{"id":16724,"date":"2019-09-02T09:35:09","date_gmt":"2019-09-02T07:35:09","guid":{"rendered":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=16724"},"modified":"2019-09-26T09:42:03","modified_gmt":"2019-09-26T07:42:03","slug":"gesellschaft-ohne-wertschaetzung-ein-unding","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=16724","title":{"rendered":"Gesellschaft ohne Wertsch\u00e4tzung &#8211; Ein Unding"},"content":{"rendered":"<p>Die Welt ist absurd und t\u00e4glich erneut hei\u00dft es, mit dieser Absurdit\u00e4t zu leben, sie zu ertragen, sie ein wenig zu organisieren. Camus ist aktueller denn je, denn das Chaos wird best\u00e4ndig gr\u00f6\u00dfer, welches dann die Absurdit\u00e4t auch gr\u00f6\u00dfer werden l\u00e4sst, der wir uns t\u00e4glich gegen\u00fcbersehen.<\/p>\n<p>Ich war 17 Jahre alt, als ich bei meinem \u00e4ltesten Freund, mit einem Menschen zusammentraft, der in meiner Erinnerung zwar keinen Namen und kein Gesicht mehr hat, aber ich meine, irgendetwas mit Entwicklungshilfe zu tun hatte. Dieses Zusammentreffen war f\u00fcr mich ein Schl\u00fcsselerlebnis.<\/p>\n<p>Seinen Ausf\u00fchrungen entnahm ich, dass man Entwicklungshilfe nicht ohne die Kultur vor Ort betreiben d\u00fcrfe, dass man diese nicht &#8222;zertreten&#8220; d\u00fcrfe, dass man sie im Gegenteil benutzen sollte, um L\u00f6sungen zu finden, die vor allem von denen akzeptiert werden k\u00f6nnen, f\u00fcr die, diese L\u00f6sungen gemacht sein sollen. Seit dem, schaue ich genauer hin, wenn von Entwicklungsprojekten gesprochen wird, erkenne ich immer \u00f6fter, wie dumm es doch eigentlich ist, dass wir immer meinen unsere Lebensart auch f\u00fcr die anderen f\u00fcr richtig zu halten. Seit dem schwirrte der Begriff Wertsch\u00e4tzung immer wieder durch meine Gedanken. Ich brauchte aber noch Jahre, um wirklich hinter seine Substanz zu kommen.<\/p>\n<p>Brecht kannte ich schon, seine St\u00fccke hatte ich damals fast alle gelesen, teilweise auch auf der B\u00fchne geschaut. Sodass es mir leicht viel, zu begreifen, worum es wirklich gehen muss bei der Entwicklungshilfe &#8211; auch die im \u00fcbertragenen Sinne &#8211; und beim Leben: um die Existenz.<\/p>\n<p>Mehr noch: ich bekam von dem Bekannten meines Freundes einen Hinweis, der mein ganzes Denken ver\u00e4nderte. Er empfahl mir Camus, versah die Empfehlung mit dem brachialen Hinweis &#8222;Ideologien sind schei\u00dfe&#8220;.<\/p>\n<p>Ich folgte seiner Empfehlung und habe es nie bereut. Hier begann, was mir im Laufe des Lebens immer klarer geworden ist: niemand hat die Wahrheit f\u00fcr sich gepachtet, weil es die Wahrheit eigentlich gar nicht gibt. Wir halten f\u00fcr wahr, was unserer Existenz entspricht, unserem Sein und was wir f\u00fcr das Sein des anderen vermuten und das muss nicht das sein, was andere f\u00fcr wahr halten. Ja, richtig erkannt, auch Sartre kam in diesen Jahren dazu, aber er war kein Schl\u00fcsselereignis f\u00fcr mich. Es war Camus, der mir die Welt \u00f6ffnete.<\/p>\n<p>Seit dem ist mir auch immer klarer geworden, das mein zentrales Projekt den Kapitalismus verstehen zu wollen, kaum Erkenntnisse bringen w\u00fcrde, wenn ich dem allgemeinen Glauben weiter anh\u00e4ngen w\u00fcrde, das es <a href=\"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=16531\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">nur den einen Kapitalismus<\/a> geben w\u00fcrde, das alles zwangsl\u00e4ufig w\u00e4re, was sich geschichtlich ereignen w\u00fcrde. Seit dem sind mir alle Ideologien, aber auch Religionen, die den Menschen durch ihre Ideologie oder Religion befreien wollen, suspekt. Nie lief ich Gefahr einer Ideologie letztendlich anh\u00e4ngig zu werden und dennoch konnte ich aus dem Studium der Ideologien immer auch N\u00e4hrwert f\u00fcr meine Bildung ziehen, Erkenntnisse, die ich auch den Ideologien zu verdanken habe, selten aber, eigentlich nie, den Ideologen dieser Ideologien, auch deshalb wohl nicht, weil Ideologen die n\u00f6tige Wertsch\u00e4tzung meist vermissen lassen.<\/p>\n<p>Ein weiteres Schl\u00fcsselereignis &#8211; derer gab es viele, aber viele auch viel zu private, um sie hier zu nennen &#8211; war ein Buch des Philosophen Sloterdijk. Er schrieb \u00fcber den Zorn und brachte mich auf eine Erkenntnis, die ich eigentlich l\u00e4ngst hatte, die ich versuchte sogar zu leben, die mich als Person sogar ausmachte und &#8211; hoffentlich &#8211; immer noch ausmacht, die ich aber bewusst philosophisch bis dahin nicht betrachtet hatte. <a href=\"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=16127\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Die Erkenntnis, dass die Wertsch\u00e4tzung zentral ist<\/a>, es ohne Wertsch\u00e4tzung nicht gehen kann, dass man Zorn schafft, wenn man die Wertsch\u00e4tzung vermissen l\u00e4sst. Bei mir wuchs schnell heran, was in meiner Philosophie seit dem zentral ist: die Wertsch\u00e4tzung.<\/p>\n<p>Deshalb entwickelte ich, f\u00fcr mich allein, als quasi Blickender, meine eigene Philosophie, auch in der \u00dcberzeugung, dass Philosophie nichts ist, was man den Akademikern allein \u00fcberlassen darf, soll Philosophie nicht allein zur Sprachkunst verkommen und damit letztendlich in Begriffen steckenbleiben. Adorno half mir dabei zu erkennen, dass ich umkreisen, umschreiben muss, aber <a href=\"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=16505\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">auf keinen Fall mit Begriffen Gewalt dem Denken antun darf<\/a>.<\/p>\n<p>Visionen traten deshalb schnell an die Stelle von Religion und Ideologie, Camus geschuldet, und ich erdachte mir, <a href=\"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=16676\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">was ich als Anspruch an die Vision habe<\/a>, was auf keinen Fall f\u00fcr mich zur Vision geh\u00f6rt: das Ideal und die Ideologie.<\/p>\n<p>Schnell war mir klar, dass auch Visionen nicht mehr tun d\u00fcrfen, als zu umkreisen, zu umschreiben, sich, wenn sie definieren, nicht einem Ideal hingeben d\u00fcrfen. Schnell aber auch war mir klar, dass nur das Leben zu leben, nur den Egoismus bef\u00f6rdern w\u00fcrde, das damit Visionen immer auch das Leben der anderen, das Leben insgesamt im Blick behalten m\u00fcssen, das sie, um wertsch\u00e4tzend zu bleiben, nie selbst zum Ideal, zur Ideologie werden d\u00fcrfen.<\/p>\n<p>Der Ausweg, der Kompromiss &#8211; politisch derzeit \u00fcberstrapaziert -, war schnell gefunden, auch, das er nie endg\u00fcltig sein durfte, immer neu gefunden werden muss. Denn die Welt ist absurd und sie ist absurd, weil sie ein Chaos ist und so lange ein Chaos bleiben wird, wie sie lebt. Nur der Tod beendet das Chaos und auch nur f\u00fcr den, der dann Tod ist. Immer wieder Camus. F\u00fcr mich der aktuellste Philosoph in diesen chaotischen Tagen.<\/p>\n<p>Wenn es aber darum geht, das Leben zu leben, der Selbstmord kein Ausweg darstellt, wie auch Camus zeigte, wenn die Ideologie keine wirkliche Befreiung darstellt, die Religion nur Trost spenden kann und nur dem, der sie als Trost auch anerkennt, was kann dann noch eine Gesellschaft aus dem Chaos f\u00fchren?<\/p>\n<p>Dieser Gedanken trieb mich, eben bis mir die Wertsch\u00e4tzung durch Sloterdijk bewusst geworden ist. Ich meine, nur die Wertsch\u00e4tzung kann hier die L\u00f6sung sein, die Wertsch\u00e4tzung des Lebens im Allgemein und auch die Wertsch\u00e4tzung der Dinge, wenn sie physisch sind, wenn wirklich Wert behalten sollen, und nicht nur im Preis enden sollen.<\/p>\n<p>Eine Gesellschaft, welche die Wertsch\u00e4tzung verliert, kann deshalb f\u00fcr mich nie eine gute Gesellschaft sein. Und genau das ist geschehen, als wir allen Dingen und seit Jahren auch dem Menschen ein Preisschild umgeh\u00e4ngt haben. Wertsch\u00e4tzung ist der Bewertung geopfert worden, Ideale haben dieses durchgesetzt. Ideale von einem rationalen Menschen, nur seinem Gewissen und damit der eigenen Schuld unterworfen, von einem auch in allen \u00f6konomischen Dingen rationalen Menschen und auch damit wieder schuldigen Menschen. Befreit worden ist er nicht, der Mensch. Nur <a href=\"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=16684\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">neue Ketten hat man ihm angelegt<\/a>.<\/p>\n<p>Die \u00d6konomie ist an die Stelle der Religionen getreten und seit dem ist der Streit der Ideologen auch wieder entbrannt. Schuldenbremse ja oder nein, Staat gro\u00df oder klein, Angebots- versus Nachfragepolitik in der Wirtschaftspolitik, Gro\u00df gegen Klein und alle gegen die Mitte. Die Liste lie\u00dfe sich unschwer fortsetzen, die dahintersteckenden Ideologien auch schnell gefunden. Wertgesch\u00e4tzt wird nur das Eigene, vor allem das eigene Denken, meist der eigenen Existenz, des eigen Seins auch geschuldet. Wertgesch\u00e4tzt wird nichts, was dem eigenen Weltbild nicht entspricht. Die Gesellschaft teilte sich auf, hat sich den vielen faulen Kompromissen hingegeben, welche dieses &#8222;preisbewusste&#8220; Verhalten im Popperschen zwangsl\u00e4ufig hervor bringen musste. Wut und Hass sind entstanden, immer auch aus der Verzweiflung heraus, selbst nicht mehr ausreichend wertgesch\u00e4tzt zu werden und deshalb auch nicht mehr wertsch\u00e4tzen zu m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Fazit: Gesellschaft ohne Wertsch\u00e4tzung &#8211; ein Unding &#8211; f\u00fcr mich jedenfalls.<\/p>\n<p>Was folgt daraus? Welche Konsequenzen gelte es zu ziehen? Eine Kultur der Wertsch\u00e4tzung, wie ich meine, sollten wir errichten. Dazu beim n\u00e4chsten Mal mehr.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Welt ist absurd und t\u00e4glich erneut hei\u00dft es, mit dieser Absurdit\u00e4t zu leben, sie zu ertragen, sie ein wenig zu organisieren. 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