{"id":1599,"date":"2014-08-03T11:24:57","date_gmt":"2014-08-03T09:24:57","guid":{"rendered":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=1599"},"modified":"2019-02-20T23:23:34","modified_gmt":"2019-02-20T22:23:34","slug":"ab-nach-rechts-der-weg-vieler-konservativer-in-der-heutigen-zeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=1599","title":{"rendered":"Ab nach rechts: der Weg vieler Konservativer in der heutigen Zeit"},"content":{"rendered":"<p>Vor einigen Tagen geriet ich \u00fcber drei Ecken in eine Facebook-Diskussion, in der ein Slogan von der Facebook-Seite der NPD gepostet wurde und (auch von mir bekannten Menschen) Zustimmung fand. Hierbei ging es darum, dass Deutschland angeblich st\u00e4ndig f\u00fcr andere L\u00e4nder Geld ausgeben w\u00fcrde, aber nichts mehr f\u00fcr die Menschen im eigenen Land \u00fcbrig h\u00e4tte. Diese Simplifizierung ist nat\u00fcrlich genauso grundverkehrt wie dumm, aber die darauf sich entspinnende Diskussion, nachdem ich und weitere Diskutanten anhand zahlreicher Beispiele belegten, warum an dem Spruch nichts dran sei, bewegte mich zu der weiterf\u00fchrenden Frage: Warum tendieren immer mehr eher konservativ denkenden Menschen in Deutschland dazu, rechtes Gedankengut nicht nur zu tolerieren, sondern sich diesem auch noch aktiv zu \u00f6ffnen?<\/p>\n<p>Als ich n\u00e4mlich mal die Facebook-Profile derjenigen anschaute, die da so vehement (und meistens nicht sehr inhaltsreich) gegen die den NPD-Slogan widerlegenden Argumente wetterten, so fand ich da nun nicht nur rechtes Gehetze und \u00c4hnliches, sondern vor allem viele Postings, die eine Unzufriedenheit mit der momentanen Situation in Deutschland ausdr\u00fcckten, wobei die Bandbreite da sehr gro\u00df war und bis zu nun gar nicht rechtslastigen Brecht-Zitaten ging. Das wirkt nun erst mal schon ein wenig schizophren: einerseits gegen Ausl\u00e4nder hetzen und der Deutscht\u00fcmelei fr\u00f6nen, andererseits Brecht (der vermutlich im Grabe rotieren d\u00fcrfte, wenn er w\u00fcsste, in welcher Gesellschaft sich seine Ausspr\u00fcche da befinden) zitieren und auch sonst teilweise Probleme richtig erkennen (drohende Altersarmut durch Rentendemontage, Lobbyismus und Korruption als unlautere Einflussnahme auf politische Entscheidungen usw.).<\/p>\n<p>Das Dilemma solcher Menschen ist dann, dass sie eben nicht den offenen Geist und Intellekt eines Frank Schirrmacher, der schon 2011 einen bemerkenswerten <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/feuilleton\/buergerliche-werte-ich-beginne-zu-glauben-dass-die-linke-recht-hat-11106162.html\">Artikel im Feuilleton der FAZ<\/a>\u00a0schrieb: &#8222;Ich beginne zu glauben, dass die Linke recht hat&#8220;, haben. Sie bemerken, dass es einige Sachen gibt, die verkehrt laufen in diesem Land, sie werden entt\u00e4uscht von den Parteien und Idealen, denen sie sonst anhingen. Nun w\u00e4re eine m\u00f6gliche hieraus resultierende Erkenntnis: <em>Das sind ja eigentlich klassische linke Themen, die mich gerade umtreiben.<\/em> Dieser gedankliche Schritt scheint allerdings f\u00fcr die meisten Konservativen zu gewagt, man w\u00fcrde sich ja quasi ein St\u00fcck weit mit denen verbr\u00fcdern, die man jahrelang vehement abgelehnt hat. Diese Haltung konnte ich auch schon oft beobachten, wenn es beispielsweise um \u00c4u\u00dferungen von Gregor Gysi ging: inhaltlich wurde zugestimmt, aber dann folgten Sachen wie: &#8222;&#8230; aber der Gysi geht ja gar nicht!&#8220; Die Ablehnung einer Person oder einer politischen Richtung wird also als relevanter angesehen als der tats\u00e4chliche Inhalt von Themen.<\/p>\n<p>Wenn dieser inhaltliche Weg zur Artikulation solchen Personen also versperrt ist, was kommt dann an dessen Stelle? Da ein gewisser Nationalstolz und eine latente Fremdenfeindlichkeit (als Abwehr gegen etwas Neues, die dem Bewahren eines Zustandes, was ja Konservativismus bedeutet, auch immer ein St\u00fcck weit innewohnt) den Konservativen zumindest schon mal nicht so fremd sind, entwickeln sie eine Affinit\u00e4t in die Richtung, die ihnen hier identit\u00e4tsstiftendes Potenzial anbietet. Dazu kommt, dass viele Menschen ja ausgesprochen gern jemand anderen f\u00fcr ihre eigenen Probleme verantwortlich machen, da dies die (durchaus unbequeme) kritische Reflexion der eigenen Handlungen erspart: <em>Dass es mir und Menschen, die ich kenne, heute nicht mehr so gut geht, liegt nicht daran, dass ich jahrelang eine Partei wie die CDU gew\u00e4hlt habe, die genau diese Entwicklung forciert hat, sondern &#8230; die Ausl\u00e4nder! Die sind schuld daran!<\/em> Immerhin wird eine solche Sichtweise ja auch durch die zunehmende Fremdenfeindlichkeit von Medien wie der BILD-Zeitung und Bestsellern wie denen von Thilo Sarrazin und Akif Pirincci, die unter vollkommener Akzeptanz der b\u00fcrgerlichen Mitte ihre Hetzparolen verbreiten k\u00f6nnen, unterst\u00fctzt, wenn nicht sogar bef\u00f6rdert (&#8222;Das wird man ja noch mal sagen d\u00fcrfen!&#8220;). Und dann gibt es ja auch noch mit der AfD eine \u00a0neue Partei, die deutliche Kritik am politischen Establishment mit markigen Parolen, die h\u00e4ufig nicht von denen der NPD zu unterscheiden sind, w\u00fcrzt. Also landet der ehemals vielleicht durchaus weltoffene Konservative mit Hang zu kritischer Betrachtungsweise dann letztendlich in einer tumben nationalistischen Ecke, die ihm vermeintliche L\u00f6sungen pr\u00e4sentiert, die allerdings letztlich nur die plumpe Suche nach S\u00fcndenb\u00f6cken sind.<\/p>\n<p>Wenn man nun noch die Tendenz der politische Radikalisierung bei der Verschlechterung des eigenen Wohlstandes (gut zu beobachten in den L\u00e4ndern, in denen bei der letzten Europawahl rechte Parteien enorme Gewinne feiern konnten, aber auch historisch am Beispiel der Weimarer Republik) als Resultat der Angst vor dem Verlust dessen, was man (noch) hat, hinzunimmt, dann ergibt das ein Gebr\u00e4u, das Erinnerungen an finsterste deutsche Zeiten erweckt. Und da dieser Wertewandel in Richtung rechten Gedankenguts nicht erdrutschartig, sondern eher schleichend und von vielen der ehemals Konservativen noch nicht mal bei sich selbst bemerkt (diese Menschen verwehren sich in der Regel dagegen, wenn man ihnen vorh\u00e4lt, dass sie gerade rechte Parolen verbreiten) vonstatten geht, ist er umso gef\u00e4hrlicher und leider auch nachhaltiger.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor einigen Tagen geriet ich \u00fcber drei Ecken in eine Facebook-Diskussion, in der ein Slogan von der Facebook-Seite der NPD gepostet wurde und (auch von mir bekannten Menschen) Zustimmung fand. Hierbei ging es darum, dass Deutschland angeblich st\u00e4ndig f\u00fcr andere L\u00e4nder Geld ausgeben w\u00fcrde, aber nichts mehr f\u00fcr die Menschen im eigenen Land \u00fcbrig h\u00e4tte. 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