{"id":16785,"date":"2019-09-04T07:48:11","date_gmt":"2019-09-04T05:48:11","guid":{"rendered":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=16785"},"modified":"2019-09-04T07:48:11","modified_gmt":"2019-09-04T05:48:11","slug":"wertschaetzung-als-kultur-eine-vision","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=16785","title":{"rendered":"Wertsch\u00e4tzung als Kultur &#8211; eine Vision"},"content":{"rendered":"<p>Meine Vision ist die einer Gesellschaft in der die gegenseitige Wertsch\u00e4tzung \u00fcber Allem steht.<\/p>\n<p>Nicht als Stuhlkreis, sondern als innere Einstellung der Individuen, welche sich zu einer Gesellschaft zusammen geschlossen haben, zusammen geschlossen worden sind. Nicht im Ideal oder gar als Ideologie. Einzig aus der Einsicht heraus, dass das Leben wertgesch\u00e4tzt werden muss, alles Leben, nicht nur das eigene Leben oder dessen Leben, der meinem Leben n\u00fctzt, f\u00fcr mich unverzichtbar ist.<\/p>\n<p>Wertsch\u00e4tzung als Selbstverst\u00e4ndlichkeit des Umganges miteinander, aber auch des Umgangs mit den Dingen, ob belebt oder nur physikalisch, egal. Denn steht die Wertsch\u00e4tzung vor allem Tun, zeichnet sich das Denken durch Wertsch\u00e4tzung aus, so bin ich \u00fcberzeugt, dass wir auch ein anderes Tun und Handeln beobachten k\u00f6nnten.<\/p>\n<p>Eine Wertsch\u00e4tzung, die ohne Preis aus kommt, weil sie als unbezahlbar anerkannt wird, nicht ver\u00e4u\u00dfert werden kann, ist f\u00fcr mich schon lange Voraussetzung der W\u00fcrde, gerade die des Menschen. Nur die W\u00fcrde des Menschen als Wert zu behaupten, aber den Menschen und seine Umwelt nicht wertzusch\u00e4tzen, eben weil beides bepreist in ein Optimierungsverh\u00e4ltnis gestellt werden, reicht nicht aus. Davon hatten wir genug, viel zu viel sogar seit der \u00d6konomismus und das poppersche Denken in den Einzelteilen uns fest in den Griff genommen hatte, auch einer falschen Denkweise der Aufkl\u00e4rung geschuldet, der n\u00e4mlich von einem Ideal her zu denken, seit Kant von einem rationalen, befreiten, nur dem Gewissen und damit der eigenen Schuld unterworfenen Individuums. Den an Religiosit\u00e4t grenzenden Glauben an ein solches Wesen beendend, dem \u00dcbermenschen Nitzsches nicht un\u00e4hnlich, gipfelnd im homo oeconomicus.<\/p>\n<p>Nicht mehr die Frage sollte einzig uns leiten, wie rational ist das Verhalten, wie rational das Ergebnis, sondern wie wertsch\u00e4tzend ist das Handeln, wen sch\u00e4tzt es wert, wen ber\u00fchrt es nicht und wen sch\u00e4tzt es nun weniger wert. Das Handeln und das vorher und nachher Denken muss im Zentrum stehen. Das Ergebnis w\u00e4re dann ein anderes.<\/p>\n<p>Aber auch das Ergebnis muss Beachtung finden, denn viele Ergebnisse sind zwangsl\u00e4ufig, m\u00fcssen, der Existenz wegen, zwangsl\u00e4ufig erbracht werden. Die Frage ist also zu stellen, wen sch\u00e4tzt das Ergebnis, wem kann es egal sein und wem nimmt es die Wertsch\u00e4tzung zu einem gewissen Teil. Bei denen, bei denen man dann feststellt, dass das Handeln zu weniger Wertsch\u00e4tzung gef\u00fchrt hat, muss man vielleicht anders Wertsch\u00e4tzung wiedergeben, wenn man sie an dieser Stelle nehmen musste. Ja, es kann bis hin dazu gehen, dass bestimmtes Handeln unterlassen werden muss, Ergebnisse neu strukturiert und verteilt werden m\u00fcssen. Nur so, durch eine wieder der Wertsch\u00e4tzung des Menschen gen\u00fcgenden Verteilung, wird das Almosen \u00fcberfl\u00fcssig werden, die sich immer mehr herauskristallisierende Almosengesellschaft wieder zu einer Gesellschaft der gegenseitigen Wertsch\u00e4tzung werden k\u00f6nnen, die Tafeln beispielsweise, die Suppenk\u00fcchen des 21. Jahrhunderts, wieder \u00fcberfl\u00fcssig werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Die Schwierigkeit besteht allein in der Einsicht, eine solche Gesellschaft zu schaffen. Ihr entgegen steht die Kultur des Individualismus, die Ideale dieser Ideologie. Ihr entgegen steht der \u00d6konomismus, der Gedanke, dass alles seinen Preis haben m\u00fcsste, sich alles auf M\u00e4rkten verifizieren oder falsifizieren m\u00fcsste. Ihr entgegen steht der Gedanke, seit Popper, dass auch Gesellschaft aus Einzelteilen best\u00fcnde, die sich alle zu verifizieren h\u00e4tten oder falsifiziert werden m\u00fcssten. Ihr entgegen steht deshalb auch die verlorengegangene Sicht auf das Ganze, die wir seit Popper wissentlich verloren haben und dringend wieder finden m\u00fcssten, denn eine Kultur der Wertsch\u00e4tzung kann nur im Ganzen, mit Blick auf das Ganze, entstehen und erhalten bleiben, auch wenn das Ganze in seiner G\u00e4nze nie von einem Individuum erkannt werden kann, ja, gerade deshalb.<\/p>\n<p>Eine solche Kultur der Wertsch\u00e4tzung darf auch nicht idealisiert werden. Sie muss, im Gegenteil, reine Vision bleiben, auch um der Wertsch\u00e4tzung nicht durch das Ideal Schaden zuzuf\u00fcgen. Eine Wertsch\u00e4tzungsgesellschaft, aus der Einsicht geboren und gespeist, darf keine Ideologie sein, darf keine weitere Moral sein, sie muss Kultur werden und Kultur bleiben.<\/p>\n<p>Es muss wieder bei uns Kultur werden, wertsch\u00e4tzend mit dem Leben und den Dingen umzugehen. Es muss Kultur werden, die Wertsch\u00e4tzung vor dem Denken und Handeln, beim Denken und Handeln und nach dem Denken Handeln zu beachten. Einen neuen kategorischen Imperativ der Wertsch\u00e4tzung brauchen wir ebensowenig, wie ein Stuhlkreis daf\u00fcr notwendig sein w\u00fcrde &#8211; wie nun wieder die Ideologen unter uns denken werden. Denn es w\u00e4re Kultur und w\u00fcrde sich \u00fcber die Tradition, die Erziehung, die Sozialisation im Allgemeinen, dann verselbstst\u00e4ndigen. Nicht weil ein Muss entsteht, sondern weil die Einsicht dazu besteht.<\/p>\n<p>Neuen, anderen Einsichten w\u00e4re diese Kultur offen. Nur h\u00fcten sollte sie sich, dass die neuen, anderen Einsichten nicht schleichend eine Ideologie zur kulturellen \u00dcbermacht verhelfen. Eine Kultur der Wertsch\u00e4tzung und damit eine Gesellschaft, die sich dieser Kultur verpflichtet f\u00fchlt, muss also wachsam bleiben, gerade auch, weil Ideologien und Religionen alles andere letztendlich sind als wertsch\u00e4tzend. Es gilt, wie immer, auch die Toleranz der Kultur der Wertsch\u00e4tzung muss Grenzen haben, den Intoleranten diese setzen. Der Kompromiss, der Diskurs, wird nicht obsolet, auch nicht in dieser Kultur. Im Gegenteil, er wird wichtiger, denn Wertsch\u00e4tzung bedarf des Diskurses, kann ohne Diskurs gar nicht entstehen.<\/p>\n<p>Eine wertsch\u00e4tzende Kultur, und damit eine Gesellschaft der Wertsch\u00e4tzung, w\u00e4re in ihren Forderungen dem kantschen Imperativ dann nicht un\u00e4hnlich, zugegeben, denn auch Kultur muss Regeln haben, das Zusammenleben braucht immer Regeln und die wollen auch befolgt sein, soll nicht der Streit und dann das Recht der St\u00e4rkeren gelten. Aber eine Kultur der Wertsch\u00e4tzung w\u00e4re von der Schuld befreit, dem kategorischen Imperativ damit sehr un\u00e4hnlich, denn die Schuld wohnt dem kategorischen Imperativ indirekt durch das eigene Gewissen immer inne: Ohne m\u00f6gliche Schuld verliert die Anwendung des Gewissens seine Rechtfertigung.<\/p>\n<p>Deshalb behaupte ich auch, dass mehr Wertsch\u00e4tzung, eine Kultur der Wertsch\u00e4tzung, eine Gesellschaft, die dieser Kultur folgt, das hervorbringen k\u00f6nnte, was heutzutage sehr fehlt, eine Kultur des Scheiterns n\u00e4mlich. Scheitern ist sehr oft mit dem Verlust der Existenz verbunden, oft in Sippenhaft, wenn Ehepartner und Kinder mit betroffen sind, was sie sehr oft sind, meistens sogar. Darauf einzugehen, spare ich mir, das kann jeder nachvollziehen, der sich die Bedarfsgemeinschaften, das dortige Zuflussprinzip anschaut, die Ungerechtigkeit, dass deren Kinder das Kindergeld vorenthalten wird, w\u00e4hrend es dem Lehrerehepaar, dem Vorstandsvorsitzenden sogar weit \u00fcber den eigentlich Satz \u00fcber seine Steuer gew\u00e4hrt wird, die Kinder dort besser bepreist werden vom Staat. Das ist gut zu sehen, wenn man sich anschaut, wie lange, im Vergleich zu anderen Staaten und Gesellschaften, hier bei uns die Menschen unter die Verwaltung eines Insolvenzverwalters gestellt werden, wie sehr sie gedem\u00fctigt werden, wenn sie ihren Verpflichtungen nicht mehr nachkommen k\u00f6nnen. Man kann es an vielen Stellen sehen, die dieser Rechtsstaat geschaffen hat, die allerdings mit Wertsch\u00e4tzung nicht viel zu tun haben, die damit das Scheitern zu einem kulturellen Super Gau f\u00fcr viele Millionen Menschen in diesem Lande haben werden lassen. Eine wirkliche Kultur des Scheiterns w\u00fcrde anders aussehen, w\u00fcrde auch das Scheitern erm\u00f6glichen, erleichtern, weil sie die Menschen wertsch\u00e4tzen w\u00fcrde, die gescheitert sind, aus welchen Gr\u00fcnden, nachvollziehbaren oder nicht nachvollziehbaren Gr\u00fcnden auch immer.<\/p>\n<p>Eine Gesellschaft, die sich der Kultur der Wertsch\u00e4tzung bedienen w\u00fcrde, w\u00e4re keine ideologische, denn sie folgte keinem Ideal. Kultur kann nie Ideal sein, kann es gar nicht sein, will sie offen bleiben f\u00fcr das kulturelle Leben. Die Kultur der Wertsch\u00e4tzung h\u00e4tte deshalb auch keine Ketten, denn sie kennt keine Schuld, die \u00fcber die vertraglichen Schulden hinausgehen w\u00fcrden und selbst diese w\u00fcrden anders betrachtet werden, das Scheitern erm\u00f6glichen und damit auch den Neuanfang.<\/p>\n<p>Eine solche Gesellschaft bliebe damit auch Vision, w\u00e4re nie vollkommen, weil Kultur auch nie den Anspruch auf Vollkommenheit erheben kann, will sie Kultur bleiben. Sie w\u00fcrde leben und nicht durch Regeln erdr\u00fcckt werden, durch Zorn bis hin zur Gewalt einem langsamen Sterben ausgeliefert sein, wie die unsrige derzeit.<\/p>\n<p>Leider sind wir noch weit hinter dieser Kultur zur\u00fcck, waren selten auch viel n\u00e4her dran an dieser Kultur. Leider entfernen wir uns auch immer mehr von dieser Kultur, weil wir zugelassen haben, das die Bourgeoise und ihre Vertreter in der Politik dem Neoliberalismus hier T\u00fcr und Tor ge\u00f6ffnet hatten, der n\u00e4mlich alles gebrauchen kann, aber eine Kultur der Wertsch\u00e4tzung bestimmt nicht.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Meine Vision ist die einer Gesellschaft in der die gegenseitige Wertsch\u00e4tzung \u00fcber Allem steht.<\/p>\n","protected":false},"author":6,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[670,50,52],"tags":[678,699],"class_list":["post-16785","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-philosophisches","category-politisches","category-soziales","tag-kultur","tag-wertschaetzung"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/16785","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/6"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=16785"}],"version-history":[{"count":13,"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/16785\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":17012,"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/16785\/revisions\/17012"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=16785"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=16785"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=16785"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}