{"id":18361,"date":"2019-12-14T11:19:21","date_gmt":"2019-12-14T10:19:21","guid":{"rendered":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=18361"},"modified":"2019-12-14T15:36:34","modified_gmt":"2019-12-14T14:36:34","slug":"geschichten-und-ihre-erzaehler","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=18361","title":{"rendered":"Geschichten und ihre Erz\u00e4hler"},"content":{"rendered":"<p>Menschen lieben Geschichten, haben sie immer geliebt. Und Menschen lieben deshalb auch den, der die unterhaltsamsten Geschichten erz\u00e4hlen kann, und nicht den Langweiler, auch wenn der vielleicht die bessere Geschichte zu erz\u00e4hlen wei\u00df. Vor allem aber lieben sie die, die ihnen auch das Happy End gleich mit erz\u00e4hlen, und zwar von Anfang an der Geschichte.<\/p>\n<p>Geschichten pr\u00e4gen uns und f\u00fchren uns. Neue Geschichte und alte Geschichte \u00fcber uns und die Welt bestimmen unsere Weltsicht und unsere Pers\u00f6nlichkeit.<\/p>\n<p><strong>Geschichten sind zentral in unserem Leben und f\u00fcr unser Leben<\/strong><\/p>\n<p>Es kommt fast nur auf sie an, ob wir uns gut f\u00fchlen oder schlecht, ob wir uns gruseln oder freuen, ob wir handeln oder nicht, wie wir handeln. Geschichten sind das Zentrum, um das wir kreisen, um das alles kreist, die entscheiden, was wir Menschen tun oder lassen, w\u00fcnschen, hoffen oder im Extrem sogar hassen.<\/p>\n<p><strong>Wir erz\u00e4hlen uns die Vergangenheit und lassen sie uns erz\u00e4hlen<\/strong><\/p>\n<p>Egal, ob im rein Privaten oder im gesellschaftlichen Kontext, wir selbst sind alles Geschichtenerz\u00e4hler. Wir erz\u00e4hlen anderen und uns unsere eigene Geschichte und, wenn wir \u00fcber mehr erz\u00e4hlen als uns selbst, auch die Geschichte unserer kleinen und gro\u00dfen Welt. Den Geschichten, denen wir dann Glauben schenken, weisen wir zu, Wahrheit zu sein, und was wir selbst uns und anderen erz\u00e4hlen ist damit immer die Wahrheit, jedenfalls so, wie wir sie sehen, weil wir sie uns so erz\u00e4hlen.<\/p>\n<p>Den Geschichten, denen wir keinen Glauben schenken, weisen wir die L\u00fcge zu, bestenfalls aber, dass sie falsch sind, der Erz\u00e4hler sich irrt.<\/p>\n<p>Wahrheit und L\u00fcge sind nichts anderes als Geschichten, die wir entsprechend bewertet haben. Wie gut wir bewerten, wie gut wir bewerten k\u00f6nnen, ist dabei dann ebenso entscheidend, wie unser Vertrauen in die, die wir bewerten lassen, deren Bewertung wir Glauben schenken. Wie gut wir bewerten, h\u00e4ngt von unserer Faktenbasis ab, ob sie vollst\u00e4ndig ist oder ob sie zu gro\u00dfe L\u00fccken hat, ob die Fakten wirklich Fakten sind oder nicht nur selbst L\u00fcgen oder Tr\u00e4ume.<\/p>\n<p><strong>Wir erz\u00e4hlen uns unsere Zukunft, ebenso wie wir uns die Vergangenheit erz\u00e4hlen<\/strong><\/p>\n<p>Wir greifen dazu auf die Erz\u00e4hlungen von gestern und vorgestern, auch auf vorvorgestern zur\u00fcck, projizieren in die Zukunft und tun so, als ob die Zukunft vor uns liegen w\u00fcrde wie ein offenes Buch.<\/p>\n<p><strong>Wir pr\u00e4ferieren Geschichten mit Happy End<\/strong><\/p>\n<p>Deshalb erz\u00e4hlen wir uns das Happy End immer mit, lassen es uns immer mit erz\u00e4hlen, mindestens versprechen. Sei es das in der Vergangenheit oder das in der Zukunft. Die Geschichte selbst wird dabei immer weniger wichtig, je l\u00e4nger sie in der Vergangenheit liegt oder je ferner sie in der Zukunft spielt. Das Happy End ist entscheidend. Keine gute Geschichte ohne Happy End. Kein guter Geschichtenerz\u00e4hler, der nicht das Happy End mit zu erz\u00e4hlen wei\u00df.<\/p>\n<p>M\u00e4nner und Frauen, die das wissen, die Geschichten erz\u00e4hlen k\u00f6nnen, das Happy End immer mit erz\u00e4hlen, m\u00f6glichst schon am Anfang ihrer Geschichte, sind deshalb auch immer im Vorteil denen gegen\u00fcber, die die Geschichte erz\u00e4hlen und das Happy End erst ans Ende der Geschichte stellen, die von M\u00fch und Plag erz\u00e4hlen, die von T\u00e4lern der Tr\u00e4nen berichten, bevor der Held das Burgfr\u00e4ulein freien oder den Ring in den Vulkan werfen kann. Wir lieben Geschichten, die uns von Anfang an klarmachen, das sie gut ausgehen werden, wie realit\u00e4tsnah oder -fern sie auch immer sein m\u00f6gen. Und wir lieben die, die uns diese Geschichten erz\u00e4hlen.<\/p>\n<p><strong>Politiker<\/strong><\/p>\n<p>Johnson und Trump und einige andere sind solche Geschichtenerz\u00e4hler, Geschichtenerz\u00e4hler, denen das Intellektuelle zwar meist abgeht, die aber dennoch mehr bewirken als man ihnen zugetraut h\u00e4tte, wenn es wirklich nach Verstand und Vernunft ginge auf dieser Welt. Sie bedienen die Emotionen, sie behaupten das Happy End, dann n\u00e4mlich, wenn man ihrer Geschichte Glauben schenkt und das von Anfang an.<\/p>\n<p><strong>Parteien<\/strong><\/p>\n<p>Parteien, die sich als Geschichtenerz\u00e4hler profilieren k\u00f6nnen, sind deshalb auch erfolgreicher, als die, die keine erz\u00e4hlen k\u00f6nnen oder nur eine ohne schnelles Happy End. Deshalb gehen auch Wahlen derzeit so aus, wie sie ausgehen. Die besser erz\u00e4hlten Geschichten &#8211; manchmal auch aus dem Horror-Genre &#8211; setzen sich auch hier gegen die schlechter erz\u00e4hlten Geschichten durch, vor allem dann, wenn sie auf Geschichten aus der Vergangenheit verweisen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><strong>Halbwertzeiten<\/strong><\/p>\n<p>Auch deshalb halten sich Geschichten aus der Vergangenheit so gut und lange, auch wenn sie selbst den Fakten der Historie nicht standhalten. Die soziale Marktwirtschaft etwa, die nie sozial war, sondern Marktwirtschaft in einem f\u00fcr die damaligen Geschichtenerz\u00e4hler positiven Umfeld. Das Happy End, von Erhard gleich mit erz\u00e4hlt, Wohlstand f\u00fcr alle, hat sich zwar nie eingestellt, aber was soll&#8217;s, Hauptsache ist, es kann immer wieder erz\u00e4hlt werden.<\/p>\n<p>Wie die 40-DM-Legende, die ja alle bekommen h\u00e4tten, die die einen nutzten und die anderen verschwendeten, sodass die, die sie nutzten, nun auch zu Recht zu den Reichen, die anderen zu den nicht so Wohlhabenden oder gar den Armen geh\u00f6ren, die Geschichte der Leistungsgesellschaft, die damit ihren Anfang nahm und eigentlich ihr Ende, schaut man auf die historischen Fakten dazu. Eine Geschichte allerdings, die nur noch die \u00c4lteren unter uns wohl kennen, f\u00fcr die Schr\u00f6der mit seiner Geschichte von den viel zu vielen Faulen im Lande, denen er nun zu Leibe r\u00fccken will, f\u00fcr die J\u00fcngeren unter uns Ersatz geschaffen hatte, flankiert von der Geschichte \u00fcber die angebliche sp\u00e4tr\u00f6mische Dekadenz (eine alte Geschichte in neuem Gewande), welche Westerwelle und seine FDP ins deutsche Selbstverst\u00e4ndnis schrieben, die angeblichen Leistungstr\u00e4ger damit zu rechtfertigen, der Neiddebatte neues Futter gegeben.<\/p>\n<p>Die Geschichte der Null ist wohl derzeit die popul\u00e4rste aller Geschichten, immer mit dem Happy End verbunden, dass alles gut ist und gut bleibt, wenn die Null am Ende stehen bleibt. Und wer will schon, dass es nicht mehr gut ist, dass es schlecht werden k\u00f6nnte? Niemand, und weil diese Geschichte mit Happy End einer ohne klassisches Happy End gegen\u00fcbersteht, wird diese Geschichte wohl auch noch lange Zeit erz\u00e4hlt werden, solange jedenfalls, wie man dieses Happy End auch noch behaupten kann, auch wenn es lange schon kein Happy End mehr ist. Die Geschichte ist wichtig, das Happy End ist wichtig, die Realit\u00e4t kann man ruhig eine andere sein lassen.<\/p>\n<p>Die Geschichte von der Islamisierung des Abendlandes etwa, von der &#8222;Umvolkung&#8220;, wie sie die AfD erz\u00e4hlt oder die Geschichte des b\u00f6sen Russen, wie sie nun seit Jahren wieder von der Nato verbreitet wird, um sich Ressourcen zu sichern, die anderweitig sicher besser verwendet werden k\u00f6nnten, die aber anscheinend nicht ausreicht, denn der b\u00f6se Chinese muss nun auch geliefert werden. Fakten sucht man meist vergeblich, und wenn man sie findet, sind es nicht die, die diesen Geschichten zugrunde liegen, aber das ist nicht wichtig. Was z\u00e4hlt, ist die Geschichte und das versprochene Happy End und wie gut diese Geschichten erz\u00e4hlt werden.<\/p>\n<p>Auch Greta Thunberg erz\u00e4hlt eine Geschichte, eine ohne eingebautes Happy End allerdings. Eine von Anstrengungen, von Tr\u00e4nen, eine des Untergangs, eine mit (noch) offenem Ende. Auch sie f\u00fchrt damit, veranlasst zum Handeln, daf\u00fcr oder dagegen, gehandelt wird auch hier, und das nur deshalb, weil sie die Geschichte besser erz\u00e4hlen kann als die, die sie seit Jahrzehnten schon erz\u00e4hlen, nur nicht gut genug, nicht so gut, wie es Greta Thunberg nun seit mehr als einem Jahr vormacht, wie man es richtig macht. Nur wirklich geliebt wird sie daf\u00fcr nicht, denn ein Happy End, das kann und will sie uns auch nicht liefern. Das verlangt sie vom Publikum, ganz im Sinne Brechts:<\/p>\n<blockquote><p>\u201eVerehrtes Publikum, jetzt kein Verdruss: Wir wissen wohl, das ist kein rechter Schluss. (&#8230;) Wir stehen selbst entt\u00e4uscht und sehn betroffen Den Vorhang zu und alle Fragen offen. (\u2026) Verehrtes Publikum, los, such dir selbst den Schluss! Es muss ein guter da sein, muss, muss, muss!\u201c Bertolt Brecht. Der gute Mensch von Sezuan<\/p><\/blockquote>\n<p>Kein Wunder also, dass sie von den einen geliebt wird und von den anderen gehasst wird, je nachdem, welchen Schluss man f\u00fcr den Richtigen h\u00e4lt, welchen Weg man daf\u00fcr zu beschreiten denkt, welchen Geschichten man letztendlich glaubt.<\/p>\n<p><strong>Die Realit\u00e4t ist nicht wichtig<\/strong><\/p>\n<p>Geschichten und Geschichtenerz\u00e4hler und nichts anderes bestimmen unsere Welt, und nur manchmal stimmen die Geschichten auch mit der Realit\u00e4t \u00fcberein, sind sie nicht entsprechend der Interessen ver\u00e4ndert worden von den Geschichtenerz\u00e4hlern. Nur manchmal werden Geschichten erz\u00e4hlt &#8211; und diesen Geschichten wird dann auch gefolgt -, die wirklich Substanz haben, weil sie wirklich das Leben der Menschen verbessern konnten. Willy Brandts und Egon Bahrs Erz\u00e4hlung vom Wandel durch Ann\u00e4herung war so eine, und die ist lange her, viel zu lange her, und wohin uns das Happy End gef\u00fchrt hat, was die anderen Geschichtenerz\u00e4hler dann daraus gemacht hatten, das sehen wir ja gerade im immer noch geteilten, vielleicht sogar geteilteren Deutschland, in der EU, in der Nato, in den neuen, alten Konflikten, die mir jeden Tag die Haare zu Berge stehen lie\u00dfen, h\u00e4tte ich noch gen\u00fcgend davon.<\/p>\n<p>Es fehlt an guten Geschichten, an neuen Geschichten mit Happy End, es fehlt an Menschen, die diese guten Geschichten auch gut erz\u00e4hlen k\u00f6nnen. Es fehlt aber auch an denen, die die alten, eingef\u00e4rbten, sch\u00f6ngef\u00e4rbten Geschichten entf\u00e4rben k\u00f6nnen, damit diese Geschichten durch neue, bessere Geschichten ersetzt werden k\u00f6nnen. Und es fehlt an denen, die Geschichten erfinden, die auf die vielen apokalyptischen Geschichten endlich einmal eine Antwort geben, m\u00f6glichst eine mit Happy End.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Menschen lieben Geschichten, haben sie immer geliebt. Und Menschen lieben deshalb auch den, der die unterhaltsamsten Geschichten erz\u00e4hlen kann, und nicht den Langweiler, auch wenn der vielleicht die bessere Geschichte zu erz\u00e4hlen wei\u00df. Vor allem aber lieben sie die, die ihnen auch das Happy End gleich mit erz\u00e4hlen, und zwar von Anfang an der Geschichte.<\/p>\n","protected":false},"author":6,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[52],"tags":[878,880,426,881,879,561],"class_list":["post-18361","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-soziales","tag-geschichten","tag-happy-end","tag-parteien","tag-politiker","tag-vergangenheit","tag-zukunft"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/18361","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/6"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=18361"}],"version-history":[{"count":25,"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/18361\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":18415,"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/18361\/revisions\/18415"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=18361"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=18361"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=18361"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}