtig gemacht haben.<\/p>\n<p>Die Jugend sieht das, was relevant ist: Die von mir oben benannten drei Themenbereiche sind aktueller denn je und eben nicht \u201eabgehakt\u201c im Sinne von \u201edas kommt nie wieder\u201c (Rassismus), \u201eist erledigt\u201c (Gleichstellung) und \u201ewir machen da schon ganz viel\u201c (Umweltschutz). Nein, es sind Dauerbaustellen, die weiter beackert werden m\u00fcssen. Und das von uns allen.<\/p>\n<h3>Beispiele, die inspirieren<\/h3>\n<p>\u00dcber &#8222;Fridays for Future&#8220; wurde schon viel berichtet, und es wird auch weiterhin berichtet. Gut so. Die Sch\u00fcler beweisen quasi t\u00e4glich, dass dieses Engagement kein \u201eEintagsfliege\u201c ist.<\/p>\n<p>Mir pers\u00f6nlich gef\u00e4llt gerade auch sehr gut ein Buch von Sophie Passmann (\u201eAlte wei\u00dfe M\u00e4nner\u201c). Diese gerade mal 25-j\u00e4hrige Frau schreibt sehr Kluges und Nachdenkenswertes \u00fcber Feminismus, und ich bin inspiriert davon, dass und wie sie sich dieses Themas annimmt.<\/p>\n<p>Auch begeistert es mich sehr, wie unser junger Gastautor Leon, gerade mal 19 Lenze alt, sich des Themas Rassismus annimmt und dar\u00fcber hinaus noch vieler weiterer aktueller Themen, die er in der w\u00f6chentlichen Kolumne einer regionalen Zeitung treffsicher analysiert und auf den Punkt bringt.<\/p>\n<h3>Fazit<\/h3>\n<p>Jede Gesellschaft muss sich permanent hinterfragen und auch erneuern. Dazu braucht es Engagement, selbstverst\u00e4ndlich aus allen Altersgruppen. Die Jugend spielt dabei immer eine zentrale Rolle, denn wenn nicht sie hinterfragt, verkrustete Strukturen kritisch betrachtet, wer soll es dann tun? Ich sage: Ein Hoch auf die Jugend von heute, die aufmischt, sich lautstark \u00e4u\u00dfert. Sie verdient jede Unterst\u00fctzung von uns Alten. Wir m\u00fcssen ihnen zuh\u00f6ren und dann auch handeln. Positive Ver\u00e4nderung geht nur gemeinsam und solidarisch.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mitte 40 ist das klassische Alter f\u00fcr die gute alte Midlife-Crisis. Gemeinhin wird das mit nicht mehr ganz taufrischen M\u00e4nnern assoziiert, die \u201ees noch mal wissen wollen\u201c, pl\u00f6tzlich mit zu enger Lederjacke und geleastem Porsche auftauchen. Irgendwie albern. Ich habe mich nat\u00fcrlich auch gefragt, ob es bei mir (47) denn nun auch Zeit f\u00fcr eine Krise sei. So ganz taufrisch bin ich auch nicht mehr, und die Frage, was ich denn so erreicht habe und was ich denn \u00fcberhaupt noch erreichen k\u00f6nne, steht an gr\u00fcblerischen Tagen schon auch mal im Raum.<\/p>\n","protected":false},"author":8,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[616,50,52],"tags":[],"class_list":["post-15518","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-umwelt","category-politisches","category-soziales"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/15518","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/8"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=15518"}],"version-history":[{"count":9,"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/15518\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":15556,"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/15518\/revisions\/15556"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=15518"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=15518"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=15518"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}