{"id":17732,"date":"2019-10-29T07:06:37","date_gmt":"2019-10-29T06:06:37","guid":{"rendered":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=17732"},"modified":"2019-10-29T07:42:03","modified_gmt":"2019-10-29T06:42:03","slug":"scheindemokratie-die-mutter-der-symbolpolitik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=17732","title":{"rendered":"Scheindemokratie, die Mutter der Symbolpolitik"},"content":{"rendered":"<p><strong>Wer glaubt, dass der Austausch einer Gro\u00dfpartei oder einer Minister*in einen Unterschied in der Regierungsf\u00fchrung macht, der glaubt auch, dass sich die Nachrichten \u00e4ndern, wenn man Nachrichtensprecher*innen austauscht. Da wechseln alle paar Jahre die Gro\u00dfparteien die Spitze in Bund und L\u00e4ndern, aber die neoliberale Politik f\u00fcr Konzerne, Investoren und Reiche bleibt die gleiche. Selten trauen sich Minister*innen gegen ihr Ministerium oder gegen Vorgaben der Parteif\u00fchrung zu handeln, meist ist es ihnen aus meiner Sicht auch v\u00f6llig egal, wie sie agieren (was man z. B. an den st\u00e4ndigen 180 Grad Wendungen sieht, die dem aktuellen Geschehen folgen, politisches Greenwashing in Sachen Kohle- und Atomkraft).<\/strong><\/p>\n<p>Ich verstehe W\u00e4hler*innen, die Gro\u00dfparteien damit abstrafen wollen, dass sie eine vermeintliche Alternative w\u00e4hlen, aus Protest. Ich verstehe Stammw\u00e4hler, die der Meinung sind, dass man mit den Kleinparteien nur seine Stimmer vergeudet und so nur die politisch ungewollten Gro\u00dfpartei einen gr\u00f6\u00dferen, relativen Stimmanteil bekommt. Ich verstehe Menschen die Zuhause bleiben und ihre Stimme gar nicht erst \u201eabgeben\u201c (an das Establishment), weil es ja so oder so nichts \u00e4ndert, diese verstehe ich sogar noch besser, als die beiden erst genannten Gruppen. Gerade hat die Wahl in Th\u00fcringen gezeigt, dass es insbesondere die bisherigen, frustrierten Nichtw\u00e4hler*innen sind, die zum historischen Zugewinn der AfD beigetragen haben. Ich verstehe das.<\/p>\n<p><strong>Das alles sind aber keine Gr\u00fcnde und stichhaltigen Argumente, so weiter zu machen, wenn man nicht m\u00f6chte, dass es so weiter geht!<\/strong> Massiver Abbau im Bildungssystem, der Polizei, der Gerichte und nat\u00fcrlich auch im Gesundheitswesen. Verkauf von Staatseigentum an Gro\u00dfkonzerne, Milliardengeschenke in Form von Subventionen an Automobilhersteller, Agrarunternehmen und Energieversorgen (die damit steuerfinanziert das Klima zu Gunsten von kurzfristigen Gewinnen f\u00fcr wenige sch\u00e4digen). Beg\u00fcnstigung von Steuerflucht (z. B. Cum-Ex), Immobilienhaie als seri\u00f6se Vermieter akzeptieren und ben\u00f6tigte Staatseinnahmen f\u00fcr sinnfreie und ma\u00dflos \u00fcberteuerte Prestigeprojekte wie Maut, Elbphilharmonie oder Stuttgart21 verplempern (auch hier oft nur Geschenke an Investoren und Bauunternehmen, vielfach nachgewiesen wie <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=Luwlvs1YiA8\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">hier<\/a> durch <em>Die Anstalt<\/em>). Da wird von Rekordeinnahmen schwadroniert, um solche Projekte oder Steuerentlastungen f\u00fcr Reiche zu rechtfertigen, aber wer mal hin schaut: Mehr Staatseinnahmen sind die Regel (<a href=\"https:\/\/steuermythen.de\/mythen\/mythos-11\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">hier<\/a>), wenn die Wirtschaft w\u00e4chst und w\u00e4chst, zumindest f\u00fcr den reichen und gierigeren Teil der Bev\u00f6lkerung.<\/p>\n<p>Also noch einmal zur\u00fcck zum Anfang dieses Beitrags: Die Minister*innen werden alle paar Jahre ausgetauscht, meistens wechseln sie von einem Resort ins n\u00e4chste, ohne besondere Kernkompetenzen f\u00fcr das jeweilige Sachgebiet vorweisen zu k\u00f6nnen (au\u00dfer das Wort \u201eMinister*in\u201c aus dem letzten Job als Minister*in). Der Stab an Mitarbeiter*innen innerhalb der Ministerien bleibt aber (meist unver\u00e4ndert) bestehen und die Beziehungen zu Lobbyverb\u00e4nden und eingespielte Verfahrensweisen entsprechend unangetastet. Deshalb die provokative Aussage im Eingang, dass sich mit dem Wechsel des Aush\u00e4ngeschilds (Minister*in) nicht viel an der allt\u00e4glichen F\u00fchrung und Entscheidungsfindung eines Ministeriums \u00e4ndert (in der \u201eRealpolitik\u201c ist das Verst\u00e4ndnis einer \u00d6konomie bei einem Wolfgang Sch\u00e4uble, CDU, nicht gr\u00f6\u00dfer als das klaffende Unverst\u00e4ndnis von \u00f6konomischen Zusammenh\u00e4ngen bei einem Olaf Scholz, SPD). Ich w\u00fcrde darauf wetten, dass der absolute Gro\u00dfteil der Bev\u00f6lkerung nicht die Parteienzugeh\u00f6rigkeit aller Minister*innen zuordnen kann (was mir auf Landesebene auch nicht gel\u00e4nge), weil sie eben so austauschbar sind!<\/p>\n<p><strong>Wie kommen wir da nun heraus, aus er Misere der Scheindemokratie und der daraus resultierenden Symbolpolitik der vergangenen 40 Jahre?<\/strong> Was kann man dagegen tun, dass Menschen die einfach nur nach (politischer und wirtschaftlicher) Macht streben meistens diejenigen sind, denen man ein solches Werkzeug besser nicht in die Hand geben sollte (weil sie es nur zu ihren Gunsten nutzen, ob direkt oder auf Umwegen \u00fcber potentielle, sp\u00e4tere Arbeitgeber, wo so viele Politiker sp\u00e4ter in Gro\u00dfkonzerne wechseln oder daher kamen)? Da gibt es nat\u00fcrlich keine einfache L\u00f6sung, denn es ist ja auch kein einfaches Problem! Es gibt aber m\u00f6gliche Ans\u00e4tze, die letzten Endes durch Wahlen und Proteste zum Ausdruck gebracht werden k\u00f6nnen, Instrumente einer Demokratie, die ihren Namen auch verdient.<\/p>\n<p>Ich bin kein Psychologe, Soziologe, Politologe oder sonst ein ausgewiesener Experte auf diesen oder \u00e4hnlichen Gebieten! Mir bleibt, wie den meisten Menschen, nur der eigene Sachverstand, so kurz oder weit meine Vorstellungskraft mich eben bringen kann. Deshalb h\u00f6re ich auch gerne alle Argumente, Gegenargumente oder Konkretisierungen auf meine hier kurz angerissenen Vorschl\u00e4ge. Diese werde ich nun mal spontan von den weitl\u00e4ufigsten zu den konkretesten Handlungen und Ma\u00dfnahmen aufz\u00e4hlen (ohne jeglichen Anspruch auf Vollst\u00e4ndigkeit oder Richtigkeit, es sind eben nur meine fachlich unqualifizierten Gedanken und sicherlich haben Experten auf diesen Sachgebieten da spezifischere und konkretere Handlungsvorschl\u00e4ge beizusteuern):<\/p>\n<ul>\n<li><strong>Erziehung\/Vorleben:<\/strong> Menschen denen in der Kindheit zu wenig oder falsch verstandene Liebe und Zuneigung zu Teil geworden ist, versuchen solche sp\u00e4ter durch Anerkennung wieder gut zu machen. Das kann in der Aus\u00fcbung von Macht in politischen oder wirtschaftlichen Systemen zum Ausdruck kommen (Politik, Management, Investment) oder z. B. durch Besitz und Konsum (\u201eHaste was, biste was\u201c). Hier kann gesellschaftlich oft nur wenig getan werden (au\u00dfer mit offenem Herzen und ohne konfrontativen Vorw\u00fcrfen auf die Eltern zuzugehen und grobe Verst\u00f6\u00dfe den zust\u00e4ndigen \u00c4mtern und Beh\u00f6rden zu melden!), da diese Entwicklung in den eigenen vier W\u00e4nden h\u00e4ufig dem \u00e4u\u00dferen Einfluss entzogen ist. Aber in Sachen Sozialisierung und zwischenmenschlicher Kompetenz spielen Kindergarten und Schule eine gro\u00dfe Rolle, wie auch staatlich gesteuerte Aufkl\u00e4rung im \u00f6ffentlichen Rundfunk und dem Fernsehen. Gerade in Sachen Schule sehe ich da eine ganze Menge Potential, dass derzeit eher auf marktwirtschaftliche Verwertbarkeit ausgerichtet ist.<\/li>\n<li><strong>\u00dcberparteiliche Arbeit:<\/strong> Innerhalb seiner Arbeit als Anw\u00e4ltin\/Anwalt, Polizist*in, Beamte*r oder innerhalb NGOs (NichtRegierungsOrganisationen wie Greenpeace oder attac) kann man auch politische Str\u00f6me lenken oder sogar beratende Funktionen f\u00fcr die Politiker \u00fcbernehmen. Gerade Richter*innen haben hier eine au\u00dferordentlich effektive und direkte M\u00f6glichkeit politische Signale zu setzen, genau wie Selbstst\u00e4ndige und Unternehmer*innen durch die Auswahl ihrer Kund*innen und Mitarbeiter*innen, Preisgestaltung oder gar der Firmenpolitik.<\/li>\n<li><strong>Innerparteiliche Arbeit:<\/strong> Das sind eigentlich mindestens 3 Spiegelstriche! Da reicht die Palette von dem einfachen Eintritt in eine Partei, \u00fcber ein eigenes Mandat innerhalb einer Partei, bis zur Gr\u00fcndung einer eigenen Partei. Das ist allerdings nicht so einfach, wie es uns die \u201eAlternative\u201c derzeit vorlebt (da sie von bereits etablierten Politikern der CDU und FDP gegr\u00fcndet wurde und ihre migrationsfeindliche Ausrichtung genau in die Zeit der Grenz\u00f6ffnung fiel und damit Sprachrohr f\u00fcr Rechte und Protestw\u00e4hler war und ist &#8230; gerade f\u00fcr einfach gestrickte Protestw\u00e4hler kommt dann auch noch der Name, der ihnen eine Alternative suggeriert, obgleich sie den gleichen neoliberalen Kurs fahren, wie die FDP).<\/li>\n<li><strong>W\u00e4hlen:<\/strong> Alle 4 Jahre darf man seine Stimme an eine Partei \u201eabgeben\u201c, damit diese die eigenen Interessen bestm\u00f6glich vertritt. Deshalb scheint es mir schon sehr logisch entweder die Partei zu w\u00e4hlen, die mein Hauptinteresse vertritt (z. B. als Bulle die Tierschutzpartei *haha*) oder eben die Partei, deren gesamten Wahlprogramm am ehesten meiner Meinungspluralit\u00e4t entspricht (siehe z. B. <a href=\"https:\/\/www.bpb.de\/politik\/wahlen\/wahl-o-mat\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Wahl-O-Mat<\/a>). Allerdings l\u00e4uft diese Option aus meiner Erfahrung all zu h\u00e4ufig schief, wie oben im zweiten Absatz dargestellt: W\u00e4hlen hei\u00dft nicht nur irgendwo sein Kreuz zu machen!<\/li>\n<li><strong>Friedlicher Protest:<\/strong> Das machen uns <em>friday for future<\/em> und <em>extinction rebellion<\/em> gerade mit Demonstrationen und zivilem Ungehorsam vor. Hier ist es \u00e4hnlich wie mit den Wahlen: Auch wenn die eigene Stimme nur einen winzigen Bruchteil ausmacht, so ist es erstens demokratisch und zweitens f\u00e4llt dies ebenfalls in die erste Kategorie, man lebt seinem Umfeld politische Aktivit\u00e4t vor und kann andere dazu animieren ebenfalls aktiv zu werden (Vorleben). Damit habe ich sehr gute Erfahrung! H\u00e4ufig wird eine Demonstration zu einem Akt des sozialen Beieinander (man geht gemeinsam dort hin) oder trifft vor Ort Leute aus seinem Umfeld und schlie\u00dft oder vertieft so auch Freundschaften.<\/li>\n<li><span style=\"color: #999999;\"><strong>Erzwungener Systemwechsel (Revolution):<\/strong> Aus meiner Sicht (hier in Deutschland)\u00a0 kein probates Mittel, aber sicherlich f\u00fcr viele irgendwie \u201esexy\u201c (wie Paul Mason bei <em>ttt<\/em> sagte: \u201e<a style=\"color: #999999;\" href=\"https:\/\/www.daserste.de\/information\/wissen-kultur\/ttt\/videos\/sendung-vom-20102019-video-108.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Es wirkt sexy, das System zu zerst\u00f6ren.<\/a>\u201c). Aber die Gewaltphantasien \u00fcberlasse ich den rechten, hierarchisch agierenden Menschen, die\u00a0von \u00c4ngsten getrieben, die Gewalt als legitimes Mittel betrachten (siehe auch \u201e<a style=\"color: #999999;\" href=\"https:\/\/www.spektrum.de\/lexikon\/psychologie\/projektion\/11907\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Projektion<\/a>\u201c).\u00a0<\/span><\/li>\n<\/ul>\n<p>Ich pl\u00e4diere auf jeden Fall daf\u00fcr die Option der Stimmabgabe (Wahlen) nicht ungenutzt zu lassen, um selbst politische Verantwortung zu \u00fcbernehmen und nicht den Protestw\u00e4hlern (die ich akzeptiere und die zu einer Demokratie eben auch dazu geh\u00f6ren) ein derma\u00dfen gro\u00dfes Gewicht zu \u00fcberlassen, wie es gerade in Th\u00fcringen der Fall war (die Verdoppelung der Stimmen f\u00fcr die blaue Partei durch bisherige Nichtw\u00e4hler). Und ich freue mich auch immer wieder bei einem gem\u00fctlichen Spaziergang auf einer friedlichen Demonstration die Verk\u00e4uferin vom Biomarkt, den Hausmeister der Schule oder andere, unerwartete Menschen aus meinem t\u00e4glichen Leben zu treffen und sich verschw\u00f6rerisch zuzul\u00e4cheln und zu wissen: <strong>Wir sind alle oft n\u00e4her beieinander, als wir im T\u00e4glichen vermuten.\u00a0<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wer glaubt, dass der Austausch einer Gro\u00dfpartei oder einer Minister*in einen Unterschied in der Regierungsf\u00fchrung macht, der glaubt auch, dass sich die Nachrichten \u00e4ndern, wenn man Nachrichtensprecher*innen austauscht. Da wechseln alle paar Jahre die Gro\u00dfparteien die Spitze in Bund und L\u00e4ndern, aber die neoliberale Politik f\u00fcr Konzerne, Investoren und Reiche bleibt die gleiche. Selten trauen sich Minister*innen gegen ihr Ministerium oder gegen Vorgaben der Parteif\u00fchrung zu handeln, meist ist es ihnen aus meiner Sicht auch v\u00f6llig egal, wie sie agieren (was man z. 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