{"id":17515,"date":"2019-10-15T12:47:55","date_gmt":"2019-10-15T10:47:55","guid":{"rendered":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=17515"},"modified":"2019-10-15T19:53:30","modified_gmt":"2019-10-15T17:53:30","slug":"schwedischer-reichsbank-preis","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=17515","title":{"rendered":"Schwedischer Reichsbank-Preis"},"content":{"rendered":"<p>Vorweg, ich halte von diesem Preis der schwedischen Reichsb\u00e4nker, die als Trittbrettfahrer des Nobelpreises auftreten, sich mit fremden Federn schm\u00fccken, gar nichts. Aber die meisten Kommentare, die ich zu lesen bekam bei der Beurteilung dieser aktuellen Preistr\u00e4ger und ihrer Projekte, grenzen an Unsinn, sind Kritik nur der Kritik wegen.<\/p>\n<p><strong>Warum?<\/strong><\/p>\n<p>Weil sie etwas bewerten, was sie selbst nicht verstehen. Ulrike Herrmann beispielsweise, stellvertretend f\u00fcr viele \u00e4hnliche \u00c4u\u00dferungen hier erw\u00e4hnt, lie\u00df sich zu einem Verriss in der <a href=\"https:\/\/taz.de\/Nobelpreis-fuer-Oekonomie\/!5629936\/?fbclid=IwAR1-hL2TXTCpK7qnfauMsDQ1yBMfLKM5mOLHlXYUvwtsSAs5m8NOwvlax1o\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\"><em>taz<\/em><\/a> hinrei\u00dfen. Sie lie\u00df sich sogar dazu hinrei\u00dfen, von sogenannten Mikro\u00f6konomen zu schreiben, in dem sie Anf\u00fchrungszeichen benutzt, wahrscheinlich weil hier die Abwertung dieses Teilbereiches der \u00d6konomie durch diese reine Makro\u00f6konomin wohl Programm ist. \u00c4rgerlich, denn auf der makro\u00f6konomischen Ebene sch\u00e4tze ich sie sehr, \u00fcbersch\u00e4tze sie allerdings nicht.<\/p>\n<p>Mikro\u00f6konomie ist ein Feld der \u00d6konomie, auf dem Fragen nach W\u00e4hrungen und Steuerflucht gar keine Rolle spielen, spielen k\u00f6nnen, dazu ist diese Ebene handwerklich gar nicht ausger\u00fcstet. Das ist deshalb auch nicht Anspruch der Mikro\u00f6konomie. Die Mikro\u00f6konomie erkl\u00e4rt die Tauschvorg\u00e4nge auf M\u00e4rkten, nicht mehr und nicht weniger. Sie ist dort, bei diesen Vorg\u00e4ngen, von Bedeutung.<\/p>\n<p>Sie kennt kein Geld au\u00dferhalb der Tauschfunktion des Geldes. Sie ist reine Tauschwirtschaft. Und dennoch spielen die Ergebnisse, welche bei Betrachtungen der Mikro\u00f6konomie gefunden werden, eine gro\u00dfe Rolle f\u00fcr Entscheidungen. Denn &#8211; den Makro\u00f6konomen ins Stammbuch geschrieben &#8211; nicht alles, was \u00f6konomisch relevant ist, ist durch Geld und W\u00e4hrung gesteuert.<\/p>\n<p>Im Gegenteil, die meisten Entscheidungen auf M\u00e4rkten finden unter tauschwirtschaftlichen Bedingungen statt. Dann n\u00e4mlich, wenn der Mensch auf dem Markt kauft oder verkauft, in der direkten Lebenswirklichkeit. Er tauscht Geld gegen Ware oder Ware gegen Geld. Makro\u00f6konomisch ist dies gar nicht zu erkl\u00e4ren. Dazu braucht man die Mikro\u00f6konomie, denn genau hier ist ihr T\u00e4tigkeitsfeld, hier haben die drei Preistr\u00e4ger geforscht.<\/p>\n<p>Gerade dieser Tage w\u00e4re ich froh, wenn mehr Mikro\u00f6konomen sich \u00e4u\u00dfern w\u00fcrden, gerade dann, wenn es um politische Entscheidungen geht, welche auf die M\u00e4rkte Einfluss nehmen, auf die Beziehungen zwischen K\u00e4ufern und Verk\u00e4ufern, auf die Auswirkungen auf die unterschiedliche Vielfalt von privaten Haushalten und auch Unternehmen, auf die Beziehungen, in denen M\u00e4rkte zueinander stehen. Hier versagt n\u00e4mlich die Makro\u00f6konomie kl\u00e4glich, muss sie versagen, weil sie das notwendige R\u00fcstzeug gar nicht hat, um diese Prozesse im Detail zu erkl\u00e4ren. Mit der Lebenswirklichkeit der Menschen kann n\u00e4mlich die Makro\u00f6konomie nichts anfangen, die fast sie zu Aggregaten und Str\u00f6men zusammen, den Mensch ebenso wie die G\u00fcter- und Geldstr\u00f6me. Der Einzelne geht darin unter, und das obwohl doch jeder Mensch Bedeutung haben sollte, auch f\u00fcr \u00d6konomen, auch solche, die sich meinen, journalistisch zu bet\u00e4tigen.<\/p>\n<p><strong>Neuland<\/strong><\/p>\n<p>Was weiterhin v\u00f6llig zu kurz kommt bei der Beurteilung der Preistr\u00e4ger, ist, dass diese \u00d6konomen nicht f\u00fcr die praktischen Ergebnisse geehrt worden sind, die sie bisher in ihren Experimenten nachweisen konnten. Sie sind f\u00fcr das Betreten von Neuland in der \u00d6konomie geehrt worden. \u00d6konomie ist hier zum ersten Male experimentell betrieben worden, jenseits des rein theoretischen Kalk\u00fcls, jenseits einer vorgegebenen Denkweise und Ideologie.<\/p>\n<p>Ich sage: endlich!<\/p>\n<p>Denn Modelle und die Irrt\u00fcmer aus Modellen, welche meist auf Ideologien und deren Irrt\u00fcmern beruhen, haben schon gen\u00fcgend Schaden angerichtet, gerade weil sie quasi als Glaskugel ex-ante Behauptungen aufstellen, die ex-post dann erst falsifiziert, selten verifiziert, werden. Ihre unzweifelhaften St\u00e4rken liegen ex-post, nicht ex-ante. Sie schaden deshalb, weil sie ex-ante \u00fcberbetonen im Neoliberalismus (der gegenw\u00e4rtig m\u00e4chtigen Ideologie), zumeist auf der Mikroebene, also da, wo wir alle handeln, weil wir dort leben und nicht in den T\u00fcrmen der intellektuellen Theorie, dem Wunschdenken des Intellektuellen, dem oft Um-jeden-Preis-recht-haben-M\u00fcssen, Recht-behalten-M\u00fcssen. Die CO2-Diskussion sei hier mal stellvertretend erw\u00e4hnt, die mikro\u00f6konomisch ganz andere Ergebnisse ergibt, als man oft hier makro\u00f6konomisch behauptet liest, die mich fast jeden Tag meine Haare raufen l\u00e4sst ob des behaupteten Unsinns, den ich von Gegnern wie von Bef\u00fcrwortern zu lesen bekomme.<\/p>\n<p>Dass es da dann, wenn man Neuland betritt, wie diese drei \u00d6konomen, auch Ergebnisse gibt, die man in anderen Wissenschaften (beispielsweise der P\u00e4dagogik) schon hatte, spricht nicht gegen dieses Vorgehen, sondern, im Gegenteil, best\u00e4tigt dieses andere Vorgehen in seiner Methode.<br \/>\nWie so oft muss ich feststellen, dass in den Redaktionen \u00fcber \u00d6konomie nur wenig gewusst, aber viel behauptet wird und noch mehr durcheinandergew\u00fcrfelt wird.<\/p>\n<p>Von Ulrike Herrmann h\u00e4tte ich hier mehr erwartet, allgemein h\u00e4tte ich mehr erwartet. Aber das meine Erwartungen hier entt\u00e4uscht worden sind, das liegt wohl am System der universit\u00e4ren Ausbildung, wo Makro\u00f6konomen gez\u00fcchtet werden, meist neoliberale Makro\u00f6konomen, Mikro\u00f6konomie wohl nur noch als Schein abgehakt wird, wenn \u00fcberhaupt noch Scheine n\u00f6tig sind, wo Betriebswirtschaft die Mikro\u00f6konomie fast v\u00f6llig verdr\u00e4ngt hat, Betriebswirtschaft, die Wissenschaft der Mesoebene, nicht der Mikroebene.<\/p>\n<p>Ich jedenfalls freue mich diesmal \u00fcber die Preistr\u00e4ger, weil ich mich immer freue, wenn &#8222;Denken ohne Gel\u00e4nder&#8220; (Hannah Arendt) stattfindet, wenn Neuland betreten wird, wenn Scheitern deshalb auch m\u00f6glich ist. Nichts \u00f6det mich n\u00e4mlich so an, wie dieses Nicht-scheitern-D\u00fcrfen in dieser Gesellschaft, dieses infolgedessen Nicht-mehr-experimentieren-D\u00fcrfen, diese Alternativlosigkeit in Politik und Gesellschaft, diese Kritik nur der Kritik wegen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vorweg, ich halte von diesem Preis der schwedischen Reichsb\u00e4nker, die als Trittbrettfahrer des Nobelpreises auftreten, sich mit fremden Federn schm\u00fccken, gar nichts. 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