{"id":16531,"date":"2019-08-21T09:58:16","date_gmt":"2019-08-21T07:58:16","guid":{"rendered":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=16531"},"modified":"2019-08-21T09:58:16","modified_gmt":"2019-08-21T07:58:16","slug":"kapitalismus-welcher-kapitalismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=16531","title":{"rendered":"Kapitalismus &#8211; welcher Kapitalismus?"},"content":{"rendered":"<p>&#8222;Der Kapitalismus unterdr\u00fcckt. Er muss \u00fcberwunden werden. Die Menschen m\u00fcssen durch die \u00dcberwindung befreit werden. Wahre Freiheit kann es nur jenseits des Kapitalismus geben. Lohnarbeit ist Fronarbeit im Kapitalismus, weil der Kapitalist den Lohnarbeiter immer unterdr\u00fcckt.&#8220; So eine weitere Reaktion auf meinen zugegeben im Titel provokativen Artikel <a href=\"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=16465\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Rechts, links, progressiv, konservativ, liberal, schei\u00dfegal &#8211; dar\u00fcber zu diskutieren lohnt sich kaum noch<\/a>, welcher sich eigentlich der mangelnden Wertsch\u00e4tzung in unserer Gesellschaft angenommen hatte. Dass das der B\u00e4cker um die Ecke, die Fris\u00f6rmeisterin in ihrem Gesch\u00e4ft, die vielen Besch\u00e4ftigten im Handwerk anders erleben, scheint den Marxisten &#8211; denn meist sind es diese, die hier so reden &#8211; nicht zu interessieren. Nun, vielleicht kann ich es hier f\u00fcr sie interessanter machen. Wir werden es sehen.<\/p>\n<p><strong>Gibt es den einen Kapitalismus?<\/strong><\/p>\n<p>Nein, den gibt es nicht. Das, was Marx beschrieb &#8211; der sich \u00fcbrigens selbst nie als Marxist gesehen hatte -, war der Manchester-Kapitalismus. Schon am Namen ist zu erkennen, dass das eine Form des Kapitalismus ist, was auf mehr als eine Form des Kapitalismus schlie\u00dfen l\u00e4sst. Dieser R\u00fcckschluss ist auch richtig, denn nat\u00fcrlich ist Kapitalismus nicht gleich Kapitalismus, und &#8211; auch das gleich mitgesagt &#8211; nicht immer muss der Kapitalismus zur Unterdr\u00fcckung der Massen f\u00fchren, wie die Marxisten gern behaupten, die sich ein recht idealistisches Bild vom Kapitalismus zurechtgelegt haben und diesem Ideal folgend dann argumentieren. Aber auch nicht immer muss der Kapitalismus gute Ergebnisse erbringen, schon gar nicht ist er alternativlos, wie die neoliberalen Vertreter des Kapitalismus behaupten. Er ist, was er ist, eine Form der Organisation von Wirtschaft, und inwieweit wir ihn politisch, gesellschaftlich wirken lassen, das obliegt unserer Entscheidung, das ist Aufgabe der Politik.<\/p>\n<p><strong>Die zentrale These<\/strong><\/p>\n<p>Der Kapitalismus ist ein kulturabh\u00e4ngiges Wirtschaftssystem und funktioniert auch nur so lange, wie er sich innerhalb der Vorgaben der Kultur bewegt. Erhebt er sich \u00fcber die Kultur oder gar die Kulturen, so scheitert entweder er oder der Mensch. Der Neoliberalismus zerst\u00f6rt diese eigentliche Symbiose gerade wieder einmal. Den Neoliberalismus mit dem Kapitalismus an sich gleichzusetzen ist deshalb auch falsch.<\/p>\n<p><strong>Der Irrglaube vieler Kapitalismuskritiker<\/strong><\/p>\n<p>Es ist und bleibt ein Irrglaube, dass der Kapitalismus erst mit der industriellen Revolution entstanden sei. Die vielen Formen des Handelskapitalismus dabei zu ignorieren, die es lange vor Smith und Marx gab, trug wohl zu diesem Irrglauben entscheidend bei. Es gab den Kapitalismus schon lange vor Marx, sogar schon lange vor dem europ\u00e4ischen Handelskapitalismus, in Europa und an anderen Orten der Welt.<\/p>\n<p>Die Produktionsfaktoren Boden, Arbeit und Kapital werden und wurden in jeder anderen Organisation des menschlichen Zusammenlebens gebraucht, in den historisch relevanten wie in den denkbaren wirtschaftlichen Organisationsformen innerhalb und jenseits des Kapitalismus. Es geht deshalb im Kapitalismus, wie in jedem anderen denkbaren Wirtschaftssystem, allein um die Macht \u00fcber diese Produktionsfaktoren.<\/p>\n<p>Wem will man diese Macht geben? Das ist deshalb doch hier die Kernfrage.<\/p>\n<p>Wem vertraut man diese Macht an?<\/p>\n<p>Muss man hier \u00fcberhaupt eindeutig entscheiden oder kann man hier Mischformen finden?<\/p>\n<p>Wie auch immer, die Grundregeln des \u00f6konomischen Handelns kann man nicht au\u00dfer Kraft setzen, denn die entstehen ausschlie\u00dflich aus dem Zusammenspiel der Produktionsfaktoren und des Einflusses derer, die die Macht dar\u00fcber aus\u00fcben k\u00f6nnen. Die zu treffende Entscheidung ist deshalb immer eine politische.<\/p>\n<p><strong>Fast nichts ist vielf\u00e4ltiger und wandlungsf\u00e4higer als der Kapitalismus<\/strong><\/p>\n<p>Der Kapitalismus kann viele Formen annehmen, nicht nur die des Manchester-Kapitalismus oder jetzt des Neoliberalismus, in denen die Macht des Kapitals \u00fcber allem stand und nun wieder steht. Welche Formen man schafft, h\u00e4ngt allein von der Frage ab: Wie hoch ist die Macht, welche man dem Kapital und seinen Vertretern gesellschaftlich zuzubilligen bereit ist?<\/p>\n<p>Schon in der Vergangenheit war es immer diese Frage, die es zu beantworten galt, und sie wird auch in Zukunft nie eine andere sein. Dass sie im Rheinischen Kapitalismus anders beantwortet worden ist als nach Kohls Wende und Schr\u00f6ders Vollendung dieser Wende, ist wohl jedem einigerma\u00dfen gebildeten Menschen klar.<\/p>\n<p><strong>Der Irrtum seit Platon, auch der der Aufkl\u00e4rer<\/strong><\/p>\n<p>Der Kapitalismus, wie jeder Ismus, unterliegt nicht nur der <a href=\"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=16505\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Gewalt der Sprache<\/a>, wie ich in meiner ersten Erwiderung in &#8222;Die Sprache und ihre Gewalt&#8220; schon deutlich machte, sondern auch dem Irrtum, dass man sich nur ein Ideal zu denken br\u00e4uchte, und dann w\u00fcrde sich alles andere, die Normen und die Werte, schon idealtypisch entwickeln. Irrtum, denn das Ideal, welches zu befreien vorgibt, befreit nur von dem zur Befreiung Erkannten, schafft aber nicht Freiheit per se, im Gegenteil, das Ideal schafft neue Unfreiheiten. Das Ideal ist deshalb auch der Freiheit Feind.<\/p>\n<p><strong>Die L\u00f6sung liegt im Kompromiss<\/strong><\/p>\n<p>Nur der Kompromiss kann die L\u00f6sung bringen. Der best\u00e4ndige Kampf um den Kompromiss, der sicher nach Idealen streben darf, aber nie selbst zum Ideal heraufstilisiert werden darf, der nie zum Erreichen irgendeines Ideal f\u00fchren darf. Finden wir uns damit ab, dass das Ringen um den besten Weg immer und best\u00e4ndig unser Weg sein muss. Seien wir echte Demokraten, denn das ist der Kern der Demokratie. Das Ideal f\u00fchrt zur Diktatur, zwangsl\u00e4ufig.<\/p>\n<p>Der Kompromiss braucht Wertsch\u00e4tzung, immer wieder Wertsch\u00e4tzung. Ohne gegenseitige Wertsch\u00e4tzung wird es keinen Kompromiss geben k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Das hei\u00dft nicht, dass man sich alles gefallen lassen m\u00fcsste, ganz im Gegenteil &#8211; auch ein Kritikpunkt, den ich hier klarzustellen habe. Demokratie braucht den Kompromiss, muss aber auch kompromisslos sein k\u00f6nnen. Dieses Paradox ist nur scheinbar. Denn wer sich der Demokratie entledigen m\u00f6chte, dem kann man nicht mit dem Kompromiss begegnen, auch dann nicht, wenn er sich der Mittel der Demokratie bedient. Hier hat der Kompromiss ebenso eine Grenze wie die Toleranz. Denn unbegrenzte Toleranz gegen\u00fcber den Intoleranten kann sich keine Gesellschaft leisten, und wer so Voltaire versteht, hat Voltaire wohl auch nicht verstanden, \u00fcberzieht seine Einsichten zur Toleranz und Meinungsfreiheit.<\/p>\n<p><strong>Eine kapitalistische Gesellschaft ist die des Kompromisses, wenn sie erfolgreich sein will<\/strong><\/p>\n<p>Der Kapitalismus als Organisationsform der Wirtschaft kann nur erfolgreich sein, wenn er den Kompromiss zwischen Effizienz des Wirtschaftens und der sozialen Gerechtigkeit innerhalb der Gesellschaft findet. Findet er diesen Kompromiss nicht, verweigert er sich diesem Kompromiss, wie der zu Zeiten Marx&#8216;, wie der Neoliberalismus unserer Tage, so ist er nicht erfolgreich, er scheint nur so.<\/p>\n<p>Aber zu behaupten, weil er seine h\u00e4sslichen Auspr\u00e4gung hatte und hat, w\u00e4re er nicht f\u00e4hig, diesen Kompromiss zu schlie\u00dfen, w\u00e4ren gar alle Kapitalisten nur darauf aus, die anderen Menschen zu unterdr\u00fccken, schie\u00dft \u00fcber das Ziel hinaus. Wie schon eingangs geschrieben, ist der Kapitalismus, der sich verifiziert, nur Ausdruck der Politik, in welchem Ma\u00dfe sie den Kapitalismus wirken l\u00e4sst.<\/p>\n<p>Dies hat elementare Folgen f\u00fcr die weitere Betrachtung, der ich mich zuk\u00fcnftig stellen werde, denn die Politik eines Landes h\u00e4ngt auch von der Kultur und den Moralvorstellungen dieses Landes ab. Damit ist klar, dass der Kapitalismus auch eine kulturelle Seite hat, die Vielfalt noch verst\u00e4rkend.<\/p>\n<p><strong>Fazit\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>Beim Kapitalismus, wie bei jeder anderen denkbaren Wirtschaftsform, kommt es auf die Politik an, auf deren Antwort auf die Frage: Wie viel Macht und Einfluss steht sie dem Kapital zu und wie viel nicht, wo will sie diese Macht begrenzen?<\/p>\n<p>Es ist und bleibt, auch bei der Wertung des Kapitalismus, wie Hamlet sagt: &#8222;An sich ist nichts weder gut noch b\u00f6se, das Denken macht es erst dazu.&#8220;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Der Kapitalismus unterdr\u00fcckt. Er muss \u00fcberwunden werden. Die Menschen m\u00fcssen durch die \u00dcberwindung befreit werden. Wahre Freiheit kann es nur jenseits des Kapitalismus geben. 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