{"id":1621,"date":"2014-08-22T10:59:31","date_gmt":"2014-08-22T08:59:31","guid":{"rendered":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=1621"},"modified":"2016-08-04T19:33:44","modified_gmt":"2016-08-04T17:33:44","slug":"flucht-auf-die-hoehere-ebene","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=1621","title":{"rendered":"Flucht auf die h\u00f6here Ebene"},"content":{"rendered":"<p>Vor einiger Zeit hatte ich bei einem Besuch der Hamburger Montagsdemo\/Mahnwache ein interessantes Erlebnis: Da wurden Wortbeitr\u00e4ge dazu vorgebracht, dass die Bundesrepublik kein souver\u00e4ner Staat sei und wie man ein neues Geldsystem implementieren m\u00fcsse. Nach einer weiteren Ansprache, in der es \u00fcber den Rechts-links-Vorwurf ging, dem diese Veranstaltungen h\u00e4ufig ausgesetzt sind (oder besser: waren, denn mittlerweile werden und wurden ja schon wieder gen\u00fcgend andere S\u00e4ue durchs Dorf getrieben), verteilte dann der Redner zur Illustration seiner Analogie mit rechts- und linksdrehenden Joghurts zwei Paletten M\u00fcllermilch Froop an die Zuh\u00f6rer. Moment mal: M\u00dcLLER???<\/p>\n<p>Bei dem Namen vergeht mir zumindest schlagartig der Appetit. Nicht nur, dass der BUND der Firma <a href=\"http:\/\/www.bund.net\/fileadmin\/bundnet\/publikationen\/landwirtschaft\/20050700_landwirtschaft_agrarsubventionen_studie.pdf\" target=\"_blank\">in einer Studie<\/a>\u00a0(zurzeit leider gerade nicht aufrufbar)\u00a0schon Subventionsbetrug vorgeworfen hat und Herr M\u00fcller selbst nicht so gern Steuern zahlt (s. <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/spiegel\/vorab\/a-266515.html\" target=\"_blank\">hier<\/a>), so verwendet M\u00fcllermilch auch noch Monsanto-Produkte. So ergab sich nun die absurde Konstellation, dass eine halbe Stunde zuvor jemand Applaus f\u00fcr seinen Bericht vom <a href=\"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=1451\" target=\"_blank\">March Against Monsanto<\/a>\u00a0bekam und dann von den gleichen Leute sch\u00f6n Joghurt von einer mit Monsanto kooperierenden Firma reingeschaufelt wurde.<\/p>\n<p>Dies passt zu einem Verhaltensschema, das ich schon \u00f6fter beobachtet habe: der Flucht auf eine h\u00f6here Ebene. Hierbei gibt es vor allem zwei Formen:<\/p>\n<p><strong>1. &#8222;Ihr habt Probleme &#8230;&#8220;: der Verweis auf Dinge, die schlimmer\/wichtiger\/existenzieller sind.<\/strong><\/p>\n<p>Das hat jeder schon mal erlebt: Man bringt ein Thema zur Sprache oder engagiert sich f\u00fcr eine Sache, und dann bekommt man den Vorwurf zu h\u00f6ren, dass es doch andere Dinge g\u00e4be, die wesentlich wichtiger sind (aktuell gerade oft bei der Diskussion \u00fcber die Hamburger Seilbahn \u00fcber die Elbe). Klar, dagegen ist erst mal nichts zu sagen, allerdings wird es immer irgendwas geben, was gr\u00f6\u00dfere Dimensionen hat als ein gerade greifbares, konkretes Problem: Was sind schon regionalpolitische Befindlichkeiten im Vergleich zu bewaffneten Konflikten, wie derzeit in der Ukraine und im Gazastreifen zu erleben? Und was sind diese dann schon, wenn man ein globales Problem wie den Klimawandel betrachtet? Man kann nahezu \u00fcberall noch was finde, was man quasi obendrauf packen kann. Das Resultat dabei ist allerdings selten, dass der Blick f\u00fcrs Ganze gesch\u00e4rft wird, sondern eher, dass die Besch\u00e4ftigung mit Dingen erlahmt, an denen der Einzelne vielleicht gerade etwas \u00e4ndern k\u00f6nnte &#8211; und die vor allem genauso unsere Aufmerksamkeit ben\u00f6tigen. Wenn sich alle nur noch mit dem wichtigsten Problem der Welt (vorausgesetzt, dies k\u00f6nnte tats\u00e4chlich definiert werden) besch\u00e4ftigen w\u00fcrden, w\u00e4re eine ziemlich L\u00e4hmung jedes Zusammenlebens zu beobachten.<\/p>\n<p><strong>2. Fokussierung auf Utopien oder Themen, an denen der Einzelne sowieso nichts \u00e4ndern kann<\/strong><\/p>\n<p>Das klang ja eben in der Beschreibung der Szenerie der Montagsdemo schon an: Es wird ausgiebig theoretisiert (was ja nicht immer verkehrt sein muss), dabei bleibt man dann aber bei den Dingen h\u00e4ngen, die sich als so umfassend ergreifen, dass sie sich der eigenen Einflusssph\u00e4re entziehen. Deutschland ist kein souver\u00e4ner Staat &#8211; ja, selbst wenn das so sein sollte (diese Diskussion m\u00f6chte ich hier gerade nicht f\u00fchren), dann kann ich da gerade nichts dran \u00e4ndern, sondern sollte erst mal den Status quo hinnehmen, dass ich jetzt gerade in diesem Deutschland lebe. Genauso ist es mit einem neuen Geldsystem: Da stecken ja durchaus interessante Ans\u00e4tze hinter diesen \u00dcberlegungen, allerdings wird so was nicht so einfach mal eben umzusetzen sein, und wenn ich Menschen auf einer Demo dann einen Vortrag dar\u00fcber vor den Kopf knalle, werden die auch nicht wirklich was daran \u00e4ndern (k\u00f6nnen) und in ihrem Bed\u00fcrfnis, aktiv zu sein, unterst\u00fctzt. Meine Erachtens dient das Beackern solcher Themenfelder oft auch der Legitimation f\u00fcr eigene Tr\u00e4gheit: Was soll ich denn was \u00e4ndern, wenn ja sowieso das ganze System schei\u00dfe oder illegitim ist?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dies ist auch der entscheidende Kritikpunkt, den ich an diesen beiden Verhaltensweise zu kritisieren habe: Sie f\u00f6rdern die individuelle Passivit\u00e4t. Nat\u00fcrlich ist es wichtig, sich auch \u00fcber Dinge einen Kopf zu machen, die \u00fcber das eigene allt\u00e4gliche Leben hinausgehen, und Utopien zu entwickeln ist ebenfalls eine gro\u00dfartige Sache. Wenn dies allerdings dazu f\u00fchrt, die Eigeninitiative bei einem selbst zu l\u00e4hmen und einfach bequem so weiterzuwurschteln wie bisher, dann sind solche Gedankenspiele und \u00dcberlegungen kontraproduktiv. Das f\u00e4ngt beim eigenen Einkaufszettel an und h\u00f6rt beim Ausf\u00fcllen des Stimmzettels bei Wahlen auf, auch wenn man der Ansicht ist, dass das System der repr\u00e4sentativen Parteiendemokratie durchaus auch diskussionsw\u00fcrdige Schw\u00e4chen hat und Korruption sowie Lobbyismus massive Probleme sind. Eigeninitiative kann vielf\u00e4ltig sein, dar\u00fcber haben wir ja <a href=\"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?tag=eigeninitiative\" target=\"_blank\">hier bei unterstr\u00f6mt<\/a> auch schon \u00f6fter was geschrieben, aber sie ist eben auch durchaus \u00f6fter mal mit mehr oder weniger kleinen Unbequemlichkeiten verbunden. Da ist es doch viel angenehmer, sich theoretische Gedanken zu machen \u00fcber Dinge, die sich der eigenen Einflusssph\u00e4re komplett entziehen.<\/p>\n<p>Dies ist \u00fcbrigens meines Erachtens auch der Grund, warum (wie gerade in letzter Zeit zu beobachten) sich milit\u00e4rische Konflikte in ein paar tausend Kilometern Entfernung so ein gro\u00dfes Aufregungspotenzial in deutschen Medien und sozialen Netzwerken haben. Nicht falsch verstehen: Nat\u00fcrlich ist es wichtig, so was zu thematisieren und zu diskutieren, nur wenn ich dann immer wieder von offiziellen Stellen (wie Gauck und Co.) oder auch privaten Einzelpersonen mitbekomme, wie da mit einer Vehemenz gefordert wird, dass Menschen sich gegenseitig massakrieren sollen, dann passt das schon genau hierhin: Das ist ja auch sch\u00f6n weit weg, die blutigen Bilder d\u00fcrften bei einigen sogar noch einen sch\u00f6nen Nervenkitzel hervorrufen, wenn man sie dann im Fernsehen sieht, und das Rausposaunen martialischen Hasses ist auch mit herrlich wenigen Konsequenzen f\u00fcr einen selbst verbunden, wenn man dies aus der warmen heimischen Radaktions- oder Wohnstube heraus macht. Auch hier gilt: Einfach mal bei sich selbst anfangen und nach den moralischen Kriterien, die man (notfalls mit Waffengewalt verteidigt oder erzwungen) von andren einfordert, leben, versuche, Dinge etwas besser zu machen &#8211; damit ist dann schon wesentlich mehr getan, aber auch das ist eben oft etwas weniger bequem.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor einiger Zeit hatte ich bei einem Besuch der Hamburger Montagsdemo\/Mahnwache ein interessantes Erlebnis: Da wurden Wortbeitr\u00e4ge dazu vorgebracht, dass die Bundesrepublik kein souver\u00e4ner Staat sei und wie man ein neues Geldsystem implementieren m\u00fcsse. 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