{"id":1709,"date":"2014-09-07T17:16:17","date_gmt":"2014-09-07T15:16:17","guid":{"rendered":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=1709"},"modified":"2014-09-07T17:18:04","modified_gmt":"2014-09-07T15:18:04","slug":"warum-heute-keine-revolution-moeglich-ist","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=1709","title":{"rendered":"Warum heute keine Revolution m\u00f6glich ist"},"content":{"rendered":"<p>Unter diesem Titel erschien vor ein paar Tagen ein interessanter\u00a0<a href=\"http:\/\/www.sueddeutsche.de\/politik\/neoliberales-herrschaftssystem-warum-heute-keine-revolution-moeglich-ist-1.2110256\" target=\"_blank\">Artikel des Philosophen und Kulturwissenschaftlers Byung-Chul Han<\/a> in der S\u00fcddeutschen Zeitung. Hierin beschreibt der Autor, warum die Herrschaft des Neoliberalismus so unangefochten ist in unserer Zeit, da diesem n\u00e4mlich das Prinzip innewohnt, die Verantwortung f\u00fcr Erfolg oder Misserfolg von Institutionen wir &#8222;der Staat&#8220;, &#8222;die Gesellschaft&#8220;, &#8222;die Wirtschaft&#8220; usw. ausschlie\u00dflich auf den Einzelnen abzuw\u00e4lzen, sodass Unzufriedenheit oder sogar Wut auch in erster Linie gegen sich selbst gerichtet werden und nicht gegen ein externes Feindbild. Der Verweis auf diesen Artikel l\u00f6ste eine interessante Diskussion auf den Nachdenkseiten aus, zudem habe ich mir auch noch ein paar Gedanken dazu gemacht, und beides m\u00f6chte ich Euch nicht vorenthalten.<\/p>\n<p>Zun\u00e4chst gab es zwei Repliken von Albrecht M\u00fcller und Orlando Pascheit von den Nachdenkseiten selbst, als dieser Artikel dort verlinkt wurde. M\u00fcller schrieb:<\/p>\n<blockquote><p>Das ist ein interessanter und wichtiger Beitrag. Kritisch anzumerken w\u00e4re:<\/p><\/blockquote>\n<ul>\n<li>\n<blockquote><p>Der Autor untersch\u00e4tzt das Bewusstsein vieler Menschen. Viele wissen, dass sie nicht freier Unternehmer sondern ausgebeutet sind. Aber sie sind hilflos. Sie scheiden aus dem gesellschaftlichen und politischen Leben aus. Das hat viel mit der zweiten Anmerkung zu tun.<\/p><\/blockquote>\n<\/li>\n<li>\n<blockquote><p>Der Autor erkennt sonderbarerweise die gro\u00dfe Rolle der Medien f\u00fcr die Stabilisierung der neoliberalen Ideologie nicht. Die Revolution wird durch Meinungsmache verhindert. Diese M\u00f6glichkeit war klar erkannt. Darauf wurde hingearbeitet. Systematisch wurde die Kommerzialisierung der Medien ausgebaut. Systematisch wurde die Konzentration der Medien in wenigen H\u00e4nden zugelassen und betrieben. \u201eMeinungsmache beherrscht das politische Geschehen und wichtige Teile von Wirtschaft und Gesellschaft\u201c \u2013 ausf\u00fchrlich beschrieben in \u201e<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?page_id=4078\">Meinungsmache<\/a>\u201c und im \u00fcbrigen 2003 der Grund f\u00fcr die Gr\u00fcndung der Nachdenkseiten.<\/p><\/blockquote>\n<\/li>\n<\/ul>\n<p>Und Pascheit erg\u00e4nzte:<\/p>\n<blockquote><p>Byung-Chul Han beleuchtet einen interessanten Aspekt des Neoliberalismus und sein Beitrag ist lesenswert, aber ganz so neu ist seine These nicht, zumindest f\u00fcr \u00d6konomen, die sich f\u00fcr Politik interessieren. Kern der neoliberalen Arbeitsmarktpolitik seit Schr\u00f6der ist das Prinzip das \u201cFordern und F\u00f6rdern\u201d der Arbeitslosen, wobei die Ausweitung des Forderns das F\u00f6rdern immer mehr verdr\u00e4ngt. Letzteres geschieht oft mit dem Hinweis auf die knappe Kassenlage. Aber auch weltanschaulich macht das Fordern das F\u00f6rdern \u00fcberfl\u00fcssig \u2013 mit einem Wort: Selbstverantwortung bzw. mit der Individualisierung aller Lebenslagen. Auf der untersten Ebene geht es darum, dass ein jeder Arbeit bekommt, sofern er denn will, sofern er bereit ist jede Arbeit zu jedem Preis zu verrichten. Sicherlich sehr verk\u00fcrzt, aber in der Tendenz richtig. (Nat\u00fcrlich stehen unserem Volumen an Unterbesch\u00e4ftigung schon rein statistisch nicht gen\u00fcgend offene Stellen gegen\u00fcber) Auf einer anderen Ebene versuchen bereits Eltern ihre Kinder in der von Han beschrieben Weise auf Hochleistung zu trimmen. Zuf\u00e4llig habe ich heute mit einem Vater gesprochen, dessen Sohn sein Maschinenbaustudium abgebrochen hat und auf Wirtschaftsingenieur umgestiegen ist. Meine Frage nach dem Studium des Sohnes brachte den Vater g\u00e4nzlich aus der Fassung. Es war eindeutig Scham. Welchem Druck setzt dieser Vater seinen Sohn mit dieser Haltung aus. Es wird ein ewiger Makel sein, dass sein Sohn \u201cnur\u201d den Wirtschaftsingenieur anstrebt, weil er technisch vielleicht nicht so begabt war. \u2013 In den USA reduziert sich der Grundsatz des Neoliberalismus kurz auf: \u201cJeder ist seines Gl\u00fcckes Schmied.\u201d<br \/>\nVor allem aber \u00fcbersieht der Nicht\u00f6konom Han die repressive Ausbeutung nicht nur in den Entwicklungsl\u00e4ndern, sondern den zunehmenden Druck auf bzw. Umgehung von Arbeitnehmerrechten in den alten Industrienationen, der auf ein Zur\u00fcck in die repressive Phase weist. Siehe z.B.\u00a0<a href=\"http:\/\/www.ardmediathek.de\/tv\/Panorama-die-Reporter\/D%C3%A4nisches-Bettenlager-Der-Daunenk%C3%B6nig\/NDR-Fernsehen\/Video?documentId=22961044&amp;bcastId=14049192\">den Film \u00fcber die Praktiken eines Lars Larsen, den Chef des D\u00e4nischen Bettenlagers<\/a>. Dennoch ist die Unterscheidung Hans zwischen der setzenden, repressiven Macht, die h\u00e4ufig auf Gewalt zur\u00fcckgreift und der systemerhaltenden Macht, die im neoliberalen Regime sich sogar als Freiheit gibt, interessant. Denn letztlich bedeutet damit der R\u00fcckgriff auf dem alten Modus der repressiven Macht in den modernen Volkswirtschaften, dass Unterdr\u00fcckung wie auch die Unterdr\u00fccker wieder sichtbar werden und damit die Chance einer Revolution.<\/p><\/blockquote>\n<p>Zwei Tage sp\u00e4ter pr\u00e4sentierten die Nachdenkseiten dann <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=23115\" target=\"_blank\">diesen Leserbrief<\/a>, der sich recht kritisch mit dem Artikel von Byung-Chul Han auseinandersetzt, was wiederum eine Reiher weiterer Zuschriften provozierte, die <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/pdf\/140905_Leserbriefe-Warum-heute-keine-Revolution-moeglich-ist.pdf%20.pdf\" target=\"_blank\">hier<\/a> eingesehen werden k\u00f6nnen. Welcher Seite man dabei eher zustimmt, mal au\u00dfen vor gelassen, in jedem Fall finde ich es angenehm, eine solche Debatte auf einer \u00f6ffentlichen Plattform nachvollziehen zu k\u00f6nnen, dagegen k\u00f6nnen 99 % aller Fernsehtalkshows locker einpacken.<\/p>\n<p>Ich wurde beim Lesen des Artikels von Byung-Chul Han an den vortrefflichen Beitrag <a href=\"https:\/\/www.blaetter.de\/archiv\/jahrgaenge\/2011\/dezember\/aus-fremdzwang-wird-selbstzwang\" target=\"_blank\"><em>Aus Fremdzwang wird Selbstzwang<\/em> von Harald Welzer<\/a> erinnert, der schon 2011\u00a0in den Bl\u00e4ttern f\u00fcr deutsche und internationale Politik erschien. Hierin beschreibt der Autor das Ph\u00e4nomen, dass auch in dem SZ-Artikel thematisiert wird, in dessen historischer Entwicklung und setzt es in Beziehung zur vorherrschenden Wachstumsideologie, die ja auch dem Neoliberalismus immanent ist.<\/p>\n<p>Vor diesem Hintergrund und unter Ber\u00fccksichtigung der Nachdenkseiten-Debatte zu dem Thema, bin ich f\u00fcr mich zu dem Schluss gekommen, dass &#8211; wie so oft &#8211; die Wahrheit irgendwo in der Mitte des Disputs zu liegen scheint. Die Gesellschaft kann m. E. aus Sicht der neoliberalen Ideologen nicht als homogene Gruppe gesehen werden, sondern es gibt die, die im Sinne der Ideologie n\u00fctzlich sind, und die, die nicht n\u00fctzlich sind. Von einer solchen Einteilung war (gem\u00e4\u00df dem nach wie vor sehr lesenswerten Buch\u00a0<em>Die Gloablisierungsfalle<\/em> von Hans-Peter Martin und Harald Schumann von 1996) \u00fcbrigens schon bei einer 1995 in San Francisco stattfindenden als\u00a0<em>globaler Braintrust<\/em> bezeichneten Zusammenkunft etlicher Lenker und Entscheider aus Politik und Wirtschaft die Rede, die von lediglich 20 Prozent der Arbeitskr\u00e4fte ausgingen, die notwendig sind, um die zuk\u00fcnftige Weltwirtschaft am Laufen zu halten. Dem n\u00fctzlichen Teil der Menschen wird in der Tat in der von Byung-Chul Han und Harald Welzer beschriebenen Art suggeriert, dass sie f\u00fcr sich selbst verantwortlich sein und auf diese Weise auch aufsteigen k\u00f6nnten, ein wichtiger Teil des Systems seien und Freiheit (allerdings eher im Sinne von uns\u00e4glichen Gestalten wie Gauck propagiert) gen\u00f6ssen. Auf der anderen Seite werden Verlust\u00e4ngste gesch\u00fcrt (in Form von sozialem Abstieg und m\u00f6glicher Verarmung), wird gro\u00dfer Leistungsdruck aufgebaut, zudem findet eine Art Narkotisierung durch die Medien statt (die auch Albrecht M\u00fcller ansprach), was in seiner Gesamtheit das Ziel hat, kritisches Denken und politisches Bewusstsein bei diesen f\u00fcr das Wirtschaftssystem wichtigen Personen weitgehend auszuschalten. Diesen Vorgang kann ich \u00fcbrigens mit zunehmendem Alter auch im eigenen Freundes- und Bekanntenkreis gut beobachten, wenn durch gr\u00f6\u00dferen Besitz (und damit auch mehr Dingen, bei denen man Angst haben kann, sie zu verlieren) aus ehemals progressive denkenden Menschen nicht selten eher unkritische Geister werden. Dabei w\u00e4re es eigentlich diese Klientel, die gesellschaftlichen Wandel provozieren m\u00fcsste, denn die als unn\u00fctz f\u00fcr das Wirtschaftssystem deklarierten werden in der Tat (so wie in dem Nachdenkseiten-Leserbrief von E. W. aus Prina geschildert) auf repressive Weise geg\u00e4ngelt, sodass sich hier nicht ohne Weiteres kritisches gesamtgesellschaftliches Denken und Handeln entwickeln kann, da (gem\u00e4\u00df der <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Maslowsche_Bed\u00fcrfnishierarchie\" target=\"_blank\">maslowschen Bed\u00fcrfnishierarchie<\/a>) erst mal elementar existenzielle Bed\u00fcrfnisse befriedigt werden m\u00fcssen. Daneben haben die meisten dann keine Kapazit\u00e4ten mehr, um sich Gedanken machen zu k\u00f6nnen, wie eine alternative Gesellschafts- oder Lebensform aussehen k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Allerdings kann ich mich dem hieraus ergebenden und auch bei Byung-Chul Han vorliegenden pessimistischen Fazit nicht so ganz anschlie\u00dfen. Nat\u00fcrlich, die \u00dcbermacht der neoliberalen Ideologie scheint gro\u00df zu sein in Form von viel Geld aus der Wirtschaft, damit gekauften Politikern, die nahezu ausschlie\u00dflich im Interesse von Konzernen und Finanzindustrie agieren, und Medien, die \u00fcberwiegend auch genau den Leute geh\u00f6ren oder von denen finanziert werden, die eben an einer Aufrechterhaltung des Status quo der neoliberalen Alternativlosigkeit massives Interesse haben. Aber der k\u00fcrzlich hier auf unterstr\u00f6mt empfohlene und verlinkte Film\u00a0<a href=\"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=1699\" target=\"_blank\"><em>Schluss mit schnell<\/em><\/a> zeigt doch, dass es da schon eine Gegenbewegung gibt, die durchaus auf regionaler Ebene Erfolge vorweisen kann. Es ist also noch nicht die Zeit, um den Kopf vollends in den Sand zu stecken, eine Revolution ist immer noch m\u00f6glich &#8211; nur d\u00fcrfte diese vermutlich anders aussehen, als bisherige Revolutionen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Unter diesem Titel erschien vor ein paar Tagen ein Artikel des Philosophen und Kulturwissenschaftlers Byung-Chul Han in der S\u00fcddeutschen Zeitung. 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