{"id":17020,"date":"2019-09-06T11:34:40","date_gmt":"2019-09-06T09:34:40","guid":{"rendered":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=17020"},"modified":"2019-09-06T20:04:36","modified_gmt":"2019-09-06T18:04:36","slug":"das-gespenst-der-afd-geht-um","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=17020","title":{"rendered":"Das Gespenst der AfD geht um"},"content":{"rendered":"<p>Es wird Zeit, den Dampf aus dem Kessel zu nehmen, zur Sachlichkeit zur\u00fcckzukehren. Ein Versuch die T\u00fcr dazu, einen Spalt breit hier zu \u00f6ffnen.<\/p>\n<p>Sehr oft, fast t\u00e4glich, bin ich in politischen Diskussionen, nutze daf\u00fcr auch das Medium Facebook. Meine ausgew\u00e4hlte Filterblase macht es mir da auch leicht. Ich w\u00e4hle nicht nach politischer Meinung aus, sondern danach, wie wertsch\u00e4tzend der Umgang mit mir und untereinander ist. Nat\u00fcrlich sind keine Rassisten und Antisemiten dort vertreten, meines Wissens nach auch keine AfD-Anh\u00e4nger. Das ist eine Selbstverst\u00e4ndlichkeit f\u00fcr mich. Aber die Vielfalt ist entscheidend f\u00fcr mich. Denn aus der Vielfalt ziehe ich Erkenntnisse, die mir die Einfalt nie bringen k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Derzeit treibt uns alle etwas um &#8211; und ich denke, dass das auch in anderen Gespr\u00e4chsr\u00e4umen so ist. Die AfD und ihre W\u00e4hler. Was hat so viele Menschen im Osten dazu bewogen die AfD zu w\u00e4hlen? Sind das alles Rassisten? Sind das Nazis? Was denken die sich? Das sind die g\u00e4ngigsten Fragen. Aber auch mit Schuldzuweisungen ist Mann und Frau wieder schnell bei der Hand. Das sind Nazis. Das sind Rassisten. Das ist kein Protest, denn protestieren kann man auch anders. Die sind dumm, denn das meint es wirklich wenn man von mangelnder Bildung spricht. Oft wird sogar intendiert, dass sie undankbar w\u00e4ren, denn &#8222;wir haben doch so viel f\u00fcr sie getan&#8220;. Meist vom Westler kommt diese Ansicht, oft ignorierend, dass die AfD l\u00e4ngst kein Ostph\u00e4nomen mehr ist, sondern fest im gesamtdeutschen gesellschaftlichen Spektrum verankert. Der Neoliberalismus hat eine weitere Partei gefunden, um sich artikulieren zu k\u00f6nnen!<\/p>\n<p><strong>Die Nichtw\u00e4hler sind die eigentlichen Schuldigen<\/strong><\/p>\n<p>Schuld wird auch den Nichtw\u00e4hlern gegeben, denen, die nicht zur Urne liefen, die nicht die anderen Parteien w\u00e4hlten. Die damit die nominalen Stimmen der AfD relativ aufwerteten. Das gerade die AfD sich dieser ehemaligen Nichtw\u00e4hler versichern konnte, wie keine andere Partei, bleibt dabei unbeachtet. Dabei h\u00e4tte man sich, angesichts der Wahlergebnisse f\u00fcr die AfD, durchaus w\u00fcnschen k\u00f6nnen, dass diese W\u00e4hler lieber weiterhin Nichtw\u00e4hler geblieben w\u00e4ren.<\/p>\n<p>Prinzipiell muss man aber sagen, dass nicht zu w\u00e4hlen nicht per se eine Entscheidung ist, wie oft behauptet wird. Es wirkt nur so, als w\u00e4re dem immer eine Entscheidung vorausgegangen. Denn nicht zu w\u00e4hlen, kann Resultat sein von Entscheidungen, die oft l\u00e4ngst getroffen waren. Es bedarf keiner neuerlichen Entscheidung, ob man w\u00e4hlen geht oder nicht. Diese Entscheidung war l\u00e4ngst getroffen und es wirkt nur die Verweigerung eine neuerliche treffen zu wollen.<\/p>\n<p>Demokratie braucht Demokraten, aber nicht jeder Mensch f\u00fchlt sich auch dazu berufen Demokrat zu sein. D.h. nicht, das er gleich damit Anti-Demokrat sein m\u00fcsste, was hier allerdings indirekt unterstellt wird, wenn man die Nichtw\u00e4hler quasi ans Kreuz nagelt. Er ist einfach nur desinteressiert, anderen Dingen zugewandt, vielleicht auch nur bequem, oder er vertraut einfach nur den Entscheidungen der Mehrheit. Gesellschaft besteht aus Menschen und die Menschen sich zu erkl\u00e4ren braucht mehr als eine rein politologische Logik, weshalb auch die Gesellschaft zu erkl\u00e4ren mehr braucht.<\/p>\n<p><strong>Sind das alles Rassisten? Sind das Nazis?\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich nicht, nicht alle sind Rassisten. Es sind Menschen, die in ihrer Mehrzahl zuerst einmal Menschen sind, die auch Kinder haben, Eltern, Enkelkinder, einen Job oder auch nicht, die im Sportverein vielleicht aktiv sind oder nur den anderen zusehen. Es sind Menschen, die Ansichten haben und ja, darunter gibt es auch Menschen, die ein rassistisches Weltbild haben, ein anerzogenes wie ein nicht aberzogenes. Anerzogen von der sie umgebenden Umwelt, wie den Eltern und Freunden, aber auch &#8211; und hier mache ich die deutsche Politik durchaus verantwortlich &#8211; durch die Bilder, welche die deutsche Politik \u00fcber die Welt vermittelte in den letzten Jahren. Keine Guten, wie ich oft feststellte, sondern den Deutschen immer \u00f6fter \u00fcberh\u00f6hende Weltbilder. Wenn Sch\u00e4uble beispielsweise von den besseren deutschen Autos sprach (lachhaft angesichts des Dieselskandals), anstatt von den W\u00e4hrungsvorteilen, wenn es um die Handelsbilanzdefizite ging, wenn er die Griechen als faul bezeichnete, wenn alle gemeinsam von Hausaufgaben sprechen, die die anderen zu machen h\u00e4tten, so als ob sie der Lehrer und alle anderen ihre Sch\u00fcler w\u00e4ren. Das musste ja Teilen zu Kopf steigen, sie zum Bessermenschen machen, denn als nichts anderes sehen sich dann auch die, die von Rassengedanken getrieben werden.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich sind es nicht alles Nazis, wenn \u00fcberhaupt sind es Neonazis, was schon ein Unterschied ist, wenn man genau hinschaut. Die Vergleiche mit der NSDAP helfen sogar denen, die sich nun als solche bezeichnet sehen. Denn das k\u00f6nnen sie leicht entkr\u00e4ften. Es sind Neonazis, wenn \u00fcberhaupt, aber auch nur zum Teil &#8211; deshalb ist immer die Unterscheidung zwischen W\u00e4hlern und Funktion\u00e4ren zu treffen, <a href=\"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=17013\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">die ich letztens traf<\/a>. Es sind Menschen, die kein Problem damit haben, sich dem Faschismus zuzuwenden, einem aber weniger Deutschen, mehr einem dem Italienischen \u00e4hnlichen, deshalb aber noch nicht in ihrer Gesamtheit auch gleich Faschisten sind. Den Begriff des Mitl\u00e4ufers h\u00e4tte ich deshalb auch gern mal geh\u00f6rt, denn er trifft auf sehr viele Menschen wohl eher zu, als der des Faschisten. Ich muss dieser Tage an Benito Mussolini denken:<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;Faschismus sollte man besser Korporativismus nennen, weil es die Verschmelzung der Staatsmacht mit der Konzernmacht darstellt.&#8220; Benito Mussolini, zitiert nach\u00a0<em><a href=\"https:\/\/geboren.am\/person\/benito-mussolini\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">geboren am<\/a><\/em><\/p><\/blockquote>\n<p>Hier gelte es meines Erachtens Parallelen zu suchen, aber auch dar\u00fcber hinaus zu forschen. Denn dass die Forschung gefragt ist, mehr als sie derzeit tut, das scheint mir offensichtlich zu sein. Alle geisteswissenschaftlichen Gebiete sind hier gefordert.<\/p>\n<p><strong>Was denken die sich?<\/strong><\/p>\n<p>Die Frage dr\u00fcckt die Entt\u00e4uschung aus, die die empfinden &#8211; ich habe sie in fast jedem Kommentar gesp\u00fcrt -, die nun diese Ergebnisse kommentieren. Was denken die sich, wo wir doch so vieles f\u00fcr sie getan haben? Was denken die sich, wo doch \u00fcber die AfD alles bekannt ist, man alles h\u00e4tte wissen m\u00fcssen? Entt\u00e4uschung, Entt\u00e4uschung, Entt\u00e4uschung!<\/p>\n<p>Entt\u00e4uschung dass keinerlei Dankbarkeit zu finden ist, bei denen jedenfalls, die so gew\u00e4hlt haben, die quasi h\u00e4tten schon aus Dankbarkeit h\u00e4tten anders w\u00e4hlen m\u00fcssen. Meist sind es die politisch Aktiven, denen ich diese Entt\u00e4uschung ansehe, wenn sie mir analog begegnen, die ich f\u00fchle, wenn ich ihnen nur zuh\u00f6re oder sie lese, als Politiker, als Wirtschaftler, als Akademiker und auch als Journalist. &#8222;Wir haben doch geleistet und deshalb das Recht auf Gegenleistung&#8220;, so wird gedacht und weil die Gegenleistung nicht erfolgt, hat der Schuldner auch seine Schuld nicht beglichen, denn alles hat ja seinen Preis zu haben, auch die Hilfe. Ein Denken, welches ich nicht beurteilen will, welches nur nicht das Meinige ist, denn Hilfe ist immer selbstlos oder sie ist keine Hilfe. Seit Schr\u00f6der und Bertelsmann leider nicht mehr Teil deutschen Denkens, insofern f\u00fchle ich mich schon lange als Fremder unter Freunden.<\/p>\n<p>Demokratie verlangt aber vom W\u00e4hler keine Dankbarkeit. Sie verlangt Zustimmung oder Ablehnung. Zustimmung dann, wenn die Politik den W\u00e4hler erreicht, Ablehnung, wenn nicht. Zustimmung aufgrund Dankbarkeit zu fordern, ist deshalb auch kein demokratisches Tun. Es kann verst\u00e4ndlich sein, aber es ist nicht dadurch schon ein Argument gegen die, die nicht zustimmen, weil sie nicht zustimmen k\u00f6nnen oder wollen. Wer mehr verlangt, zerst\u00f6rt die Demokratie, denn er macht dem feudalen Denken T\u00fcr und Tor auf, l\u00e4dt den gutm\u00fctigen Despoten gerade zu ein, wieder die B\u00fchne der Gesellschaft zu betreten. Ein kurzsichtiges Tun und Handeln!<\/p>\n<p><strong>War es Protest?<\/strong><\/p>\n<p>Ja und nein. Sicher ist die AfD eine Protestpartei und derzeit wird auch damit Protest ausgedr\u00fcckt, diese Partei zu w\u00e4hlen. Ich glaube aber nicht, dass der Protest die Wahlentscheidung allein tr\u00e4gt beim einzelnen W\u00e4hler. Er mag ein mal st\u00e4rkeres mal weniger st\u00e4rkeres Momentum sein, aber er ist nicht tragend. Protest w\u00e4re auch anders gegangen, die demokratische Opposition zu w\u00e4hlen beispielsweise oder gar nicht zu w\u00e4hlen, wirklich die Entscheidung zum Nichtw\u00e4hlen zu treffen. Die AfD zu w\u00e4hlen ist deshalb immer mehr als nur Protest.<\/p>\n<p>Die Wahl dr\u00fcckt den Wunsch nach Ver\u00e4nderung aus, einer Ver\u00e4nderung, die man durch Protest nicht erreichte &#8211; weshalb auch das Potential der PdL schrumpfte, weshalb so viele Nichtw\u00e4hler pl\u00f6tzlich w\u00e4hlten. Eine Ver\u00e4nderung, die substanziell ist, die die Gesellschaft ver\u00e4ndern soll und zwar grundlegend f\u00fcr die Einen und etwas weniger grundlegender f\u00fcr die Anderen. Genaueres w\u00e4re hier wirklich zu eruieren, die Wissenschaft ist gefragt, um die Qualit\u00e4ten und Quantit\u00e4ten auch zu erfassen. Auf der Inhaltsebene scheint dies im Gange zu sein, auf der Beziehungsebene sehe ich da nicht viel derzeit. Und die Beziehungsebene ist die entscheidende Ebene, wie mir meine Aktivit\u00e4ten nahe legen, die vielen Gespr\u00e4che, die ich f\u00fchre, nahelegen.<\/p>\n<p><strong>Sind sie nur dumm, weil ungebildet?<\/strong><\/p>\n<p>Was f\u00fcr eine Anma\u00dfung, andere f\u00fcr dumm zu halten, weil man selbst anderer Ansicht ist. Diese Menschen hatte ich schon 2015 nicht verstanden, als wir die Grenzen \u00f6ffnen mussten, um die menschliche Katastrophe zu verhindern. Nein, niemand ist dumm, weil er anderer Meinung ist als ich. Auch er kann seine Meinung meist begr\u00fcnden. Ich habe nur andere Gr\u00fcnde, werte sie anders als er und akzeptiere viele seiner Gr\u00fcnde nicht. Aber ihm Dummheit zu unterstellen, zeigt nur die Arroganz derer, die das tun.<\/p>\n<p>Im Gegenteil sogar, muss man mit Erschrecken feststellen, wie viele sich dort tummeln, die \u00fcber h\u00f6here Bildung verf\u00fcgen, die in der Wirtschaft etwas darstellen, die Macht und Einfluss besitzen in der Gesellschaft, anerkannt auf ihrem Gebiet sogar. Vom Polizisten bis zum Hochschulprofessor, vom Facharbeiter bis zum Unternehmer, ist doch alles dort vertreten. Hier Dummheit zu behaupten kann nicht richtig sein. Andere Gr\u00fcnde m\u00fcssen eine Rolle spielen. Gr\u00fcnde, die man nicht allein politologisch erfassen kann, die man nicht am Ideal festmachen darf.<\/p>\n<p><strong>Das Ideal hindert auch hier an der Erkenntnis<\/strong><\/p>\n<p>Die Politologie kann nur die Inhaltsebene betrachten, analog der \u00d6konomie, sie wirkt aber auch auf der Beziehungsebene und hier, auf der Beziehungsebene, entscheidet der Mensch mindestens mit, oft sogar ausschlie\u00dflich. Denn, der Mensch entscheidet zuerst, ob er dir zuh\u00f6ren will, ob deine Argumente \u00fcberhaupt einer W\u00fcrdigung f\u00e4hig sein werden, bevor er sie \u00fcberhaupt w\u00fcrdigt. Habermas gelte es immer zu beachten, wenn man \u00fcber Kommunikation redet und Kommunikation ist auch hier wieder zentral, denn der Entscheidung geht immer die Kommunikation voraus, die Innere wie die \u00c4u\u00dfere. Politologie und \u00d6konomie scheinen dies immer noch zu ignorieren, in ihrer Logik allemal.<\/p>\n<p>Deshalb sage ich auch, das man auf der Beziehungsebene gestalten muss, um die Inhaltsebene \u00fcberhaupt zur Entfaltung zu bringen. Deshalb lehne ich das Ideal als Voraussetzung ab, denn es verhindert meist die notwendige Offenheit im Gespr\u00e4ch, es schr\u00e4nkt sie ein und wenn Ideale aufeinandertreffen, so kann nur Streit erfolgen, mit allen Folgen f\u00fcr die Beziehungsebene, mit der Folge, dass auf der Inhaltsebene wenig herauskommt, was wirklich Fortschritt bringt.<\/p>\n<p><strong>Schuld steht \u00fcber Allem<\/strong><\/p>\n<p>Derzeit geschieht genau das Gegenteil: Es wird Schuld gesucht und die Schuldigen werden gesucht und auch schnell gefunden. Es wird moralisch bewertet, gem\u00e4\u00df des Ideals. Man beackert sinnlos die Inhaltsebene, sucht dort nach Erkl\u00e4rungen und L\u00f6sungen. Die Beziehungsebene ist damit zur Schuld- und S\u00fchne-Ebene geworden. Man sanktioniert den positiv, der dem Ideal entspricht und sanktioniert denjenigen negativ der dem Ideal nicht entspricht, oft schon dann, wenn er das Ideal in Zweifel zieht, nicht einmal andere Ideale hat, nur nicht dem Ideal allein zu folgen bereit ist. Pragmatismus ebenso Fehlanzeige, wie Kommunikation so nicht gedeihlich entstehen kann, zum Schlagabtausch degeneriert, wenn sie \u00fcberhaupt noch stattfindet. Nur verletzte Gem\u00fcter kommen am Ende dabei heraus. Der Spaltpilz hat seine Pflicht getan. Die AfD und ihre Funktion\u00e4re k\u00f6nnen sich freuen.<\/p>\n<p>Ich sehe das bei Facebook, bei Kommentatoren dort, aber auch in den Medien, selbst bei von mir gesch\u00e4tzten. Immer mehr verletzte Egos und Ratlosigkeit. Eine Bev\u00f6lkerung sehe ich, die immer mehr die Orientierung verliert, offener wird, auch f\u00fcr Meinungen, die man in diesem Land fr\u00fcher nur hinter verschlossenen T\u00fcren, mit vorgehaltener Hand, aussprechen durfte, heute sogar in den Talkshows und damit in aller \u00d6ffentlichkeit. Gesucht ist die Schuld und der Schuldige, alles andere f\u00e4llt unter den Tisch. Sprache ver\u00e4ndert das Denken und das Denken dann das Handeln, ein fatal wirkender Zusammenhang, weshalb er auch mehr der Beachtung bedarf.<\/p>\n<p><strong>Das Warum kommt zu kurz damit <\/strong><\/p>\n<p>Wer nicht wei\u00df warum etwas geschieht, wird nur im Dunkel rumstochern k\u00f6nnen, L\u00f6sungen werden Zufallsprodukt. Schlimmer noch, sie werden dann meist nicht einmal dem L\u00f6senden zugewiesen, sondern denen, die vermeintlich zur L\u00f6sung getrieben haben. Letzteres sieht man deutlich bei der Fl\u00fcchtlingsfrage.<\/p>\n<p>Wer erinnert sich denn noch an den Innenminister, der von Anfang an die Grenzen wieder dicht machte, die Bedingungen der Menschen vor Ort m\u00f6glichst unbequem hielt, die Kanzlerin, die sich in der Willkommenskultur sonnte und gleichzeitig ihren Innenminister machen lie\u00df? Niemand mehr anscheinend, denn die vielen L\u00f6sungen auf diesem Gebiet &#8211; die Guten wie die vielen Schlechten &#8211; werden denen zugeschrieben, die sie nur gefordert hatten, noch mehr als das immer noch fordern und nicht denen, die die L\u00f6sungen herbei gef\u00fchrt hatten. Das Wahlergebnis in Bayern im letzten Jahr, das im Bund, sprechen doch hier eine eigene Sprache. Mehr noch, man kann doch fast schon den Eindruck gewinnen, dass die demokratischen Parteien heute n\u00e4her an der AfD des Jahres 2015 sind, als sie sich gern eingestehen w\u00fcrden.<\/p>\n<p>Es muss also darum gehen das Warum herauszufinden. Wir kommen nicht darum herum. Wir m\u00fcssen es wissen, m\u00fcssen wissen wie es dazu kommen konnte. Nur auf Nazi, Protest, Rassismus abzutun, reicht da nicht aus. Es muss tiefere Gr\u00fcnde haben, und diese Gr\u00fcnde sind zu finden und dann auch zu bearbeiten, zu beseitigen am besten.<\/p>\n<p><strong>Hypothese: Die vielen Entscheidungen auf der Inhaltsebene haben die Beziehungsebene zerst\u00f6rt<\/strong><\/p>\n<p>Eigentlich ist das gar keine Hypothese mehr, sondern leicht zu erkennen, dass das so ist. Der Umgang mit den Ostdeutschen nach der Wende, dieses immer noch in Ostdeutsch und Westdeutsch reden und damit denken, die vielen Regionen in Gesamtdeutschland, welche unter den Entscheidungen der Politik zu leiden haben, sich immer weniger wertgesch\u00e4tzt f\u00fchlen, sprechen doch B\u00e4nde.<\/p>\n<p>Ein Sozialrecht, welches Hilfe nicht mehr aus Selbstlosigkeit begreift, sondern damit bei dem, dem geholfen wird eine gesellschaftliche Schuld einfordert, ist Ausdruck der Wertsch\u00e4tzung derer, die n\u00fctzlich sind f\u00fcr die \u00f6konomischen Prozesse und gleichzeitig Ausdruck geworden, dass die f\u00fcr diese Prozesse nicht mehr n\u00fctzlichen Menschen, nicht der gleichen Wertsch\u00e4tzung bed\u00fcrfen. Nichts spricht daf\u00fcr die S\u00e4tze beispielsweise f\u00fcr ALG II-Empf\u00e4nger so niedrig zu halten, wie sie gehalten werden, au\u00dfer den Druck von den L\u00f6hnen zu nehmen, den Gewinnen damit den Vorrang zu geben. Nichts zeigt die mangelnde Wertsch\u00e4tzung, welche diesen Menschen entgegengebracht wird, deutlicher als dieses Verhalten der Politik. Ein Verhalten der Inhaltsebene, der kalten \u00f6konomischen Logik folgend, aber nicht der gesellschaftlichen, diese sogar missachtend.<\/p>\n<p>Nichts spricht daf\u00fcr die Renten hier bei uns k\u00fcnstlich niedrig zu halten, als das man die privatwirtschaftlichen Gesch\u00e4ftsmodelle f\u00f6rdern will, diese mehr sch\u00e4tzt, als die betroffenen Menschen, die oft genug sich diese privaten L\u00f6sungen gar nicht leisten k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Nichts spricht f\u00fcr die Verteilung des Volkseinkommens, die wir gerade anwenden, als die mehr wertzusch\u00e4tzen, die jetzt schon mehr haben, als die, die man gleichzeitig immer weniger damit wertsch\u00e4tzt.<\/p>\n<p>Mangelhafte Wertsch\u00e4tzung, immer wieder und immer deutlicher, durch Entscheidungen auf der Inhaltsebene, die Beziehungsebene damit ignorierend, sogar zerst\u00f6rend. Mich wundern deshalb die nun auftretenden Verwerfungen, dieses anscheinend wieder der Demokratie den R\u00fccken zudrehen, nicht so sehr. Im Gegenteil, ich hatte dies erwartet und warnte schon vor Jahren davor.<\/p>\n<p><strong>Das Ganze zu betrachten, \u00fcberfordert<\/strong><\/p>\n<p>Ein interessantes Argument, welchem ich mich letztens in einer Diskussion gegen\u00fcber sah. Ja, richtig, das Ganze \u00fcberfordert. Niemand wird das bestreiten. Dennoch wird es nicht ohne das Ganze gehen und mit Adorno sage ich, das Ganze muss auch nicht in G\u00e4nze erkannt werden, es muss nur im Fokus bleiben, es muss versucht werden, es zu beachten.<\/p>\n<p>Die \u00dcberforderung liegt in der Natur des Chaos, welches auch endlich einmal Beachtung finden m\u00fcsste, als Solches akzeptiert werden m\u00fcsste. Nichts ist wie fr\u00fcher. Alles ist schneller geworden, f\u00fcr viele von uns viel zu schnell. Der Popperismus verst\u00e4rkt deshalb nur das Chaos, ordnet es eben nicht, jedenfalls nicht dort, wo man das Ganze zu betrachten hat, in der Gesellschaft n\u00e4mlich.<\/p>\n<p><strong>Der gr\u00f6\u00dfte Schaden des Projektdenkens seit Popper manifestiert sich auf der Beziehungsebene<\/strong><\/p>\n<p>Popper mache ich mitverantwortlich daf\u00fcr, dass fast ausschlie\u00dflich noch in Projekten und damit auf der Inhaltsebene gedacht wird. Popper hat den Idealismus zum Sieg verholfen, behaupte ich, und damit dem Denken vom Ideal her. Nicht die Existenz, die Existenzen interessieren noch. Das Projekt und nur das Projekt sind der Aufmerksamkeit wert. Auch hier ist gut die Verschiebung der Wertsch\u00e4tzung zu beobachten.<\/p>\n<p>Willy Brandt und Konrad Adenauer dachten die Existenz noch mit &#8211; ob es ihnen bewusst war, kann ich nicht sagen, entscheidend ist, sie taten es. Sie sind deshalb immer noch, zurecht, als gute Politiker im Ged\u00e4chtnis der Deutschen. Welcher Politiker kann dies heute noch von sich sagen? Schr\u00f6der? Wer wird es in Zukunft von sich sagen k\u00f6nnen? Merkel?<\/p>\n<p>Dennoch ist Popper bedeutend, m\u00fcsste er gerade jetzt mehr Beachtung finden, gerade im Projektdenken. Denn er hat recht, wenn er gute Vorbereitung einer jeglichen Entscheidung verlangt, die Entscheidung auch in den Folgen im Vorfeld zu bedenken verlangt. Da liegt n\u00e4mlich das Versagen der Inhaltsebene, der Politologen, der \u00d6konomen und der ihnen folgenden Berufspolitiker und liegt es noch.<\/p>\n<p>Folgen, Nebenwirkungen \u00fcber die eigentlich beabsichtigten Folgen hinaus spielten und spielen doch kaum mehr eine Rolle im projektbezogenen Denken der Politik, der \u00d6konomie, der Politologie. Ursache und Wirkung, der Physik entsprechend, aber mehr scheint nicht mehr zu gelten. Heisenberg und seine Unsch\u00e4rferelation, nicht einmal die, scheint noch im Wissensportfolio vorhanden zu sein. Aus A folgt B und C ist egal. Das C aber Bedeutung besitzt, Sch\u00e4den anrichten kann, gerade auf der Beziehungsebene, mag man nicht mehr wahrhaben. &#8222;Die Menschen verstehen halt nicht, wie gut wir gehandelt haben.&#8220; Entt\u00e4uschung. Entt\u00e4uschung. Entt\u00e4uschung! Und zwar auf allen Seiten.<\/p>\n<p>Deshalb muss die Frage lauten: &#8222;Was will ich tun und welche Wirkungen hat es auf das Projektziel und &#8211; sehr wichtig &#8211; auch dar\u00fcber hinaus? Das &#8222;dar\u00fcber hinaus&#8220; kam zu kurz oder gar nicht vor und kommt es immer noch nicht. Hier entscheidet sich aber letztendlich gesellschaftlich, was Politik leistet und wie sie empfunden wird. Hier liegt das Versagen begr\u00fcndet. Hier sehe ich auch deshalb die Ursache der Wertsch\u00e4tzungsdefizite, der dadurch verursachten Entt\u00e4uschungen, des daraus folgenden Zorns, der Wut, des Hasses und damit auch wesentlich der AfD.<\/p>\n<p><strong>Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Einzelteile<\/strong><\/p>\n<p>Das Ganze muss in den Fokus, schnell und dringend! Es muss aus dem Kellerverlies wieder befreit werden, in das es verdammt worden ist seit Dekaden. So weiter im Kleinteiligen, reaktiv wenn der B\u00fcrger fordert, phlegmatisch solange er stillh\u00e4lt, nur dem \u00d6konomismus dienend, kann es nicht weitergehen.<\/p>\n<p>Wenn das Ganze allerdings wieder Beachtung finden w\u00fcrde, so bin ich sicher, w\u00fcrden sich auch die Fragen bez\u00fcglich des AfD-W\u00e4hlers anders stellen.<\/p>\n<p>Sie hie\u00dfen dann n\u00e4mlich nicht mehr: &#8222;Warum hast du die AfD gew\u00e4hlt? Wie konntest du nur?&#8220;<\/p>\n<p>Sie hie\u00dfe: &#8222;Welche Gr\u00fcnde hielten dich davon ab, uns zu w\u00e4hlen?&#8220;<\/p>\n<p>Eine wirklich interessante und selbstreflektive Fragestellung, der sich aber Demokraten zuvorderst zu stellen haben, der sie nicht weiterhin ausweichen d\u00fcrfen. Der sich allerdings nicht oder kaum und wenn doch, nur oberfl\u00e4chlich, gestellt wird, weil Schuldzuweisungen, Moral, so verf\u00fchrerisch sind, von den eigenen Verfehlungen n\u00e4mlich auch wieder ablenken.<\/p>\n<p>&#8222;Warum werden wir nicht gew\u00e4hlt und die anderen werden gew\u00e4hlt?&#8220; &#8222;Was haben wir falsch gemacht?&#8220; Das sind die Fragen der Demokraten und nicht den anderen die Schuld am eigenen Versagen zuzuweisen, den W\u00e4hlern zuzuweisen. Das derzeitige Verhalten sehe ich deshalb auch meist als wohlfeil an, wenn es sich nicht dieser Fragen stellt, selbst nur in Schuld und Ressentiments zu reden wei\u00df.<\/p>\n<p>Nehmen wir Dampf aus dem Kessel und kehren wir zur Sachlichkeit zur\u00fcck, beackern wir die Beziehungsebene, das w\u00e4re mein Rat und so werde ich es auch selbst weiterhin halten, auch mit denen, die weit \u00fcber das Ziel derzeit hinausschie\u00dfen, wenn sie diese Wahl &#8211; und mehr war es nicht &#8211; beurteilen. Noch ist n\u00e4mlich Zeit die Gesellschaft wieder zu gesunden, die Beziehungsebene wieder zu beachten, auch mit Taten auf der Inhaltsebene.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es wird Zeit, den Dampf aus dem Kessel zu nehmen, zur Sachlichkeit zur\u00fcckzukehren. 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