{"id":17539,"date":"2019-10-22T17:01:29","date_gmt":"2019-10-22T15:01:29","guid":{"rendered":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=17539"},"modified":"2019-10-22T17:49:27","modified_gmt":"2019-10-22T15:49:27","slug":"die-rente-eine-unendliche-geschichte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=17539","title":{"rendered":"Die Rente &#8211; eine unendliche Geschichte"},"content":{"rendered":"<p>Ganz aktuell fordert Altmaier, seines Zeichens Bundeswirtschaftsminister, dass die Renten nicht steigen d\u00fcrfen in Zukunft, vor Kurzem erst forderte er, eine Sozialstaatsquote analog zur Schuldenquote ins Grundgesetz zu schreiben. Der BDI fordert, das Renteneintrittsalter zu erh\u00f6hen, die Bundesbank erneuerte diese Forderung erst dieser Tage. Man streitet sich noch, ob nun 69 oder 71 f\u00fcr die Regelaltersrente gelten sollte, aber man ist sich einig, dass dieser Reichtum, der unzweifelhaft in diesem Land herrscht, nicht allen zur Verf\u00fcgung gestellt werden soll. Es geht um K\u00fcrzungen und nichts anderes. Der Wirtschaftsstandort Deutschland w\u00e4re ansonsten nicht zu erhalten, h\u00f6rt man fast t\u00e4glich t\u00f6nen, es sei denn, wir, die wir von unserer H\u00e4nde und K\u00f6pfe Arbeit leben, schnallen den G\u00fcrtel im Alter enger, schnallen ihn heute schon enger, denn auf Konsum sollen wir ja auch verzichten, \u00fcber Sparen n\u00e4mlich, weil der Staat, die Gesellschaft sich angeblich die Alten in Zukunft nicht mehr leisten k\u00f6nne. Eine uns\u00e4gliche Debatte, nicht neu, aber scheinbar endlos. Eine Debatte, die der Marktwirtschaft geschuldet ist, dem Denken in dieser Wirtschaftsform auch in gesellschaftlichen Fragen. Eine Debatte, die vor Unkenntnis und Inkompetenz nur so strotzt, die von Fahrl\u00e4ssigkeit getrieben ist.<\/p>\n<p>Marktwirtschaft bedeutet, dass nur das von Wert ist, was auch einen Preis hat, und einen Preis hat nur das, was auch gehandelt werden kann. Die Freiheit des Menschen ist ihr dabei egal. Altmaier, der BDI, die Bundesbank, Lindner und Co. oder wer auch immer gerade von einem zu gro\u00dfen Sozialstaat quatscht, quatscht deshalb auch davon, die Freiheit zu beschr\u00e4nken, nicht sie zu erh\u00f6hen.<\/p>\n<p>Solange die Marktwirtschaft in ihrer G\u00e4nze weder in der Gesellschaft noch in der Politik &#8211; vor allem Linke und Progressive w\u00e4ren hier gefordert &#8211; verstanden wird, wird die Marktwirtschaft das tun, was sie seit Langem tut: Sie wird die Lebensbedingungen der Menschen \u00fcber Preise so gestalten, dass die Ressourcen m\u00f6glichst billig gehalten werden k\u00f6nnen, die Sch\u00e4den dadurch ignoriert werden k\u00f6nnen, und wo sie nicht mehr ignoriert werden k\u00f6nnen, werden sie sublimiert, entweder durch Ersatzbefriedigungen oder, wenn das nicht mehr ausreicht, durch innere und\/oder \u00e4u\u00dfere Feindbilder. Hilfreich dazu sind auch immer noch die vielen M\u00f6glichkeiten zur Triebbefriedigung, auch dann, wenn sie der Gesellschaft und der Natur gro\u00dfen Schaden zuf\u00fcgen. Der Rest wird weiterhin verdr\u00e4ngt werden.<\/p>\n<p><b>Neurosen, Psychosen werden immer sichtbarer werden in der Gesellschaft<\/b><\/p>\n<p>W\u00e4hrenddessen wird es zu immer mehr Neurosen kommen, welche die Gesellschaft l\u00e4ngst schon ausgebildet hat, denn Verdr\u00e4ngung hat Neurosen und Psychosen zur Folge. 5,3 Millionen an Depressionen hier erkrankte Menschen, Tendenz steigend, sind schon lange mehr als nur ein Alarmzeichen. Mehr noch, immer mehr Psychosen werden entstehen, und die, die schon da sind, werden immer bedeutender werden. AfD und Rechtsterror, aber auch die Behauptung von Wohlstand im Lande trotz Tafeln, trotz Zwang bis hin zu Sanktionen in Jobcentern, trotz Pflegenotstand und vieler anderer Notst\u00e4nde hier haben l\u00e4ngst einen psychotischen Charakter angenommen, sind als gesellschaftliche Psychosen zu erkennen.<\/p>\n<p>Diese Neurosen, vor allem aber diese Psychosen sind es letztendlich, welche verhindern, weiterhin verhindern werden, dass die Marktwirtschaft in ihren Wirkungen noch rechtzeitig eingeschr\u00e4nkt werden kann. Denn abschaffen m\u00fcssen wir sie nicht, aber einschr\u00e4nken, einhegen, das w\u00e4re lange schon angesagt. Getan wird das Gegenteil. Weshalb wir erneut auf dem Weg in eine gewaltige Krise sind, eine erneute Krise, eine diesmal vielleicht sogar viel gr\u00f6\u00dfere Krise als die, welche die Marktwirtschaft hier schon einmal verursacht hatte, die dann mit dem Ersten Weltkrieg ihren H\u00f6hepunkt erreichte. Polanyis <a href=\"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=17130\">Analyse und Warnungen<\/a> sind hier immer noch aktuell, aktueller denn je.<\/p>\n<p>Ich wei\u00df, das klingt recht negativ und ist es auch, und wer es nicht lesen mag, der sollte es auch nicht tun, und wenn er es dennoch tat, schnell wieder vergessen, verdr\u00e4ngen oder sublimieren. Aber wer wirklich meint, der Realit\u00e4t nicht ins Gesicht schauen zu wollen, sollte sich dann auch \u00fcberlegen, zu welcher Gruppe er geh\u00f6rt. Zu den Verdr\u00e4ngern, zu den Sublimierern, denn zu den Realisten geh\u00f6rt er nicht.<\/p>\n<p><strong>Die Freiheit der Menschen wird immer mehr eingeschr\u00e4nkt werden, zu Markte getragen werden<\/strong><\/p>\n<p>Zu denen, welche die Freiheit als h\u00f6chstes Gut betrachten, \u00fcbrigens auch nicht. Denn die gr\u00f6\u00dfte Freiheit, die man den Menschen hier schenken k\u00f6nnte, w\u00e4re die Freiheit, nicht mehr sparen zu m\u00fcssen, weil sie nicht sparen m\u00fcssen, um in Zukunft noch \u00fcberleben zu k\u00f6nnen. Die Marktwirtschaft verlangt das Gegenteil von dieser Freiheit, verlangt von denen, die noch sparen k\u00f6nnen, das Sparen, als Zwang allein, weil sie selbst nicht daf\u00fcr Sorge tragen will, den Sozialstaat als unn\u00fctze Ressource ansieht, ja, nicht einmal mehr begreift, dass er auch eine wirtschaftliche Ressource ist. Er hat eben keinen Preis, ist nicht handelbar und damit wertlos f\u00fcr die Marktwirtschaft und die, die sie vertreten, und nur sie allein, wie Altmaier, der BDI, neuerdings die Bundesbank und seit Langem schon die FDP unter diesem verkappten Fotomodell Lindner.<\/p>\n<p>Die einzige Freiheit, die wirklich wichtig w\u00e4re, weil sie die anderen Freiheiten n\u00e4mlich erst erm\u00f6glicht, die n\u00e4mlich, die Sicherheit von heute auch im Morgen garantieren zu k\u00f6nnen, ist hier zu suchen, im Sozialstaat, in der F\u00fcrsorge der Gesellschaft f\u00fcr das Individuum. Wer diese Freiheit nicht anstrebt, strebt gar keine Freiheit an, strebt Zwang an, den Zwang n\u00e4mlich, der daraus entsteht, dass die Sicherheit des Heute im Morgen nicht mehr garantiert wird.<\/p>\n<p>Weniger Sicherheit ist hier, im Sozialen, n\u00e4mlich der Freiheit wahrer Feind, und weil es der Marktwirtschaft nicht dienlich ist, genau diese Sicherheit herzustellen, sie die Unsicherheit geradezu braucht, um die Ressourcen m\u00f6glichst billig zu halten, ist sie der Feind der Freiheit, ein Feind, den man nicht zu stark werden lassen darf, dem man deshalb die Fl\u00fcgel zu stutzen h\u00e4tte, wollte man mehr als nur die Freiheit der Gewinner auf den M\u00e4rkten erhalten, sondern auch die Freiheit aller anderen gew\u00e4hrleisten wollen. Abschaffen geht n\u00e4mlich nicht, denn (noch) ist sie die Blaupause der Globalisierung, und der k\u00f6nnen wir uns nicht entziehen. Aber ihre Anspr\u00fcche an uns k\u00f6nnten wir in Grenzen halten, ihre Folgen abmildern. Nur eben nicht mit den inkompetenten und fahrl\u00e4ssigen Menschen, die derzeit hier den Ton angeben, wie Altmaier, wie Lindner, wie der BDI, wie die Bundesbank. Die werden die Freiheit uns rauben, nicht erhalten und schon gar nicht erh\u00f6hen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Freiheit f\u00fcr alle ist in der Marktwirtschaft nicht zu gew\u00e4hrleisten, wenn die Marktwirtschaft weiterhin \u00fcber allem und allen steht, wir uns nur ihr entsprechend verhalten m\u00fcssen, wenn wir sie als alternativlos weiterhin betrachten, mit dem Attribut &#8222;sozial&#8220; sogar noch verharmlosen, wie wir es seit 1949 zu Unrecht tun. Die Rente wird deshalb so lange auch eine unendliche Geschichte bleiben, bis es sie gar nicht mehr gibt, sie der Marktwirtschaft ganz zum Opfer gefallen sein wird und damit auch die Freiheit der vielen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ganz aktuell fordert Altmaier, seines Zeichens Bundeswirtschaftsminister, dass die Renten nicht steigen d\u00fcrfen in Zukunft, vor Kurzem erst forderte er, eine Sozialstaatsquote analog zur Schuldenquote ins Grundgesetz zu schreiben. Der BDI fordert, das Renteneintrittsalter zu erh\u00f6hen, die Bundesbank erneuerte diese Forderung erst dieser Tage. Man streitet sich noch, ob nun 69 oder 71 f\u00fcr die Regelaltersrente gelten sollte, aber man ist sich einig, dass dieser Reichtum, der unzweifelhaft in diesem Land herrscht, nicht allen zur Verf\u00fcgung gestellt werden soll. Es geht um K\u00fcrzungen und nichts anderes. Der Wirtschaftsstandort Deutschland w\u00e4re ansonsten nicht zu erhalten, h\u00f6rt man fast t\u00e4glich t\u00f6nen, es sei denn, wir, die wir von unserer H\u00e4nde und K\u00f6pfe Arbeit leben, schnallen den G\u00fcrtel im Alter enger, schnallen ihn heute schon enger, denn auf Konsum sollen wir ja auch verzichten, \u00fcber Sparen n\u00e4mlich, weil der Staat, die Gesellschaft sich angeblich die Alten in Zukunft nicht mehr leisten k\u00f6nne. Eine uns\u00e4gliche Debatte, nicht neu, aber scheinbar endlos. Eine Debatte, die der Marktwirtschaft geschuldet ist, dem Denken in dieser Wirtschaftsform auch in gesellschaftlichen Fragen. 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