{"id":17643,"date":"2019-10-26T15:01:25","date_gmt":"2019-10-26T13:01:25","guid":{"rendered":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=17643"},"modified":"2019-10-27T14:50:11","modified_gmt":"2019-10-27T13:50:11","slug":"marktwirtschaft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=17643","title":{"rendered":"Marktwirtschaft"},"content":{"rendered":"<p>Noch vor zwei Jahren war ich u. a. mit John Kenneth Galbraith einig, was den Begriff &#8222;Marktwirtschaft&#8220; anbelangt, dass es n\u00e4mlich um Kapitalismus ginge, &#8222;Marktwirtschaft&#8220; nur ein PR-Begriff w\u00e4re, um dies zu verschleiern. Ich schrieb sogar einen Blog-Beitrag <a href=\"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=10122\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">&#8222;Man nenne es Kapitalismus und nicht Marktwirtschaft&#8220;<\/a>, um auf diese Verharmlosung des Systems hinzuweisen. Nur, wie sagte Keynes: &#8222;Sir, if the facts are changing, I change my mind.&#8220; Und die Fakten haben sich f\u00fcr mich in ihrer Bedeutung ge\u00e4ndert.<\/p>\n<p>Immer noch sehe ich es allerdings, wie Galbraith, dass der Begriff Marktwirtschaft, insbesondere hier bei uns sogar mit dem Adjektiv &#8222;sozial&#8220; versehen, eine Verharmlosung darstellt. Nicht eine Verharmlosung des Kapitalismus stellt dieser Begriff dar, sondern eine der Wirklichkeit, also, wie Gailbraith es sah, ist sie immer noch auch ein PR-Begriff, aber seine Analyse teile ich nicht mehr, wenn er meint, dass damit der Kapitalismus verharmlost werden soll.<\/p>\n<p>Im Gegenteil, ich sehe in der Marktwirtschaft das wirkliche \u00dcbel. Sie ist und bleibt so lange das \u00dcbel,\u00a0 solange sie nicht eingehegt wird, und das k\u00f6nnte man, wenn man wollte, wenn man sie verstehen w\u00fcrde, wollte man das auch tun. Einhegen, nicht abschaffen, darum m\u00fcsste es gehen, denn abschaffen k\u00f6nnen wir sie nicht mehr, weil sie l\u00e4ngst weltweite Blaupause ist und auch Grundlage jeglicher existierender Gegenbewegungen. John Maynard Keynes hatte uns dazu die Mittel gegeben. Wir haben ihn vergessen, ignorieren ihn, lassen sogar zu, dass er diffamiert wird, und zwar genau von denen, die ihr Heil im politischen Anspruch und damit im ungehinderten Wirken der M\u00e4rkte, der Marktwirtschaft sehen. Ihr Heil, nicht unser Heil, denn wer nicht zur gr\u00f6\u00dftm\u00f6glichen Masse der Gl\u00fccklichen geh\u00f6rt, der steht eben au\u00dfen vor, ganz so, wie der Utilitarismus eines Benthams, so, wie der Naturalismus eines Malthus es f\u00fcr gesellschaftlich notwendig hielten, wir es anscheinend wieder halten, immer noch der protestantischen Ethik folgend, die Weber eindr\u00fccklich beschrieb.<\/p>\n<p>Mehr noch, ich sehe den Kapitalismus nicht einmal als so gro\u00dfes \u00dcbel an, wie viele andere Denker, weil ich zu dem Schluss gekommen bin, dass das, was hier dem Kapitalismus zugeschrieben wird, von Anfang an der Marktwirtschaft h\u00e4tte zugeschrieben werden m\u00fcssen.<\/p>\n<p><strong>Die Marktwirtschaft brauchte die industrielle Revolution, die Mobilit\u00e4t der Energie und in Folge die des Menschen<\/strong><\/p>\n<p>Ich halte es f\u00fcr falsch, von der Entstehung des Kapitalismus zu sprechen in Zeiten der industriellen Revolution. Die Marktwirtschaft ist in den gleichen Zeitr\u00e4umen entstanden, nicht der Kapitalismus. Die Marktwirtschaft ist entstanden mit den Bodengesetzen in England und dann der Arbeitswerttheorie durch Ricardo, nicht der Kapitalismus. Denn den Kapitalismus gab es schon lange vorher und weit unblutiger als das, was wir in den letzten 200 Jahren erleben mussten. Erst durch die Marktwirtschaft war es m\u00f6glich, den Fortschritt, den die mobile Energieversorgung erm\u00f6glichte, auch zu nutzen. Allerdings nur dann, wenn der Boden zur Handelsware gemacht werden konnte und die menschliche Arbeitskraft ebenso. Es ist der Preis, die Preisbildung durch Handel allein, die der Marktwirtschaft die Macht dazu gab, die ungeahnte Kapitalkr\u00e4fte damit entfesseln konnte. Der Kapitalismus war nie in gleichem Ausma\u00dfe dazu f\u00e4hig gewesen.<\/p>\n<p>Schon Marx&#8216; Theorie sehe ich deshalb auch nicht als Theorie des Kapitalismus an, sondern als Gegenbewegung zur Marktwirtschaft, was seine Analyse nicht grunds\u00e4tzlich falsch macht, aber viele seiner Schlussfolgerungen sind sehr in Zweifel zu ziehen, wie auch die von anderen gro\u00dfen Denkern, eben weil sie den falschen Adressaten benennen und sich den wirklich wichtigen Motiven damit auch nicht n\u00e4hern konnten.<\/p>\n<p><strong>Macht ist immer das zentrale gesellschaftliche Moment<\/strong><\/p>\n<p>Nicht die Gier, nicht den Egoismus sehe ich deshalb als Motive zuvorderst, um die Verwerfungen zu erkl\u00e4ren. Es ist der Wunsch nach Macht, wie es immer dieser Wunsch nach Macht ist, welcher bedeutend ist, welcher hier zu den Verwerfungen f\u00fchrt. Der Kapitalismus ist nur Mittel zum Zweck f\u00fcr die Marktwirtschaft und die Marktwirtschaftsprofiteure, um Macht aus\u00fcben zu k\u00f6nnen, jenseits der demokratischen Entscheidungsprozesse Macht zu erhalten und zu behalten. Der Kapitalismus kann auch anders, auch das hat er in seiner langen Geschichte von nunmehr 5.000 Jahren gezeigt. Ungl\u00e4ubige wie Unwissende verweise ich hier, wie schon des \u00d6fteren, auf <a href=\"https:\/\/libcom.org\/files\/__Debt__The_First_5_000_Years.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Graeber Debt &#8211; The first 5,000 years<\/a>.<\/p>\n<p>Ich war deshalb die letzten zwei Jahre, als ich diese Spur n\u00e4mlich aufnahm, oft genug in einer Situation, wo ich mehr Widerspr\u00fcche als Erkl\u00e4rungen fand, wenn mir die beiden Begriffe &#8222;Marktwirtschaft&#8220; und &#8222;Kapitalismus&#8220; begegneten, weil ich mir nicht vorstellen konnte, dass das anderen Denkern noch nicht aufgefallen sein sollte, was mir immer mehr ins Auge sprang. Ich war deshalb froh, als ich auf <a href=\"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=17130\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Polanyi <\/a> vor einigen Wochen stie\u00df, dessen Wirtschaftsgeschichte mir all das best\u00e4tigte, was ich mir schon erarbeitet hatte, mir die notwendigen Begriffe gleich mitlieferte, wie Gegenbewegung, fiktive Preise, Marktgesellschaft.<\/p>\n<p>Gleichzeitig kam mir Adornos <a href=\"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=16505\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Mimisik<\/a> wieder ins Ged\u00e4chtnis und wie recht er doch hatte mit seiner Kritik an der festen Begriffsbildung. Alles das und einiges mehr veranlassen mich, heute anders zu denken, auch wenn es denen nicht gef\u00e4llt, die gern an festen Meinungen festhalten wollen. Ich aber bleibe bei Hannah Arendt &#8222;Ich will verstehen&#8220; und nicht recht haben und schon gar nicht recht behalten, nur weil ich das Denken selbst einschr\u00e4nke, es einschr\u00e4nken lasse \u00fcber allzu feste Begrifflichkeiten. Ich bleibe im denkenden Diskurs und nicht in der dogmatischen Debatte durch festgelegte Begriffe.<\/p>\n<p><strong>Marktwirtschaft ist mehr als nur eine Form des Kapitalismus<\/strong><\/p>\n<p>Meine Vernunft sagt mir, dass die Marktwirtschaft etwas anderes ist, als der Kapitalismus, dass sie mehr ist, als der Kapitalismus jemals war. Meine sinnliche Wahrnehmung ist n\u00e4mlich so, und seit Kant wissen wir, dass nichts als wahr gelten kann, was wir nicht auch sinnlich wahrnehmen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Ich nehme die Jobcenter wahr, die mich an Benthams Panopticums immer mehr erinnern, wenn auch noch nicht so schrecklich wie damals. Ich nehme wahr, wie Boden knapp geworden ist, gerade in Ballungsr\u00e4umen, weil er zur Handelsware wurde, wie auch dadurch Mieten steigen, gerade deshalb, weil Vermietung zum Spekulationsobjekt gemacht worden ist. Ich nehme vieles sinnlich wahr, weil von Wert in einer Marktwirtschaft nur das ist, was gehandelt werden kann, selbst der Mensch zum Handelsobjekt geworden ist, nur der Handel noch zentral ist in der Gesellschaft und bei den politisch Verantwortlichen aller Parteien.<\/p>\n<p>Ich nehme wahr, dass die kapitalistische Produktionsweise zwar entfaltet worden ist durch die Bourgeoisie, dass Marx hier recht hatte, aber auch das nehme ich wahr, er irrte sich darin, gleich ein ganzes System &#8222;Kapitalismus&#8220; zu benennen. Schon er h\u00e4tte es &#8222;Marktwirtschaft&#8220; nennen sollen, denn genau das war es, was schon zu seinen Lebzeiten in England den Ton angab &#8211; was ich vor einigen Wochen noch <a href=\"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=16531\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">f\u00e4lschlicherweise Manchester-Kapitalismus<\/a> nannte, den Begriffen folgend, die uns hier pr\u00e4gen, am Denken auch hindern, wenn wir sie unhinterfragt \u00fcbernehmen -, was die Kinderarbeit, die Pauperisierung, die Verrohung durch die \u00d6konomie und das Kapital ausmachte, gerade dieser Tage wieder zu beobachten ist. Es waren, damals wie heute, politische Entscheidungen, die ma\u00dfgebend waren und es sind, damals wie heute, politische Entscheidungen, die ma\u00dfgebend waren und sein werden.<\/p>\n<p><strong>Die Marktwirtschaft hat einen politischen und damit auch gesellschaftlichen Anspruch<\/strong><\/p>\n<p>Die Marktwirtschaft ist ein System mit politischem Anspruch, was der Kapitalismus niemals war, und sie und ihre Profiteure waren und sind es, die diesen Anspruch nutzen, um uns alle, nicht nur die Arbeiter, auszubeuten, im Sinne des Selbstzwecks der M\u00e4rkte zu f\u00fchren. Sie ist l\u00e4ngst selbst Selbstzweck geworden und benutzt die kapitalistische Produktionsweise, um ihren Selbstzweck zu erf\u00fcllen. Sie macht uns marktkonform, wie Merkel es uns ja versprach. Sie geht tiefer denn je uns damit unter die Haut. Sie ist keine Verharmlosung des Kapitalismus. Sie ist eine Verbr\u00e4mung von Kapitalismus und Gesellschaft in einem nur scheinbar harmlosen Gewand.<\/p>\n<p><strong>Von Kapitalismus zu sprechen hei\u00dft, die Marktwirtschaft zu verharmlosen<\/strong><\/p>\n<p>Im Gegenteil, wer immer noch von Kapitalismus spricht, der verharmlost die Marktwirtschaft und damit ihr Tun. Ich mache das nicht mehr, auch wenn ich wei\u00df, dass ich auf mehr Widerspruch als Zustimmung treffen werde in n\u00e4chster Zeit, auch auf Unverst\u00e4ndnis. Unverst\u00e4ndnis aber meistens von denen, die sich nicht \u00fcber einmal Gedachtes hinausbewegen wollen.<\/p>\n<p>Ich denke selbst und st\u00e4ndig! Ich benutze das Gedachte, aber ich hinterfrage es auch und denke weiter, bleibe nicht stehen, nicht bei einmal von mir Gedachtem, deshalb auch nicht bei Gedachtem von gro\u00dfen M\u00e4nnern und Frauen. Das \u00fcberlasse ich anderen. Denen, die in der Marktwirtschaft den wei\u00dfen Ritter sehen, ebenso wie denen, die im Kapitalismus das von Grund aus B\u00f6se erkennen wollen. Denen, die sich von festen Begriffen in ihrem eigenen Denken und damit Tun einschr\u00e4nken lassen wollen, Hannah Arendts &#8222;Denken ohne Gel\u00e4nder&#8220; immer noch nicht f\u00fcr sich adaptiert haben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Noch vor zwei Jahren war ich u. a. mit John Kenneth Galbraith einig, was den Begriff &#8222;Marktwirtschaft&#8220; anbelangt, dass es n\u00e4mlich um Kapitalismus ginge, &#8222;Marktwirtschaft&#8220; nur ein PR-Begriff w\u00e4re, um dies zu verschleiern. Ich schrieb sogar einen Blog-Beitrag &#8222;Man nenne es Kapitalismus und nicht Marktwirtschaft&#8220;, um auf diese Verharmlosung des Systems hinzuweisen. Nur, wie sagte Keynes: &#8222;Sir, if the facts are changing, I change my mind.&#8220; Und die Fakten haben sich f\u00fcr mich in ihrer Bedeutung ge\u00e4ndert.<\/p>\n","protected":false},"author":6,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[50,51],"tags":[807,808,418,810,515,774,809],"class_list":["post-17643","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-politisches","category-wirtschaftliches","tag-hannah-arendt","tag-john-kenneth-galbraith","tag-kapitalismus","tag-keynes","tag-macht","tag-marktwirtschaft","tag-marx"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/17643","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/6"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=17643"}],"version-history":[{"count":34,"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/17643\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":17700,"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/17643\/revisions\/17700"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=17643"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=17643"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=17643"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}