{"id":18266,"date":"2019-12-26T12:26:26","date_gmt":"2019-12-26T11:26:26","guid":{"rendered":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=18266"},"modified":"2019-12-26T12:26:26","modified_gmt":"2019-12-26T11:26:26","slug":"der-tod-der-vorfreude","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=18266","title":{"rendered":"Der Tod der Vorfreude"},"content":{"rendered":"<p>Weihnachten ist ja eine Zeit, die auch dadurch gepr\u00e4gt ist, dass es zuvor einiges an Vorfreude auf das gro\u00dfe Fest gibt, die durch die Adventszeit mit all ihren Zutaten (Kalender, Kranz usw.) zudem gut gen\u00e4hrt wird. Und ich finde ja auch, dass an dem alten Spruch &#8222;Vorfreude ist die sch\u00f6nste Freude&#8220; durchaus was dran ist, denn so sch\u00f6n spontane freudige Momente sind, das Erwarten eines herbeigesehnten Ereignisses ist doch noch mal eine besondere Art, Gl\u00fcck zu empfinden. Umso mehr empfinde ich es als Verlust, dass Vorfreude weitestgehend am Aussterben ist in unserer heutigen Gesellschaft.<\/p>\n<p>Um sich das zu verdeutlichen, muss man sich nur mal anschauen, wie sich unser Konsumverhalten heute ge\u00e4ndert hat. Als Beispiel daf\u00fcr mal die Art und Weise, wie \u00a0heute von vielen neue Musik erworben wird im Vergleich zur Zeit von vor einigen Jahren.<\/p>\n<p>Ich erinnere mich noch zu gut daran, wie ich als Jugendlicher Geld zusammengespart habe, um mir eine LP (CDs waren damals noch nicht verbreitet) kaufen zu k\u00f6nnen. Wenn ich dann genug zusammenhatte, bin ich in die Stadt gefahren, habe dort den Schallplattenladen aufgesucht, das Objekt der Begierde rausgesucht und erworben. Auf der R\u00fcckfahrt mit Bus und Bahnen wurde schon mal das Cover studiert, eventuell auch gelesen, was auf der Innenh\u00fclle so alles stand, und zu Hause angekommen wurde dann fast schon feierlich die LP auf den Plattenspieler gelegt und der Musik gelauscht. Es war oft genug f\u00fcr mich ein fast schon feierlicher Moment, wenn sich die Nadel langsam auf das Vinyl senkte, die ersten T\u00f6ne erklangen und so die freudige Anspannung gel\u00f6st wurde.<\/p>\n<p>In dem Moment entlud sich dann quasi die gesamte Vorfreude und steigerte den Genuss des Anh\u00f6rens sowie die bewusste Auseinandersetzung mit dem, was mir da aus den Boxen entgegent\u00f6nte.<\/p>\n<p>Wie anders gestaltet sich das heutzutage, wo gerade Jugendliche vor allem \u00fcber Streaming-Dienste Musik h\u00f6ren: Wenn man da dann etwas h\u00f6ren m\u00f6chte, ist es in der Regel augenblicklich verf\u00fcgbar, sodass Vorfreude im Grunde schon rein zeitlich gesehen gar nicht aufkommen kann.<\/p>\n<p>Und das ist auch ein generell \u00fcbertragbares Muster: Auf Dinge, die immer pr\u00e4sent und dadurch auch selbstverst\u00e4ndlich sind, freut sich niemand. Vielmehr ist es sogar dann eher so, dass im Fall, dass einmal etwas nicht sofort verf\u00fcgbar ist, Frustration und Entt\u00e4uschung folgen.<\/p>\n<p>Gerade f\u00fcr Kinder hat das entscheidende Auswirkungen darauf, wie sie die Welt wahrnehmen und erfahren: F\u00fcr mich war es als Kind etwas Besonderes, wenn man mal irgendwo war und dort ein Eis bekam, sodass die Ank\u00fcndigung dessen schon mit viel Vorfreude verbunden war. Heutzutage ist alles wesentlich konsumorientierter, und Kinder bekommen oft st\u00e4ndig und \u00fcberall Eis oder anderen Zuckerkram gekauft. Resultat: Kaum ein Kind sieht das noch als etwas Besonderes und wird bei der Ank\u00fcndigung &#8222;Wenn wir dort sind, gibt es auch ein Eis&#8220; nun gro\u00dfe Vorfreude entwickeln. Vielmehr ist, so zumindest meine Beobachtung, eher die &#8222;Du kriegst jetzt mal nicht noch was&#8220;-Frustration wesentlich ausgepr\u00e4gter.<\/p>\n<p>Resultat: mehr ungl\u00fcckliche, weil frustrierte statt gl\u00fccklicher, weil fr\u00f6hlich-vorfreudiger Kinder. Eine Entwicklung, auf die ich schon mal vor einigen Jahren in einem <a href=\"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=1207\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Artikel<\/a> hingewiesen habe, die dazu f\u00fchrt, dass Kinder eben so vor allem zu Konsumenten erzogen werden. Oder um es mal mit Gerald H\u00fcthers Worten in dem im Artikel verlinkten <a href=\"https:\/\/denkbonus.wordpress.com\/2013\/04\/06\/wer-glucklich-ist-kauft-nicht\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Video<\/a> zusammenzufassen: &#8222;Wer gl\u00fccklich ist, kauft nicht.&#8220;<\/p>\n<p>Und hierf\u00fcr finden sich viele Beispiele von eigentlich freudigen Ereignissen, die aufgrund ihres inflation\u00e4ren Vorkommens jede Besonderheit und damit auch jeden Anlass zur Vorfreude verloren haben. Feuerwerke zum Beispiel, die es mittlerweile andauernd bei irgendwelchen Events gibt, sodass sie nichts Besonderes mehr darstellen. Oder auch die Tendenz, alles zu einem Event aufzublasen (s. dazu <a href=\"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=6603\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">hier<\/a>), sodass tats\u00e4chlich mal besondere Anl\u00e4sse in dieser Masse dann komplett untergehen (und so auch keine Vorfreude darauf entstehen kann).<\/p>\n<p>Was noch hinzukommt:\u00a0Vorfreude ist positiv besetztes Warten, sodass das nicht nur negativ wahrgenommen wird. Es steigert somit die Geduld und auch die Frustrationstoleranz, wenn es mal nicht gleich so schnell weitergeht. Durch die Erfahrung, dass Warten auch eine eigene Qualit\u00e4t haben kann und das, worauf man wartet, dadurch sogar im eigenen Empfinden verbessern kann, wird die Aussicht, auf etwas warten zu m\u00fcssen, nicht gleich automatisch mit negativen Emotionen in Verbindung gebracht.<\/p>\n<p>Doch ist das nat\u00fcrlich nicht im Sinne des Wachstumsdogmas, das Zeit, in der nicht konsumiert wird, als f\u00fcrs System vertane Zeit abtut. To-go-Produkte (auch wahre Vorfreude-Killer) und Smartphones haben nun ja in den letzten Jahren auch einen nicht unerheblichen Teil dazu beigetragen, die Zeiten des Nichtskonsumierens zu reduzieren.<\/p>\n<p>Und um nun den Kreis zum Anfang des Artikels zu schlie\u00dfen: Diese umfassende Kommerzialisierung hat letztlich auch die Vorfreude auf Weihnachten m. E. schon ziemlich unterminiert. Man scherzt ja gern dar\u00fcber, wenn man bereits Anfang September bei 25 Grad Au\u00dfentemperatur Schoko-Weihnachtsm\u00e4nner in den Supermarktregalen sieht, f\u00fcr Kinder t\u00f6tet das den Zauber der Vorweihnachtszeit allerdings ziemlich ab, da es diese auf einen f\u00fcr sie kaum \u00fcbersehbaren Zeitraum ausdehnt. &#8222;Mama, wie oft noch schlafen, bis Weihnachten ist?&#8220; &#8211; &#8222;Noch mehr als 100 Mal &#8230;&#8220; Also l\u00e4nger, als der gerade sich dem Ende neigende gesamte Sommer gewesen ist. Puh &#8230;<\/p>\n<p>Fr\u00fcher war mit Sicherheit nicht alles besser, allerdings gibt es eben bestimmte gesellschaftliche und auch technische Entwicklungen, die elementare Lebensqualit\u00e4ten (und zu denen z\u00e4hle ich die Vorfreude nun mal) deutlich einschr\u00e4nken, wenn nicht sogar beseitigen. Gerade in der immer noch von Traditionen durchzogenen Weihnachtszeit sollte man vielleicht mal \u00fcber solche Tendenzen nachdenken und sich \u00fcberlegen, ob das denn alles so das eigene Leben und das seiner Mitmenschen bereichert oder nicht.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Weihnachten ist ja eine Zeit, die auch dadurch gepr\u00e4gt ist, dass es zuvor einiges an Vorfreude auf das gro\u00dfe Fest gibt, die durch die Adventszeit mit all ihren Zutaten (Kalender, Kranz usw.) zudem gut gen\u00e4hrt wird. 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